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Ausgabe:

1913 Nr. 3

Spalte:

72-73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bolland, G. J. P. F.

Titel/Untertitel:

De groote Vraag voor de Christenheid onzer dagen 1913

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 3.

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,die Propheten und Hagiographen] zu lefen und die Mifchna, und zwar
Midrafch, Halacha und Haggada, zu lernen.' Es ift das eine der Stellen,
an denen die drei Zweige der ,Mifchna' (in weiterer Bedeutung) genannten
Traditionswiffenfchaft aufgezählt find (f. meine Agada der
Tannaiten I2, 479). Was macht nun Holtzmann aus diefer an Präzifion
nichts zu wünfchen übrig laffenden Stelle? Er überfetzt (S. 25): ,find
frei, das Gefetz zu lefen, fich einzuprägen und zu erforfchen über Wandel
und Lehre'. Auch hier muß ich die ADführung weiterer Beifpiele unter-
laffen. Nur noch einige Übersetzungsfehler anderer Art feien erwähnt.
IV, 15 überfetzt Holtzmann (S. 60) mplitlB mit ,Meffer' ohne jede Berechtigung
. — II, 12 ,wer gerade verhindert ift' (S. 25), für 1-1 p 1^53, ver-
wifcht die konkrete Bedeutung des Wortes. — TOS heißt in der Mifchna-
fprache: aufftehen, nicht: daftehen (VII, 2, S. 85). — S. 31, Z. 1: ,das
entfernt man'; es muß heißen: ,er entfernt fich'.

Was den allgemeinen Charakter der Überfetzung
betrifft, fo ift ihr das Verdienft einer gewiffen — wie es im
Vorworte heißt (S. X) ,Gedrungenheit der Sprache' und
eines,eigenartigen Rhythmus', womit fie fichdem ftiliftifchen
Charakter des Originales anzufchmiegen fucht, nicht ab-
zufprechen. Aber diefe Eigenartigkeit und Gedrungenheit
ift meift auf Köllen der deutfchen Syntax erreicht, und
was im hebräifchen Texte fachgemäße Kürze und dem
Geilte der Sprache entflammende Knappheit ift, wird in
der deutfchen Nachahmung unnatürlich, oft undeutlich.
In der Wiedergabe der einzelnen Ausdrücke verfährt
Holtzmann nicht immer glücklich. Bizarr, fall abgefchmackt
ift die Wiedergabe von tnp (den Text der Schemac-Ab-
fchnitte lefen, rezitieren) mit ,auflagen'. PHIS nsoip, was
allerdings das Bekenntnis der Einheit Gottes in fich begreift
, wird durchaus mit ,Bekenntnis' überfetzt, was gar
nicht adäquat ift, um fo weniger, als Holtzmann einmal
(S. 39, Z. 5, III, 6) auch vfi(] (,Sündenbekenntnis') mit .Bekenntnis
' überfetzt. Solcher freier Überfetzungen einzelner
Ausdrücke könnte ich noch manche nennen. Anderer-
feits geftattet er fich zuweilen zur Unverftändlichkeit
führende Wörtlichkeit. So wenn er nfiDE, wo es das
Nachmittagsgebet bedeutet, mit ,Speifeopfer' überfetzt.
Er fagt ,Beftimmung' (III, 2) ftatt ,beftimmte Zeit', Jahresanfang
' (I, 6) ftatt .Neujahr' (hingegen fleht S. 19, Anm.
zu II, 3 .Neujahr' irrtümlich für .Neumond*); III, 3 (S. 35)
.Gefchöpfe' ftatt Menfchen, Leute.

In der Einleitung (S. XII—XVI) gibt der Verf einen
nützlichen Nachweis des Zufammenhanges zwifchen den
einzelnen Beftandteilen des Tofephtatraktates Berachoth
und denen des Mifchnatraktates; ferner eine Überficht der
in jenem genannten Tannaiten. Der Tannait Schela, der
als der fpätefte hier vorkommende Schriftgelehrte bezeichnet
wird, ift jedoch nicht identifch mit dem alten
babylonifchen Amora diefes Namens, fondern ein älterer
Tannait, der noch einmal in der Tofephta vorkommt, nämlich
Kelim, zweite Abteilung IV, 17, wo Simon b. Gamliel
einen Ausfpruch von ihm berichtet; er gehörte alfo
fpäteftens der Mitte des 2. Jahrhunderts an.
Budapeft. W. Bacher.

