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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

147-148

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Windelband, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Erneuerung des Hegelianismus. Festrede 1913

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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147

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

148

wird großenteils einer genaueren Erforfchung der altprote-
ftantifchen Frömmigkeit und Kultur vorbehalten bleiben
müffen. Sicher war die Reformation mehr als der orthodoxe
Altproteftantismus und Luther und Zwingli ebenfo
ficher ihren Anhängern überlegen, wie etwa in unferer Zeit
Marx fagen konnte: moi, je ne suis pas marxiste. Vermutlich
wird man bei genauerem Forfchen deutlicher fehen:
bei den Reformatoren felbft finden wir Keime zu Entwicklungen
, die erft viel fpäter einfetzten, aber der Altproteftantismus
um 1600 bedeutet vielfach eine folche
Verengung und Verkruftung, daß ftärkfte Stöße von außen
nötig waren, um Fortbildung zu ermöglichen. In jedem
Fall aber ift St.s Referat vorzüglich klar und lehrreich
und in feiner Schlußtendenz vermittlungstheologifch im
beften Sinne.

Berlin. H. Mulert.

Windelband, W., Die Erneuerung des Hegelianismus. Feft-
rede. (Sitzungsberichte der Heidelb. Akad. der Wiff.
Philof.-hift. Kl. Jahrg. 1910. 10.Abhandig.) (15 S.) gr.8°.
Heidelberg, C. Winter 1910. M. — ob

— Über Sinn u. Wert des Phänomenalismus. Feftrede.
(Sitzungsberichte der Heidelb. Akad. der Wiff., Philof.-
hift.Kl. Jahrg. 1912. 9.Abhandlung.) (26S.) gr.8°. Ebd.
1912. M. 1 —

Zwei Heidelberger Akademie-Reden, gehalten von
einem Führer der deutfchen Philofophie über zwei Hauptthemata
. Die erfte Rede beftimmt den Kantianismus als
die Befinnung über die apriorifchen Grundlagen fowohl
der Erkenntnis als der Kulturfunktionen. Daraus ergab
fich fchon unmittelbar nach Kant die Frage, wie diefe
Aprioris zu erheben find, aus der Individualpfychologie
mit Fries oder aus der Gefchichte mit Hegel. Diefelben
Fragen find aus dem Neukantianismus entftanden. An
der erften arbeitet der Pfychologismus, an der zweiten
der Hiftorismus. Aus diefem zweiten ift als feine Vertiefung
die Erneuerung des Hegelianismus entftanden, eine
Bewegung die berechtigt ift, wenn fie nicht wieder zur
fpekulativen Deduktion wird, d. h. wenn fie nicht wieder
die Metaphyfik des objektiven und des fubjektiven Geiftes
aus dem Gottesbegriff entwickelt und wenn fie nicht
wieder mit der dialektifchen Schablone den tatfachlichen
Verlauf der Gefchichte vergewaltigt. Die kurze Skizze
erleuchtet meifterhaft die philofophifche Situation; über
die Löfung des damit anerkannten Problems finden fich
freilich kaum Andeutungen.

Die zweite Rede fetzt diefe Auffaffung des Trans-
fzendentalismus als kritifches Erkenntnis- und Kultur-
bewußtfein voraus und erhebt die Frage, welche Rolle
im Kantianismus felbft und dann in dem modernen Kritizismus
das Problem der Phänomenalität fpiele, um deren
willen man den Kritizismus und feine Einfchränkung
aller Erkenntnis auf kaufalgefetzlich interpretierte Erfahrung
ftets von neuem für bloße Erkenntnistheorie und
Vergefetzlichung der phänomenalen Erfahrung ausgegeben
hat. Eine knappe aber eindringende Gefchichte der
phänomenaliftifchen Idee in ihrer demokritifch-naturwiffen-
fchaftlichen und ihrer platonifch-logifchen Begründung
führt zu dem Satz, daß Kants Lehre beide Motive aufnimmt
, aber trotz aller Neigungen zum abfoluten Phänomenalismus
in der Kulturphilofophie ihn partiell durchbrochen
hat. Daraus aber ergeben fich dann die Motive
der Identitätsphilofophie, die als metaphyfifche Konfequenz
des Kritizismus fchwerlich abzuweifen ift. Alfo auch hier
eine Anerkennung der über den bloßen Kritizismus hinausführenden
, heute überall fich regenden Antriebe der
Spekulation, aber auch hier kaum eine Andeutung über
die Geftaltung einer folchen den Phänomenalismus erledigenden
Identitätsphilofophie.

