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Ausgabe:

1913 Nr. 26

Spalte:

828

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Mart.

Titel/Untertitel:

Die geistigen Strömungen in den oberen Schichten unseres Volkes u. die Gemeinde. Vortrag 1913

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 26.

828

Ausficht fleht, zu berichten fein. Hier fei nur konftatiert, daß !
(wie fchon das Vorwort zeigt) alles auf das forgfältigfte überdacht,
die Kollationen (meift an der Hand von Photographien) höchft ge-
wiffenhaft gemacht und mit Verftändnis gebucht, fprachliche wie
fachliche Anmerkungen in geeigneter Auswahl angebracht er- i
fcheinen, kurz diefe Ausgabe einen durchaus vertrauenswür-
digen Eindruck macht.

Halle a/S. von Dobfchütz.

Simons, Prof. D. Ed.: Fafttage in den alten calvinifchen Kirchen.

(Programm.) (20 S.) 4». Marburg, J. A. Koch 1912.
Die alten calvinifchen Kirchen, deren Fafttage Simons be-
fpricht, find die Genfer Kirchen, die Hugenottenkirche Frankreichs
, die Londoner Flüchtlingsgemeinde, die niederländifche
Kirche wallonifcher und deutfcher Zunge, die niederländifche
Gemeinde ,unter dem Kreuz', endlich befonders: die schottifche
Kirche. Das Bild diefer Fafttage, das S. auf Grund eines reichen
Quellenmaterials fchildert, ift kein einheitliches. Während fich
z. B. die Hugenottenkirchen Frankreichs mit der Anordnung
von Fafttagen nicht befonders befreunden konnten, wurde die
Sitte des Faftens in Schottland herb und ftreng gefaßt und durchgeführt
. Die Mannigfaltigkeit der in den calvinifchen Kirchen !
hervortretenden Erfcheinungen auf diefem Gebiet find durch ver-
fchiedene Faktoren bedingt, Eigenart der einzelnen Völker, Ver- |
fchiedenheit der Anknüpfungen an die frühere Tradition, Indi- j
vidualität der Träger der reformatorifchen Bewegung. Letzteres [
trifft namentlich für Schottland zu. Dort mußten die häufiger j
mit Ernft und Nachdruck vorbereiteten und begangenen Fafttage j
auf die Geftaltung des Volkslebens, ja auf die Volksfeele felbft
einen tiefen Einfluß haben; fie haben mitgeholfen, den Geift der i
Zucht zu verbreiten und zu ftärken. Da fie außerdem in der [
Regel nicht nur Not und Drangfal im eigenen Lande, fondern j
auch bei den Glaubensgenoffen in der Ferne zur Vorausfetzung |
haben und diefe ausdrücklich in Ausfehreiben, Predigten und ;
Gebet miteinbeziehen, fo haben fie das Bewußtfein der Zufammen- |
gehörigkeit und der Leidensgemeinfchaft geftärkt und der calvinifchen
Form des Proteftantismus zu der Erkenntnis einer öku-
menifchen Aufgabe und Verantwortlichkeit mitverholfen. — So
erweitert fich die Unterfuchung eines einzelnen Stücks der calvinifchen
Kirchenordnungen zu einem Beitrag zur Charakteriftik
der durch Calvin, Knox und ihre Genoffen begründeten Frömmigkeit
. Darin, fowie in der Zufammenftellung eines z. T. nicht
leicht erreichbaren Stoffes liegt der Wert der S.fchen Schrift.
Straßburg i/E. P. Lobftein.

Lütgert, Prof. D. W.: Martin Kahler. Gedächtnisrede. (Beiträge
zur Förderung chriftlicher Theologie. XVII. Jahrg. 1913,
1. Heft.) (28 S.) 8". Gütersloh, C. Bertelsmann 1913. M. —60
Es ift in der Ordnung, daß die »Beiträge zur Förderung
chriftlicher Theologie' den neuen Jahrgang 1913 mit einer Erinnerung
an den im Jahre 1912 verftorbenen Martin Kaehler beginnen
. Hat er doch felbft in dem Nachruf, den er im 1. Hefte
des Jahrgangs 1904 Hermann Cremer gewidmet hat, daran erinnert
, daß die Beiträge die Erfüllung eines Planes find, den er
felbft mit Cremer zufammen in feinen theologifchen Anfängen
erwogen hat. Zu diefem Zweck war die Gedächtnisrede vortrefflich
geeignet, die Lütgert in der Aula der Univerfität gehalten
hatte und die er nun mit dankenswerten erläuternden Bemerkungen
herausgibt. Die Beftimmung der Rede, die an eine aus
allen Fakultäten beftehende Zuhörerfchaft gerichtet war, verbot
es von felbft, auf die Theologie Kählers näher einzugehen. Dagegen
hat es L. ausgezeichnet verftanden, das Intereffe der gefamten
Univerfität auf den Zufammenhang der Entwickelung Kaehler's
mit der allgemeinen Geiftesgefchichte feiner Zeit zu lenken.
Aus den Kreifen der äfthetifchen Bildung der großen Klaffiker
und des deutfehen Idealismus, befonders von Hegel her, für den
ihn Rofenkranz gewonnen hatte, in feinen gefchichtlichen Neigungen
durch Perthes beftärkt, wandte fich K. zur Theologie,
nachdem er zwei Semefter zunächft Jurisprudenz ftudiert hatte.
In Heidelberg erfuhr er den Einfluß R. Rothe's, dem er
auch die Fühlung mit der Theofophie Ötinger's und Franz von
Baaders verdankte. Die Nachwirkung Rothe's, deffen Eindruck
feine Hallenfer Lehrer Jul. Müller und Tholuck nicht völlig
zu verdrängen vermochten, zeigt fich befonders in Kaehler's Intereffe
am gefchloffenen Syftem. Auch der durch Tob. Beck vertretene
füddeutfehe Pietismus ließ in Kaehlers Geift und Lebensarbeit
deutliche Spuren zurück. Die feine Tätigkeit fehr in Anfpruch
nehmende Leitung des Schlefifchen Konvikts ließ ihn erft fpät zu
fchriftftellerifcher wiffenfehaftlicher Arbeit kommen. Die Eigen- '

