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Ausgabe:

1913 Nr. 3

Spalte:

83-84

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luzzatti, L.

Titel/Untertitel:

Freiheit des Gewissens und Wissens. Studien zur Trennung von Staat und Kirche 1913

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 3.

84

das ,Danck- und Denck-Liedlein auff glückliche Inauguration
' diefes Gotteshaufes die erfte. Bekannter als diefe
Gelegenheitsdichtung find zwei andere, die in vielen evan-
gelifchen Kirchenliederbüchern fich finden: ,Macht hoch
die Tür, die Tor macht weit' und ,Such wer da will, ein
ander Ziel'. Wenn an diefem der warme Herzenston hervorgehoben
wird, fo wird jenes mit Recht als ,ein echtes,
rechtes Feftlied, voll Schwung und Kraft und Feftesjubel'
charakterifiert. So wird man auch über die Perfon des
Verfaffers das, was als Ergänzung des wenigen bisher
Bekannten aus dem Altroßgärter Kirchenarchiv und dem
Königsberger Staatsarchiv mitgeteilt wird, gern entgegen
nehmen. Einundzwanzig Lieder des früh Verftorbenen
find erhalten, von denen im ,Anhange' zehn abgedruckt
werden.

Königsberg. Benrath.

Luzzatti, Minifterpräf. a. D. Prof. L.: Freiheit des Ge-
wiflens u. Wiifens. Studien zur Trenng. v. Staat u.
Kirche. Einzig autorif. Überfetzg. von Dr. J. Bluwftein.
(XIV, 1 s S S. m. Bildn.) München, Duncker & Humblot 1911.

M. 3 —

In L., dem italienifchen Volkswirt und Politiker, der
mehrfach Minifter war und jetzt Profeffor an der Uni-
verfität Rom ift, lernen wir einen fympathifchen Denker
kennen. Kraftvoll betont er (gegen Buckle) Wirklichkeit
und Wert des fittlichen Fortfehritts gegenüber der
Bereicherung der äußeren Kultur, und mit Wärme tritt
er, ohne daß bei ihm konfeffionelle Zugehörigkeit erkennbar
wäre (die deutfehen Freidenker betrachten ihn als Ge-
finnungsgenoffen), für das Recht des Glaubens ein. Mag
er auch mit füdländifcher Lebhaftigkeit fchreiben (das
Lob für Deutfchland S. X empfinde ich als zu ftark) fo ift
diefe doch nicht fentimental, fondern wirkt durch ihre
fchlichte Aufrichtigkeit. Der erfte Abfchnitt des Büches
legt ,Konftitutionelle Grundfätze der Trennung' (beffer:
Verfaffungs- oder einfach: gefetzliche Beftimmungen über
die Trennung) ,von Staat und Kirche' in den verfchie-
denen Ländern dar, der zweite macht uns mit einigen
Vorläufern des Toleranzgedankens bekannt, dem indifchen
König Afoka, dem Rhetor Themiftios (4. Jhd. n. Chr.) u. a.,
der dritte handelt grundfätzlich von Wiffen und Glauben
in der Freiheit; L. ift überzeugt, daß bei voller Trennung
von Kirche und Staat die Religion doch bleiben wird.
Auf die Trennung in Bafel (1910) konnte er noch nicht
eingehen, auch hat ihm Rothenbüchers Werk über die
Trennung (1908) noch nicht vorgelegen (das italienifche
Original von L.'s Buch erfchien 1909); dafür hat er die
Wiedervereinigung fchottifcher Kirchen, die in den letzten
Jahren die bekannten Kämpfe veranlagte, berückfichtigt,
offenbar aus Intereffe an der dort befonders umftrittenen
Frage: Wem gehört das Kirchenvermögen bei Bekenntnisänderung
? (In der Tat wird man entweder, wie es die
Lords wollten, auch einer überwältigenden Mehrheit der
Gefamtkirche das Recht auf Bekenntnisänderung be-
ftreiten, d. h. ihr in folchem Falle das Vermögen entziehen
, oder aber auch beim Ausfeheiden von erheblichen
Minderheiten Vermögensteilung eintreten laffen
muffen; wenn in Deutfchland zwar die Mehrheit der
Landeskirche das Bekenntnis ändern kann — die Be-
ftimmung, das Bekenntnis fei nicht Gegenftand der kirchlichen
Gefetzgebung, fteht ja nur auf dem Papier — eine
ausfeheidende Minderheit aber vom Vermögen nichts erhält
, fo ift das eine inkonfequente Vermittlung.) Überhaupt
haftet L.'s Intereffe ftärker als am formellen Recht
am ethifchen Gehalt des Trennungsgedankens. Das Urteil
über den Antifemitismus S. VIII ift zu fummarifch,
das über die proteftantifche Intoleranz des 16. Jhds. (S. 96)
übertrieben. Die anglikanifche Kirche in Irland wurde
1869 nicht .aufgelöft' (S. 46), fondern entftaatlicht; hier
liegt vielleicht nur ungenaue Überfetzung vor. Überhaupt

gilt: fo gewiß das Buch, weniger durch neue Erkennt-
niffe, als um feiner Tendenz und feines Verf. willen eine
Bereicherung unferer Literatur über die Trennung von
Staat und Kirche ift, fo gewiß zeigt die im ganzen durchaus
lesbare Überfetzung einige erhebliche Mängel.