Befonders bemerkenswert ift das von W. fignalifierte
Auseinandergehen des Neukantianismus in relativiftifchen

Pragmatismus und metaphyfifche Vertiefung der Bewußt-
feinstheorie. Zwifchen beiden Entwickelungen tritt der
rein erkenntnistheoretifche und logifch-formaliftifche Neukantianismus
heute unverkennbar zurück. Die Wirkungen
diefer Lage wird man auch in der Theologie bald genug
fpüren.

Heidelberg. Troeltfch.

Carus, Dr. Paul: Philosophy as a Science. A Synopsis.
(IX, 213 S.) 8°. Chicago, The Open Court Publishing
Company 1909. c. — 50

— Philolophie als Wiffenfchaft. Überf. v. des Verf. Pamphlet
The Philosophy of Form. (V, 48 S.) 8*. Ebd. 1911.

Paul Carus, Herausgeber des ,Monift' in Chicago, gibt
in jeder diefer beiden Schriften eine kurze Darfteilung
der Refultate feiner Forfchung, mit andern Worten: feiner
Philofophie, und fügt in der erften noch eine Überficht
über feine zahlreichen Publikationen und den Inhalt der
wichtigften hinzu.

In erkenntnistheoretifcher Beziehung wendet er fich
vor allem gegen den Agnoftizismus. Wiffenfchaft ift möglich
, und zwar als adäquate Nachbildung und Befchreibung
eines Transfubjektiven, das heißt, als adäquate Nachbildung
und Befchreibung von Formen und Gefetzen.
Die Philofophie ift die ,Wiffenfchaft der Wiffenfchaften'
und hat es mit drei Aufgaben zu tun: 1. fie unter-
fucht die Methoden der Wiffenfchaft, erklärt deren TJr-
fprung und prüft ihre Leiftungsfähigkeit. 2. fie faßt die
geficherten Refultate der Forfchung in eine Weltanfchauung
zufammen; 3. fie wendet die feftgeftellten Wahrheiten auf
das praktifche Leben an. Die bedeutungsvollfte unter
diefen Aufgaben dürfte die zweite fein; und zwar läßt fich
die Weltanfchauung des Autors ihren Hauptzügen nach
folgendermaßen kennzeichnen. Die Welt ift im Grunde ein
Syftem von Formen und Gefetzen, die nicht ftofflich find
und doch wirkfam. ,Sie find nicht wirklich im gewöhnlichen
Sinn des Wortes, aber fie find mehr als wirklich, fie find
überwirklich; fie find die Faktoren, die die Wirklichkeit
formen'. Die Gefamtheit diefer Formen und Gefetze in
ihrer Einheit ift die Weltordnung, ift Gott, der nicht als
unperfönlich zu bezeichnen ift. Er ift nicht weniger als
eine Perfon, er ift mehr, er ift ,überperfönlich'. Die Seele,
die gemäß der Auffaffung des pfychophyfifchen Parallelismus
als die Innenfeite der Organismen gedeutet werden
muß, ift als Form ewig, unfterblich. Die Religion und die
Kunft bringen in Bildern und Symbolen zum Ausdruck,
was die Wiffenfchaft und Philofophie adäquat erfaßt und
darfteilt.

Eine Kritik diefer augenfcheinlich fehr verfchieden-
artige Elemente in fich fchließenden Philofophie wird man
nicht erwarten. Daher nur die Frage, ob eine auf dem,
offenbar nicht ganz überwundenen, Gegenfatz von Form
und Inhalt aufgebaute Weltanfchauung eigentlich moni-
ftifch ift. Ja, was ift ,Monismus'?

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Dorner, Aug.: Peffimismus, NietzTche u. Naturalismusm.be-
lond. Beziehung auf die Religion. (VIII, 328 S.) gr. 8°.

Leipzig, F. Eckardt 1911. M. 6—; geb. M. 7 —

Das Buch ift eine Apologie des idealiftifchen Standpunktes
, wie ihn der Verf. in früheren Schriften fchon
vertreten hat, gegenüber den herrfchenden Strömungen
modernen Geifteslebens. Einer ausführlichen Darfteilung
der im Titel bezeichneten Weltanfchauungen fügt es jedesmal
eine eingehende Kritik bei, um fchließlich pofitive
Richtlinien für eine idealiftifche Auffaffung der Wirklichkeit
zu entwerfen.

Zum befferen Verftändnis des abendländifchen phi-
lofophifchen Peffimismus, als deffen Vertreter Schopenhauer
, E. v. Hartmann, A. Drews befprochen werden,