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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaefer, Aloys

Titel/Untertitel:

Einleitung in das Neue Testament. 2. Aufl., bearb. v. Max Meinertz 1914

Rezensent:

Windisch, Hans

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199

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

200

Nr. 22, 1910; Nr. 37, 1912) befprochen find. Von Profeffor
D. Strack find feit 1909 (mit kritifchem, vokalifiertem
Text,Überfetzung,Kommentar undGloffar) bei J.C. Hinrichs
in Leipzig erfchienen: Abodah farah (2. Aufl. 1909), Joma
(3. Aufl. 1912), Pefachim (1911), Sanhedrin mit Makkoth
1910; angekündigt ferner: Berachoth, die drei Baboth,
Schabbath und Pirke Aboth, alle von Strack, ferner
Nedarim und Sukkah (Laible), Sotah (Bahr und Rofen-
thal), womit die Strackfche Sammlung ihren Abfchluß
finden dürfte. — Das neue Unternehmen des Töpel-
mannfchen Verlags will alle 63 Mifchnahtraktate in
4—5 Jahren herausbringen. Die Preife der Fiebigfchen j
Sammlung flehen zwifchen M. — 80 und M. 3.80, die der
Strackfchen Ausgaben zwifchen M. 1.10 und M. 2.40; die |
der zu befprechenden Traktate f. o. — An praktifcher j
Brauchbarkeit für einen, der fleh in die fchwierige Materie
einarbeiten will, werden die Ausgaben Stracks durch die
zu befprechende neue, übrigens fplendid ausgeftattete I
Sammlung ebenfowenig wie an wiffenfehaftlicher Genauig- !
keit übertroffen. Diefe Sammlung fleht fleh indeffen weit '
umfangreichere und fteilere Aufgaben als jene, nämlich I
1. ,eine religions- und kulturgefchichtliche Würdigung des
Judentums' (vornehmlich durch religionsgefchichtliche j
Parallelen in den Anmerkungen und durch ausführliche
Einleitungen), fowie 2. ,die Aufrollung des literargefchicht-
lichen Problems' (d. h. literarkritifcher Fragen), endlich
3. die Herflellung eines kritifch revidierten Vulgärtextes.
Diefe Überfülle fchwierigfter Aufgaben läßt fleh m. E.
weder heute fchon überhaupt, noch mit den zur Verfügung
flehenden Kräften erreichen; fie birgt aber zugleich
in fleh die Gefahr eines Vorbeiredens an dem
Hauptgegenftande, nämlich an dem Inhalte des zu bearbeitenden
Traktats, fowie unzureichende Erfüllung der
Grundforderung genauefter Erklärung aller fprachlichen
und fachlichen Einzelheiten der einzelnen Mifchnajoth,
zumal im Zusammenhange mit den parallelen oder divergierenden
fonftigen Beflimmungen über den jeweiligen
Gegenfland, und zwar unter Benutzung der feit anderthalb
Jahrtaufenden auf jüdifcher Seite geleifteten (allerdings
neuhebräifch und aramäifch gehaltenen) Erklärerarbeit;
fonft bleibt es beim unbefriedigenden ,notulas aspergere'.
Emanzipieren von diefer Erläuterungstradition darf man
fleh doch wohl erft dann, wenn man fie (im Original)
kennt, was indeffen bei Holtzmann offenfichtlich gar
nicht, bei Albrecht und Windfuhr m. E. nicht intenfiv
genug der Fall (oder wenigftens erkennbar) ift. Daher
kommt wohl auch der irrtümliche fubjektive Eindruck der
Herausgeber (Profpekt S. 3), ,in der Hauptfache Neuland
(?) zu betreten' und .Pionierarbeit' zu leiften für
.künftige zufammenhängende Lehrbücher der Mifchnah';
das ift bereits alles geleiftet und- vorhanden und braucht
nur recht fehr benutzt oder — überfetzt zu werden! —
Mit Recht haben Albrecht und Windfuhr fich an die
allzureichen Verheißungen des Profpektes nicht gekehrt,
fondern fich auf kurze, fchlicht-fachliche Einleitungen
(ohne fubjektive und fubjektivfte religionsgefchichtliche
Anflehten zu oktroyieren) weife befchränkt und auch in
den Erläuterungen folide Arbeit geleiftet, die zwar dem
fich Einarbeitenden nicht allenthalben genügend zur Hand
geht, auch wohl manches Überflüffige bringt, aber doch
wirklich dem Verfitändnis dient und immer bei der Sache
bleibt, was ftets ein Zeichen von Beherrfchung des Stoffes
ift. Über einzelne Auffaffungen und Überfetzungen wird
fich auch bei der Mifchnah (wie noch viel mehr bei der
Gemara) immer ftreiten laffen; den Lefern diefer Zeilen
wäre fchwerlich mit einer Aufzählung meiner abweichenden
Anflehten gedient. Das entbindet riiich aber nicht von
der Referentenpflicht, offen zu fagen, daß Holtzmanns
Berachoth-Edition fo viel objektiv Falfches, Flüchtiges
und Unzureichendes bietet, daß ich leicht imflande wäre,
das fpaltenlange Fehler- und Defideratenverzeichnis Laibles
(Theol. Lit.-Bl. 1913, Nr. 1 und 2) um das Vier- bis Fünffache
zu überbieten, und zu einer völligen Neubearbeitung

