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Ausgabe:

1913 Nr. 4

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf

Titel/Untertitel:

Kritik des Neuen Testaments von einem griechischen Philosophen des 3. Jahrhunderts 1913

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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103 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 4. 104

Polemik richtet fich freilich zumeift gegen D. F. Strauß, ! ohne daß fich vom echten Text in Handfchriften, Überauf
der einen und die Modernden auf der andern Seite, fetzungen oder bei Kirchenvätern eine deutliche Spur fände,
während die chriftologifche Arbeit, die von Schleiermacher, | Im übrigen bleibt aber S.'s Nachweis durchaus zu Recht
Rothe, Ritfehl, J. A. Dorner, Beyfchlag u. a. geleiftet worden 1 beftehen, daß die betr. Stelle vor der genannten Zeit faft
ift, nicht gebührend Berückfichtigung findet. Ein Auffatz gar keine Beachtung in der altkirchlichen Literatur ge-
Braigs richtet fich gegen die auch nach meinem Dafür- j fanden hat, ein Umftand, der ihre katholifche Deutung
halten nicht fehrfruchtbareünterfcheidungdesgefchicht- wahrlich nicht begünftigt.

liehen und des idealen Chriftus (S. 292—341). Leider
fehlt es hier nicht an einem recht überflüffigen Brimborium
von Polemik, das auch in den übrigen Braigfchen Beiträgen
keinen vorteilhaften Eindruck macht, z. B. in der Bekämpfung
Hugo Kochs.

Ich gehe noch auf einige Vorträge etwas näher ein,
die fich mit der Schriftauslegung befaffen. Eine Aus-
einanderfetzung mit der Literarkritik, wie fie von prote-
ftantifcher Seite an den fynoptifchen Evangelien geübt
worden ift, fehlt. Die ganze fynoptifche Frage fcheint

Königsberg Pr. R. A. Hoffmann.

Steinmetz, Lic. Rudolf: Das Apolteldekret. 2. Tauf. (Bib-
lifche Zeit- u. Streitfragen VII, 5.) Berlin-Lichterfelde
E.Runge 1911. M. — 50

Nach St. ift das Apolteldekret auf dem Konzil in
Jejufalem befchloffen worden, freilich nicht in der Form,
die von unferen Textausgaben des NT.s geboten wird,
die Herren Vortragenden ° nicht' näher zu intereffieren. j fondern in der durch Cod. D und die Abendländer be-

Hoberg begnügt fich mit dem Nachweife, daß die drei | zeugten Gejtalt. Diele Erkenntnis^ift von den weiteft-

erlten Evangelien bereits im erlten Jahrhundert vorhanden
waren. War das der Fall, fo ,können diefelben nur als
gefchichtliche Bücher im engeren Sinne entltanden fein'
(S. 21). So einfach liegt das Problem doch wirklich nicht.
Auch ich glaube nicht an bewußte Erfindungen in den
Evangelien. Aber das fchließt doch mancherlei Unge-
nauigkeiten, unbewußte Ausfchmückungen (man denke

tragenden Folgen. Sie läßt alle Widerfpriiche in dem
Bericht über den Apoltelkonvent verfchwinden. Gegenfätze
zwifchen Gal 2 und Act 15 gibt es nicht mehr. Und die
Gefchichtfchreibung des Lucas erfcheint glänzend gerechtfertigt
.

St. fteht mit feiner Beweisführung durchaus auf den
Schultern von G. Refch, Des Apolteldekret nach feiner

insbef. an die weit zurückliegende Kindheitsgefchichtel) j außerkanonifchen Textgeftalt unterfucht 1905 und A.
in der zu Grunde liegenden mündlichen Tradition nicht | Harnack, Die Apoftelgefchichte 1908. Jenes Buch ift in
aus, Faktoren, mit denen man bei jeder mündlichen Ge- j der Theol. Literaturzeitung 1906 Sp. 241—43, diefes, fo-
fchichts-Überlieferung rechnen muß. I wdr. es das ^Dekret betrifft, 1908 Sp. 175 ablehnend be

In dem Vortrage Hobergs über den gefchichtlichen
Charakter des Johannesevangeliums (S. 23—42) findet fich
das immerhin bemerkenswerte Zugeftändnis an die Kritik,
daß die Form der hier mitgeteilten Reden Jefu in mehr oder
minder größerem Maße vielleicht dem Evangeliften zu-
zufchreiben fei, da der erfte Brief Johannes' ein ähnliches
ftiliftifches Gepräge habe (S. 28). Eine kleine Entgleifung
ift es aber, wenn an anderer Stelle ohne nähere Begründung
behauptet wird: wäre der Lieblingsjünger nicht der
Apoftel Johannes, fo müßte er eine Fiktion fein, und das
Hauptmoment für den gefchichtlichen Charakter der
Schrift wäre gefallen (S. 25T Hat Hoberg nie etwas von
der Presbyterhypothefe gehört?