The four Gospels from the Codex Veronensis (b). Being the
first complete edition of the evangeliarium purpureum
in the Cathedral Library at Verona. With an intro-
duction descriptive of the Ms. by E. S. Bucha na n,
M. A., B. Sc.With two facsimiles. (XXIII, 198 S.) gr.8°.
Oxford, Clarendon Press 1911. s. 21 —

Zu den älteften und vojlftändigften Codices der Evangelien
in altlateinifcher Überfetzung gehört die Pur-
purunciale der Kapitelsbibliothek in Verona (VI, 6) aus
dem Anfang des 5. Jahrhunderts, im Apparat des NT-
Textes unter b eingeführt. Bianchini hat fie in feinem
Evangelium quadruplex 1749 gedruckt (wiederholt bei
Migne Patrol. lat. XII), mit wenigen Verbefferungen und
vielen neuen Fehlern Belsheim 1884. Schon im Journal
of Theological Studies 1909, p. 120—127 veröffentlichte
Buchanan eine ganze Reihe von berichtigten Lefungen,
dazu 2 ganz neue vorher ungelefen gebliebene Seiten.
Nunmehr legt er einen vollftändigen Neudruck im 6. Band

der fo hochverdienftlichen, leider fo unerfchwinglich teuren
Oxforder Old latin Biblical Texts vor. Er gibt dabei
der Hoffnung Ausdruck, auch die Schwefterhf. von b,
den Codex Vercellensis (a), in derfelben Weife neu herausgeben
zu können.

Von urfprünglich 418 Blättern, die der Codex zählte,
find nur 23 ganz verloren gegangen — eins davon, enthaltend
Mt. 15, 12—22, wurde nachweislich erft in neuerer
Zeit herausgefchnitten (Introduction p. VIII), fodaß es auf-
merkfamer Beobachtung vielleicht gelingen kann, es
irgendwo wieder aufzufinden! Da aber die metallifche
Tinte durch Feuchtigkeit gelitten und das Pergament
vielfach ganz durchgefreffen hat, ift ein großer Teil des
erhaltenen Textes fchwer, ein nicht geringer gar nicht
mehr zu entziffern. Als Probe der Zerftörung gibt
Buchanan eine Photographie von Fol. 384V, ein Bild der
beffer erhaltenen Teile bietet eine Photographie von
Fol. IOO. Die Hf. ift mehrmals korrigiert worden, wobei
der urfprüngliche Text fehr fauber ausradiert worden ift;
anfcheinend find die Korrekturen nicht immer ficher zu
erkennen (früheren Herausgebern find fie vielfach entgangen
). Es handelt fich dabei auch um Textkorrekturen
nach der Vulgata, fo daß große Achtfamkeit bei der
Kollation der Hf. erforderlich ift. Buchanans Druck
bietet den Text erfter Hand, foweit er ihn ermitteln
konnte; dabei hätten aber die rein konjektural ergänzten
Textteile, alfo folche, deren Lefung nicht durch deutlich
erkennbare Buchftabenrefte gefichert ift, kenntlich gemacht
werden follen. Die Korrekturen werden in der
Introduction zufammengeftellt. Daß diefe fich im wefent-
lichen auf Befchreibung der Hf befchränkt und auf text-
gefchichtliche Unterfuchungen verzichtet, ift nur zu billigen.
Ein paar einzelne Varianten, die ausgezogen werden,
können nur dazu dienen, das Intereffe für die Hf. anzuregen
. Zu vermiffen ift jedoch, daß die paläographifche
und textkritifche Literatur zur Hf. hier nicht zufammengeftellt
ift. Der Verweis auf die nicht allgemein zugängliche
Turiner Akademieabhandlung von A. Spagnolo,
L'Evangeliario purpureo Veronese 1899, genügt nicht;
mindeftens hätten neuere Erfcheinungen wie die paläo-
graphifchen Bemerkungen von Traube, Verfuche und
Abhandlungen I, S. 249, und die textkritifchen Beobachtungen
und Vermutungen von Souter, J.Th.St. 1910,
S. 583—592 hinzugefügt werden müffen.

Die letzte Seite des Heftes bringt eine ziemlich umfangreiche
Lifte berichtigter Lefungen zu desfelben Herausgebers
Publikation von ff2 (Evv, Paris lat. 17225) und h
(Palimpfeft des Apostolos, Paris lat. 6400 G) in OLBTV,
z. T. (was auch nicht hätte unbemerkt bleiben follen)
aus J.Th.St. 1909, S. 126 und 1911, S. 277—280 wiederholt,
wo fie genauer begründet werden. Die Berichtigungen
befeitigen einige Varianten zwifchen h und verwandten
Textzeugen.

Berlin-Steglitz. Hans von Soden.

Bolland, G. J. P. F.: De groote Vraag voor de Christenheid
onzer dagen. (208 S.) 8°. Leiden, A. H. Adriani 1910.

fl. 2.25

Die große Frage für die heutige Chriftenheit ift:
Hat Jefus gelebt? Der Leidener Philofoph B. wirft fie
auf, um fie entfchieden zu verneinen. Er hat fich in der
Literatur über den Gegenftand gründlich umgefehen. Auf
Schritt und Tritt begegnen uns die A. Drews, Steudel,
W. B. Smith, Robertfon, Lublinski ufw. Und die Forfcher,
die hauptfächlich als Verteidiger der Gefchichtlichkeit
Jefu aufgetreten find, werden gleichfalls häufig angeführt.
Dabei ift es eine Eigenart der Darftellungsweife B.'s, die
modernen Gelehrten wie die alten Quellen fehr oft in zum
Teil recht beträchtlichem Umfang felber zu Wort kommen
zu laffen. Seinerfeits einem Lager angehörig, das im
wefentlichen nur in der Negation einig ift, hätte er es