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Ausgabe:

1914 Nr. 6

Spalte:

183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wundt u. a., Wilhelm

Titel/Untertitel:

Allgemeine Geschichte der Philosophie. 2., verm. u. verb. Aufl 1914

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 6.

184

fchichte wie der Gegenwart erinnert; dafür konnte fein
,Deutfcher Glaube' genauer beftimmt werden, z. B. durch
die bezeichnende Stelle über Sakramente und Heilige,
Deutfche Schriften, S. 234t. Eine Art Anhang bilden
Gedichte; fie geben nochmals einen tiefen Blick in die
innere Glut und Größe des Mannes, aber auch in die
Gequältheit, die fich von feiner Anlage und feinem Schick-
fal her nur allzu leicht feinen Gedanken mitteilt. — Viele
Benutzer wird es ftören, daß Daab nicht die Fundorte
der einzelnen Stellen nennt; hätte er fie wie Mulert in
feiner Ausgabe am Schluß zufammengeftellt, fo würden
fie keinen Lefer ärgern und vielen eine Hilfe für weitere
Studien fein.

Marburg a. d. L. H. Stephan.

Allgemeine Gefchichte der Phitofophie v. Wilh. Wundt, Herrn.
Oldenberg, Wilh. Grube, Tetfujiro Inouye, Hans v.
Arnim, Clem. Baeumker, Ign. Goldziher, Wilh. Windelband
. 2., verm. u. verb. Aufl. (Die Kultur der Gegenwart
I,V.) (IX, 620 S.) Lex. 8°. Leipzig, B.G.Teubner
1913. M. 14—; geb. M. 16— u. M. 18—

Das wertvolle Werk, das nach fo kurzer Zeit eine neue
Auflage erlebt, ift mehrfach erweitert und verbeffert worden
. Nur zwei von den acht Einzeldarfteilungen der erften
Auflage find im wefentlichen unverändert wiedergegeben:
die Chinefifche Philofophie des verftorbenen Berliner Sinologen
W. Grube, für die nach dem Urteil feines Nachfolgers
, 1.1. M. de Groot, keine Überarbeitung erforderlich
war, und die Japanifche Philofophie Prof. Inouyes in
Tokio, bei der ebenfalls zu Änderungen keine Veran-
laffung vorlag. In beiden Artikeln hat jedoch H. Haas,
der Verfaffer der Gefchichte des Japanifchen Buddhismus
in der ,Kultur der Gegenwart', die Literaturverzeichniffe
teils neu zufammengeftellt, teils vervollftändigt. Bedeutendere
Erweiterungen haben die Indifche und die Eu-
ropäifche Philofophie erfahren. H. Oldenberg hat feinen
Abriß der indifchen Philofophie an verfchiedenen Stellen
umgearbeitet und ihm insbefondere einen Abfchnitt über
die älteren Syfteme der Philofophie und über die philo-
fophifchen Texte eingefügt. Clemens Baeumker behandelt
jetzt die patriftifche Philofophie in einem befonderen
verhältnismäßig ausführlichen Abfchnitt (S. 264—300), und
zwar zuerft die Stellung der patriftifchen Zeit zur Philofophie
überhaupt, fowie ihre Quellen und ihre Stellung zu
den einzelnen Philofophenfchulen, und endlich die Hauptvertreter
der philofophifchen Spekulation innerhalb der
Patriftik, wobei insbefondere die Philofophie Auguftins
eine fehr lehrreiche Erörterung findet. Die Gefamtdar-
ftellung der Patriftik ift jedoch durch die Abficht beftimmt
, ,aus der Gefchichte der patriftifchen Philofophie
prinzipiell all das auszufcheiden, was nicht Philofophie
an fich ift, fondern Verwendung der philofophifchen Begriffe
zum fpekulativen Ausbau der Glaubensdogmen', die
patriftifche Philofophie alfo im Wefentlichen als ,eine Seitenbewegung
zur außerchriftlichen, griechifch-römifchen
Philofophie' (S. 299) erfcheinen zu laffen.

Von weiteren Veränderungen in der Gefamtgliede-
rung des Werkes ift zu verzeichnen, daß die früher innerhalb
der ,Orientalifchen Philofophie' aufgeführte islamifche
und jüdifche Philofophie von Ignaz Goldziher jetzt innerhalb
der Gruppe der Philofophie des Mittelalters er-
fcheint. Wenig verändert find die beiden umfangreichen
Abfchnitte: Hans von Arnims ,europäifche Philofophie
des Altertums' und Wilhelm Windelbands die großen Gedankenbewegungen
der Neuzeit fo vorzüglich charakte-
rifierende Darfteilung der neueren Philofophie. Auch in
diefer neuen Geftalt wird das eigenartige und wertvolle
Werk fich zahlreiche Freunde und dankbare Lefer gewinnen
.

Dresden. Th. Elfenhans.