Von den Vorträgen Webers über die Gottheit Jefu
in der heiligen Schrift ift der erfte, der das Alte Teftament
behandelt, wohl der wiffenfchaftlich fchwächfte des ganzen
Buches. Jede Bemühung, die altteftamentlichen Prophezeiungen
aus ihrem zeitgefchichtlichen Rahmen heraus zu
verftehn, fehlt. Auch folche meffianifche Stellen werden
herbeigezogen, in denen fchwerlich an einen perfönlichen
Meffias irgendwie gedacht ift, wie Jef. 4,2; 35,4; 54,5; 60,1 f.
Mich. 4,6f. Zach. 2,iof. Mal. 3,2h 4,2 Bar. 2,35 Tob. I4,8f.
In dem fich daran anfchließenden Auffatz: die Gottheit
Jefu und die paulinifchen Briefe findet fich manch gutes
Wort zur Charakteriftik des Paulus. Vermißt wird hier
aber eine Befprechung der fubordinatianifchen Stellen
1 Kor. 3,23; 11,3; 15,28. Auch möchte ich zu dem erften
Satze des Vortrags bemerken, daß es nicht fieben heilige
Schriftfteller find, aus derenHänden wir dasNeueTeftament
empfangen haben, fondern mindeftens acht, auch wenn
wir jede Kritik bei Seite laffen. In dem dritten Vortrag:
die Gottheit Jefu in den Evangelien wird auch in mehreren
fynoptifchen Stellen, wie Matth. 23,43f. 22,1 ff. (Parabel
vom öaftmahl!) der Glaube an Jefu Präexiftenzgefunden,
und auch aus johanneifchen Stellen, wie der Erklärung
Jefu, daß der Vater in ihm und er in dem Vater fei (10,38),
viel zu viel herausgelefen.

Was fchließlich den Streit um Matth. 16,17 fif. anlangt,
fo hat Braig S. I24ff. den fchwachen Punkt in Schnitzers
Brofchüre: Hat Jefus das Papfttum geftiftet? zweifellos
herausgefunden. Es läßt fich in der Tat fchwer vorftellig
machen, daß noch am Ende des zweiten Jahrhunderts ins
erfte Evangelium eine Gloffe eingefchoben fein follte,

fprochen. Da ich die in beiden Rezenfionen zutage
tretende Stellung zu den Problemen teile, halte ich es
für überflüffig, der von St. vorgelegten Popularifierung
von Gründen und Ergebniffen erneut entgegenzutreten.
Was St. aus Eigenem hinzutut, ift von geringem Belang.
S. 48 gibt er eine Anficht kund, die ihm unmöglich aus
gründlicher Befchäftigung mit den neuteftamentlichen
Texten erwachfen fein kann. Zufätze durch Abfchreiber,
fo meint er, feien nichts Seltenes gewefen. ,Daß man hingegen
ein Wort aus dem Text tilgte, kam fehr feiten
vor. Wo es gefchehen ift, da ift der Grund meiftens eine
Nachläffigkeit des Abfchreibers, alfo ein Verfehen. Man
ftand dem Text doch mit zuviel Ehrfurcht gegenüber.
Auch fchon diefe allgemeinen Erwägungen machen es
unwahrfcheinlich, daß in D etwa das Wort .Erfticktes' getilgt
fei, obwohl es in der Vorlage geftanden.' Übrigens
hat Verf. zwei Seiten fpäter diefe zweifelhafte Weisheit
bereits wieder vergeffen. Denn er ift ganz geneigt, die
goldene Regel zum Urbeftand des Textes zu rechnen
und führt ihr Fehlen in der größeren Hälfte der Zeugen
auf bewußten Eingriff zurück.

Von einer an das auditorium maximum der Gebildeten
fich wendenden Arbeit muß man größte Sorgfalt in der
Wiedergabe des Tatfächlichen fordern. Denn die Lefer
werden in der Mehrzahl außer Stande fein, nötige Korrekturen
felber vorzunehmen. St. behauptet gleich auf der
erften Seite, die Gemeinde von Antiochien fei .durch Chriften
gegründet, die bei der Verfolgung des Herodes geflohen
waren'. Aber Herodes tritt erft Act 12 auf. Die Gründung
der Gemeinde von Antiochien war bereits 11,19—26
berichtet worden und ausdrücklich zu der Bedrängnis
nach dem Tode des Stephanus in Beziehung gefetzt.
Auch eine forgfältigere Behandlung der fprachlichen Seite
wäre zu wünfehen gewefen, und die zahlreichen Superlative
(,ganz unmöglich', ,ganz undenkbar', .unzählig', .unendlich
' ufw.) gereichen dem Heft nicht zur Zierde. An
Druckfehlern ift mir aufgefallen S. 44,5 Bauchftaben.

Marburg (Heften). Walter Bauer.

Harnack, Adolf: Kritik des Neuen Teftaments von einem
griechifchen Philofophen des 3. Jahrhunderts [die im Apo-
criticus des Macarius Magnes enthaltene Streitfchrift!.