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Ausgabe:

1913 Nr. 5

Spalte:

135-138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoskier, H. C.

Titel/Untertitel:

Concerning the genesis of the Versions of the New Testament. (Gospels) 1913

Rezensent:

Soden, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 5.

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ganz den Charakter des Tagebuches bewahrt und erhebt
fich nicht über eine nüchterne Darfteilung; das Buch
wird dem Befucher jener Gegend nützliche Dienfte leiften.
85 Abbildungen fchmücken das Werkchen; Tie find meift
fo fchön, daß man herzlich wünfcht, fie wären größer.
Bei ihrer gegenwärtigen Kleinheit ift das Charakteriftifche
kaum zu erkennen.

Berlin-Wertend. Hugo Greßmann.

Hoskier. H. C: Concerning the genesis of the Versions of
the New Testament. (Gospels). Remarks suggested
by the study of JP and the allied questions as regards
the Gospels. Intended as a Supplement to the Library
Publikation of the Morgan Ms. Vol. I. (XVI, 469 S.).
Vol II. Appendices. (VIII, 423 S.) 8». London, Bernhard
Quaritch 1910 und 1911. s. 12 —

Man kann fagen, daß das zentrale Problem der NT-
lichen Textkritik durch die Tatfache geftellt wird, daß
die altlateinifche und altfyrifche Überfetzung eine Fülle
von Ubereinftimmungen gegen den von der griechifchen
Überlieferung relativ einheitlich repräfentierten Text
bieten. Jede Erkenntnis, die wir für die Entftehung und
ältefte Gefchichte diefer Überfetzungen gewinnen können,
hat alfo direkten Wert für die Loiting der fogenannten
Urtextfrage. Ein Buch mit dem Titel ,Concerning the
genesis of the versions of the NT' darf demnach des ge-
fpannten Intereffes aller, die um die Textkritik des NT
bemüht find, von vornherein gewiß fein. Leider ift das
Ergebnis der mühfamen Lektüre des dicken und fchwer
gefchriebenen 1. Bandes (der für die Textgefchichte allein
in Betracht kommt) eine Enttäufchung. Hoskier ift der
Meinung, daß die Verwandtfchaft zwifchen lat und syr
fich dadurch erkläre, daß wir uns am Anfang des 2. Jahrhunderts
(fo hoch rückt er die Entftehung der Überfetzungen
hinauf) griechifch-fyrifche, auch griechifch-
fyrifch-lateinifche Codices verbreitet denken müffen, fo
daß die lateinifche Überfetzung vielfach nicht aus dem
Griechifchen, fondern aus dem Syrifchen genoffen und
entwickelt fei. Wir wollen diefem Gedanken nicht fo-
gleich die Frage entgegenwerfen, wie dann die betreffenden
Lefungen ins Syrifche gekommen feien; ließe fich
Hoskiers Hypothefe nachweifen, fo würden wir ein gewonnenes
Datum dankbar akzeptieren, und das weitere
wäre zunächft cura posterior. Hoskier felbft verquickt
zwar mit der Durchführung feiner Idee die Frage nach
einem fyrifchen bzw. aramäifchen Urtext unferer Evangelien
, von welchem in der fyrifchen Überfetzung noch
Refte erhalten fein könnten; aber das als unmethodifch
abzulehnende Hereinziehen diefer Frage gefchieht fo
okkaffionell und ihre Behandlung ift fo oberflächlich, daß
wir davon abfehen können. Auch die wenigen Bemerkungen
, mit denen die koptifche, gothifche, armenifche
Überfetzung gelegentlich geftreift wird, mögen hier bei
Seite bleiben; vgl. des Vfs. Concerning the date of the
bohairic version, London 1911.

Hoskier vertritt alfo die Anfchauung, daß ein direktes
Verhältnis zwifchen fyr und lat beftehe, und daß es
verkehrt fei, wie fonft üblich, einen beiden Überfetzungen
zugrunde liegenden von dem Archetypus unferer griechifchen
Überlieferung entfprechend verfchiedenen griechifchen
Text, der jenem Archetypus im 2. Jahrhundert
konkurriert habe und für unfere Rezenfion wiederum mit
ihm in Konkurrenz zu ftellen fei, zu poftulieren und zu
rekonftruieren. Außer diefer urfprünglichen fchon bei
ihrer Entftehung wirkfamen Verbindung der lateinifchen
mit den fyrifchen Texten haben infolge dauernder Verbreitung
bi- und trilinguer Codices die erfteren noch im
Lauf ihrer Gefchichte in verfchiedenem Maß erneute
Syrifierungen erfahren, etwa im Zufammenhang mit den
orientalifchen Influenzen in Irland im 4. und 5. Jahrhundert
(das Problem des fog. irifchen Textes der Vulgata wird

hier geftreift); am meiften fyrifiert find die Codices kr2,
beide vermutlich irifcher Provenienz, demnächft a (mit n)
c d e. So fei es z. B. falfch, im fogenannten afrikanifchen
Typ der altlateinifchen Überfetzung — nach Hoskier
einer überhaupt fehr fragwürdigen Größe: ,ekr2 Cypr
are nothing but the remains of a great graeco-syriac-
latin Codex certainly not produced or revised in Africa'
(S. 373) — k für den älteften und bellen Vertreter desselben
zu halten, wie allgemein gefchieht; dies fei vielmehr
e, von welchem fich k durch eine wefentlich ftärkere
Syrifierung unterfcheide.

