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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

154-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nithack-Stahn, Walth.

Titel/Untertitel:

Das Christusdrama 1913

Rezensent:

Koppelmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

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deutfche Univerfität als Unterrichtsanftalt und als Werk-
ftätte der wiffenfchaftlichen Forfchung', über ,Lehrftühle
für Pädagogik', über ,Dorf und Dorffchule als Bildungs-
ftätte', über die Frage: ,Simultan- oder Konfeffionsfchule?'
und vieles andre, was die Pädagogen im weiteften Sinne
des Wortes feit drei Dezennien innerlich bewegt hat, die
als abgefchloffen hinter uns liegen. Es ift höchft inter
effant, zu beobachten, wie Paulfen in diefer Zeit eine Ent

ftark im Rückftand ift und eine Zunahme der Zahl der
Miffionsfchweftern dringend nötig ift.

Das Heft bietet nicht nur eine vortreffliche Überficht
über ein neues Gebiet, fondern auch mannigfache
Anregungen.

Ahlden a. d. Aller. E. W. Bussmnnn.

Nithack-Stahn, Waith.: Das Chriftusdrama. (152 S.) 8°
Wicklung durchgemacht hat, die fich mehr und mehr in p>ri:n w tw„„..-xk t>t „ , „

der Richtung kSnfervativer Wertung der überkommenen I Berlln' W- Eingraben (1912). M. 3 —, geb. M. 4-
Bildungsformen bewegt, namentlich von da an, wo ihm j Eine zufammenhängende Darfteilung des Lebens Jefu
das als erftrebenswert vorfchwebende Ziel der Zulaffung
auch der Abiturienten von dem Realgymnafium und der
Oberrealfchule zum Univerfitätsftudium als erreicht, und
durch feine Mitwirkung erreicht, bezeichnet werden
konnte. Dabei ift ausdrücklich hervorzuheben, daß
Paulfen in jedem Stadium der Entwicklung feiner päda-
gogifchen Anflehten mit dem Vorzuge fcharfer Erfaffung
der Probleme die andern des lebhaften perfönlichen wie
ethifchen Intereffes und der maßhaltigen Befonnenheit
auch im Urteile über feine Gegner verbindet. Daß er
als Philofoph nur eine philofophifch orientierte Pädagogik
kennt und anerkennt, liegt in feinen Verhältniffen

auf wiffenfchaftlicher Grundlage — darin herrfcht wohl
heute weitgehende Übereinftimmung — ift nicht möglich.
Um fo mehr dürfen die neueften Verfuche, die Perfon
Jefu dramatifch darzuftellen, auf Intereffe auch bei den
Theologen rechnen. Denn was dem Mann der Wiffen-
fchaft auf feinem Gebiet nicht wohl anfleht, nämlich der
Phantafie die Zügel fchießen zu laffen, das ift dem Dichter
nicht allein erlaubt, es ift feines Amtes. Nicht als ob
diefer mit der Gefchichte willkürlich umfpringen dürfte!
Trotz Leffing empfinden wir das heutzutage als unerträglich
, denn unfere Intereffengebiete laffen fich nun einmal
nicht auseinanderreißen, am wenigften bei der alles überbegründet
und kann ihm umfo weniger zum Vorwurf j ragenden Perfon Jefu. Wer deshalb Jefus poetifch dargemacht
werden, als feine Gefamtanfchauung von einer
fo edlen Gefinnung durchdrungen ift, daß ihm auch der
theologifch orientierte Pädagoge durch die vielfeitige Anregung
, die er aus diefen feinen Aufl atzen gewinnt, zu
lebhaftem Danke verpflichtet ift. Der Dank gebührt aber
auch dem Herausgeber, der uns diefen reichen Schatz
pädao-ogifcher Auflätze aus Paulfen's Feder durch diefe
wertvolle Sammlung zugänglich gemacht hat.

Göttingen. K, Knoke.

Mirbt, Geh. Konfift.-R. Prof. D.: Die Frau in der deutfehen
evangeliichen Auslandsdiafpora u. der deutfehen Kolonial-
miifion. (30S.) 8°. Marburg,N.G.Elwert 1912. M. —60
Der auf dem Inftruktionskurfus über chriftliche
FYauentätigkeit zu Caffel 1911 gehaltene Vortrag zeigt
alle Vorzüge der Arbeitsweife Mirbts: peinliche Genauigkeit
in den Angaben, Einordnung unter großzügige und
weitfehauende Gefichtspunkte, Vorficht und Treffficher-
heit des Urteils und eine angenehme Form der Darfteilung
. Es überrafcht erft, daß Auslandsdiafpora und j gezogen ift und was er von dem ihm bevorftehenden

zuftellen unternimmt, von dem kann man mit Recht verlangen
nicht bloß, daß er mit den Quellen und mit der
Zeitgefchichte gründlich bekannt fei, fondern auch, daß
er, unbefchadet des Rechtes feiner eigenen Auffaffung,
deren plaftifche Darftellung ja feine Aufgabe ift, fich mit
den Quellen nicht an wichtigen Punkten in Widerfpruch
fetze. Es ift ein großer Vorzug des Nithack-Stahnfchen
,Chriftusdramas' vor Karl Weifers fonft manches Schöne
aufweifendem Jefus', daß es hiftorifch und theologifch
beffer fundiert ift und fich von romantifchen Zutaten
frei hält.

