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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

140-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neuß, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Buch Ezechiel in Theologie und Kunst bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, mit besonderer Berücksichtigung der Gemälde in der Kirche zu Schwarzrheindorf 1913

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

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Bibel zu enthalten fcheinen, fich allerdings nur über die
4 Evangelien erftrecken. Das Kapitular zu Marcus war
fchon bei Wordsworth-White aus einer Parifer Handfchrift
publiziert, aber kaum beachtet worden; es ift höchft
dankenswert, daß de Br., nachdem er alle 4 Verzeichniffe
vollftändig gefunden hat — denn während des Drucks
feiner Arbeit hat er noch die letzte große Lücke bei
Matthäus durch eine Entdeckung im Münchener Codex
lat. 6212 ausfüllen können — fie fo rafch wie möglich
den Freunden diefer Studien zugänglich gemacht hat. In
einer vorbildlichen Weife, was Exaktheit und Anfpruchs-
lofigkeit angeht. Faft treibt er die letztere zu weit, zum
Schaden des Benutzers, wenn z.B. aufS. 8—9 S. 30—35
keine Spur verrät, daß es fich um das Marcus-Evgl.
handelt; auch reicht es im Apparat z. B. auf S. 65 nicht
aus zu fagen, Kap. 35 und 42 biete die erfte Hand dort
eius hier cum: für welches der beiden eis fteht in 35 denn
eius, und fteht in 42 cum ftatt cur oder ftatt eum ? Den Kern
der Publikation bildet natürlich der Text der afrikanifchen
Kapitulare S. 4—23 und 62—65. In einer Art von kri-
tifchem Kommentar zeigt de Br. auf S. 23—52, in wie
weit uns diefe Verzeichniffe zu dem biblifchen Text, dem
fie ja nur zum Geleit beigegeben find, zurückführen, und
durch Konfrontierung mit den anerkannten Zeugen für
den afrikanifchen Evangelientext ftellt er fie da an den
richtigen Platz; S. 52—59 berichtet er noch kurz, doch
wiederum unter Beifügung von intereffantem Textmaterial
über ein anderes afrikanifches Kapitular zu Mtth., und ein
,europäifches' zu den 4 Evangelien. S. 59—62 zieht er
feine ,conclusions', d. h. er entwickelt in Kürze feine Vor-
ftellung von der Gefchichte des Bibeltextes auf afrikani-
fchem Boden, unter befonderer Berückfichtigung natürlich
des Wertes jener alten Summarien.

Welchen Wert diefe — für den Philologen und
Exegeten fchon durch ihr Alter intereffanten — Kapitel-
regifter bei der Konftituierung eines beftimmten Bibeltextes
haben, könnte zwar feit Sabatier allgemein bekannt
fein, wird aber dem Laien erft einleuchten, wenn er die
ftarke Abhängigkeit von dem Wortlaut des Textes wahrnimmt
, die fie, äfthetifch nicht eben vorteilhaft, auszeichnet
, z. B. Johannes Kp. 68: ,ubi apparuit discipulis tertio
ad mare et prandit cum illis et dixit Petro: pasce oves
meas .... et .. dixit: sie illum volo manere donec venio.
Was fie als Textquellen vor den Väterzitaten voraus haben,
formuliert de Br. S. 23 dahin, daß fie nie aus dem Gedächtnis
geholt werden, daß fie ferner nicht bloß über
einzelne Verfe eines Bibelbuchs uns informieren, fondern
das ganze Buch einheitlich durchlaufen, endlich daß fie
angefertigt worden fein müffen bei Herftellung einer neuen
Ausgabe des betreffenden Buchs. Dabei liege aber die
Vermutung nahe, daß gleichzeitig eine neue Revifion des
Textes unternommen worden fei, und fo ift er geneigt,
diefe Summarien als Zeugen einer beftimmten, eben durch
ihre Verfaffer hergeftellten Textrezenfion zu behandeln.

Nur gegen den letzten Punkt habe ich Mißtrauen;
Dom de Bruyne fcheint mir — an Einzelheiten in dem
Kommentar S. 24ff. herumzukritteln, läßt fchon meine
Dankbarkeit für eine fo fchöne Gabe nicht zu, könnte auch
den Eindruck erwecken, als wäre da mehr als ein Zwan-
zigftel überhaupt anfechtbar — etwas zu viel konfequente
Rezenfionsarbeit bei den Alten anzunehmen: die Hypo-
thefe von einer befonderen für die Donatiften gefchaffenen
Bibelausgabe ift z. B. noch lange nicht genügend geftützt.
Dagegen hat er entfehieden Recht mit den Einwendungen,
die er — in Einzelheiten und — gegen eine Grundthefe
von Hans von Soden erhebt. Deffen verdienftliche Ausgabe
des afrikanifchen Neuen Teftaments zur Zeit Cyprians
vom Jahre 1909 findet bei de Br. die größte Anerkennung;
faft zu befcheiden ftellt er fich als ein Sammler vor, der
nach vollendeter Ernte noch einmal das Feld befchreitet.
Aber v. Sodens Vorftellung von der fchlechthin einheitlichen
griechifchen Grundlage des durch die Handfchriften
k und e fowie Cyprian und feine afrikanifchen Zeitgenoffen