Beth, Prof. D. Dr. Karl: Die Entwicklung des Chriltentums
zur Univerfal-Religion. (VIII, 337 S.) 8°. Leipzig, Quelle
& Meyer 1913. M. 5.50; geb. M. 6 —

Das Chriftentum ift die vollkommene Religion, weil
j es die Möglichkeit der Veränderung in fich trägt, um aus
feinem Wefenskern durch ftets reichere Entwicklung und
j Herausbildung fich zu der zeitgemäßen und erfprießlichen
! Form der Religion auszuwachfen. Seiner wurzelhaften
: Geftaltung gemäß auf Entwicklung angelegt und ange-
j wiefen, ift das Chriftentum von vornherein in einen Entwicklungsprozeß
eingegangen, wurde aber im Laufe der
' chriftlichen Gefchichte öfters auf feinem Siegeswege gehemmt
, und hat auch heute noch nicht diefe Hemmungen
überwunden, fo daß ihm die Signatur der im eigentlichen
I Sinn univerfaliftifch gearteten Religion immer noch fehlt.
I Wie fich diefe Entwicklungsfähigkeit des Chriftentums zu
! univerfaler Religion durchfetzen und bewähren kann und
foll, wie die dem Univerfalismus günftigen Züge auszu-
! geftalten find, wie die einem folchen auffteigenden Gange
! entgegenftehenden Hinderniffe befeitigt werden können, das
j ift die Frage, die der durch feine früheren Schriften wohl
1 vorbereitete und ausgerüftete Verfaffer in feinem neuen
Buch eingehend, zuweilen nicht ohne Breite und Umftänd-
lichkeit, aber mit großer Kraft und Klarheit behandelt.
Das erfte Kapitel (1—85) orientiert über den gegen-
; wärtigen Standort des Problems, deffen Gefchichte Beth
von den Zeiten vor und nach der Renaifiance bis zur
1 unmittelbaren, vor allem durch den Namen Troeltfchs
charakterifierten Gegenwart verfolgt. — Das zweite Kapitel
(86—137) will den Begriff der Entwicklung des Chriftentums
dadurch zu größerer Klarheit bringen, daß der Vf.
j ihn gegen den Begriff der Entfaltung abgrenzt, — eine
j Unterfcheidung, auf welche B. mehrfach in früheren Schrif-
ten hingewiefen hatte, die er aber hier noch genauer und
1 konfequenter begründet. Entfaltung oder Evolution ift
I bloße Umbildung von nicht wahrnehmbarer Mannigfaltigkeit
in wahrnehmbare; was hier in die Erfcheinung tritt,
1 find bereits präexiftierende latente Verfchiedenheiten. Ent-
| wicklung oder Epigenefis ift wirkliche Produktion von
j Mannigfaltigem, das im Keim tatfächlich noch nicht vor-
! handen war; es handelt fich um ein Werden auf Grund
von verfchiedenen Motiven, die im Ausgangspunkte nicht
enthalten waren, fondern erft gelegentlich fich einftellen
und geltend machen (115—116. 89. 127). Nur der Begriff
der Epigenefis trifft für die chriftliche Religion zu. — Im
dritten Kapitel (138—192) greift Beth auf den Urfprung
des Chriftentums zurück und verdeutlicht an den verfchiedenen
Typen der chriftlichen Religion, wie verfchieden
| die Anfätze und Auffaffungsweifen derfelben fchon in
ihrer Entftehungszeit waren und wie verfchiedene Ent-
| Wicklungsmöglichkeiten demzufolge von Anfang an be-
j ftanden. Aus der Fülle des hiefür zu Gebote ftehenden
I Stoffs wählt B. nur dasjenige aus, was in näherer Beziehung
zum univerfalen Gedanken des Chriftentums ftand,
Jefu Religionsanfchauung und Anbahnung des Univerfalismus
durch Aufhebung der gefetzlichen und nationalen
j Schranke, die durch Paulus vollzogene Fortführung (zur
1 Darfteilung des Paulinismus würde Ref. eine nicht geringe
Zahl von Fragezeichen anbringen), endlich den Typus des
johanneifchen Chriftentums. — Das vierte Kapitel (193—
j 262) zeigt, welche Momente in dem überlieferten Stoffe
der chriftlichen Religionsentwicklung die Entftehung der
univerfalen Religion aus den Grundlagen hindern; als be-
fondere Gefahren bezeichnet B. die folgenfchwere Wandlung
des Chriftentums zur Buchreligion, die Bindung der
Religion an eine beftimmte Kulturftufe, die unbedingte
Identifizierung der abfoluten Religion mit irgend einer in
der Entwicklung auftretenden Form des Chriftentums (das
fogen. neuteftamentliche Chriftentum nicht ausgefchloffen),
die mißliche Unterfcheidung zwifchen Kern und Schale,
das Erfcheinen von Riten und Meinungen, die eine par-
tikularifierende Wirkung haben, den in dem Fefthalten
an fupranaturaliftifch-magifchen Wundern beftehenden Exo-