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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

213-215

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Lessing u. das Christentum 1914

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

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gerade an diefem Orte typifch ift, auch die fehr ausgedehnte
Schilderung des Studienbetriebs feit 1820 (die
fchon Düfterdieck und Schufter dargelegt hatten) unter
dem Gefichtspunkte zu würdigen wiffen, daß Barkhaufen,
durch die günftigen Eindrücke vom Predigerfeminar veranlaßt
, als Präfident des Evang. Oberkirchenrats die Vermehrung
der Predigerfeminare in den altpreußifchen Provinzen
erftrebte (S. 201), wie auch im Hannoverfchen
felbft das Predigerfeminar auf der Erichsburg (1891, S.212)
als Tochteranftalt von L. betrachtet werden kann. Aber
im ganzen gilt auch hier: Weniger wäre mehr gewefen
und hätte gleichfalls die liebevolle Anteilnahme des Verf.
an der ganzen Gefchichte, die wir anerkennen, durchblicken
laffen können. — Wertvoll ift die von G.H.Müller
beigefügte Gefchichte der Klofterbibliothek, nebft der
Wiedergabe einer Abendmahlsdarftellung aus der Evan-
gelienhandfchrift der Bibliothek (cod. 11./12. Jhrh., S. 45.
Man beachte die in dortiger Gegend noch übliche Bartform
). Wichtiges findet fich unter dem älteren Beftande
außer Liturgifchem und Erbaulichem freilich nicht mehr, j
Eine Evangelien-Harmonie von Diricus Brandes 1321 (S. 6)
ift leider verloren.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Wernle, Prof.D.Paul: Lefling u.das Chriltentum. (Sammlung
gemeinverftändl. Vorträge u. Schriften aus dem Gebiet
der Theol. u. Religionsgefch. 69.) (IV, 72 S.) gr. 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1912. M. 1.50

Krüger, Prof. Dr. Guft.: Albrecht Thaer u. die Erziehung des
Menichengeichlechts. (Sammlung gemeinverftändl. Vorträge
u. Schriften aus dem Gebiet der Theol. u. Religionsgefch
. 73.) (44 S.) gr. 8°. Tübingen, J.C.B. Mohr 1913.

M. 1.20

Die Frage nach Leffings Stellung zum Chriftentum
wird von Wernle in gewohnter Lebhaftigkeit behandelt.
Er will von Leffing nicht als einem Bahnbrecher, fondern
nur als einem befonders charakteriftifchen Beifpiele der 1
werdenden neuen Zeit reden. Das Chriftentum ift ihm !
in der Jugend nur als kirchlich-autoritatives entgegengetreten
(war hier nicht zwifchen Pietesmus und Orthodoxie
ftreng zu fcheiden? Geht der ,Vorkämpfer der intellektuellen
Redlichkeit' nicht aus dem Luthertum der reinen
Lehre hervor?). Sein Naturell bot dem reformatorifchen
Evangelium keine Anknüpfungspunkte (nehmen Wahrheit
und fittliches Ideal nicht doch eine unveräußerliche
Stellung in diefem Evangelium ein?), während ein ganzes
Heer verneinender Geifter auf ihn einftürmt. Nach einer
kurzen empiriftifchen Periode gelangt er durch Leibniz
zu einem refoluten idealiftifchen Denken, das aber nicht
zum Chriftentum. fondern zu bündigem klarem Rationalismus
führt. Aber offen fpricht er das nie aus: Ver-
fteckfpielen ift die Taktik, die er durchgehends befolgt
(S. 7. 14. 20. 28. 38. 45 f., dazu Exoterifch 26f. 56: hängt
das gar nicht mit L.'s Stellung als Suchendem zufammen?
Als Eertigen hat er fich nie gegeben). Zwar foll er nun
nicht mit Reimarus identifiziert werden. Diefer wird von
W. mit faft peinlicher Bitterkeit behandelt: ein .gänzlich
unverfrorener Autor, der mit Abfehen von allen exakten
wiffenfchaftlichen Vorarbeiten' feinen ,rohen Angriff vornimmt
, 32 f. (.Humbug' hat doch erft D. Fr. Strauß von
der Auferftehung Jefu gefagt). Aber L.s Abficht geht
noch über Reimarus hinaus: er will bei der Veröffentlichung
der Fragmente die .volle Unabhängigkeit von
Gefchichtsglauben und Gefchichtswiffenfchaft' erweifen.
(Ift das ganz richtig: handelt es fich bei genauerem Zu-
fehen nicht immer um die exzeptionelle Wunder- und
Weisfagungsgefchichte ?) Demgemäß ift er in feiner Ge-
fchichtsforfchung bloß Polemiker; was er da wirklich
leiftet, reduziert fich auf ,ein paar wertvolle hiftorifche
Anregungen'. Als Religionsphilofoph hat er die Religion

