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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

211-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schultzen, Fr.

Titel/Untertitel:

Zum Jubiläum des Klosters Loccum 1914

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

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lebendigem Kirchenglauben; fein Nachfolger Jofeph
Amandus Pafferat (1772—1858) fetzt das apoftolifche Werk
fort, und des Redemptoriften Johann Baptift Stöpers
(1810—1883) Tugend triumphiert in heldenmütigem Dulden
und ftillem Leiden. —

Diefe kurze Inhaltsangabe verdeutlicht H.s Weltanschauung
und Gefchichtsauffaffung. Das Wunder, gewirkt
durch Gottesmänner, beftimmt das irdifche Geschehen;
die Heiligen nehmen kraft ihrer höheren Sendung unmittelbaren
Einfluß auf den Verlauf der Geschichte. Von
diefer Überzeugung ift der Verf. dermaßen durchdrungen,
daß er es unterläßt, die Wunderberichte auf ihre Glaubwürdigkeit
hin zu prüfen; wo ihm gelegentlich doch Bedenken
auffteigen, lenkt er fofort ein (z. B. S. 58 u. 104).
Allen Ernftes erzählt er ausführlich, wie die hl. Barbara
im Gefolge von Engeln den im Haufe eines Wiener Pro-
teftanten krank darniederliegenden Stanislaus Koftka mit
den Sterbefakramenten verfehen habe (S. 54 f.). Es ift
auffallend, daß die Wunder feltener werden, je mehr fleh
die Darfteilung der Gegenwart nähert. Hat dies etwa
feinen Grund darin, daß über die jüngften Heiligen ,philo-
fophifch und theologisch geschulte, kritifch urteilende
Männer' berichten, die S. 58 für den Ausfall von außerordentlichen
Ereigniffen im fpäteren Leben Koftkas verantwortlich
gemacht werden? Begebenheiten, die das Heiligenbild
trüben würden, werden ftillfchweigend übergangen. Mit
keinem Wort ftreift H. beifpielsweife die zeitweilige Verstimmung
in Rom über Canifius' zu felbftändiges Vorgehen.
Das Urteil über das Verhältnis des österreichischen Protestantismus
im 16. u. 17. Jahrhundert zum Haufe Habsburg
ift unzutreffend. Maximilian II. hat fleh, abgefehen von
feiner persönlichen Hinneigung zu evangelischen Glaubens-
fätzen, den proteftantifchen Ständen auch deshalb genähert,
weil er von ihnen Förderung feiner Hausintereffen er

wefentlich unverfehrt erhalten geblieben find, erwies fleh
der Ort als zu einem rückwärtigen Erlebnis wie diefem
wirklich hervorragend geeignet.

Durch diefe Baulichkeiten liefert die Schrift des Privatdozenten
in Hannover, Dr.-ing. Hölfcher, Sohn des früheren
Studiendirektors und nachherigen Pastors an St.
Nicolai zu Leipzig, deffen Andenken fie auch gewidmet
ift, nach vereinzelten Vorgängern einen wirklich zuver-
läffigen Führer. Sie ift die Frucht einer Studienreife, die
Verf. 1912 mit einigen Studierenden der Kgl. Technischen
Hochschule unternahm, wobei er fand, ,daß das Klofter
feine baulichen Anlagen und Einrichtungen aus dem Mittelalter
viel reiner bewahrt hatte, als es nach den bisher
vorliegenden Veröffentlichungen anzunehmen war. ..'. So
entstand vor dem geistigen Auge das typische Bild einer
Cifterzienferanlage . . . fo vollständig und klar in feiner
urfprünglichen, ziemlich bescheidenen Planung, wie kaum
ein zweites'. In der Kirchenanlage wurde der einfache
(ältere) Typus von Fontenay (11 i8)-Clairvaux (1135) eingehalten
, den vorher (1138 oder 1143) fchon Mariental bei
Helmstedt bezeugt; 1848 erfolgte die innere Erneuerung,
die mit den noch vorhandenen stärkeren Spuren des alten
Kloftergottesdienftes aufräumte. Wertvolle Ausstattungsstücke
auch des XIII. Jhrdts. werden noch aufbewahrt und
mit allem Übrigen, unter geschätzter Mitarbeit des Pastors
W. Uhlhorn (Kap. VI), von Hölfcher fachverständig und
erschöpfend beschrieben. Aus jüngfter Zeit ift die Bemalung
des verkürzten Laienrefektoriums durch den Düf-
feldorfer Ed. v. Gebhardt mit Bildern aus dem Leben
Jefu, die in der Form dem Kostüm des ausgehenden
Mittelalters angepaßt, in den Gefichtern der Gegenwart
entlehnt wurden (Einzelfeftftellungen bei Schultzen Seite
205 f.), hinreichend allgemein bekannt und gewürdigt.
Wem die vorangefetzte geschichtliche Einleitung', die

warten durfte. Als feine Nachfolger ,die katholische Idee, ! alles Wefentliche enthält, noch nicht genügt, der greife

über alles stellten, verteidigten jene ihren Glauben; hätte
man ihnen diefen gelaffen, fo wären die religiös-politischen
Kämpfe zwischen Protestantismus und Herrfcherhaus vermieden
worden. — Der paritätifche Protestantismus bewährt
fleh als durchaus zuverläffige Stütze der Habsburgmonarchie
.

