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Ausgabe:

1913

Spalte:

161-165

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonhöffer, Adolf

Titel/Untertitel:

Epiktet und das Neue Testament 1913

Rezensent:

Capelle, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schiirer und Adolf Harnack

Fortgeführt von Professor D. Arthur TitiUS und Oberlehrer Lic. Hermann Schuster

Jährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich 10 Mark

r-, ~ _ Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find ausfchließlich an

OO. Jahri? Nr Fl ProfeflorD. Titius in Göttingen, Nikolausberger Weg 66, zu fenden. 1 pl TV/Tär7 1Q1.T«

UaUiO" ^ Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag. °' ^ACU *■ iC7J-°

ßonhöffer, Epiktet u. das Neue Teftament

(Capelle),
binde, Alte Kulturftätten (Guthe).
Katwijk, De Prophetie van Habakkuk (No-

wack).

Schumacher, Die Selbftoffenbarung Jefu bei

Mar. 11,27 (Luc. 10,22) (W. Bauer).
Harnack, Über den privateu Gebrauch der heil.

Schriften in der alten Kirche (Knopf).
Keil, Die altchriftlichen Bildzyklen des Lebens

Jefu (Stuhlfauth).
Achelis, Das Chriftentum In deD erften drei

Jahrhunderten (Preufchen).
S au t e r, Avicennas Bearbeitung der Ariflotelifchen

Metaphyfik (Horten).

Lazarus, Das Bafler Konzil (Robert Holtz-
mann).

Kroker, Anekdoten Melanchthons u. Leipzig
(Wolff).

Hamon, Vie de Saint Frangois de Sales(Choisy).

Tillich, Myftik u. Schuldbewußtfein in Sendlings
philofophifcher Entwicklung (Dorner).

Ruft, Über den 'Jnterfchied zwifchen philofophifcher
u. theologifcher Ethik (Derf.).

Brei t, IbfensSoziologieundEthik(Schwartzkopff).

Wirz, Die Erlöfung (Steiumann).

Fulliquet, Precis de Dogmatique (Lobftein).

Johnfen, Homo sapiens (N'iebergall).

Holzapfel u. Keicher, Moniftifche u. chrift-
liche Weltanfchauung (Derf.).

Sorley, The Moral Life and Moral Worth (E.
W. Mayer).

Nieberga 11, Praktifche Auslegung des Alten
Tellaments. 1. Bd. (Kleinert).

Bachmann, Gefchichte der Kirchenzucht in
Kurheflen (Eger).

Referate: Funk .Lehrbuch der Kirchengefchichte.
— Luther, Sämtliche deutfehe geiftliche
Lieder. — Diffelhoff, Jubilate. — Pannwitz
, Zur Formenkunde der Kirche. — Blau,
Das Wort vom Kreuz. — Priebe, Kirchliches
Handbuch.

Mitteilungen: (9) Bibliographie Niederländifcher
Poftinkunabula. (10) Quellen d. Religionsgefch.
Wichtige Rezenfionen. — Neuefte Literatur.

Bonhöffer, Adf.: Epiktet u. das Neue Teltament. (Religions-
gefchichtliche Verfuche u. Vorarbeiten. X. Bd.) (XII,
412 S.) gr. 8°. Gießen, A. Töpelmann 1911. M. 15 —

Seitdem die religionsgefchichtliche Forfchung das
Neue Teftament aus feiner Ifolierung von der antiken
Umwelt befreit hat, ift das Verhältnis zwifchen den neu-
teftamentlichen Schriften und der griechifchen Philofophie
nach den verfchiedenen Richtungen von berufener und
noch mehr von unberufener Seite erörtert worden. Wenn
aber ein Mann wie Bonhöffer, der wegen feiner früheren
Werke 1 als ein ernfter Erforfcher der früheren Stoa anerkannt
ift, ein Buch wie das vorliegende veröffentlicht,
fo darf man von vornherein eine feftfundierte und in die
Tiefe dringende Arbeit erwarten. Und wenn ein Meifter
wie Wilamowitz2 von Epiktet fagt: .Schwerlich gibt es
einen Chriften der alten Kirche, der der wirklichen Lehre
Jefu, wie fie bei den Synoptikern fleht, fo nahe käme wie
diefer Phryger', fo wird auch der moderne Theologe anerkennen
, daß hier ein Gebiet von eigenartiger Bedeutung
behandelt ift.

