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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

208-210

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwingli, Huldreich

Titel/Untertitel:

The Latin Works and the Correspondence of Z., together with Selections from his German Works. Ed. by Samuel Macauley Jackson 1914

Rezensent:

Baur, August

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

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fation des ganzen akademifchen Lehrbetriebes entworfen
hatte. Ein wertvoller Beitrag, der weit hinausreicht über
den lokalgefchichtlichen Charakter; es ift ein Beitrag zur
Gefchichte des geiftigen Lebens in jener Zeit überhaupt. —
Nach Öfterreich führt uns Löfche; er behandelt den Prozeß
des frommen Martin Boos, dazumal Pfarrers von Gall-
neukirchen, in Linz vor dem bifchöflichen Gericht 1815.
Ergreifend find die Ausfagen des kindlich frommen Mannes
zu lefen, an deffen fchlichter Einfalt alle gefährlichen
Fragen zu fchanden werden. Löfche hat einen wertvollen
Anftoß dazu gegeben, daß die geiftige Unterftrömung im
damaligen Katholizismus Bayerns, wie fie in einem Bifchof
Sailer, Boos, Pöfchel zu Tage trat, näher unterfucht wird. —
Wir kommen zum letzten Auffatz: Mirbt lchildert, welche
Kämpfe es koftete, daß die Elifabethkirche in Marburg
unbeftritten dem luth. Kultus erhalten blieb. Es ift wieder
zu fehen: die kath. Kirche verficht zäh ihre Forderungen;
fie ftellt wohl zurück, aber vergißt nicht, andrerfeits aber
auch: fie weiß es, wo fie einmal Wurzel gefaßt hat, ihre
Rechte immer weiter auszudehnen und zu vermehren.
Gerade die gefchichtliche Einleitung diefer Arbeit, die
uns die Zeit der weftphälifchen Regierung klar vor Augen
führt, legt nahe, das Vordringen des Katholizismus in
den proteftantifchen Gebieten im 18. Jahrhundert genauer
zu unterfuchen. In Süddeutfchland konnte ich an dem |
Beifpiele des Ansbacher Hofes zeigen, mit welcher Ent-
fchiedenheit man fein Ziel zu erreichen weiß. Es wird
das kein fingulärer Fall geblieben fein. Um fo mehr
könnte ein Gefamtbild nützlich fein.

Das ganze Werk ift würdig ausgeftattet; unangenehm
berühren in der trefflichen Abhandlung von Lenz etliche
Druckfehler (f. S. 148. Z. 2 v. u.).

II.AuchderVerlagder,ZeitfchriftfürKirchengefchichte' j
hat es fich nicht nehmen laffen, dem Begründer derfelben
zu feinem 70. Geburtstage eine Ehrengabe darzubringen, i
Namhafte Gelehrte haben fich ihm zur Verfügung geftellt. j
Eine Sonderftellung nimmt Erbes mit feiner Abhandlung i
über ,den Apoftel Johannes und den Jünger, welcher an J
der Bruft des Herrn lag' der Wahl des Themas nach ein;
alle andern Beiträge befaffen fich ja mit der Reformations- 1
gefchichte. Nach Erbes ift der Apoftel Johannes in ]
Sebafte am 29. Auguft 66 getötet worden. Eine be-
fondere Rolle hat er unter den Apofteln nicht gefpielt.
Der Johannes, den fpätere Zeiten als den Lieblingsjünger
des Herrn hinftellten, ift vielmehr der Marc. 14,51 erwähnte
Jüngling, der nur mit dem Sindon bekleidet Jefu
nachfolgte. Er zog fich fpäter nach Ephefus zurück und
ift dort eines natürlichen Todes geftorben. Er ift 6 MQ£6-
ßvrtQoq des 2. und 3. Johannesbriefes, auch hat er in
69/70 die Apokalypfe in ihrer gegenwärtigen Geftalt herausgegeben
. Das Johannesevangelium, das vielleicht ca. 130
entftanden ift, hat ihn zum geiftigen Gewährsmann.

Referent fühlt fich in diefer Frage nicht zuftändig, um ein endgültiges
Urteil abzugeben. Er kann nur nach allgemeinen Gefichtspunkten urteilen. |
Beim Studieren diefes fcharffinnigen Auffatzes find ihm mancherlei Ge- i
danken gekommen über die Möglichkeit des hiftorifchen Erkennens. Kombinationen
bleiben, mögen fie auch noch fo geiftreich und beflrickend
fein, doch immer Kombinationen. Von den verfchiedenften Seiten, von
Zahn bis Harnack, werden gewichtige Einwände kommen. Referent macht
nur auf einen Punkt aufmerkfam. Nach S. 14 warf fich der Jüngling, der
Jefu ,mitnachfolgte', als die andern fchon geflohen waren, voll fchmerz-
lich bewegender Liebe ihm an die Bruft. Davon fleht Mc. 14, 51
nichts; es kann unmöglich aus dem cvvt]xoXov&ei gefchloffen werden.
Damit ift aber ein Stein in dem kunftvollen Bau fchon genugfam gelockert. —