Wien. Karl Völker.

zu dem Buche von Fr. Schultzen, der auch einmal
Studiendirektor in L. gewefen. Er fleht fleh freilich nicht
als »Historiker vom Fach' an, hat auch ,nicht alle Urkunden
des Klofterarchivs' durcharbeiten können, da die
Herausgabe, zu der er u. a. der Unterstützung des Herrn
Ministers der geistlichen Angelegenheiten bedurfte, eben
fertig werden mußte. Daß diefe aber ,in möglichst kurzer
Fassung' erfolgt fei (S. 1), wird ihm niemand bestätigen.
Wozu alle diefe Quisquilien von Einkaufs- und Befitzver-
HÖIIcher, U: Klofter Loccum, Bau- u. Kunftgefchichte e. hältniffen, Kornablöfungen, dem Bau von Treppen und
Cifterzienferftiftes. Unter Mitwirkung v. W. Uhlhorn. Viehftällen bis ins einzelne, nebft der Feftftellung des
(X, 131 S. m. 47 Abbildgn. u. 25 Taf.) gr. 8°. Han- ' Eigentumsrechts an Litonen des Klosters, die in jeder

nover, Hahn 1913. M. 8.50

Zum Jubiläum des Klofters Loccum. Gefchichte des Klosters,
v. Superint. Lic. Fr.Schultzen. DieKlofterbibliothek,
v. Afnft. Dr. G. Müller. (V, 274 u. 56 S. m.Taf.) gr. 8°.
Hannover, Buchdr. des Stephansftifts 1913.

M. 6.50; geb. M. 7.75

Die gleichzeitige Herausgabe zweier ausführlicher
Schriften über die Vergangenheit eines fonft im Mittelalter
keineswegs fonderlich hervorragenden Klofters rechtfertigt
fleh an dem Umstände, daß Loccum, deffen lu-
therifches Predigerfeminar feit bald zwei Jahrhunderten
der hannoverfchen Landeskirche einen Grundstock tüchtiger
Amtsträger lieferte, im Jahre 1913 fein 75ojähriges
Jubiläum feiern konnte, erhöht durch die Ehre, Se. Majestät
den deutfehen Kaifer und König des Landes für
einige Stunden in feinen Mauern zu beherbergen. In der
von über zweihundert früheren ,Hofpites' besuchten Feier
trat denn auch, im Rückblick auf die gemeinfam dort
verlebten Jahre stillen Studiums und ernster Vorbereitung,
das Gemeinverbindende der Arbeit an der einen und
großen kirchlichen Aufgabe, bei fonft vorhandenen Un-
terfchieden, wieder ftark und erhebend ins Bewußtfein.
Und da die wichtigften Baulichkeiten und fonftigen Alter-

Kloftergefchichte wiederkehren und höchstens für die
gegenwärtige äußere Klosterverwaltung (durch den ersten
preußifchen Kurator Barkhaufen feit 1878 auf neue folide
Bafis geftellt) einigen und auch nur bedingten gefchicht-
lichen Wert haben! Wohin würde es führen, wollte man
von den zahllofen, felbft bedeutenderen Klöstern, bei
denen auch der finanzielle Niedergang in der zweiten
Hälfte des 14. und im 15. Jahrhundert mit ermüdender
Gleichmäßigkeit eintritt, Verzeichniffe von ähnlicher Vollständigkeit
wie diefes entwerfen, ohne fie durch beigefügte
Orts- und Namensregifter wenigstens überfichtlicher
und einigermaßen genießbar zu machen. Die Verzeichniffe
der Äbte mit den wichtigften Daten aus der Gefchichte
und dem Befitzeszuwachs hätten hier ausgereicht, wiewohl
fleh in ihrer Reihe keiner von Bedeutung findet und
aus neuerer Zeit die Namen Molan und letzthin G. Uhlhorn
allerdings hervorragen. Die Ausführlichkeit, mit der
der fchwankende Übergangszuftand um 1600 und die
katholifierenden Neigungen Molans (nach deffen Tode
noch Fürbittegebete ungeordnet waren!) gefchildert find
(vgl. deffen Selbftcharakteriftik S. 137 f.), ebenfo das Formular
zur Einführung eines Konventuals famt den Gebeten
(S. 128 f.), daneben dann die fchauerliche Folie der He-
xenprozeffe noch des 17. Jahrh. wird man mit Intereffe
bemerken, weil dies alles für die recht fchwerfällige Ent-

tümer noch aus der Zeit bald nach erfolgter Gründung I wicklung des Luthertums aus dem Katholizismus heraus,