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Ausgabe:

1913

Spalte:

79-80

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pierron, Joh. Bapt.

Titel/Untertitel:

Die katholischen Armen 1913

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Seite 1

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79

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 3.

So

Ihre Vorgefchichte behandelt Preufchen bei der Dar-
ftellung des erften Zeitraums (,Chriftentum und Kirche
im Römerreich bis zum Ausgang des 3. Jahrh.') in dem
erften Abfchnitt. Hier werden Hellenismus und Judentum
in großen Zügen dargeftellt, ebenfo Jefus und das Ur-
chriftentum. Der zweite Abfchnitt berichtet über die Ent-
ftehung der Kirche, das Chriftentum außerhalb der Gemeinden
und die katholifche Kirche. Aus dem reichen
Inhalt heben wir hervor die Hinweife auf die im Chriftentum
und in anderen Religionen parallelen Erfcheinungen, die
Widerlegung der Anficht, daß die Märtyrerakten als
apologetifche Tendenzfchriften wenig Wert hätten, die
Charakteriftik der apologetifchen Literatur als des erften
Verfuches, mit den Mitteln der zeitgenöffifchen Literaturformen
das Chriftentum als eine anderen gleichberechtigte
Weltanfchauung zu erweifen. Von der als Norm der
katholifchen Kirche zu betrachtenden Glaubensregel eignet
Pr. die ältefte Formulierung Rom zu. Der dritte Abfchnitt
gilt dem Prühkatholizismus. Hier zeigt der Verfaffer,
welche fefte Stütze das Chriftentum an der helleniftifchen
Kultur gehabt hat: nur der Bund mit diefer ermöglichte
feine rafche Ausbreitung und verfchaffte ihm den Sieg
über die Barbarenreligion des Mithraskultes.

Die Gefchichte der Reichskirche (zweiterZeitraum)
hat Krüger gefchrieben. In dem erften, ihre Blütezeit
bis ins 5.Jahrhundert behandelnden Abfchnitt find u.a.
beachtenswert die Ausführungen über Volkswirtfchaftliches
und Soziales und die Päpfte. Kurz und gut wird Augu-
ftin charakterifiert. In dem Satze, er habe Gott hereingezogen
in die Seele des Menfchen, klingen doch wider
die Worte des um die Wahrheit ringenden Mannes, er
wolle nichts wiffen als Gott und die Seele. Der Inhalt
von ,de civitate Dei' ift bei aller Kürze anfchaulich
wiedergegeben. Die Frage, ob Auguftin in diefem Werke
an einzelnen Stellen abhängig ift von Tikonius, ift mit
Scholz doch wohl bejahend zu beantworten. — Zu der
Literatur über Hieronymus könnte nachgetragen werden:
E. Lübeck, Hieronymus quos noverit scriptores et ex
quibus hauserit. Leipzig 1872.

Der zweite Abfchnitt hat zum Gegenftand den Verfall
der Reichskirche. Er führt die Kirchengefchichte bis
zum Anfang des 8. Jahrhunderts und fchließt mit den
Kirchen der britifchen Infein. Auf Einzelnes können wir
nicht eingehen, im allgemeinen mag gefagt werden, daß
die Refultate der Forfchung überall zuverläffig übermittelt
find, und überall auf die Probleme hingewiefen wird, die
der Löfung harren.

Für einen Vorzug des Buches halte ich es, daß die
wiffenfchaftlichen termini erklärt und Fremdwörter, foweit
es nur geht, vermieden find.

Daß hier und da Wiederholungen vorkommen, ift
erklärlich. Wie Pf. 17,3. 4 (S. 267, Z. 18 v. o.) etwas be-
weifen foll für die horae canonicae, verftehe ich nicht;
Pf. 119, 164 ift doch wohl heranzuziehen. S. 224 ift die
Rede von der Feier des Chriftfeftes in S. Maria Maggiore.
Ich darf daran erinnern, daß noch heute in diefer Kirche
am 25. Dezember eine große Prozeffion ftattfindet, deren
Mittelpunkt die .Krippe' Jefu bildet.

Leichter zu lefen wäre das Buch, wenn es weniger
Klammern (in den runden öfters noch eckige) hätte. Aber
der Wunfeh der Verfaffer, möglichft viel auf verhältnismäßig
kleinem Raum zu bringen, entfchuldigt diefe dem
Lefer nicht immer bequeme Form.

Wandsbek. Hch. Rinn.

