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Ausgabe:

1913

Spalte:

155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kegel, Mart.

Titel/Untertitel:

Wilhelm Vatke u. die Graf-Wellhausensche Hypothese 1913

Rezensent:

Holzinger, Heinrich

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155

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

wefentlicher Einfluß auf deffen Verhalten und auf den
Gang der Handlung überhaupt eingeräumt werden. Erft
nach feinem Tode ift ihre Zeit gekommen. Die Volks-
fzenen find durchweg gut gelungen. Auch die Sprache
ift kraftvoll und dem Gegenftande angemeffen. Das vor-
herrfchende Versmaß ift der Blankvers. Weshalb zwifchen-
durch ohne erfichtlichen Grund der Rhythmus öfters
völlig verwifcht ift, ift mir nicht klar geworden.

Das Werk ift in ein der Rechtfertigung der dramatifchen
Behandlung des Stoffes dienendes Vorfpiel und in fechs
,Handlungen' gegliedert. Die erfte und bei weitem längfte
fpielt vor dem Tempel, entrollt ein Bild des Treibens
dafelbft und des Parteilebens, führt die Tempelreinigung
und im Anfchluß daran Streitreden mit Prieftern und
Schriftgelehrten, fonftige Lehren Jefu und eine Dämonenaustreibung
vor. Die zweite führt uns nach Bethanien.
Die dritte enthält die Abendmahlsfeier und Gethfemane,
die vierte die Verhandlung vor dem hohen Rat, die fünfte
die Verurteilung durch Pilatus, die fechfte Golgatha, das
Begräbnis und die Entftehung des Auferftehungsglaubens.
Gerade diefe letzten Szenen, welche fonft vielfach aul
ftarken Widerfpruch ftoßen werden — Maria Magdalena
als Vifionärin gibt den Anftoß zum Umfchwung der
Stimmung der Jünger — gehören vom poetifchen und
dramatifchen Standpunkt betrachtet m. E. zu den wirk-
famften des ganzes Stückes.

Die Ausftattung des Werkes ift recht gut, was in
Anbetracht des Gegenftandes befonders wohltuend wirkt.

Münfter i. W. Wilh. Koppel mann.

Referate.

Kegel, Pred.-Sem.-Studien-Infp. Dr. Mart.: Wilhelm Vatke u. die
Graf-Wellhaulenlche Hypothele. (III, 143 S.) 8". Gütersloh,
C. Bertelsmann 1911. M. 2 —

Das Büchlein gehört zu der unerfreulichen Sorte von Streit-
fchriften, weil es fachlich nicht fördert. Wenn jemand eine
wiffenfchaftliche Theorie mißbilligt und mehr oder minder witzig
über fie oder einzelne Vertreter malitiöfe Bemerkungen macht,
fo gibt es zwar immer genügfame Leute, die fo etwas für eine
Widerlegung halten, aber gefchafft wird fo nichts.

Was der Verf. mit feiner Herausftellung der fpäteren kriti-
fchen Anficht Vatkes eigentlich will, kann man fragen. Wenn
er fie auch der Graf-Wellhaufenfchen vorzieht, fo lehnt er fie
doch wiederholt (z. B. S. 83. 108. 140) ab. Der Hauptzweck der
ganzen Übung fcheint mir ein Vorftoß gegen Kautzfeh zu fein,
der in der Vorlefung fich ausführlich über Vatkes Jugendwerk
geäußert und dann berichtet habe, daß der alte Vatke die darin
aufgehellten Behauptungen revoziert hat. ,Man mußte annehmen
aus Senilität' wird mit einem Ausrufezeichen fittlicher Entrüftung
eingefügt. Alfo ,man', d. h. Herr Kegel, hat diefen Kaufalzufammen-
hang in Kautzfch's Darftellung hinein gehört. Was er S. 6 annehmen
mußte', ift dann S. 79f. 102. 140 eine tatfächlich aufgehellte
Behauptung. An deren Widerlegung wendet ,die vorliegende
Studie' ein im übrigen ganz gefchicktes Exzerpt vor
allem aus Vatke's Einleitung, als welche beweift, daß diefer auch
in feinem Alter ein fcharffinniger Mann gewefen ift. Ich habe
Kautzfch perfönlich fo kennen gelernt, daß es mir unmöglich
ift, anzunehmen, er habe über einen Toten in diefem Ton geredet.
Stuttgart. H. Holzinger.

Jaarboek der Vereeniging voor Nederlandsch-Luthersche Kerkgeschie-
denis. In haar naam uitgegeven door Hoogl. Pred. Dr.
J. W. Pont. (Nieuwe Bijdragen tot kennis van de geschie-
denis en het wezen van het Lutheranisme in de Nederlanden.
Deel IV.1) (V, 149 blz. m. afb.) gr. 8°. Amsterdam, Ten
Brink en De Vries 1911.

Zum erften Male feit Beliehen feines der Erforfchung der
Gefchichte des niederländifchen Luthertums dienenden Jahrbuches
' haben im vorliegenden vierten Bande außer dem Herausgeber
felbft noch andere Mitarbeiter ihre Beiträge geliefert —
ein Beweis, daß die von Pont vertretene Sache langfam Anklang
findet. An erfter Stelle bietet der Herausgeber einen Abdruck
eines der älteften Lehrbücher der niederländifchen lutherifchen

fl In Nr. 15 Qahrg. 1912) ift im Titel Band IV angegeben;
es muß dort heißen: Deel III. 1910.