Daß 5. 100 ff. mehrfach Coonhert fteht und 145 Löwen Louvain
heißt, find Kleinigkeiten; aber S. 132 find Worte aus der Bergpredigt
und I. Kor. 13 in fo feltfamem Text wiedergegeben, daß man annehmen
muß, der Überfetzer hat den italienifchen Wortlaut auf feine Hand ins
Deutfche überfetzt, ftatt Luthers uns geläufigen (oder meinetwegen Alliolis
oder Weizfäckers) Text einzufetzenl Nun mag das die Bibel fein, aber
S. 2 hat er auch Worte Luthers aus dem Italienifchen zurückuberfetzt,
ftatt Luthers Text — es handelt fich um den bekannten Brief von der
Koburg aus an den Kanzler Brück; Bl. nennt ihn Bruck — zu geben.
Und wenn es ihm zu mühfam war, Luthers Werke nachzufchlagen, fo
leiftet er fich bei einem Goethezitat S. 103 dasfelbe Verfahren, und es
kommen Sätze heraus, die Goethe nie gefchrieben hat. Das find einfach
grobe Nachläffigkeiten.

Berlin. H. Mulert.

Oman, John, Hon. M. A., D.D.: The Church and the Divine

Order. (XII, 338 S.) 8°. London, Hodder & Stough-
ton (1911). s. 6 —

Die Tendenz, die Oman in diefem Buche verfolgt,
gemahnt nicht unauffällig an Gottfried Arnold, wennfehon
er nicht erwähnt wird. Der Vf. will ,die Gefchichte menfeh-
licher Gedanken über die Kirche' mit Hinblick auf ,die
Probleme unferer Zeit' behandeln und in Sonderheit einer
Belebung der englifchen kirchlichen Verhältniffe dienen.
Um den Wert refp. Unwert von Autorität, Einheit, Staats-
kirchentum zu ermeffen, unternimmt er einen Gang durch
die Kirchen gefchichte in 12 Kapiteln von Jefus über die
apoftolifche, die orthodox-anatolifche und römifch-katho-
lifche Kirche zur lutherifchen, calvinifchen, konformiftifchen
und nonkonformiftifchen. Ünter Kirche verfteht er die
von Gott in die Welt eingeführte .Ordnung von Liebe
und Freiheit'. Jefus hat fie als ,die Gefellfchaft des Gottesreiches
' geftiftet, der jede Idee von äußerlicher Macht und
Herrfchaft fremd ift, die vielmehr allein ,auf der Bafis der
Liebe organifiert' ift. Die Vorbereitung diefes Gedankens
vom Gottesreich findet O. vor allem in der Apokalyptik,
deren Seele ,der alte prophetifche Glaube' war, daß die
Kraft bei denen ift, die auf Gottes Seite find. Auf dem
Glauben, ,daß Liebe und nicht Macht die endgültige
Weltordnung ift', hat Jefus die Kirche des Gottesreichs
gegründet. Er fteht auf der Überzeugung, ,daß die wahre
göttliche Ordnung immer bereit ift, in die Welt hineinzubrechen
, wenn die Menfchen fie nur in ihre Herzen
brechen laffen wollen. Das war die Gefellfchaft jener, die
die Segnungen des Gottesreiches fchon in ihren Herzen
verwirklichten und die feines Kommens in Fülle fo ficher
waren, daß fie leben konnten, als wäre es wirklich gekommen
' (S. 44). Jefu Gemeinfchaft benötigte daher
keiner Vorfchriften außer der, frei von der Furcht vor
Gegnerschaft zu fein und jene Art von Autorität zu
meiden, derer weltliche Organifationen für ihren Erfolg
bedürfen. An diefem Ideal gemeffen, erfcheinen naturgemäß
in den folgenden Kapiteln die Kirchen als Inftitu-
tionen, in denen Jefu Geift nur wenig zur Verwirklichung
gelangt ift, und die Gefchichte der Kirchen des Orients
wie des Okzidents ftellt fich eben fchon um der notwendigen
Abweichung von der apokalyptifchen Vorltellungs-
reihe willen als eine wenig erfreuliche Verweltlichung
deffen dar, was nach Jefu Geift und Sinn fich ganz anders
hätte ausleben müffen. Am nächften kommt dem Original
noch Luthers Anficht, fofern nach ihm wenigftens das
kirchliche Amt nichts weiter fein follte als eine Hilfe bei
der Aufgabe der Kirche, allein durch Gottes Wort zu
wirken. Aber die Kirchen lutherifcher Gründung kamen
unter die Herrfchaft des Staates, wie umgekehrt diejenigen
Calvins die Herrfchaft über den Staat anftrebten. Zu
diefer im theokratifchen Gedanken gelegenen Gefahr des
Calvinismus gefeilt fich nach O. der Begriff der ,Ehre
Gottes', der, wo er leitend wird, den eiferfüchtigen Gott