Wie erwähnt befaffen fich alle andern Abhandlungen |
mit der Reformationsgefchichte. Paul Kalkoff unterfucht j
die auf Giambattifta Flavio fich zurückführende Biographie
Kajetans. Es ergibt fich ihm: wir haben hier keine pane- I
gyrifche Lobrede vor uns, fondern ein Zeugnis, dem wir |
wohl trauen dürfen. Eben deswegen leiftet fie wertvolle
Dienfte, fo manche harte Urteile von Zeitgenoffen und
fpäteren Forfehern über den Kardinal zurechtzuftellen;
diefer hat fich wirklich vorteilhaft vor vielen Standes-
genoffen ausgezeichnet. Luther hat fich als fcharfer Men-
fchenkenner bewiefen, wenn er fich ihm gegenüber auf

wiffenfehaftliche und kirchenpolitifche Auseinander-
fetzungen befchränkte. — Zwei kleine aber bemerkenswerte
Miszellen bietet Otto C1 e m e n. Während Luther nach
Worms zog, erfchien in Wittenberg eine kleine Schrift, drei
Stücke Savanorola betreffend, enthaltend. Wozu? Treffend
weift er fie auf als ein Wittenberger Stimmungsbild
aus jener Zeit. Der Herausgeber rechnete nicht mit Unrecht
darauf, daß urteilsfähige Lefer zwifchen den Zeilen zu
lefen verftunden. Ferner hat er die durch den Index 1554
verbotene Schrift ,Sancti Francisci notturna apparitio' wieder
aufgefpürt in einem Band der Zwickauer Bibliothek.
Wichtig find die Epigramme auf die einzelnen Päpfte.
Der in der Vorrede genannte C. Nucillanus harrt noch
immer der Identifizierung. Die Löfung wird fich ergeben
aus der Bezeichnung: ,ex Nucillo'. In Nucillanus verbirgt
fich infolgedeffen kein Perfonenname; damit ift auch der
Deutung auf Nüzel gänzlich der Boden entzogen. — Im
Jahre 1543 entftand zu Eisleben ein ftarker Diffenfus
zwifchen dem Prediger Valentin Weigel und dem Pfarrer
an St. Andreas Simon Wolfrum einerfeits und dem Pfr.
Fr. Rauber an St. Peter andrerfeits. Ein Diakon hatte
den Wein, der beim Abendmahl übrig blieb, felbft getrunken
. Rauber hätte nichts dagegen zu erinnern gewußt,
wenn nach Leipziger Vorbild derfelbe einfach ausgefchüttet
worden wäre; dagegen wollten die andern, daß der Reft
einem Kommunikanten gereicht würde. Ohne perfönliche
Invektiven konnte man dazumal keine theol. Sache erörtern.
Darum nahm der Streit bald eine leidenfehaftliche Form
an. Kawerau zeigt, wie Luther und Melanchthon be-
fchwichtigend eingriffen und trotz ihrer verfchiedenen
Stellungnahme zu der aufgeworfenen Frage doch praktifch
zu der gleichen Löfung kamen. Daß der Superintendent
nicht zugleich Pfarrer war, fondern neben einem katholifch
gefinnten fungieren mußte, ift auch fonft zu bemerken,
fo z. B. Brandenburg-Ansbach 1528. Blätter für bayrifche
Kirchengefchichte I, 34.

Zum Schluß bietet noch B. Beß, der zweite Herausgeber
der Zeitfchrift für Kirchengefchichte eine heffifche
Kirchengefchichte der Anfangszeit in nuce. Klar und
fcharf werden die leitendenGefichtspunkteherausgearbeitet,
die Bedeutung des Landgrafen Philipp kommt voll zur
Geltung. Referent kann fich nicht entfinnen, eine folch
trefflicheDarftellung diefes Stoffes je fchon gelefen zu haben.

Alfeld b. Hersbruck. Schornbaum.

Zwingli, Huldreich. The Latin Works and the Correrpon-
dence of Z., together with Selections from his German
Works. Edited, with Introductions and Notes by
Samuel Macauley Jackfon. Translation by Henry
Preble, Walter Lichtenftein and Lawrence A. McLouth.
Vol. I. 1510—1522. (XV, 292 S. m. Bildn.) gr. 8°.
London, P. G. Putnams Sons 1912. s. 7.6

Im Jahr 1901 erfchien als Teil einer Sammlung von
Biographien der ,Heroen der Reformation' in demfelben
Verlag, in welchem auch die hier anzuzeigende englifche
Überfetzung der Werke Zwingiis herausgekommen ift,
von Samuel Macauley Jackfon das Werk ,Huldreich Zwingli,
the Reformer of German Switzerland', ein fehr verdienft-
liches Werk, nicht bloß um feiner felbft willen, da es eine
fehr forgfältig ausgearbeitete Lebensgefchichte des Reformators
bot, fondern auch um der Beigaben willen,
welche es brachte. Denn als Einleitung zur Lebens-
befchreibung des Reformators gab das Buch einen
kurzen gefchichtlichen Überblick über die Zuftände der
Schweiz zum Beginn des Reformationszeitalters, und zum
Schluß oder als Anhang zuerft eine kurze Darftellung
von Zwingiis Theologie, Philofophie und Ethik, insbefondere
aber als Proben feiner fchriftftellerifchen Tätigkeit eine
Überfetzung von Zwingiis bedeutender einleitender Re-
formationsfehrift ,von Erkiefen und Freiheit der Speifen'
vom Jahre 1522, und feiner ,fidei ratio ad Carolum im-