Die Auffaffung unferes Dichters von der Perfon Jefu
ift im wefentlichen die der neueren Theologie. Dagegen
wird fich vom literarifchen Standpunkt nichts einwenden
laffen. Es fragt fich aber, ob es ihm gelungen ift, diefe
feine Auffaffung zu einem einheitlichen, überzeugenden
Bilde auszugeftalten. Hier liegt m. E. der Mangel des
Dramas. Das eschatologifche Moment ift mit den anderen
Seiten des Geiftes Jefu nicht organifch verbunden. Auch
wird nicht klar, zu welchem Zwecke Jefus nach Jerufalem

Kolonialmiffion zufammengeftellt werden, aber fie laffen
fich unter dem Gedanken .Förderung des Deutfchtums',
dem wir .Pflege des Evangeliums' hinzufügen möchten,
wohl zufammenfaffen. Sie find die Auslandspolitik der
d. e. Kirche. Es wird dann eingehend der Anteil der
Frau an der Fürforge für die Auslandsgemeinden befchrieben.
Wenn die Mitwirkung der Frau im häuslichen Leben ausführlich
behandelt wäre, wären wie fpäter im anderen Teil
wohl manche Forderungen erhoben. Hinzufügen möchte
ich noch: Einzelne Gemeinden haben den Frauen Anteil
an der Gemeindeleitung gegeben, in anderen find fie
tätig in den Hilfsvereinen, in manchen gibt es auch
Deutfch-evangelifche Frauenvereine. Ausführlich wird
die Tätigkeit der Kaiferswerther Diakoniffen in Italien
und dem Orient befchrieben, auch die Pfarrfrau nicht
unerwähnt gelaffen, fchfießlich die Frauenhilfe fürs Ausland
erwähnt. Natürlich ift diefe Aufzählung nicht voll-
ftändig, dazu war der Rahmen eines Vortrages zu eng.
Es fehlen z. B. die Schweftern vom Diakonieverein und

Schickfal und feiner Bedeutung denkt. Überhaupt fehlt
allzufehr das Planmäßige in feinem Tun. Es fcheint, daß
er ftets auf Eingebungen wartet. /Wenn meine Stunde
da ift, werd ich kommen', ,lch harre Gottes' antwortet
er den zum Handeln drängenden Jüngern. Diefer fata-
liftifche Zug, der Jefus im wefentlichen zu einem bloßen
Werkzeug in der Hand eines Höheren macht, ift, von
anderen abgefehen, undramatifch und der Gefchloffenheit
der Handlung nicht förderlich.

Zum Teil hängt der Mangel an genügender Motivierung
des Verhaltens Jefu und deshalb an Gefchloffenheit
der Handlung damit zufammen, daß der Verfaffer erft mit
der Tempelreinigung beginnt, in ftarkem Gegenfatz zu Weifer
, welcher in feiner Tetralogie mit der Geburtsgefchichte
anfängt. (Ich felbft habe die Handlung mit der Taufe ein-
fetzen laffen.) Dadurch wird die Gelegenheit zur Darftellung
des Innenlebens Jefu allzufehr eingefchränkt. Auch ergab
fich daraus die Notwendigkeit, Lehrftücke, die zur Charak-
terifierung Jefu dienen follen, aus der galiläifchen Periode

Roten Kreuz, aber der Verfaffer weift felbft auf diefe in die Leidenszeit zu verfetzen. Das wirkt öfters ftörend,
Unvollftändigkeit hin, die Bevorzugung des Orients habe j fo zum Beifpiel, wenn die Seligpreifungen als Begleitworte
ihren Grund in einer dorthin unternommenen Reife. Im i bei der Fußwafchung verwandt werden,
zweiten Teil werden die Verhältniffe in den deutfehen Im Einzelnen ift an dem Drama manches zu rühmen.

Kolonien befprochen, zunächft die Hilfe der deutfehen Die Nebenperfonen find meiftens frifch und lebendio- geFrauen
in der Heimat und dann in den einzelnen Ge- zeichnet, auch die Mutter Jefu und Judas. Die anderen
bieten, endlich in den in den Kolonien arbeitenden deut- i Jünger treten freilich fehr zurück. Das war kaum zu ver-
fchen evang. Millionen, wobei darauf hingewiefen wird, j meiden. Wenn nicht die alles überragende Größe des
daß die evangelifche Frauenmiffion in unteren Kolonien Meifters beeinträchtigt werden follte, konnte ihnen kein