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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

152-153

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paulsen, Friedrich

Titel/Untertitel:

Gesammlte pädagogische Abhandlungen. Hrsg. u. eingel. v. Eduard Spranger 1913

Rezensent:

Knoke, Karl

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151 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5. 152

eigentlichen Triebkräfte des religiöfen Lebens, wenn er .
auch in feiner Weife bemüht ift, dem Chriftentum Gerechtigkeit
widerfahren zu laffen. Gewiß werden wir heute
den Beweis für die Exiftenz des Übernatürlichen nicht I
mehr in vifionären Erfcheinungen oder anderen auffallenden
Einzelerlebniffen an fich erblicken dürfen und doch an
eine göttliche Leitung menfchlicher Schickfale glauben
können, fofern wir erkennen, wie organifch in einem
Menfchenfchickfale, trotz der äußeren Wirrniffe, die mancher
durchzumachen hat, die einzelnenTeile desfelben zufammen-
hängen. Das Gebet fchätzt T. faft nur als ein Mittel,
fich über die rechte Art, wie man handeln foll, klar zu
werden (vgl. z. B. S. 162). Die religiöfe Seite der Perfon
Chrifti bleibt ihm verborgen. Da er mit dem Gedanken
an ihre Gottheit im alten Sinne nichts mehr anzufangen
weiß, fieht er in ihr nur noch ein ethifches Vorbild
(vgl. S. 215 f.).

In dem Schlußabfchnitt, den er rational altruism nennt,
verfucht er dann noch einen pofitiven Aufbau feiner
eigenen Weltanschauung zu geben. Seine Religion ift
der Gottesdienft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der
Liebe, und er fpricht es als feine Uberzeugung aus, daß
die unentwegte Liebe zur Wahrheit fchließlich der ganzen
Menfchheit zum Heile gereichen wird (S. 251). In diefem
Glauben fteht er doch noch mit einem Fuße auf dem
Boden der Metaphyfik und des ,supranatural', fo wenig
fich das auch für einen ftrammen Agnoftiker Schicken
mag. Nicht unintereffant find die Richtlinien feiner Ethik,
die er zu ziehen fucht. Ein naturaliftifcher Einfchlag derselben
ift nicht zu verkennen, in dem Beftreben, Natürliches
und Ethifches einander möglichst nahe zu rücken.
Er, der fo Streng auf dem Boden der Erfahrung Stehen
will, dichtet einem einfachen Lebewefen, das beim Fort-
pflanzungsprozeß feine eigene Exiftenz aufgibt, Empfindungen
an, die im Keime fchon die feelifche Befriedigung
enthalten Sollen, die das Bewußtfein gibt, in der Aufopferung
für andere feine Pflicht getan zu haben (S. 255s).
Auf der anderen Seite verkennt er nicht die große Bedeutung
, die der Kampf ums Dafein in der ganzen
Natur, auch im Menfchenleben hat. Er bemüht fich aber,
diefem Kampfe möglichst eine ethifche Seite abzugewinnen,
und kommt dadurch auch u. a. zu einer pofitiven Würdigung
des Krieges (S. 261 f.).

Zum Teil diefelben Gegenstände wie Tucketts Schrift
behandelt Freimarks verdienstvolle Abhandlung über
die moderne okkultiftifche Bewegung. Er gibt einen
Abriß der Gefchichte derfelben vom erften Auftreten des
Geifterklopfens und Tifchrückens in Amerika im Jahre 1848
an bis hin zu der neueften Phafe der Entwickelung der
von Helena Blavatsky gegründeten ,theofophifchen Gefell-
Schaft'. Er beherrfcht das hier in Betracht kommende
Material doch noch in anderer Weife als Tuckett und
verbindet in glücklicher Form ein klares, nüchternes Urteil
mit unbefangener Anerkennung von Tatfachen, mögen
diefelben uns auch noch fo rätfelhaft erfcheinen. Er
unterfcheidet Scharf zwifchen der meift phantaftifchen, ins
Religiöfe vielfach hinüberfpielenden populären okkulti-
ftifchen Bewegung und der wiffenfchaftlichen Erfor-
fchung der okkulten feelifchen Kräfte. Elftere, die fich
meift in fpiritiftifchen Zirkeln und Gemeinden kundgibt,
wird von ihm mit all ihren Auswüchfen und gelegentlichen
Lächerlichkeiten Schonungslos beleuchtet. Diefe
Kritik hält ihn aber nicht davon ab, die Verdienste derjenigen
Männer gebührend anzuerkennen, die in fehr
gründlichen, mühevollen, manchmal jahrelangen Forschungen
an der Konftatierung und Aufhellung der hierher
gehörigen modernen und doch auch wieder uralten
Phänomene an fich gearbeitet haben, wie der Engländer
Crookes, die englifche und die amerikanische Gefellfchaft for
psychical research, eine ganze Reihe franzöfifcher Gelehrten,
wie Graf Gafparin und de Rochas, der Ruffe Kotik u. a.
F. Steht auf dem Standpunkt, daß fich die ,Vorkommniffe
der okkulten Phänomenologie' nicht mehr leugnen laffen.

