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1914 Nr. 6

Spalte:

177-180

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 30. Bd., III. Abt 1914

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 6.

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von Vernunft und Autorität nicht fchlechthin vorträgt und
fchließlich nur die Autorität der Apoftel gegen den pa-
triftifchen Traditionalismus ausfpielt. Die durchgreifende
Bedeutung des hochmittelalterlichen Ariftotelismus für die
Gefchichte des Wiffenfchaftsbegriffs und darum auch der
Abftand des Aquinaten von Anfelm werden nicht hifto-
rifch fcharf gezeichnet. Die Darftellung des Duns Scotus
lehnt fich an die doch korrekturbedürftigen Arbeiten von
Minges an. So wird denn auch fchwerlich die Forfchung
die Gruppen anerkennen, die V. feftftellt (Eriugena —
Raimundus von Sabunde: Auflöfung aller Dogmen in
Vernunftpoftulate; Anfelm — Thom. Aq. — Duns Scotus:
einige Dogmen können durch das Licht der Vernunft
aufgehellt werden, andere behalten den abfoluten Geheimnischarakter
, fo daß eine ,femirationaliftifche' Löfung
gegeben wird, die dann die katholifche Kirche offiziell
anerkannt hat; Occam — Biel — fpätere Myftiker: irrationaler
Charakter aller Glaubenslehren). Die Würdigung
des Antimodernifteneides folgt den Grundfätzen, die von
den Apologeten diefes Eides, befonders von Mausbach
vorgetragen find. Wer im Modernifteneid eine Neuerung
erblickt, läßt gefchichtliches und fachliches Verftändnis
vermiffen. Daß bisher nur ein Glaubenseid gefordert wurde
und keine eidliche Bindung des wiffenfchaftlichen Arbeitens
, noch dazu im Sinne eines Etcetera-Eides, daß hier
nicht die eidliche Zuftimmung zum deklarierten Dogma',
fondern zu beftimmten wiffenfchaftlichen Methoden Und
Ergebniffen verlangt und darum der Widerftand überzeugter
Katholiken gegen diefen Eid verftändlich wird,
ift V. offenbar bedeutungslos erfchienen. Eine ge-
fchichtliche Würdigung des Modernifteneides hätte die
neukatholifchen Motive (feit 1870), die Autorität des dogma

kath. Formen beibehielt, hätte fich die Aufnahme der
Litanei ganz von felbft nahegelegt. Aber bei dem jetzigen
Stand der Forfchung läßt fich für Nürnberg nicht einmal
eine Vermutung äußern. Vielleicht fpielt die Sebftändig-
keit eines Ofiander mit herein. — Im Unterfchiede von
der deutfchen und lateinifchen Litanei können für die
Trauordnung 1529 Albrecht und Brenner einen Urdruck
,Tr' genannt nachweifen. Sie ift entgegen vielfacher Annahme
felbftändig noch vor Herausgabe des Enchiridion
erfchienen. Eindringend wird dem Zufammenhang mit
Bugenhagens Eheordnung und den vorreformatorifchen
Trauordnungen nachgegangen. Es zeigt fich auch hier
der konfervative Sinn des Reformators, wenn er die
Trennung der copulatio vor der Kirche und der benedictio
in der Kirche beibehält, andrerfeits aber auch feine fcharfe
Scheidung des natürlichen und geiftlichen Elements, das
ihm allein zu einer rechten religiöfen Würdigung der Ehe
verhilft. Die Trennung der Ehefchließung in 2 Akte:
,vor' und in' der Kirche ift auch in Süddeutfchland noch
am Ausgang des Mittelalters allgemein üblich gewefen,
wie z. B. die Eichltätter Miflale genugfam zeigen. Bei
der Vifitation diefer Diözefe 1480 erkundigte fich der
Vifitator Vogt genau nach diefen Gebräuchen. — Wohl
mit zu den wichtigften Veröffentlichungen diefes Bandes
zählt die Schriftenreihe, die durch die Namen Schwabach,
Marburg bedingt ift. Es ift gut, daß v. Schuberts ein-
dringendeForfchungen noch berückfichtigt werden konnten;
bei der Einleitung zum Marburger Gefpräch wäre ein
eingehender Hinweis auf feine Ergebniffe nicht ohne
Nutzen gewefen. Für den Druck der Schwabacher Artikel
hat man auch — was zu begrüßen ift — auf die Ansbacher
Exemplare Rückficht genommen. Ein Kapitel

declaratum und die Elaftizität des römifchen Traditions- j für fich ift es, warum fie in den Akten über den Reichs
gedankens berückfichtigen müffen. Das hätte wohl mehr 1 tag 1530 jetzt fich befinden; wichtig aber find fie, weil
zur Klärung des gefchichtlen Urteils über den heutigen fie das Nürnberger Exemplar erfetzen können; fie find
Antimodernismus beigetragen, als die von V. gefchilder- | nichts anderes als Kopien bekannter Nürnberger Schreiber,
ten hiftorifchen Vorausfetzungen. Die Bemerkungen bei dem einen Exemplar flammen von