Bonhöffer unterwirft die Beziehungen zwifchen Epiktet
und dem N. T. einer gründlichen Unterfuchung auf Wortschatz
, Stil, einzelne Begriffe und auf Hauptgedanken und
Grundanfchauungen. In dem .Erften Buch' (S. 1 —195)
behandelt er die .Frage der Abhängigkeit', zuerft
(S. 4—82) die Frage, ob Epiktet vom N. T. beeinflußt ift.
Das war freilich für die Wiffenfchaft, d. h. für alle, die
die griechifch-römifche Popularphilofophie feit Jahr und
Tag aus den Quellen kennen, zum minderten feit Wendlands
Anzeige von Zahns Schrift3, keine .Frage' mehr.
Aber Bonhöffers methodifche und^allfeitige Widerlegung
Zahns und auch des Holländers Kuiper, der — obgleich
Philologe — feltfamerweife noch 1906 Zahns Standpunkt
vertreten hat, einfach, weil er von der ftoifchen Philosophie
eine wiffenSchaftlich ganz unzureichende Kenntnis
hatte — Bonhöffers abfolute Widerlegung Zahns und
Kuipers ift doch relativ Sehr verdienftlich, denn er wird

1) Epiktet und die Stoa. Stuttgart 1890. Die Ethik des Stoikeis
Epiktet. Stuttgart 1894.

2) Die griechifche Literatur des Altertums S. 169 (Kultur der
Gegenwart I 8. 3. Aufl. 1911).

3) Der Stoiker Epiktet und das Chriftentum. Erlangen 1894.
2. Auflage 1895. Rezenfiert von Wendland, Theol. L.-Z. 1895 Sp. 493 f.

I6l

— mit Eduard Norden 1 zu reden — ,der wahrhaft unerträglichen
Diskuffion, ob Epiktetos von den chriftlichen
Schriften Kenntnis genommen hat, durch feine ruhige
und eindringende Beweisführung, die durch ihre fprach-
liche Analyfe nicht geringen Wert hat, hoffentlich ein
für allemal ein Ende gemacht haben'. Ja, man darf es
ruhig ausfprechen: wer auch jetzt noch auch nur an die
Möglichkeit einer Kenntnis des N. T. durch Epiktet
denkt, der hat das Recht, in diefen Dingen mitzureden,
verwirkt.

Während aber diefer erfte Teil dem Eingeweihten
kaum Neues bringt, ift der zweite (S. 82—195) von weit
größerem Intereffe, die Frage nämlich, ob (und inwieweit)
das N. T. von der fpäteren Stoa beeinflußt ift. B. kommt
hier, im wefentlichen übereinftimmend mit Clemen2 —
von peripherifchen Einzelheiten abgefehen — zu einem
faft durchweg verneinenden Ergebnis. Ohne weiteres
klar ift das für die Synoptiker3, im allgemeinen auch für
Paulus, foweit deffen Grundanfchauungen in Betracht
kommen, zweifellos richtig, wenn auch einzelne frappante
Anklänge an den Stil der kynifch-ftoifchen Diatribe nicht
mit B. aus der helleniftifchen Umgangssprache, fondern
entweder aus Kenntnis der Diatribe (die nicht literarifch
vermittelt zu fein braucht) oder aus Einwirkung der
afianifchen Rhetorik zu erklären fein werden. (Vgl. jetzt
vor allem Wendland, Die hellenift.-röm. Kultur, 2. Aufl.
Tübingen 1912, S. 357 Anm.) Wertvoll find aber be-
fonders B.s Unterfuchungen über den Wortfehatz des
Paulus im Vergleich zu dem des Epiktet, nicht nur, weil
daraus erhellt, wie verfchwindend gering die Berührungen
des Paulus mit der Terminologie der Popularphilofophie
find, oder ob und welche Wörter des Apoftels der
höheren Koivrj entflammen, fondern vor allem, weil fie
zeigen, wie Paulus und Epiktet oft diefelben Wörter in

1) In feinem eben erfchienenen bedeutfamen Buche ,Agnoftos
Theos', Unterfuchungen zur Formengefchichte religiöfer Rede. Leipzig,
Teubner, 1912. S. 6, r. Ich danke dem verehrten Verfaffer für die
gütige Überfcndung feines Buches auch au diefer Stelle.

2) Religionsgefchichtliche Erklärung des Neuen Tellaments. Gießen,
Töpelmann 1909.

3) Norden, Antike Kunftprofa II 472: ,Wer in dem Stoff der fy-
noptifchen Evangelien irgendwelchen hellenifchen Einfluß annimmt, begeht
einen prinzipiellen Fehler'. — Ich flimme Bonhöffer auch S. 96 fr.
(gegenüber Clemen) zu. Übrigens zeigt B. 89 ff. an verfchiedenen Bei-
fpielen, wie oberflächlich oft in der Ausbeutung und Ausdeutung angeblicher
oder wirklicher Parallelen verfahren wird.

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