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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

146-147

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stephan, Horst

Titel/Untertitel:

Die heutigen Auffassungen vom Neoprotestantismus 1913

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

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England) in kurzen Schlagworten zu kennzeichnen, irr.
glücklich. S. 47 ftellt die Zufammenpreffung von Nr. 4
in einen Satz von 17 Zeilen zu große Anforderungen
an die Leiftungsfähigkeit des Lefers, und das wiederholt
begegnende ,im felben' (ftatt: in demfelben) ift Provinzialismus
. Deutlich ift das Ganze auf einen lutherifchen
Ton geftimmt. Das zeigt fich nicht nur in einigen unnötigen
Schärfen gegenüber dem Katholizismus (die freilich
durch das gerechte Urteil über Escobar S. 257 kom-
penfiert werden), auch nicht in dem doch nur für das
Luthertum geltenden Urteil über den Naumburger Fürften-
tag als den Abfchluß der deutfchen Reformationsgefchichte,
fondern vor allem in der fchiefen, ja geradezu verzerrten
Zeichnung Zwingiis in § 16 und 17. Er bekommt
,fpitzigen Hohn' und berechnende Kälte' vorgeworfen,
feine Abendmahlslehre ift eine .Verarmung', und der
wundervolle Idealismus von Zwingiis .hoher Politik)
kommt gar nicht zu feinem Recht. Und hat Zwingli
wirklich die in Marburg angebotene Kompromißformel
abgelehnt, weil er .genug erreicht hatte für feine poli-
tifchen Intereffen'? (S. 103). Es dürfte doch wohl eher
die Einficht gewefen fein, daß jene Formel nicht tragfähig
war, wie das ja die Wittenberger Konkordie fpäter
bewies. Und die Verhängung der Proviantfperre, zu der
nach H. Zwingli fich .hinreißen' ließ, kommt auf die
Rechnung Berns, Zwingli hat vor ihr gewarnt. Über-
fchätzen foll man Zwingli gewiß nicht, aber er kann
beanfpruchen, daß man ihm gerecht wird, immer wieder
aber müffen unfere .Zwingliana' fich gegen die Nachwirkungen
der wegwerfenden lutherifchen Beurteilung
wehren.

