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Ausgabe:

1913 Nr. 6

Spalte:

167-168

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schumacher, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Selbstoffenbarung Jesu bei Mat. 11, 27 (Luc. 10, 22) 1913

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 6.

168

die Behauptung zu stützen fucht, daß 2, 5 ff. die Ausführung
zu 2,4a und 3, iff. die zu 2,4b gebe: in dem Texl von
2, 5 ff. und 3,1 ff. weift nichts auf einen derartigen Zu-
fammenhang. Dem Ref. will es auch Rheinen, als habe
K. die Bedenken, welche von verfchiedenen Seiten gegen
die Abfaffung einzelner Vv. in 2, 5 ff. wie gegen die von
c. 3,1 ff. durch Hab. erhoben find, zu leicht genommen:
unstreitig haben die in c. 3 uns entgegentretenden Gedankenreihen
ihre Parallelen nicht fowohl in der vor-
exilifchen prophetifchen das vielmehr in der nachexilifchen
hymnifchen Literatur. In exegetifcher Beziehung weife
ich auf die Erklärung der Verfe 1,11 —14: hier wird K.
nicht nur nicht den großen Schwierigkeiten gerecht, welche
der Zufammenhang diefer Vv. bietet — unverkennbar
fteht doch 12b mit 11 und I2a mit 13a in enger Verbindung
— auch die von K. gegebene Exegefe ift unannehmbar
: ich verweife nur auf die Überfetzung von v. 11:
Dan overschrijdt hij [de perken], hij — wind, en hij over-
treedt; en schuldig is hij, wiens kracht zijn god is. Nicht
beffer ift es mit 12a, wo K. rTTO3 zum Vorhergehenden
ziehen will, doch zeigt fchon der Parallelismus der fo-
gewonnenen Stichen das Bedenkliche diefer Erklärung, ganz
abgefehen davon, daß ein derartiger Satz Mijn God, mijn
Heilige, wij zullen [immers] niet stervenf nicht recht zu
der in v. 13 folgenden Ausführung paßt, ja eigentlich
auch nicht zu 2,2 ff. Doch genug. Derartige Bedenken
gegen K.'s Erklärung, die fich leicht vermehren ließen,
können den Ref. nicht hindern, anzuerkennen, daß diefe
Arbeit Zeugnis von eindringendem Studium, vollkommener
Beherrfchung der Literatur und felbftändigem Urteil gibt,
fo daß fie die Beachtung der Fachgenoffen verdient.

Straßburg i/E. W. Nowack.

Schumacher, Dr. Heinr.: Die Selbftoffenbarung Jehl bei Mal.
11,27 (Luc. 10,22). Eine kritifch-exeget. Unterfuchg.
(Bibl. Studien. XVII. Bd., 6. Heft.) (XVIII, 225 S.)
gr. 8°. Freiburg i. B., Herder 1912. M. 5—

Die Arbeit Schumachers ift mit Dank zu begrüßen.
Sie (lammt von einem rechtgläubigen Katholiken und
verleugnet ihre Herkunft in keiner Weife. Aber der Ver-
faffer hat fich fo gründlich in den alten Quellen umgefehen,
fo eingehend die Literatur ftudiert, er gruppiert den Stoff
fo klar und hat fo viel Sorgfalt auf Sprache und Druck
verwendet, daß auch andersgerichtete Lefer fein Buch
mit Vergnügen und Nutzen gebrauchen werden. In fechs
Kapitel gegliedert, zerfällt es eigentlich in zwei Teile, die
fich um den urfprünglichen Wortlaut des behandelten
Logions und fodann um feinen Sinn und feine Tragweite
bemühen. Im erften Abfchnitt ift von befonderem Wert
der eingehende Bericht, den Sch. über den Tatbeftand
der Überlieferung des Textes abftattet. Von hier aus
wehrt er fich mit Glück gegen Verfuche, das Wort ganz
oder teilweife der Urgeftalt der Evangelien abzufprechen.
Nur ift er, von feinem Standpunkt aus begreiflich genug,
zu leicht bereit, das zum urfprünglichen Evangelientext
gehörige Jefuswort auch für ,echt und ungefälfcht' anzufeilen
.

Das wichtigfte Refultat der textkritifchen Bemühungen
ift dies, daß ovöslg Ijtvyivmdxu (Luc. yivmoxei) xbv vibv
(Luc. xiq sötiv 6 vtoc) zum Urbeftand des Textes gehörte
und dort die erfte Stelle einnahm. Darin wird Sch. recht
haben. Auch darin, daß Luc yivcööxei las. Wenn aber
für Matth, sjtiyivcööxsi und der — übrigens gnomifch zu
verftehende und daher mit Präfensbedeutung ausgeftattete
— Aorift tyvm beide urfprünglich fein follen, nämlich als
verfchiedene Übertragungen eines 3>T aus dem .hebräifchen'
Matthäusevangelium, fo muß diefe Erklärung allen denen
unglaublich vorkommen, die in unferem erften Evangelium
keine Überfetzung aus einem femitifchen Original zu fehen
vermögen.

