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Ausgabe:

1913 Nr. 3

Spalte:

67-68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sellin, Ernst

Titel/Untertitel:

Zur Einleitung in das Alte Testament. Eine Erwiderung auf die gleichnamige Schrift C. H. Cornills 1913

Rezensent:

Löhr, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 3.

68

fruchtreiche und höchft anregende Gedanken, unter denen
der Verfaffer das wirre Getriebe der islamifchen Völker
und Kleinftaaten betrachtet und klärt. Wir fehen diejenigen
Agenzien an der Arbeit, aus denen der Islam
entftanden ift und lebt. Auch die Idee des nahe bevor-
ftehenden Weltendes hat auf die werdende Religion
Muhammads ebenfo wie auf das junge Chriftentum ihre
Zauberkraft ausgeübt. Die Schilderung der koranifchen
Lehre geht ziemlich ins Einzelne. Für die fpätere, von
der Theologie beherrfchten Zeit ift jedoch das Maßgebende
nicht mehr der Wortlaut des Koran fondern die theo-
logifchen Spekulationen, die in den Koran hineingelegt
werden. Diefes würde naturgemäß in die höhere Geiftes-
kultur des Islam übergreifen, für deren Darfteilung leider
in der vorliegenden Arbeit kein Raum erübrigt werden
konnte. Auch das Problem der Weiterbildung des Islam
zur modernen Weltreligion wird behandelt und vom Verfaffer
dahin gelöft, daß das Alte vollftändig befeitigt
werden müffe. Moderne Muslime find für diefes Problem
jedoch nur dann empfänglich, wenn man ihnen klar macht,
daß es fich um eine Herausfchälung des Wefens des Islam
handelt, der keinem wahrhaft Guten feindlich entgegen-
fteht — wenn man alfo an das Alte möglichft anknüpft.

Bonn. M. Horten.

Sellin, Prof. Dr. E.: Zur Einleitung in das Alte Teltament.

Eine Erwiderg. auf die gleichnam. Schrift C. H. Cornills.
(III, 105 S.) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1912. M. 2.80

Durch Sellins von mir in diefer Zeitfchrift (Nr. 24,
Jahrg. 5 (1910), Sp. 737 f.) befprochene Einleitung in das
Alte Teftament hat fich Cornill zu einer Entgegnung herausgefordert
gefühlt (angezeigt auf Sp. 36 f. diefes Jahrgangs).

Obgleich, wie ich nach erneuter Durchficht von S.s
Buche fagen muß, in ihm der Standpunkt objektiver wiffen-
fchaftlicher Behandlung der Probleme nicht einen Augenblick
verlaffen, im Gegenteil überall behutfam eingehalten
ift, fo glaubte C. doch, wie er felbft fagt, begründen zu
follen, daß er fich S. gegenüber nicht veranlaßt fehe, das
Feld zu räumen und vom Schauplatz abzutreten. Daß C.
gegen diefe und jene Thefe S.s Widerfpruch erhob, wird
ihm niemand — am wenigften S. felbft — verdenken, vielmehr
jeder wird es mit Freuden begrüßen, wenn zwei
Kenner der einfchlägigen Streitfragen wie C. und S. über
diefe öffentlich debattieren; fo etwas pflegt immer fachlich
ertragreich zu fein. Bedauerlicherweife aber hat C.
diefem Streit ein perfönliches Moment beigemifcht und
feiner Schrift einige nicht eben fanfte perfönliche Lichter
aufgefetzt. Es ift d arum höchft dankenswert, daß S. es
über fich gebracht hat, in feiner Replik hierauf nur beiläufig
und ausfchließlich abwehrend zu antworten.

Es würde nun weit über den Rahmen einer Anzeige
hinausgehen, wenn ich als Dritter auch nur zu den wich-
tigften wiffenfchaftlichen Differenzen zwifchen den beiden
Gelehrten Stellung nehmen wollte. Was S. in feiner Einleitung
S. 33 über die pentateuchifchen Quellen fagt, daß
mehr als ein hypothetifches Ergebnis fich bei keiner von
ihnen erreichen läßt, das wird auch, vorderhand wenig-
ftens, noch von manchem anderen Problem der a.tlichen
Wiffenfchaft gelten müffen; es wird in folchem Falle der
eine oder der andere Löfungsverfuch ,mit größerer oder
geringerer Sicherheit' vertreten werden, und jede auf ,wiffen-
fchaftlicheGründe'geftützteAnfichtwirdman achten müffen.
Es ift aber auch m. E. gar nicht das, worauf es bei diefem
Streitfalle in erfter Linie ankommt. Hier flehen fich vielmehr
zwei prinzipiell verfchiedene Anfchauungen gegenüber
. Für den Eingeweihten können fie vielleicht mit
Gunkel ganz kurz fo charakterifiert werden: eine ältere,
literarkritifche, in unferem Falle von C., und eine jüngere,
literaturgefchichtliche, in unferem Falle von S. vertretene
, vgl. feine Replik S. 104. Es wäre nun verkehrt
, die Bedeutung und die Verdienfte der literarkritifchen
Richtung in der a.tlichen Wiffenfchaft leugnen zu wollen.