Kirche, des kleinen corpus doctrinae von Mattheus Judex, 1564
erftmalig deutfeh erfchienen, dann in verfchiedene Sprachen
überfetzt, echt gnefio-lutherifch gehalten. Ein Lebenslauf von
Judex geht dem der älteften niederländifchen Ausgabe von 1564
folgenden Abdruck vorauf, Erklärungen find unter den Text gefetzt
. Der Mennonitenprediger Loosjes von Hollum bietet die
auf die Anwefenheit der Lutheraner zu Ameland bezüglichen
Aktenftücke aus den Archiven der niederländifch-reformierten
Gemeinden zu Ballum und Nes; 1867 erfcheint der letzte Lutheraner
in Ameland. Bibliothekar G. van Rijn fchildert an der
! Hand verfchiedener abgebildeter Spottbilder Streitigkeiten unter
den Lutheranern zu Amfterdam. Pont bietet eine fehr wertvolle,
peinlich genaue Statiftik der niederländifchen Lutheraner; fie zählen
gegenwärtig 97700 Mitglieder gegen 92897 im Jahre 1899 und
64539 im Jahre 1859, d. h. 1,66"/<, der Gefamtbevölkerung; im
Verhältnis zu diefer ift ein Rückgang eingetreten, denn 1899 betrug
der Prozentfatz 1,82 (die Juden zählen 99785 Mitglieder).
Die größte Gemeinde ift die Amfterdamer mit 34371 Seelen,
genaueftens hat Pont die einzelnen Orte in den einzelnen Provinzen
regiftriert; zwei Richtungen, einfache und alte (herfteld)
j Lutheraner find zu unterfcheiden. Weiterhin wird abgedruckt die
j historia ecclesiastica der lutherifchen Gemeinde zu Enchufen
' von ihrem Prediger Tatinghof. Baron Snouckaert von Schauburg
I bietet das Inventar des Archivs der lutherifchen Gemeinde zu
I s'Gravenhage (darunter ein Privileg des württembergifchen Herzogs
| von 1706 an vier Iutherifche Kirchen, zwei Studenten in Tübingen
! ftudieren zu laffen), und Otto Clemen aus Zwickau fchließt den
Band durch Mitteilung eines niederländifchen Druckes der
Kirchenpoftille Luthers von 1627.
Zürich. Walther Köhler.

Mitteilungen.

8. Die Jahresverfammlung der amerikanifchen ,Society
of Biblical Literature' fand Ende Dezember 1912 in
Wafhington ftatt. Einem Berichte darüber von Morris Jaftrow jun.,
dem Affyriologen von Philadelphia, in ,The Nation' entnehmen
wir einige intereffante Mitteilungen über gehaltene Vorträge. —
Profeffor L. B. Paton von dem Hartford Theological Seminary
fprach über die ifraelitifche Eroberung Kanaans. Er nahm zu-
nächft eine Analyfe der beiden Erzählungen in Jofua' und ,Richter'
1 vor, die in keiner Weife miteinander vereinigt werden können,
und betrachtete dann die Erzählungen nach anderen, hauptfächlich
ägyptifchen Quellen, um daraus die Anwefenheit hebräifcher
Stämme in Paläftina zu erklären. Einige diefer ägyptifchen
Quellen laffen die Eroberung durch folche Stämme, welche Teile
I der fpäteren Förderation find, während der 18. ägyptifchen Dynaftie
erkennen, während andere Beweismittel zu der 19. Dynaftie führen.
I Unter Betrachtung des ganzen Materials fuchte Paton eine Löfung
I dadurch, daß er eine frühere und unvollftändige Eroberung durch,
j um den Namen von Leah, einer der Frauen des Stammvaters
Jakobs, gruppierte Stämme annahm und eine zweite ergänzende
Eroberung, in welcher die Rahel-Stämme auftraten. Die frühere
Eroberung, die das Buch Jofua erzählt, gehöre in die 18. ägyp-
tifche Dynaftie, die fpätere in den Richtern befchriebene in die
19. Dynaftie. — Profeffor Paul Haupt interpretierte die Vifionen
des Sacharjah als in Beziehung zu inneren Zwiftigkeiten in
dem perfifchen Reich während der Regierung Darius I. (522—486
v. Chr.) ftehend. Die Juden erhofften von diefen inneren Zwiftigkeiten
einen Fall des Reiches und den Triumpf der Jerufalemer
Priefterfchaft über die von Samaria, dem Zentrum der rivalifie-
renden Sekte. — Eine einfehneidende Unterfuchung über die
angenommene medizinifche Sprache des Lukas-Evangeliums und
der Akten legte Prof. Henry J. Cadbury vor. Seit den Tagen
Hobarts, eines amerikanirch en Neuteftamentlers, der im Jahre 1830
j geftorben ift, wurde die Thefe verfochten, daß die medizinifchen
Ausdrücke in Lukas und Akten die Tradition beftätigten, daß
1 diefe Bücher von einem Arzt gefchrieben feien. Ein detailliertes
Studium der Sprache der beiden Bücher brachten aber Prof. Cadbury
zu der Anficht, daß die fogenannten medizinifchen Ausdrücke
weder folche find, die nur medizinifchen Spezialiften angehören,
noch folche, die Laien nicht gekannt haben könnten. Wenn man
1 andere Schriftfteller, z. B. Lukian, auf diefen Gefichtspunkt hin
j unterfucht — der gewiß kein Arzt war — fo könnte man mit folchen
Vorausfetzungen auch annehmen, daß Lukians Dialoge und Abhandlungen
von einem Arzt gefchrieben find. Cadbury will durch
die Zurückweifung der bisherigen Anflehten keineswegs beweifen,
j daß Lukas kein Arzt war oder daß er das Evangelium und die
I Akten nicht verfaßt habe, fondern nur, daß der Gebrauch folcher