vertretenen Textes kann er fich nicht aneignen. Bei der
Erörterung von Mc. 16, gff. S. 34h und Joh. 8,1 —11 S. 46h
zeigt fich, daß die afrikanifchen Evangelien, die zu dem
Summarium des cod. Barberini gehörten, fowohl einen
längeren Markusfchluß als cod. k wie auch die Perikope
von der Ehebrecherin lafen, und diefe doch nicht aus, euro-
päifchen' Bibeln übernommen haben. Gehören fie nun in
die Zeit Cyprians oder zwifchen k und Cyprian, fo hat die
Korrektur des Lateiners nach anderen griechifchen Texttypen
, als den für die erfte Verfion verwendeten, in Afrika
fehr früh eingefetzt. — Zu Lc. 11,28 auf S. 40 macht de
Br. eine fehr richtige Bemerkung: man dürfe nicht felix
die afrikanifche und beatus die europäifche Wiedergabe
von [ictxaQioq nennen; er verweift darauf, daß den Pfalm
1,1 alle Lateiner mit Beatus beginnen, keiner mit Felix.
Beatus und Felix feien in einer beftimmten Epoche in
Afrika neben einander gebraucht worden. Nun, das trifft
auch bei anderen Gleichfetzungen zu; und nicht bloß für
fiaxagioc follte der Pfalter dazu helfen, das fpezififch
Afrikanifche vorfichtiger als bisher feftzulegen: die Frage
nach dem afrikanifchen Evangelientext irgend einer Stufe
follte immer nur im Zufammenhang mit der nach dem
Text der gefamten afrikanifchen Bibel angegriffen werden.

Marburg i. H. Ad. Jü Ii eher.

Neuß, Religions- u. Ob.-Lehr. Dr. theol. Wilh.: Das Buch
Ezechiel in Theologie u. Kunft bis zum Ende des i2.Jahrh.,
m. befond. Berückficht, der Gemälde in der Kirche
zu Schwarzrheindorf. Ein Beitrag zur Entwicklungs-
gefchichte der Typologie der chriftl. Kunft, vornehmlich
in den Benediktinerklöftern. Gedr. m. Unterftützg.
der Prov.-Verwaltg. der Rheinprovinz. (Beiträge zur
Gefchichte des alten Mönchtums u. des Benediktinerordens
. Hrsg. v. I. Herwegen. 1. u. 2. Heft.) (XVI,
334 S. m. 86 Abbildgn. im Text u. auf 23 Taf.) Münfter
i. W., Afchendorff 1912. M. 10 —

1846 wurde in der Doppelkirche (Unterkirche) zu
Schwarzrheindorf gegenüber Bonn ein vollftändiger Gemäldezyklus
von ca. 1151 entdeckt und 1854 reftauriert,
der fich mit Darftellungen aus dem Buche Ezechiel befaßt
, z. B. am mittleren Hauptgewölbe mit der Vifion
vom neuen Tempel. W. Neuß bemüht fich mit glücklicher
Kritik, ,wo Ungenauigkeiten der Wiederherftellung
ficher oder wahrfcheinlich find ... fie zu berichtigen'
(S. 270), und benutzt infonderheit Ruperts von Deutz
(f 113 5) chriftologifche Deutung des Buches als Schlüffel
zum Verftändnis diefer Bilder.

Die fehr ausführliche Abhandlung, durch die fchönen,
mühevoll zufammengebrachten Abbildungen z. B. unveröffentlichter
Miniaturen befonders wertvoll, verbreitet
fich über fämtliche Darftellungen aus dem Buche Ezechiel
feit den Anfängen; hier treffen wir nach der Er-
weckungsvifion (c. 37) hauptfächlich die Gottesvifion an
(c. I, vgl. Apok. 4) und die daraus entfprungenen Darftellungen
des ,Tetramorphs', das im 12. und 13. Jahrh.
fogar als Reittier der ecclefia erfcheint (S. 242 h), wie die
Sinnbilder der vier Evangeliften. Ein I. Teil der Unter-
fuchung führt fehr eingehend in die patriftifche Literatur
| über das Buch Ez. bis Rupert ein, gemäß der Erkenntnis
des Verf. von der ,Macht der theologifchen Auffaffungen
über die überlieferten Typen' (S. 296). Man wird hier
jedoch Einfchränkungen vornehmen müffen, wie überall,
wo das Verhältnis zwifchen Literatur und gleichzeitigen
Kunfterzeugniffen zur Befprechung fteht. Denn die
j Ezechielmotive mit Einfchluß der Evangeliften-Sinnbilder
I erfcheinen nicht vor dem 4. Jahrh., in der Literatur aber
I viel früher; ftatt des verwickelten Gedankengefüges eines
' Ephraem (S. 157) ift für das ,Himmelfahrts'-Bild des
j Rabulakodex und anfchließende Darftellungen am ftärkften
die einfache Übertragung der maiestas Gottes auf Chriftus