Für eine Würdigung diefer neuen Hypothefe, die
alle Ergebniffe unferer bisherigen Arbeit über den Haufen
wirft und alle geltenden Ausgangspunkte für weitere
Unterfuchungen verrückt, die auch durchaus mit entsprechendem
Bewußtfein und Ton vorgetragen wird, ift
natürlich ausfchlaggebend die Frage, wieweit die Annahme
direkter Beziehungen zwifchen syr und lat be-
wiefen ift. Mir fcheint nun der Beweis keineswegs erbracht
zu fein. Hoskier Hellt feitenlang Berührungen
zwifchen fyr und lat zufammen, Berührungen der aller-
verfchiedenften Art nach Inhalt und Bezeugung. Dies
Material wird in keiner Weife gefichtet. Es wird ganz
feiten einmal die Frage geftellt, die in jedem Fall die
erfte fein mußte, ob das notierte Zufammentreffen die
Annahme einer direkten Berührung von fyr und lat
fordert oder auch andere Erklärungen zuläßt; ich habe
folche Berührungen, die doch allein als beweifend anzuerkennen
wären, unter den von Hoskier notierten nicht
finden können. Niemals wird gefragt, ob die fyrifche
Sprache an der betreffenden Stelle überhaupt die Möglichkeit
einer anderen Ausdrucksweife bietet, fo daß fie
für die Entfcheidung zwifchen lateinifch-griechifchen Varianten
aufgerufen werden darf. Ja, man kommt angefichts
der Tatfache, daß das Syrifche ftets nur in eng-
lifcher (zuweilen auch lateinifcher) Überfetzung zitiert, daß
fyrifcher Druck in dem ganzen Buch vermieden wird
(während koptifcher nicht gefcheut wird) fchließlich in
Zweifel, ob der Vf. denn überhaupt genügend Syrifch
kann, um der von ihm gewählten Aufgabe gerecht zu
werden. Die Zeugen der fyrifchen Überfetzung werden
als Einheit behandelt, ihr gegenfeitiges Verhältnis wird
nicht untersucht, ihre Differenzen nicht erwogen. Und
was die Hauptfache ift, die den angeblichen fyrifch-
lateinifchen Koinzidenzen gegenüberftehenden Varianten
werden völlig ignoriert. Es fleht alfo nicht fo, daß (wie
Hoskier immer wieder mit erstauntem Tadel ausführt)
die anderen Forfcher vor den erfteren die Augen fchließen,
fondern daß fie neben den erfteren auch die letzteren
nicht überfehen.

Diefe bedenkliche Methode — ja, darf man hier noch von Methode
reden? — beherrfcht auch alle Einzelunterfuchungen. Hoskier findet
eine fo nahe Verwandtfchaft zwifchen k und r2 — auf intereffante Berührungen
zwifchen beiden Codices war man längft aufmerkfam geworden—,
daß nach feiner Meinung r2 geradezu die Lücken von k fupplieren kann.
Die Zufammenftellung des beiden Htf. Gemeinfamen beweift aber nichts,
wenn das Abweichende gänzlich unerortert bleibt. Für Cyprian werden
aus Sabatier Stellen zitiert, die bei Cyprian nicht auffindbar find (S. 184)
oder nach Sabatiers ausdrücklicher Beifügung nicht aus Cyprian, fondern

1 aus Pfeudocyprianifchen Schriften nichtafrikanifcher Provenienz gezogen
find (S. 139, 323), jedes Mal mit dem Hinweis, daß ich in meinem .lateinifchen
N. T. in Afrika' fie überfehen habe, ufw.

übrigens hat Hoskier meine ganze Arbeit dahin mißverstanden
und entfprechend kritifiert, als ob der ihr beigegebene Text des latei-

! nifchen NT.s in Afrika eine konjekturale Rezenfion der Bibel Cyprians
auch über die in deffen Schriften erhaltenen und a. a. O. gefammelten
Zitate hinaus fein wolle. Da mir dies Mißverftändnis noch einmal (in

I einer mir fonft befonders lehrreichen Befprechung von Corffen in den
Göttinger Gelehrten Anzeigen 1911, S. 409 — 429) begegnet ift, fo fei

j geftattet, daß ich ihm hier in gebotener Kürze entgegentrete. In der

] „Vorbemerkung" zu meinem Text habe ich getagt (S. 365): ,Ich habe nicht
hergeftellt, was fich in den vorftehenden Einzelunterfuchungen von Fall

| zu Fall als primär erwiefen hat, da auf diefem Wege eine vollkommen
imaginäre Textgröße, eine auch als konftruierter Typus völlig unge-
fchichtliche Kompilation zuftande gekommen wäre. Es gibt kein Normalexemplar
des Urtypus des afrikanifchen Textes. Seine Einheitlichkeit
liegt im Charakter, nicht in der Filiation. Seine Zeugen find alfo
zufammenzuftellen, nicht zu rezenfieren'. Ich wüßte mich noch heute