Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913

Spalte:

116-119

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Traub, Friedrich

Titel/Untertitel:

Theologie und Philosophie 1913

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

HS

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 4.

116

areata als ein akzidentelles Prinzip die gratia increata i Traub, Ephor. Friedrich: Theologie und Philofophie. Eine
eis ein fubftantielles Prinzip ftelle, das in Gemeinfchaft | Unterfuchung über das Verhältnis der theoretifchen
mit jenem, aber in ganz anderer Weife, die Funktionen ! phii0fophie zum Grundproblem der Theologie. (VII,
der gratia sanctincans übe. Diele Ablehnung der Theorie „ c. Qn ~,..u. 1 t /- t> •»«• 1 „

Scheebens entflicht wohl den Intentionen des Thomis- 235 S-) flr- 8°- Tubingen, J. C. B. Mohr 1910. M. 5

mus, fchafft aber die in der vorthomiftifchen Tradition
gelegene, von Scheeben gefehene und in feiner Weife
gelöfte Schwierigkeit nicht aus der Welt. Sie kann nur
verhüllt werden, bleibt aber eine dauernde crux für den
Katholizismus. Indem die dritte Auflage von Scheebens
Myfterien des Chriftentums dies inftruktiv zeigt, gewinnt
fie im Vergleich mit der zweiten Auflage an Bedeutung.
Zugleich mag man an ihr erkennen, daß ein entchloffener
Rückgang auf die altkirchlichen Traditionen dem katholi-
fchen Dogmatiker unferer Tage gefährlich und dem Ruf
feiner Orthodoxie fchädlich werden kann.

Tübingen. Otto Scheel.

Skrine, J. H.: Creed and the Creeds, their Function and
Religion. (XXVI, 223 S.) 8°. London, Longmans,
Green & Co. 1911. s. 7.6

Der Autor erklärt, daß es feine urfprüngliche Abficht
gewefen fei, den Wert und die Bedeutung des Glaubens-
bekenntniffes (Creed) darzulegen. Schließlich fei aber das
Unternehmen ausgewachfen zu einer Verteidigung der
Religion überhaupt.

Der Inhalt des Buchs in wenigen Worten diefer: Das
Glaubensbekenntnis will Mittel fein zum Heil. Es fragt
fich alfo zunächft, was unter dem Heil zu verftehen fei.
Darüber läßt fich immer nur mit Hilfe von Bildern und
Symbolen Auskunft erteilen; und die verfchiedenen Generationen
haben deren verfchiedene verwandt. Am beften
wird aber wohl das Heil gekennzeichnet als Leben. Daher
der Wert und die Wahrheit des Glaubensbekenntniffes
daran zu bemeffen ift, ob es fich als Mittel zum Leben
erweift.

Nun befteht aber nach den Ergebniffen der modernen
Wiffenfchaft das Leben ftets in Anpaffung des Individuums
an die Umgebung und der Umgebung an das Individuum,
das heißt, wie der Verfaffer erläutert, fowohl in einem
Geben als einem Nehmen, in einem abwechfelnden Opfern
und Empfangen. Deshalb bemüht fich das Buch einer-
feits darzutun, daß das Glaubensbekenntnis auf ein Opfer
hinausläuft, anderfeits, daß es ein Empfangen vermittelt.

Es bedeutet ein Opfer, nämlich ein Opfer des Intellekts, I Verdienftejede^

Die vorliegende forgfame, faubere und fcharffinnige
Unterfuchung gehört in die Klaffe der allgemeinen Dar-
ftellungen über das Verhältnis von Offenbarung und Vernunft
, kirchlicher Glaubenswahrheit und profaner Wiffenfchaft
, autonomer offenbarungsgläubiger Theologie und
allgemein-begrifflicher Philofophie, wie fie vom Standpunkt
der Ritfchlfchen Schule aus entworfen zu werden
pflegen. Zu Grunde gelegt wird die fefte und völlig
felbftändige Vorausfetzung einer Bejahung der Religion,
d. h. des Chriftentums und das heißt wieder des Ritfchlfch
gefärbten Luthertums, durch praktifche Glaubenserkenntnis
, in welcher fowohl der Wert als die Exiftenz des
Trägers diefes Wertes anerkannt werden. ,Die Theologie
fetzt voraus, daß die Geltung der Religion (d. h. natürlich
wieder lediglich des Ritfchlfchen Luthertums) nicht
theoretifch lehrbar, fondern praktifch erlebbar ift' S. 130.
Diefes Erleben ift das Vertrauen zu Jefus, wodurch man
allein Gottes gewiß werden kann. Damit ift jede Konkurrenz
irgend einer andern pofitiven Religion und auch anderer
Faffungen des Chriftentums ausgefchloffen, obwohl freilich
diefe bedeutfame Wirkung der Grundvorausfetzung
nicht in ihr volles Licht gefetzt, fondern mehr als felbft-
verftändlich behandelt wird; diefer Ausfchluß wird offenbar
in dem Erlebnis zugleich miterlebt. Vor allem aber
ift damit jede Konkurrenz einer theoretifch-philofophifchen
Weltanfchauung und jede Mifchung religiöfer, chriftlicher
und wiffenfehaftlicher Weltdeutung ausgefchloffen. Die
unter diefer Bedingung übrig bleibende Stellung und Bedeutung
der Philofophie gegenüber der theologifchen
Dogmatik konftruiert das Buch. Es ift wenig genug.

