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Ausgabe:

1913 Nr. 6

Spalte:

174-175

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lazarus, Paul

Titel/Untertitel:

Das Basler Konzil. Seine Berufung und Leitung, seine Gliederung und seine Behördenorganisation 1913

Rezensent:

Holtzmann, Robert

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173

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 6.

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liehe Kraft gegenüber der nichtchriftlichen Welt behauptet,
durchfetzt und wandelt, fo kann fie des kulturhiftorifchen
Stoffes nicht entbehren. Vor der Gefahr, nun aus der
Kirchengefchichteftreckenweife eine chriftliche Archäologie
zu machen, hat den Verfaffer ein feiner Takt für das,
was die Aufgabe des Hiftorikers ift, bewahrt. Diefelbe
Zurückhaltung hat er gegenüber der in andern Darftellungen
nicht immer vermiedenen Verfuchung bewiefen,
den Rahmen der Schilderung mit eingehenden Erörterungen
über die altchriftliche Literatur und die Probleme
der Dogmengefchichte zu füllen. Die großen Schrift-
ftellerperfönlichkeiten fehlen nicht, und die Hauptprobleme
der Dogmengefchichte find nicht übergangen. Aber
beider Behandlung ift zu der Gefamtaufgabe in das rechte
Verhältnis gefetzt. Und gerade in diefer Harmonie der
Verhältniffe liegt ein Hauptvorzug des Werkes.

Ich glaube im Vorftehenden die Eigentümlichkeiten
diefer Darftellung der alten Kirchengefchichte hervorgehoben
und damit zugleich ihre Verdienfte ans Licht
geftellt zu haben. Daß ich nicht jedes Urteil im einzelnen
unterfchreiben möchte und zuweilen die Dinge und
Menfchen anders fehe als der Verfaffer, bedarf keiner
Verficherung. Aber ftatt folche Differenzen auszukramen,
möchte ich lieber meiner Freude über diefe Bereicherung
der Literatur Ausdruck geben. Es ift ein Buch aus
einem Guß, felbftändig wie in der Forfchung fo in feinem
Aufbau und gewandt in der Darftellung Der befte
Wunfeh, den man ihm mitgeben kann, ift der, daß es
an feinem Teile dazu beitrage, ein quellenmäßiges Ver-
ftändnis der alten Kirche zu fördern, deren Gebiet für
manchen noch immer nichts anderes ift, als ein Tummelplatz
wilder Hypothefen. Namentlich folchen nichttheo-
logifchen Lefern kann es ausgezeichnete Dienfte leiften,
die fich durch die lauten Fanfaren der Moniftenprediger
haben in Aufregung bringen laffen. Aber auch der
Fachgenoffe wird es gern dem Handwerkszeug einverleiben
, das ihm täglich zur Arbeit bereitfteht.

Hirfchhorn a. Neckar. Erwin Preufchen.

Sauter, Dr. Conft.: Avicennas Bearbeitung der Ariftotelifchen
Metaphyfik. (XI, 114 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder
1912. M. 3 —

Das Problem der iflamifchen Philofophie berührt fich
nahe mit den Intereffen der in letzter Zeit auf katholifcher
Seite fo üppig aufgeblühten Studien zur mittelalterlichen
Scholaftik. Es ift daher ganz natürlich, daß gerade von
diefer Seite eine in ihrer Eigenart treffliche Arbeit über
das genannte Thema erfcheint. Es ift die von Sauter
über Avicenna. Der Verfaffer ftellt fich die Aufgabe,
Avicenna in dem Bilde zu betrachten, in dem er den
chriftlichen Scholaftikern des Mittelalters erfchien 1 und
in demfelben die ariftotelifch-neuplatonifche Bafis von
den eigenen Weiterbildungen Avicennas zu unterfcheiden.
Aus diefem Grunde behandelt er in anfprechender und
flüffiger Darftellung die meiften metaphyfifchen Probleme
in der Weife, daß er zuerft die Lehren des Stagiriten
fchildert und an fie die des arabifchen Peripatetikers an-
fchließt. Die behandelten Fragen betreffen das wichtige
Problem des Gegenftandes der Metaphyfik und ihreAb-
grenzung gegen die Einzelwiffenfchaften (auch Averroes
kommt auf diefe Frage, z. B. in feiner Metaphyfik immer
wieder zurück), den Begriff des Seienden und feine Ein-

1) Aus diefem Grunde legt er feinen Arbeiten ausfchließlich die
lateinifchen Überfetzungen der Scholaftiker zu Grunde. Unberechtigt ift
es durchaus, das in diefen Dargebotene mit dem arabifchen Original zu
identifizieren. Die Züge des lateinifchen Avicenna und Averroes find
vielfach von denen diefer arabifchen Philofophen verfchieden. Beide
waren orthodoxe Muflime, fogar Apologeten des Iflam. Die Lehre
von der doppelten Wahrheit ift ihnen völlig fremd. Daß Averroes mit
dem Pantheismus in Beziehung fleht (ad S. 24), hat bereits de Boer 1894
gezeigt. S. zitiert diefe Schrift bei den Makäfid des Gazali (S. 18, 10;,
mit denen fie nicht in Verbindung fteht.

teilung, die erften Prinzipien, die Subftanz und die Akzidenzien
, die Univerfalien (Weiterbildung der Erkenntnistheorie
des Ariftoteles), Kritik der platonifchen Ideenlehre,
Gott, feine Beziehung zur Welt und das Leben im Jenfeits.
Diefem gehen einleitende biographifche und bibliographifche
Notizen voraus, die fich auf dielateinifchenBearbeitungen
befchränken.

