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Ausgabe:

1913 Nr. 6

Spalte:

171-173

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, Hans

Titel/Untertitel:

Das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten. 2 Bde 1913

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 6.

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kann (ob nicht Späteres mit Urfprünglichem verbunden
worden iftr), fiehe jetzt die fehr intereffanten und neues
Licht in die alte Frage bringenden Ausführungen
A. Baumftarks in der Byzantinifchen Zeitfchrift 20, 1911,
177 ff, der gewichtigftes Beweismaterial für den altchrift-
lichen (prudentianifchen) Urfprung wenigftens einer ganzen
Anzahl der Tituli bzw. der in ihnen befchriebenen Darftellungen
bietet und ebenda zugleich im zweiten Teile feines
Auffatzes:,Frühchriftlich-paläftinenfifcheBildkompofitionen
in abendländifcher Spiegelung' fehr beachtenswerte Beobachtungen
über den neuteftamentlichen Mofaikenzyklus
von S. Appollinare Nuovo in Ravenna hinfichtlich feiner
paläftinenfifchen Bedingtheit fowohl in den Bildkompo-
fitionen durch jerufalemifche Vorbilder als in der Szenenfolge
durch die fyrifche (jakobitifche) Liturgie mitteilt.
Aus Reil fei noch hingewiesen auf treffliche Bemerkungen,
wie die über die Lipfanothek in Brescia, die .fich durch
ihren Bilderfchatz fo recht als Werk des Überganges
vom Ausgang des 4. Jhdts. charakteriüert (32 ff), über
das Aufkommen der Marien Verehrung (89 fr.), über die
relative Selbftändigkeit des Weftens gegenüber dem
Orient (81). So ift diefe Studie Reils, der fich bereits
mit feinem Buch über ,Die frühchriftlichen Darftellungen
von der Kreuzigung Chrifti' (1904) um die chriftliche
Archäologie verdient gemacht hat, nicht nur eine fehr
würdige Fortfetzung der von Johannes Ficker in Straßburg
herausgegebenen Hefte über chriftliche Denkmäler,
fondern auch eine neue gediegene Bereicherung und
Förderung der Wiffenfchaft von der altchriftlichen Kunft
und Kultur. Betreffs einiger weiteren Einzelheiten darf
noch auf meine Befprechungen im 2. Teil des Theologifchen
Jahresberichtes für das Jahr 1910 Seite 458 f. und in der
Chriftlichen Welt (noch nicht gedruckt) Bezug genommen
werden.

Wörth a. Rhein. G. Stuhlfauth.

AcheÜs, Prof H.: Das ChriRentum in den erlten drei Jahrhunderten
. 2 Bde. (XII, 296 u. VII, 469 S.) Lex. 8°.
Leipzig, Quelle & Meyer 1912. M. 26 —; geb. M. 30 —

An Handbüchern der alten Kirchengefchichte haben
wir nachgerade keinen Mangel mehr. Und wer heute
etwa einem Studenten raten foll, welchem Führer er fich
beim Studium diefer Zeit anvertrauen möge, kann wohl
in Verlegenheit kommen, weil ihrer fo viele find und
jeder feine Vorzüge und feine Schattenfeiten hat. Wer
aber einem Gebildeten raten foilte, aus welchem wiffen-
fcbaftlich zuverläffigen und doch lesbaren Buche er fich
eine lebendige Anfchauung von der Entftehung der chriftlichen
Kirche verfchaffen könne, der kam bisher aus
einem anderen Grund in Verlegenheit. So ergiebig auch
die Einzelarbeit gewefen war, fo reich an neuen Problem-
ftellungen die neuere Forfchung auch ift, es fehlte an
einer Gefamtdarftellung, die das Ergebnis in einer nicht
nur für Fachgenoffen und folche, die es werden wollen,
genießbaren Form zufammenfaßte. Hagenbachs Vor-
lefungen find veraltet, und Hafe ift eben Hafe. Die ausgezeichnete
Skizze von Jülicher und Harnack in der
,Kultur der Gegenwart', erfchließt ihren Reichtum erft
dem, der den Stoff fchon kennt. Es kann daher nicht
zweifelhaft fein, daß ein Buch freudig zu begrüßen ift,
das diefe Lücke ausfüllt, zumal wenn es auf einer fo
felbftändigen Durchdringung des Stoffes beruht, ohne dabei
die angenehme Lesbarkeit vermiffen zu laffen, wie
das der hier anzuzeigenden Darftellung nachgerühmt
werden darf.