in einer Weife intellektualifiert, die fich eigentlich felbft
widerlegt, und die Anfätze zu fpekulativer Deutung des
Dogmas verwerten diefes bloß zur Löfung kosmologi-
fcher Denkprobleme. Seine Gefchichtsphilofophie endlich
hat zwar an der pädagogifchen Theorie der Aufklärung
(Lockes, aber zuvor fchon der Alexandriner) tiefgreifende
Korrekturen vorgenommen, das Ideal vom Anfang an
das Ende verlegt, aber die Immanenzphilofophie macht
die Verwendung des Offenbarungsbegriffs zu bloßem
Schein (aber die Offenbarung ift für Leffing nun einmal
die infpirierte Buchoffenbarung, eine andere Anfchauung
von ihr war erft noch zu gewinnen), fie verfetzt in der
Erwartung der Seelenwanderung alle Zukunft refolut auf
diefe Erde, ift alfo gründlich verdiesfeitigt (W. verkennt
hier m. E. die ftarken religiöfen Motive der neuzeitlichen
Anfchauung von Unendlichkeit). Zwar ift nun
dennoch gegen den Schluß der tieffinnigen Paragraphen
der .Erziehung' ein religiöfer Herzenston zu verfpüren;
der den § 91 gefchrieben, hat auf feine Weife Gott gefunden
, ja eine Art Bekenntnis zu Jefus abgelegt. Aber
fein letztes Wort bleibt der Nathan, mit ihm der ent-
fchloffene Widerfpruch gegen alle pofitive Religion (W.
hat kein Wort darüber, daß diefer Begriff erft noch zu
entdecken, d. h. aus dem Geijenfatz der allgemeinen wahren
und der partikularen falfchen zu befreien war). Soll
nach Allem L. dennoch als Erlöfer und Befreier erfcheinen,
der die Tenne mit fcharfem frifchem Luftzug gefäubert
hat, fo kann man doch von den paar Vernunftideen,
die er übrig läßt, nicht leben und fromm fein.

Ich habe meine fchweren Bedenken gegen diefe Auf-
faffung Leffings nur andeuten können. Wieviel aber hier
noch zu arbeiten ift, zeigt Krüger an einem einzelnen
i wichtigen Punkte. ,Die Erziehung des Menfchengefchlechts'
gilt heute durchaus für ein "Werk Leffings. ,Auf die
längft abgetane Fabel von Thaers Urheberfchaft', fchreibt
Erich Schmidt, Leffing 2,3647, .braucht nicht mehr eingegangen
zu werden'. Und feiten wird auch nur daran erinnert,
daß L. felbft fich jedenfalls nur als Herausgeber bezeichnet
hat (vorfichtig Chr. Schrempf, Leffing als Philofoph
1906, S. 153 u. 178). Krüger unternimmt es, die Anficht
W. Körtes (A. Thaer, Sein Leben und Wirken 1839) zu
erneuern, daß nicht Leffing, fondern Thaer der Vf. fei.
Er druckt unter 1. aus der Handfchrift die in Betracht
kommenden Ausführungen aus Thaers .Bekenntniffen' und
Stellen aus dem Briefwechfel mit feiner Braut Philippine
von Willich ab, um Verunglimpfungen abzuwehren, die
fie ihrem Verfaffer eingetragen haben. Es ergibt fich
aus ihnen: Thaer hat in feiner Jugend ,ein Syftem' zu
Papier gebracht, das eine Apologie des Chriftentums enthielt
mit Gründen, die weder von orthodoxen noch von
den neueren Berliner Theologen herftammten. Die Handfchrift
ift in die Hände eines großen Mannes gefallen, der
fie als Werk eines unbekannten Verfaffers herausgegeben
hat. Die Herausgabe ift in zwei Teilen erfolgt, die nicht
gleichzeitig veröffentlicht wurden. Der Stil ift unter großer
Abkürzung der Sätze etwas umgeändert worden, der
zweite Teil hat Zufätze erhalten, die nicht von Thaer
flammen. Unter 2. wendet fich Kr. Leffings Äußerungen
über die Veröffentlichung der .Erziehung' zu. Diefe ift
in zwei Abfätzen erfolgt: § 1—53 in den .Gegenfätzen'
1777, das Ganze 1780. In den Vorbemerkungen wie in
allen brieflichen Äußerungen (fchwierig bleibt Hempel 20,
1,809 vgl- Krüger 14. 3918) bezeichnet fich L. durchaus
nur als Herausgeber, nicht als Verfaffer. In den Gegenfätzen
überdies hat er (Hempel 15,276—79) wirklich ,von
einigen Gedanken diefes Auffatzes', der dann im Abdruck
folgt, .wörtlich Gebrauch gemacht'. Es gefchieht aber
nicht ohne leife Änderungen in Wort und Sinn, wie denn
die Anfchauung und Verhältnisbeftimmung von Offenbarung
und Vernunft in L.s Immanenzphilofophie eine andere
ift als in der Aufklärungstheorie. Diefe Art der
Verwertung fremden geiftigen Eigentums deckt fich genau
mit dem Sinn, in dem L. für das Recht exoterifchen