Diefe Abgrenzung war für den Verfaffer auch deshalb
geboten, weil ihm die Kenntnis des Arabifchen abgeht
und er keinen Einblick in die iflamifche Kultur und die
einfehlägigen orientaliftifchen Arbeiten hat. Solange fich
feine Ausführungen auf fcholaftifchem Gebiete bewegen,
find fie fehr zutreffend. Wenn fie auf andere Fragen
übergreifen, verfallen fie leider in viele Fehler. Wäre es
dem Verfaffer nicht möglich gewefen, fich mit einem
Fachmanne auf orientaliftifchem Gebiete in Verbindung
zu fetzen, um fo manche Hörenden kleinen Verfehen zu
vermeiden? Es ift zu wünfehen, das S. auch den Averroes,
fo wie er dem lateinifchen Mittelalter erfchien, bearbeite.
Für ein abfchließendes Verftändnis des Werdeganges der
Scholaftik und der Umbildung der iflamifchen Philofophie
in ihrer Einwirkung auf jene find diefe Vorftudien von
großem Werte.

Bonn. Horten.

Lazarus, Dr. Paul: Das Bafler Konzil. Seine Berufg. u.
Leitg., feine Gliederg. u. feine Behördenorganifation.
(Hiftorifche Studien. 100.) (359 S.) gr. 8°. Berlin, E.
Ebering 1912. M. 9.50

Über die verfaffungsmäßigen Einrichtungen des Bafler
Konzils, feine Leitung und technifche Ordnung, befaffen
wir fchon feit 1877 eine kleine Leipziger Differtation von
Otto Richter, Die Organifation und Gefchäftsordnung des
Bafler Konzils (36 Seiten). Das ganz verdienftliche Schriftchen
war freilich fehr kurz und in mancher Hinficht von
vornherein unvollftändig. Und feitdem hat fich das Material
in fo außerordentlicher Weife erweitert, vor allem
durch das feit 1896 erfcheinende große Quellenwerk
.Concilium Basiiiense', daß eine neue, vollftändigere Bearbeitung
diefer, auf die Organifation des Konzils bezüglichen
Fragen durchaus geboten war. Paul Lazarus, der
das in dem vorliegenden Buch in erfreulicher Weife ge-
leiftethat, ift ein Schüler des Erlanger Hiftorikers G. Beckmann
(ein Teil der Arbeit ift als Erlanger Differtation
erfchienen); und Beckmann, der an der Herausgabe des
,Concilium Basiiiense' fowohl als der Deutfchen Reichstagsakten
der Zeit in hervorragender Weife beteiligt ift,
hat feinen Schüler mit reichlichem Material und wohl auch
mit feinem Rat unterftützt. Daß deffen Erftlingsfchrift
nun vollkommen Abfchließendes biete, wird man fchon
deshalb nicht glauben, weil das ,Concilium Basiiiense' noch
keineswegs vollendet ift. Aber die fleißige und gewiffen-
hafte Unterfuchung ift nicht nur weit über Richter hinausgekommen
, fondern dürfte im wefentlichen die Richtlinien
auch für die Zukunft feftgelegt haben. Schon die erften,
grundlegenden Kapitel über Berufung und Mitgliedfchaft,
Protektorat und Präfidium, Deputationen und Generalkongregationen
zeigen, wie fehr die Angaben Richters zu
verbeffern oder zu ergänzen waren. Anderes, wie die
Abfchnitte über die Nationen, die Ausfchüffe, die Kanzlei,
die Finzanzverwaltung, die Gerichtsbehörden, die Kulthandlungen
find faft ganz neu. Im Anhang ftellt Lazarus
ein namentliches Verzeichnis der nachweisbaren Beamten
zufammen und druckt vier bisher unbekannte Präfenz-
liften von 1433 und 1434 (wobei übrigens auf die Identifikation
der genannten Bifchofsftädte und anderen Orte
größere Sorgfalt hätte verwandt werden können).

Die für das Bafler Konzil charakteriftifche Gliederung
in Deputationen wird von Lazarus (S. 119) ähnlich wie
von Richter (S. 34f.) als zweckmäßig gelobt. Dagegen
gehen in einer anderen Frage der allgemeinen Beurteilung
die Anflehten der beiden auseinander. Richter macht für