In der Anordnung geht Achelis durchaus eigene
Wege. Es ift bezeichnend, daß er die Schilderung mit
der Chriftengemeinde in Jerufalem beginnt. Eine Erörterung
der religiös-fittlichen Zuftände im Heidentum
und Judentum der Zeit hat er nicht für nötig gehalten,
weil er die Entftehung und Entwicklung der Kirche aus
den in ihr liegenden Keimen und Kräften heraus erklären

j wollte (S. VIII). Daher findet man auch fehr viel feltener,
als das in andern Darftellungen der neueren Zeit herkömmlich
ift, Hinweife auf Parallelen des nichtchrift-
lichen Gebietes. Das entfpringt nicht etwa der Bequemlichkeit
, die fich um einen dem Theologen ferner liegenden
Stoff nicht bemühen mag; denn Achelis zeigt durch
zahlreiche Bemerkungen, daß ihm die antike Kulturwelt
I fehr genau bekannt ift. Vielmehr fucht und erreicht er
auf diefe Weife, dem Bilde eine Gefchloffenheit zu geben,
die das Licht auf einzelne Punkte fammelt und nicht
durch Betonung des Rahmens und der Nebendinge zer-
ftreut. Und um diefe künftlerifche Gefamtwirkung ift
es dem Verfaffer offenbar ganz befonders zu tun gewefen.
Immerhin müßte das der Darftellung als Mangel angerechnet
werden, wenn das fo gezeichnete Bild verzerrt
würde. Ich glaube nicht, daß das der Fall ift. Wir find
gegenwärtig nur zu leicht geneigt, die Frage nach Entlehnungen
zu ftellen, ehe wir die andere Frage geftellt
und beantwortet haben, ob fich beftimmte Erfcheinungen
nicht als das naturgemäße Ergebnis der in der Sache
felbft ruhenden oder tätigen Kräfte begreifen laffen.
Achelis lehnt bei der Betrachtung der urchriftlichen Ver-
faffung einen Einfluß ebenfowohl der heidnifchen Kultvereine
wie der Synagogen ab. Darin wird er ohne
Zweifel Recht haben. Die Entwicklung der Gemeinden
1 drängte zu einer Verfaffung, und die Bildung eines ge-
| fchäftsführenden Ausfchuffes war ebenfo felbft verftänd-
lich wie die Heraushebung einer einzelnen Perfon, der
! die oberfte Leitung oblag. Da bei den jüdifchen
j Synagogengemeinden die Verhältniffe durchaus gleichartig
waren, finden fich dort die aQxovxeq und der dgyi-
ovi'dymyoq. Ich fehe gerade darin einen Hauptvorzug
diefer Gefamtdarftellung, daß fie bemüht ift, das Selb-
ftändige und Eigenartige der chriftlichen Kirchenbildung
zum Ausdruck zu bringen.

Ein weiterer Vorzug fcheint mir der zu fein, daß
Achelis vor allem beftrebt ift, das innere Leben der
älteften Chriftenheit zur Darftellung zu bringen. Sieht
man von dem ftreckenweife auch heute noch lefenswerten
Verfuch Rothes, den Weingarten in die Kirchengefchichte
eingearbeitet hat, ab, fowie von der infolge einfeitiger
Problemftellung und überhafteter Arbeit mißlungenen
Gefchichte der chriftlichen Sitte von Beftmann, fo muß
man fchon auf Neander zurückgehen, um ähnliches zu
finden. Aber wieviel eindrucksvoller hat Achelis das
chriftliche Leben fchildern können! Man bedarf nicht der
Exkurfe, um zu finden, daß dies Buch nicht auf Grund
einer fleißigen Benutzung der MaterialfammlungenFrüherer
entftanden ift, fondern, daß es auf einem ausgedehnten
und gründlichen Quellenftudium beruht. Mit befonderer
Liebe ift Achelis dabei den Quellen nachgegangen, die
fonft in der Regel ftiefmütterlich behandelt werden; den
dürftigen Reften der kirchenrechtlichen Literatur begegnet
man fehr häufig, und Märtyrerakten und Heiligenlegenden
haben viele einzelne Züge liefern oder dunkle Andeutungen
aufhellen müffen. Vor allem aber zeigt fich durch
das ganze Buch, wie ergebnisreich eine genaue Kenntnis
der chriftlichen Archäologie für die lebendige Erfaffung
der Kirchengefchichte ift.

Entfprechend feinem Ziele, die Eigenart des altkirchlichen
Chriftentums zu begreifen und darzuftellen,
hat es fich Achelis befonders angelegen fein laffen, die
kultur- und fittengefchichtlichen Züge hervorzuheben
(z. B. Gebrauch des Kreuzeszeichens I, 140fr.; Abftinenz
II, 344ff; Bildungsftand der Kleriker II, 383fr. u.a.). Auch
nach folchen Abfchnitten wie ,das Privatleben der Chriften'
(II, 94fr.) oder ,der chriftliche Optimismus' (II, 376fr.) wird
man in anderen Kirchengefchichten vergeblich fuchen.
Und doch dürfte es unbeftreitbar fein, nicht nur, daß derartige
Querfchnitte in die Kirchengefchichte hineingehören,
fondern daß fie auch eine befondere Hervorhebung verdienen
. Soll die Kirchengefchichte ihre Aufgabe erfüllen,
zu zeigen, wie fich das Chriftentum als eine religiös-fitt-