Tübingen. Otto Scheel. i dem rnarkgräfliehen Kanzler Vogler und dürften darum

_._ ' | nicht fo unwichtig fein. Auf eine andere Kopie der

Luthers, D. Martin, Werke. Kritifche Gefamtausgabe. Schwabacher Artikel im Windsheimer Stadtarchiv hat

1 Gußmann aufmerkfam gemacht, Theol. Lit.-Blatt 31, 577 fr.,
Quellen und Forfchungen zur Gefchichte des Augs-
burgifchen Glaubensbekenntniffes I, l, 371. III, 2, 378 h
Die Lutherforfchung wird immer minutiöfer; aber | Befondern Dank wird der Forfcher wiffen, daß nicht nur

30. Bd. 3. Abteiig. (XVIII, 590 S.) Lex. 8«. Weimar,
H. Böhlaus Nachf. 1910. M. 18.40

gerade dadurch werden wertvolle Ergebniffe gewonnen
Aus dem Vergleich der einzelnen Bogen nach Typendruck
und Orthographie gewinnt man nun einen lehrreichen
Blick in den ganzen buchhändlerifchen Betrieb jener Zeit.
Der verdiente Lutherbibliograph J. Luther hat darüber
felbft bei Beginn diefes Bandes der Weimarer Luther-

die Marburger Artikel abgedruckt wurden, fondern auch
alle Akten, welche die Gefchichte diefes Tages betreffen.
Während'aber überall möglichft der Urdruck oder das
Original beigezogen wurde, hat man fich für Ofianders
Bericht auf die Mitteilung Riederers befchränkt. Nun
weiß ich wohl Riederers Fleiß und Exaktheit zu fchätzen;

ausgäbe berichtet. Man kann nur wünfehen, daß er feine t aber wir find in der glücklichen Lage, auch die Quellen

Studien in diefer Hinficht noch weiter fortfetzt. Diefe
Aufgabe erfcheint ebenfo notwendig als die andere, für
die fogenannten heimatlofen Drucke den Drucker und
Druckort zu beftimmen. — Den Band eröffnen zwei ins
kultifche Gebiet gehörende Schriften Luthers aus dem
Jahre 1529: ,Die deutfehe Litanei und Latina Litania
correcta' fowie das ,Traubüchlein für die einfältigen Pfarrherr
. Bezüglich der erfteren fehlt bis jetzt der Urdruck,
es ift auch fraglich, ob alles Suchen je einen Erfolg haben
tU1" r u Wlchtiger ift, daß fich der ungefähre Termin der
tinturn-ung der-beiden Litaneien ziemlich genau feftlegen
fefhftynnl Mel°di« der Latina Litania correcta hat Luther
F~,g eefta]tet unter Zuhilfenahme der Melodie des
SS rne, de/ römifchen Allerheiligenlitanei; die
S !t udGr ^"tfchen Litanei dagegen ift - trotz aller
kathohfehen Einwendungen _ fetnf eigene Schöpfung.
Der auffallende _ Umftand, daß in Süddeutfchland die

Srr u °eutlchen Litanei dagegen ift - trotz aller
kathohfehen Einwendungen _ fetnf eigene Schöpfung.

uer auftauende Umftand, daß in Süddeutfchland die von Ofiander überfandt wurde. Eine andere im Akt d 212.
deutiche Litanei erft fehr fpät nachgedruckt und an- Die Ansbacher Religionsakten fowie der Spenglerkodex
genommen wurde, erklärt fich nicht vollftändio- aus dem enthalten auch noch mehrere andere, auf das Marburger

nachzuweifen, aus denen er fchöpfte. Er benutzte die
Bibliothek des Nürnberger Predigers Dillherr, die jetzt
gemeinfam mit der Fenizerfchen in der Stadtbibliothek
Nürnberg verwahrt wird. Die Benutzung ift allerdings
nicht ganz leicht; der Verfertiger des Katalogs hat fich
in vielen Fällen bei Sammelbänden begnügt, die erften
Nummern nur zu notieren. Welche Perfpektive fich da
eröffnet für manchen Forfcher, fei nur angedeutet. Der
Band jedoch, aus dem Riederer Ofianders Bericht nahm,
ift glücklicherweife leichter zu finden. Er trägt die Signatur
Fen. IV, 906 (20) und ift ein Originalkodex Spenglers,
von ihm felbft zufammengeftellt. Benutzt haben ihn
Preßel und v. Schubert. Wenn ich nicht irre, ift hier das
Autogramm Ofianders noch vorhanden. Eine gleichzeitige
Kopie findet fich in dem Tom. XII der Ansbacher Religionsakten
im Nürnberger Kreisarchiv: eine Kopie, die Vogler
von Ofiander überfandt wurde. Eine andere im Akt D 212.

fX A r ' C Kiart 1,cn nicht vdllftändig aus dem

fcharfen Gegenfatz gegen Rom. Es zeigt fich wieder,
wie fpeziell für Nürnberg auf folchem Gebiete recht wenig
gearbeitet worden ift; hier, wo man doch die meiften

Gefpräch bezügliche Aktenftücke. Zu vergleichen wäre
noch Gußmann I, 1, 370. — Daß Seitz das .Bekenntnis
chriftlicher Lehre und chriftlichen Glaubens' befonders