Verftärken wird fich der Widerspruch angesichts
des zweiten Teils des Schumacherfchen Buches. Nach

des Verf. Meinung fpricht fich in dem Logion aus eine
.alles menfchlich Vorftellbare und Gedachte überfteigende
Gottesnähe, Gottesgleichheit, der nur eine metaphyfifche
Wefensgemeinfchaft als Fundament dienen kann' (S. 13414.
.Nach dem Selbftbewußtfein Jefu ift das Wefen des Sohnes
und Vaters genau das nämliche' (S. 141). So haben fchon
die Väter und die hervorragenden katholifchen Theologen
aller Zeiten das Wort verstanden. Der Versuch, die Entstehung
eines folchen Selbftbewußtfeins aus der jüdifchen
Meffiasvorftellung begreiflich zu machen, ift fehr fchwach
ausgefallen. Und die Behauptung, daß fich .durch den
ganzen fynoptifchen Bericht die Linie des metaphyfifchen
Gottesfohnsbewußtfeins Jefu' ziehe (S. 202), fcheint mir
auch durch die vier angeführten Perikopen (böfe Weingärtner
, Davids Sohn und Herr, Petrusbekenntnis, Prozeß)
nicht bewiefen. Die Art endlich, wie Sch. die feiner Auffassung
feindlichen Stellen (jcavxa [ioi JtccQeöö&rj vxb
xov Jiaxgbq (lov Mt. 11,27; oder Mc 13,32 = Mt. 24,36)
um ihr Gewicht zu bringen fucht, ift fo echt fcholaftifch,
daß der .rationalistische' Forfcher nur verblüfft ftaunen
kann, ohne die geringste Neigung zu verfpüren, fich diefer
Fingerzeige zu bedienen, um vom falfchen Weg auf den
richtigen zu gelangen.

Daß E. Nordens Agnoftos Theos 1913 mit feinen
bedeutfamen Erörterungen über Matth. 11,27 zu fpät
erfchienen ift, um von ihm berückfichtigt werden zu können,
wird Verf. felbft am meiften bedauern.

Marburg/Heffen. Walter Bauer.

Harnack, Adolf: Über den privaten Gebrauch der heil.
Schriften in der alten Kirche. (Beiträge zur Einleitung
in das Neue Testament V.) (VII, mS.) 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs' 1912. M. 3—, geb. M. 3.80

Das dreifache Intereffe, das die Frage nach dem
Privatgebrauche der heiligen Schriften in der alten
Kirche für fich beanfpruchen kann, wird von Harnack
in der Einleitung klargelegt. Der Gegenstand ift zunächft
einmal ein Streitpunkt in der Kontroverfe zwifchen
Katholizismus und Protestantismus: hat der Katholizismus
wirklich das Recht, fich auf die alte Kirche zu berufen,
wenn er die Bibel als Besitz der organisierten Kirche
anfieht und pädagogifch kontrollierend dem Einzelnen
den unbefchränkten Gebrauch des heiligen Buches nicht
gestattet? ober die Frage ift weiterhin im Streite Leffings
mit Goeze und mit Walch gehandelt worden in der ungemein
wichtigen Zeit, als gerade durch Leffing für den
Protestantismus das Bibeldogma gebrochen wurde; Leffing
| indes, der behauptete, die Laien der alten Kirche durften
die Bibel nicht lefen, ift an diefem Punkte Walch gegenüber
im Irrtum geblieben. Endlich kommt gerade in
unferer religionsgefchichtlich forfchenden Zeit noch ein
großes Intereffe an der Frage in Betracht, und H. bekennt
, es fei für ihn das wichtigfte gewefen: die Myfterien-
und Priefterreligionen, die heilige Schriften haben, fehen
diefe als Geheimbefitz an, den fie nach außen hin und
auch den niederen Gliedern der eigenen Gemeinfchaft,
den Laien gegenüber, forgfältig hüten; hat die alte Kirche,
die doch rafch und in hohem Maße auch Priester- und
Myfterienkirche geworden ift, ihren Laien gegenüber die
heiligen Bücher in ähnlicher Weife verfchloffen?

Die Zeit, für die H. die fcharfen und auf feiner
großen Belefenheit flehenden Untersuchungen führt, umspannt
das 1. bis 4. Jahrh., und er teilt den Zeitraum in
drei Teile, denen die drei Kapitel der Unterfuchung gewidmet
find: die Zeit bis Irenäus, die Zeit von Irenaus
bis Eufeb und endlich die Zeit von Eufeb bis Theodoret.
Die Fülle des beigebrachten Materiales ift erdrückend,
und das Ergebnis, zu dem die Unterfuchung kommt, ift
durch sichersten Beweis gestützt. Die alte Kirche hat
niemals dem Einzelnen die Benutzung der heiligen
Schriften unterbunden; fie hat im Gegenteil felbftändige
Lektüre der Bibel dem Laien empfohlen, der Klerus hat