Die literaturgefchichtliche Richtung arbeitet zum Teil mit
den Ergebniffen jener. Das wird auch von jedem Urteilsfähigen
— auch von S. wiederholt und nachdrücklich —
anerkannt. Es wäre noch verkehrter, zu denken, alle
literarkritifche Arbeit am A. T. fei jetzt abgefchloffen, niemand
dürfte mehr in diefer Richtung arbeiten. Diefe Arbeit
ift vielmehr noch lange nicht beendet. Allein durch
das Quellenmaterial, das uns die Ausgrabungen und Funde
in Vorderafien und Ägypten während der letzten zwei
bis drei Dezennien gebracht haben, ift unfer Horizont erweitert
, neue Gefichtspunkte, neue Probleme find hervorgetreten
und heifchen Berückfichtigung, Berückfichtigung
felbft bei rein literarkritifchen Arbeiten. Das hat S. mit
vollem Recht C. gegenüber betont, und C. hat — ich
fchreibe das aus naheliegenden Gründen nicht ohne Bewegung
, aber ich muß es fchreiben — die neuere Richtung
gründlich mißverftanden, wenn er ihr unterfchiebt,
fie wolle in ,das Traumland der Deuteronomiften und
des Chroniften' zurück. So bequem ift die Sache wirklich
nicht. Vielmehr wer im Blick auf das neue Material
in unferer Wiffenfchaft weiter mittun und gehört werden
will, muß tüchtig um- und zulernen. Wer fich dagegen
verfteift, ,räumt', mit C. felbft zu fprechen, ,das Feld und
tritt vom Schauplatz ab', erliegt alfo gerade dem Schick-
fal, dem C. gegenüber S. entgehen will.

Königsberg i. Pr. Max Lohr.

Hamilton, Prof. H. F., DD.: The People of God. An In-

quiry into Christian Origins. In 2 vols. I. Israel.
(XXXIX, 261 S.) — II. The Church. (XVI, 262 S.)
gr. 8°. Oxford 1912. London, H. Frowde. s. 18 —

The two volumes into which this work is divided
form together a systematic account of the fundamental
institutions and beliefs of the Christian religion. The
author was formerly Professor in Lennoxville, Canada,
the (Anglican) Church University of the Province of Quebec,
and he has read widely and intelligently in German
theological literature. His work therefore is very well
suited to acquaint German readers with the Anglican
point of view.

Besides this, H.'s book has many positive merits,
especially the first volume. The special feature of this
part of the work is the careful distinction drawn between
the nature of the religious monotheism of the Israelite
Prophets and the philosophical monotheism of Greek
Philosophy. Having pointed out that the idea of one
sovereign Divinity was not unknown in the ancient world,
but that it seemed contrary to experience (1,7), H. sketches
the growth of the perception of unity in Nature by the
Greeks. Greek Observation and reflection came at last
to explain the origin and progress of the world without
any reference to the work of the Gods: if the philosophers
speak of 'Gods' they mean something quite different from
the polytheistic deities of mythology. "Philosophy was
not religion, and the new monotheism brought no set of
externals with it" (1,40).

To this monotheistic philosophy H. contrasts the
monotheism of the Hebrew Prophets, which for conve-
nience he calls Mono-Yahwism_( 1,65). H. regards the
earlier religion of Israel as the ordinary Semitic nationalistic
Henotheism: Yahweh is as Chemosh. But to the Cano-
nical Prophets, probably from Elijah, certainly from Arnos
onward, Yahweh is the one and only true God, who is
absolutely righteous and inexorably demands righteous-
ness, i. e. moral conduct, from His worshippers. It is not
that the Prophets have a new theory of morals or ethics,
but that they declare that their God insists that His
people should practise what they know they ought to do.
This was a new conception of Yahweh, not philosophical
monotheism. The source of the conception was not a
i new view of the physical universe, for the Prophets had