diefer 1. Lieferung raten möchte, über deren Minderwert
es tatfächlich bei chrifllichen und jüdifchen Fachleuten
nur eine Stimme gibt. Gewiß trägt vielleicht die irgendwie
erforderlich gewefene Eile des Herausbringens mit
Schuld; aber bei dem Vorliegen von mindeftens einem
Dutzend z. T. recht guter Überfetzungen und Erläuterungen
von Berachoth durfte man Tadelloferes erwarten. Bei
der Neubearbeitung verfchwindet hoffentlich die (gleich
Beers Deutung von ,Pefach' als ,Befpringefeft' nur in ge-
wiffer Stimmung zu vertragende) Hypothefe der Einleitung,
Juden wie Chriflen feien des Efelsdienftes deshalb be-
fchuldigt worden, weil fie .Hallelujah' fangen, was mit —
,i-a' ende (denn ,i-a' fchreit bekanntlich nur der deutfehe
Efel, der lateinifch-griechifche aber ,u', der franzöfifch-
englifche ,ä')! Die Einteilung des Textes in Stichoi ift
ein Nonfens. — Beer hat (wie fchon in feiner ,Schabbath'-
Überfetzung bei Fiebig) eine refolute Art, feinen Stoff
anzupacken und zurechtzurücken, wobei es freilich nicht
immer gerade fein hergeht. So bekommen alte und noch
lebende Rabbinen mancherlei Hohn (z. B. S. 150: Baneth)
und harte Worte (vom ,Gelehrtenklatfch' und ,religiöfen
Sport' bis zur Befchuldigung noch heutigen Blutaber-
glaubens) zu hören; mehr als unpaffend find die geradezu
vom Zaune gebrochenen Invektiven gegen Strack, deffen
Bearbeitung von Pefachim B. doch genug verdankt: ,In
den Brunnen, aus dem Du trankft, fpucke nicht', fagt mit
Recht der Thalmud. Glänzend, ja vielfach plafitifch gearbeitet
ift die der Gefchichte des Paffahfeftes gewidmete,
über die Hälfte des Buches umfaffende Einleitung. Ob
dem Anfänger (und das find doch 99 von 100 Lefern)
mit einer folchen Überfülle oft genug ftark fubjektiven
und hypothetifchen religionsgefchichtlichen Stoffes gedient
ift, laffe ich dahingeftellt; wie es z. B. beim Schulchan
aruch nicht darauf ankommt, was Juftus-Ecker darüber
dachten, fondern was der Verfaffer Karo meinte, fo hätte
wohl auch hier die fich aus dem Traktat felbft ergebende
Gefchichte der Paffähfeier mit kurzer Berückfichtigung
der biblifchen Grundlagen und der fpäteren Entwicklung
genügendere Orientierung gegeben, als die Menge der
modernen, z. T. gewagten Anflehten über die Entziehung
des Paffah. Natürlich bleibt trotzdem die Einleitung eine
fehr intereflante gelehrte Arbeit, ebenfo wie die kräftige
Betonung des Ünterfchiedes zwifchen dem univerfal-
humanitären Charakter des chrifllichen Abendmahls und
der national-jüdifchen Eigenart des Pafiah richtig und
am Platze ift.

Einzelheiten verbietet der Raum; zur Berichtigung der fchiefen
Anficht über die Mifchnah des R. Akibah und die des R. Meir fowie
über die Thofephtha fei auf A. Schwarz, Die Th. des Traktats Nefikin,
Baba kamma (Wien 1912, Jahresb. der ifr.-theol. Lehranftalt), Seite IV ff.
verwiefen. — Arg ift es in allen Lieferungen mit den Abkürzungen und
Tranfkriptionen beftellt. Goldfchmidts Überfetzung ift bei Holtzmann
und Albrecht mit großem G, bei Beer und Windfuhr (fachlich richtiger)
mit .kleinem' g bezeichnet; M und L bedeuten gewöhnlich die Münchener
Handfchrift und die Text-Ausgabe Lowes, bei Beer (S. XII) aber bezeichnet
M außerdem die Mifchnah R. Me'irs und J (fonft Jahwiff) die
Mifchnah Rabbis! Das Tranfkriptions- und Abkürzungsverzeichnis hat
eine ganz andere Tranfkription, als das fogleich hinterdrein abgedruckte
Tranfkriptionsfchema des hebr. Alphabets vorfchreibt (z. B. .MaaSerot'
ftatt .Ma'aferot')! —

Zu wünfehen wäre vor allem, daß mehr als bisher
auf entfprechende Parallelen ufw. aus den jetzt noch nicht
überfetzten Mifchnah-Traktaten hingewiefen würde, was
z. B. bei Holtzmann fo gut wie ganz unterlaffen ift.

Leipzig. Erich Bifchoff.

Schaefer, apoft. Vik. Bifchof Dr. Aloys: Einleitung in das
Neue Teftament. 2. Aufl., bearb. v. Prof. Dr. Max
Meinertz. Mit 4 Handfchriftentaf. (Wiffenfchaftliche
Bibliothek. I.Reihe. Theol. Lehrbücher XV.) (XVIII,
536 S.) gr.8°. Paderborn, F. Schöningh 1913. M. 8 —

Die erfte Auflage diefes Werkes erfchien 1898. In-
zwifchen ward der Verf., bisher theologifcher Profeffor in
Breslau, zum Bifchof von Abila und apoftolifchen Vikar