Der Philofophie als Ganzem kommt danach eine inhaltliche
, etwa die religiöfen Elemente mitverarbeitende
Weltdeutung überhaupt nicht zu. Das ift nicht bloß die
Forderung des Theologen, es ift auch das Ergebnis der
Gefchichte der Philofophie, die nirgends einen einheitlichen
Sinn und Begriff der Philofophie hervorgebracht
hat und damit fchon von felbft derartige Anfprüche der
Philofophie in ihrer Nichtigkeit dartut. So hat es der Dogmatiker
überhaupt nicht mit der Philofophie, fondern mit
den einzelnen Philofophen zu tun, denen er ihre relativen

des Gefühls, des Willens, des ganzen Menfchen. Es führt inhaltliche Weltdeutung oder deren Einordnung des
aber auch zu einem Empfangen, nämlich zur Erleuchtung | Chriftentums in einen allgemeinen Begriff der religiöfen
der Gedanken, zur Erfüllung des Herzens mit Liebe, zur ! Geiftesentwmldung er jedesmal durch Aufweis der Wider

_ - 1 w _ _ _ . . liArnr>hft und In« l^-ö 1 Li adan Tiirnnl-Tir^i TV..-. 1 ♦-. «- In Hi tibi..

Stärkung des Willens. Im Zufammenhang mit diefen
Ausführungen wird eine Auffaffung vom Verkehr des
Menfchen mit der jenfeitigen Welt entwickelt, in der, wer
wollte, Anklänge an den Spiritismus finden könnte. Im
übrigen wird dafür eingetreten, daß die ökumenifchen
Glaubensbekenntniffe nach wie vor von der Kirche beibehalten
, daß aber einzelne Sätze darin durch moderne
Interpretation mit einem neuen Sinn erfüllt werden.

Einer eingehenden kritifchen Beurteilung bedarf es
neuerlich nicht. Wenn man der alten Orthodoxie nach-
gefagt hat, daß fie das fchöne Argument des Testimonium
spiritus saneti' verkehrter Weife auf die Verbalinfpirations-
theorie angewandt hat ftatt unmittelbar auf das Chriften-
tum, fo ließe fich, abgefehen von manchem andern, etwas
Ähnliches mutatis mutandis auch dem vorliegenden Werke
vorwerfen. Nur fchwächt der Autor felbft diefe Anklage
dadurch ab, daß er einleitend erklärt, feine Verteidigung des
Glaubensbekenntniffes fei fchließlich zu einer folchen der
Religion überhaupt geworden.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

fprüche und Dunkelheiten zurückweifen kann. In diefem
Sinne werden eine Reihe moderner Philofophen behandelt:
Paulfen, Wundt und Eucken als Metaphyfiker, Avenarius
und Mach als Pofitiviften und Atheiften, Windelband und
Rickert als Transzendentaliften. Alle haben — abgefehen
von den beiden Illufioniften — manche lobenswerte An-
fätze; aber die Metaphyfiker wollen einen im Grunde fehr
wenig chriftlichen Gottesbegriff theoretifch beweifen, und die
Transzendentaliften verkennen die Selbftändigkeit d. h.
Offenbartheit des Chriftentums und mifchen immer noch zu
viel Einflüffe des theoretifchen Denkens in den Gottesgedanken
ein. Die Auswahl ift natürlich eine etwas zufällige.
Die außerdeutfehen Philofophen fehlen völlig. Nietzfche ift
nicht berückfichtigt, weil er mehr praktifcher als theore-
tifcher Denker fei, obwohl ihn das einem Standpunkt des
praktischen Glaubensurteils empfehlen müßte. Der Materialismus
fei veraltet und bedürfe keiner Berückfichtigung, obwohl
er aus der auch von Traub anerkannten lückenlofen
kaufalen Gefchloffenheit der phänomenalen Wirklichkeit
immer von neuem entliehen muß und die Auseinander-
fetzung mit den ihn bewirkenden Faffungen des Kaufali-
tätsbegrifles die Hauptaufgabe aller Idealiften wäre. Allein
hier hält Traub die Lehre vom Doppelftandpunkt der
einerfeits ftreng kaufalen und der andererfeits kritifchen