Im Einzelnen bemerke ich noch Folgendes: Verfafler entfchuldigt
fich im Vorworte wegen der vielen Nachträge und Berichtigungen; felbft -
verftändlich wird man, da H. mitten in der Arbeit die neue Aufgabe des
Pfarramtes in Thekla bei Leipzig übernahm, gerne .mildernde Umflände'
bewilligen, aber der Druckfehler find noch viel mehr, als angegeben
wurde, und fehr fatal ift, daß das Verzeichnis der .Berichtigungen' S. XII f.
felbft voller Fehler ift! Z. B. S. 64.9 foll 13,5 ftatt 13,6 gelefen werden;
13,5 fteht aber fchon im Texte, 13,6 ift das Richtige. Oder: S. 151,14
ift von 52,2 nichts zu finden, vielmehr erft 151,25; 195,13 v. u. fteht 21,9
fchon da, ebenfo 200,7 v.u. fchon 28,5, 209,12 fchon 26,7, 209,4 fchon
32,4c. S. 222,25 v- u- fteht nicht 33,3g fondern: 33,3d; ftatt 286,29 ift zu
lefen 286,32; und das zu 41,16 und 18 von unten Bemerkte ift dort nicht zu
finden. S 18 Z. 28 v. u. lies: Standpunkt, S. 23 Z.19 ftreiche: in, S. 28
'Z. 28 lies: wurden, S. 45 Z. 18 v. u. ftreiche: Johann (S. 39 heißt es
richtig nur: Weifel Gansfort), S. 84 Z. I lies: ministris, S. 100 Z. 8
lies: Bernays, S. 106 Z. 3 lies: zu, S. 115 Z. 14 lies: Gg ftatt Gu, S. 118
Z. 24 lies: 539—553, S. 121 Z. 13 ift aus der doppelten Prädeftination
fogar eine drei-p-ige geworden, S. 132 Z. 8 v. u. lies: Sam., S. 138 Z. 25
v. u. lies: Loofs, S. 147 Z. 17 v. u. lies: vertreten, S. 155 Z. 26 lies:Ifi-
doro, S. 171 Z. 10 v. u. lies: Habauer, S. 174 Z. 8. v. u. lies: Verftändnis,
S. 180 Z. 26 v. u. lies: zum, S. 183 Z. 3 lies: Poenitentiarie, Z. 32:
Monumenta, Z. 35: in quibus, S. 205 Z. 23 lies: haben; S. 206 Z. I v.
u. Ed. Wymann (wie S. 214 richtig fteht), S. 215 Z. 14 v. u. lies: Wider-
ftandes; S. 218 Z. 3 v. u. lies: Politik, Z. 13 V. u.; abgeftumpft, S. 224
Z. 26 v. u. lies: die, S. 255 Z. 8 v.u. lies Kvaöala, S. 265 Z. 9 lies:
dimittimini, S. 285 Z. 5 lies: Brnh, ftatt Benno, desgl. S. 288 Z. 17,
S. 308 Z. 8 v. u. lies: Hepp, S. 310 Z. 15 lies: paracelfifche, S. 311
Z. 28 lies: generatio. S. 313 Z. 3 fehlt hinter cogito das wichtige ergo,
S. 315 Z. 7 v. u. lies: Wachstum. — Was alles unter die Literaturangaben
aufgenommen werden foll, ift natürlich nie ganz vom fubjek-
tiven Ermeffen frei zu machen; immerhin hätten meines Erachtetis
folgende Werke nicht fehlen dürfen. Zu § 5,1: Ch. Lea, The Moriscos
of Spain und E. Schäfers grundlegendes Werk über die fpanifche In-
quifttion. Zu § 7,3: M. Spahn: Michelangelo und die fixtinifche Kapelle
1907. Vor § 8: I. v. Pflugk-Hartung: Im Morgenrot der Reformation 1911;
Zu § 18,2: E. Weber: Die Einführung der Reformation in Heffen 1908;
Zu 21,5 fehlt die wichtige Kritik Ritfchls durch Loofs in DLZ. 1910.
Zu § 23,2 P. Schweizer: der Donaufeldzug von 1546 fMOG 29). Zu
I 25,1: G. Bonwetfch: der Paffauer Vertrag 1907. Zu § 26,3 C.H.W.
Sillem: Briefwechfel Joach. Weftphals 2. Bd. 1903. Zu § 35,1 die Neuausgabe
der Paradoxa durch Ziegler 1909. Vor § 43. E. Mareks' Coligny
»892. Zu § 49,2 die Darfteilung von H. Rott im Neuen Archiv f. d.
Gefchichte der Stadt Heidelberg 1910/11. Zu § 53,5: R. Hoeniger: der
3oj. Krieg und die deutfehe Kultur (Pr.T. 138). Zu § 54,1; H. Bell:
Archbishop. Laud 1005. Zu § 55,2a: G. Rein: P. Sarpi und die Pro-
teftanten 1904. Zu g 57,1: H. H. Maronier: J. Arminius 1906. Vor § 58
fehlt die Oberfetzung der Cromwellfchen Letters and Speeches durch Marg.
Staehelin 1911. Zu § 59,6 G. Meyer v. Knonau in VRG. Nr. 103/104.
— Von Aliens-Erasmus Ausgabe ift fchon der 2. Bd. 1910 erfchienen
(zu S. 56), von O. Clemens Flugfchriften 4 Bde. (zu S. 59), von Enders-
Kawerau: Luthers Briefwechfel 13 Bde. (zu S. 60). Die Schrift von

W. Walther heißt: die chriftliche Sittlichkeit nach Luther 1909 (ebenda).
S. 62 Z. 29 lies: Ficker I, CIV. Von Armstrong, The Emperor Charles
erfchieu 1910 eine 2. Auflage (zu § 10,2), vom Vadianifchen Briefwechfel
6 Bde. bis 1908 (zu § 14), und die Zwingliana gibt Meyer v. Knonau
heraus (ebenda). Von der Bibliothea reformatoria Ncerlandica erfchienen
bis 1911 8 Bde. (zu § 33 S. 168).

Zürich. Walther Köhler.