Pierron, D. Joh. Bapt: Die katholifchen Armen. Ein Beitrag
zur Entftehungsgefchichte der Bettelorden m. Berückficht
, der Humiliaten u. der wiedervereinigten Lombarden
. (XV, 182 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder
1911- M. 4 — ; geb. M. 5 —

Schon oft ift darauf hingewiefen worden, wie viel

Verwandtfchaft zwifchen den Anfängen der Bettelorden

und den großen Sekten jener Zeit befteht, und mit welch
bewunderungswürdiger Kunft die Kirche es verftanden
hat, den gefährlichen Strom jener großen pietiftifchen
Laienbewegung in ihr eigenes Bette zu leiten. Karl Müller
insbefondere hat auf die Humiliaten und katholifchen
Armen und ihre Behandlung durch die Kurie als Vorgänge
für die Anfänge des Minoritenordens und der
Bußbrüderfchaften nachdrücklich hingewiefen. Aber noch
nirgends habe ich fo gründlich und fo einleuchtend wie
in vorliegender Unterfuchung den Nachweis gelefen, wie
fyftematifch die Kirche, befonders Innocenz III, dabei
vorgegangen ift. P. zeigt, daß die katholifchen Armen
in Frankreich, wie die Humiliaten und wiedervereinigten
Lombarden in Italien nichts anderes find, als ein mit
großer Klugheit gemachter Verfuch des Papftes, den
Waldenfern in weiteftem Maß entgegenzukommen, um fie
fo mit der Kirche auszuföhnen und dann zum Kampfe
gegen die gefürchteten Albigenfer zu benützen. Daß der
Verfuch nicht gelungen ift, fuhrt P. einmal darauf zurück,
daß der Widerftand des hohen Klerus, der fich von den
neuen Orden bedroht fühlte, zu ftark war, fodann darauf,
daß die bekehrten Waldenfer eben doch noch zu viel von
Waldenfifcher Gedankenwelt, namentlich zu wenig Ehrerbietung
vor dem Klerus in fich hatten. Bei der Ent-
ftehung der Bettelorden fetzten die Päpfte ganz denfelben
Verfuch auf diefelbe Weife fort; fie fuchten eine Truppe
fich zu fchaffen, die durch ihr armes apoftolifches Leben
und ihre auf ernftem Studium beruhenden Predigten den
großen Sekten das Waffer abzugraben und fie fo zu
überwinden im Stande wäre. Und hier glückte der Verfuch
, denn die Päpfte hatten von ihren früheren Verfuchen
die Widerftände und Gefahren kennen gelernt, die hier
drohten, und die Ordensftifter waren von der häretifchen
Gedankenwelt von Anfang an frei. Meines Erachtens ift
der Beweis für die Richtigkeit diefer Gedanken im ganzen
gelungen, und man follte fich nicht mehr dagegen fträuben
zuzugeftehen, daß die Kurie bei Franz von Affifi mit ab-
fichtlicher Entfchiedenheit eingegriffen und deffen ur-
fprüngliche Gedanken nach ihren ganz anderen Abfichten
umgewandelt hat. Ob man das als ein Verdienft oder
ein Unrecht, als eine Notwendigkeit oder eine Rückfichts-
lofigkeit anfehen will, darüber kann man ftreiten, aber die
Tatfache follte nicht mehr beftritten werden.

Ein Punkt ift wohl bei P. am eheften anzufechten.
Es ift fchon früher bemerkt worden, daß in der Regel,
die den katholifchen Armen und den wiedervereinigten
Lombarden vom Papft gegeben wurde, ein Glaubensbekenntnis
aufgeftellt ift, das ganz unzweifelhaft gegen
die Katharer fich richtet, und man fragt fich, warum diefe
früheren Waldenfer gerade die albigenifchen Irrtümer ab-
fchwören mußten, die fie doch gar nicht geteilt hatten.
P. fagt, das fei dazu gefchehen, ,um fie auf diefe Weife
mit den umlaufenden Irrtümern jener Zeit bekannt zu
machen, fie vor denfelben zu warnen und, da fie zu
Glaubenspredigern beftimmt waren, fie zu veranlaffen, durch
diefen Eid die wahre Lehre der Kirche als wirkendes
Prinzip in fich aufzunehmen' S. 70, denn fie füllten, meint
P., als Prediger befonders die Katharer bekämpfen. P.
weift auf den neuen Antimodernifteneid hin, der auch
den Zweck habe, die Geiftlichkeit vor den Lehren der
Moderniften zu warnen und fie zum Kampf dagegen aufzufordern
. Man kann die Möglichkeit diefer Erklärung
zugeben, aber es bleibt doch etwas befremdendes darin,
daß Leute, die von einer Sekte zur Kirche zurückkehrten,
nicht nur ihre früheren Anflehten, fondern auch die Anflehten
einer andern Sekte, die fie gar nicht geteilt hatten,
abfehwören mußten.

Stuttgart. Lempp.