,Sowohl die Äußerungen derEkftafe: das Zungenreden, die
übernormale Wahrnehmungs- und Wirkensfähigkeit, wie
die Erfcheinungen in befonderen Schlafzuftänden: Hellsehen
, Verdoppelung, ja Vervieliältigung der Persönlichkeit
, Geltendmachung unbewußter Begabungen, als auch die
phyfikalifchen Phänomene: Bewegung von Gegenständen
ohne Berührung, Bildung fluider Phantasmen, Durchdringung
der Materie find zu allen Zeiten und aller Orten
beobachtet worden'(S. 7f.). Doch von jeder fpiritiftifchen
Hypothefe fieht F. ab und teilt mit Recht die Meinung
derjenigen Gelehrten, die all diefe noch fo wunderbaren
Erfcheinungen als vom Menfchen und feiner Pfyche gewirkt
fich denken. Wenn die moderne Anfchauung, daß
allem Materiellen Energien zugrunde liegen, im Rechte ift,
wird fich auch, glaube ich, noch fo manches der okkulten
Phänomene bis zum gewiffen Grade begreiflich machen
laffen.

Natürlich verkennt F. nicht die großen Schwierigkeiten
, die fich der nüchternen wiffenfchaftlichen Erforschung
diefer Dinge in den Weg Stellen. Dazu gehören
u. a. gewiffe Triks, die medial begabte, vielfach hySterifche
Perfonen anzuwenden in Verfuchung kommen, wenn ihre
Kraft momentan verfagt und trotzdem ihr Ehrgeiz gestachelt
wird, gewiffe wunderbare Phänomene hervorzubringen
. Das große Publikum bricht dann leicht über
derartige Perfonen ganz den Stab, aber, wie fich immer
wieder herausgestellt hat, vielfach mit Unrecht.

Ich kann das Studium der inhaltreichen Studie nur
jedem dringend empfehlen. Insbesondere die Religions-
hiftoriker und Bibelforfcher werden von ihr Nutzen haben.
Denn ohne nähere Kenntnis der okkultiftifchen Forfchungen
halten Sie manches für Legende oder Aberglauben, was
doch letzten Endes auf Wirklichkeit beruht. Schade, daß
der Verf. an diefen und jenen Stellen nicht noch mehr
ins einzelne gegangen ift und reicheres Anschauungsmaterial
geboten hat. Dafür hätte am Schluß die mehr
persönliche Polemik gegen den gegenwärtigen Leiter der
theofophifchen Gefellfchaft wegbleiben können.

Königsberg i. Pr. R. A. Hoffmann.

Paul Ten, weil. Prof. Friedrich: Gelammelte pädagogifche
Abhandlungen. Hrsg. u. eingeleitet v. Prof. Eduard
Spranger. (XXXV, 71 iS.) gr.8°. Stuttgart,J.G.Cotta,
Nachf. 1912. M. 9 —

In diefer Sammlung pädagogischer Vorträge und
Auffätze des verewigten Friedrich Paulfen wird uns ein
wahrer Schatz pädagogischer Urkunden aus der Zeit von
1889—1908 dargeboten. Der Herausgeber fagt an der
Spitze feiner .Einleitung' (S. I—XXXV) mit vollem Rechte:
,Es ift ein Stück deutscher Bildungsgefchichte, ein wichtiges
Stück deutfeher Schulpolitik, was in ihnen um-
Schloffen ift, und als Quellenfammlung für diefe Gebiete
möchten wir fie auch dann noch bewahrt fehen,
wenn die Kämpfe, von denen fie berichten, einft verklungen
und durch ganz neue Probleme verdrängt fein
follten. Sie wollen fo zugleich ein Denkmal für den
Kämpfer felbft fein, von der Hand treuer Schüler bescheiden
aufgerichtet, aber aufragend, wie uns fcheint,
durch das, was fie wirkten und find'. Diefe .Einleitung'
gibt eine treffliche gefchichtliche und fachliche Gruppierung
über die Anläffe und die Zeit der Entftehung der Auffätze
und über die Zwecke, welche Paulfen mit ihnen im
einzelnen verfolgt. Die Auffätze felbft eingehend zu be-
fprechen, oder in eine Kritik der darin vorgetragenen
Anflehten einzutreten, erübrigt fich, da fie eben zeitgeschichtliche
Erfcheinungen in den letzten drei Dezennien
gewefen. Es mag nur hervorgehoben werden, daß die
Gegenftände, die in ihnen behandelt werden, ungemein
mannigfaltig find, es wird gehandelt von .Realgymnafium
und humaniftifcher Bildung', vom .Prinzip der Gleichwertigkeit
der drei Formen der höhern Schule', über ,die