Stephan, Prof. Lic. Horft: Die heutigen Aufladungen vom
Neuproteltantismus. (Vorträge der theolog. Konferenz
| zu Gießen 32. Folge.) (50 S.) Gießen, A. Töpelmann
1911. M. 1.20

St. behandelt zuerft die Schwierigkeiten, den Neuproteftantismus
abzugrenzen und zu verftehen, fodann
Rothes, Seils und Troeltfchs Auffaffungen vom Neuprote-
I ftantismus: Rothe fah (von feinen bekannten Gedanken
j über die Kirche aus) in der Zeit feit 1648 den .allmählichen
Verfall des proteftantifchen Chriftentums als Kirche und
die allmähliche Erftarkung desfelben als fittlichen oder
politifchen Prinzips'. Auch Seil fteht in der Entwicklung
des Proteftantismus Entkirchlichung, aber er kann nicht
; mehr im Staat den idealen Körper des Chriftentums
| finden, fondern als Ziel fchwebt ihm etwa ,Weltherrfchaft
der evangelifch-chriftlichen Zivilifation' vor, und er unter-
I fcheidet im Neuproteftantismus zwei Strömungen, den
j Pietismus und den Humanismus oder Idealismus. Troeltfch
i nennt letztere Erfcheinung ,philofophifche Bildungsreligion',
ihm erfcheint aber als Ziel nicht fchrankenlofer Individualismus
, Zerfall alles Kirchentums, fondern fefte Kirchen,
nur nicht mehr mit fupranaturalem und Zwangscharakter,
fondern als freiwillige Gefinnungsgemeinfchaften. Stephan
ftimmt ihm hierin wefentlich zu, Kirchenlofigkeit fei nicht
das Ideal, es fei auch tatfächlich feit Ende des 18. Jahrh.
die entgegengefetzte Tendenz, das Streben nach ftaats-
freien Kirchen, wieder ftärker. Den Namen Pietismus
auch für das ,pofitive Chriftentum' des 19. Jahrhunderts zu
brauchen, ift ihm bedenklich; der alte Pietismus war
ethifch enger, aber religiös vielfach weitherziger als der
moderne. Die Umwandlung in die ,philofophifche Bildungsreligion
' habe Troeltfch zu fehr von außerkirchlichen,
allgemein kulturellen Motiven hergeleitet, und feine Auf-
faffung des Altproteftantismus fei zu fehr an deffen Theologie
, zu wenig an feiner keimreichen Frömmigkeit orientiert
. Pietismus einerfeits, Idealismus oder philofophifche
Bildungsreligion andererfeits erfcheinen St. beide als ein-
feitige Fortbildungen altproteftantifcher Motive. Dies will
er in der Skizze zeigen, die er zum Schluß feinerfeits
vom Neuproteftantismus gibt. Die Scheidung zweier
Grundtendenzen erkennt er an, er fpricht von zentripetalen
Motiven (man erlebt Gott an der Bibel; Sünde, Erlöfung
durch Chriftus, deffen Gottheit gewiß ift, Heiligung flehen
im Mittelpunkt) und zentrifugalen (Gott wird in der Natur
erlebt — fo fchon z. T. bei P. Gerhardt —; Vorfehungs-
glaube, Glaube an fittlich-religiöfe Vervollkommnung,
Unfterblichkeit, Nachahmung Jefu in freudigem Rechthandeln
). Beide find im Proteftantismus unentbehrlich.
Die Größten wie Schleiermacher verbinden beide. Motive
der erfteren Art werden durch Peffimismus, folche
der letzteren durch frohe Erfahrungen vom Kulturfort-
fchritt begünftigt; fo wirkt die Weltlage, fo wirken die
außerkirchlichen Vorgänge ein. Von hier aus wird ver-
ftändlich, daß im Neuproteftantismus neben Individuali-
fierung des religiöfen Lebens wachfende Zentralifation der
religiöfen Betätigung fteht; von hier aus ergibt fich die
Aufgabe der Theologie, vermittelnd im höchften Sinne
zu fein. Von St.'s eigenen Gedanken wird der Grundfatz
allgemeine Billigung finden, man folle bei der Erklärung
kirchlicher Veränderungen über den von außen her wirkenden
Urfachen die in der Religion felbft liegenden nicht
vergehen. Die Entfcheidung darüber jedoch, inwieweit
fchon im Altproteftantismus felbft die Keime liegen,
die fich nachher im Neuproteftantismus entfaltet haben,