art feiner Schriften und den Grundton feiner Wirkfamkeit fchildert
L. in knappen Zügen. Mit dem Hinweis auf die Bedeutung
Kaehlers für die Hallenfer Univerfität und auf feine Stellung in
der evangelifchen Kirche und Theologie auch jenfeits der Grenzen
Deutfchlands fchließt die reichhaltige und intereffante Gedächtnisrede
.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Macmillan, R.A.C., M.A., D.Phil.: The Crowning Phase of the
Critical Philosophy. A study in Kant's Critique ofjudgment.
(XXV, 347 S.) 8". London, Macmillan & Co. 1902. s. 10 —
Die Literatur über Kants »Kritik der Urteilskraft' ift bei

weitem geringer, fowohl an Umfang wie an Wert, als diejenige

über die »Kritik der reinen Vernunft'.

Der Verfaffer bietet hier nun einen fehr wertvollen Beitrag

zu einer neuen Unterfuchung der dritten Kritik, wenn er auch

allerdings felbft von Vorausfetzungen ausgeht, die von den reinen

erkenntnis-theoretifchen Kantifchen Vorausfetzungen ziemlich weit

entfernt find.

In einzelnen Punkten, fo z. B. der Anficht des Verfaffers
über die Unzulänglichkeit fowohl der Kantifchen wie der Schiller-
fchen Auffaffung des Erhabenen, wird man nicht zuftimmen
können; auch find die Schlußfolgerungen des Verfaffers von
denen Kants zu fehr verfchieden, als daß wirklich für die Interpretation
bei diefem Werke fo fehr viel gewonnen würde. Die
Schrift von Hermann Cohen: ,Kants Begründung der Aefthetik'
ift jedenfalls durch diefe neue Unterfuchung keineswegs über-
flüffig gemacht und überholt. Trotzdem läßt fich nicht leugnen,
daß man aus dem Buche Macmillans vieles lernen kann. Möchte
es für die deutfehe philofophifche Forfchung ein Anfporn werden
zur Vertiefung in die »Kritik der Urteilskraft', in der noch gewaltige
Geiftesfchätze zu heben find.

Charlottenburg. Artur Buchenau.

Eger, Paft. Johs.: Der Arbeiter u. die Gemeinde. — Schian, Prof.
Dr. Mart.: Die geiftigen Strömungen in den oberen Schichten
unteres Volkes u. die Gemeinde. 2 Vorträge. (31 S.) 8U. Leipzig
, P. Eger 1912. M. — 40
Mit Vergnügen bringe ich diefe beiden Vorträge vom Erfurter
Gemeindetage zur Anzeige. Sie entfprachen ihrem ur-
fprünglichen Zwecke vorzüglich und find auch für jeden Leier
fruchtbar und wertvoll. Zielbewußt, befonnen und warm vertreten
fie in anfprechender Geifteseinheit die gute Sache. Sie enthalten
fowohl für die evangelifche Gemeinde wie für die fogenannten
Arbeiter und die fogenannten Gebildeten auf wenigen Seiten viel
Beherzigenswertes.
Frankfurt a/Main. W. Bornemann.

Blau, Gen.-Superint. Paul: Lebensziele. Ein Wegweifer zu kraftvollem
Werden. (78 S.) 8". Hamburg, Agentur des Rauhen
Haufes (1912). M. 1 —; geb. M. 1.80

Dies Schriftchen fähe ich gern in den Händen vieler Gebildeter
, fowohl der Eltern wie der herangereiften Kinder; als
Konfirmationsgefchenk ift es fehr zu empfehlen. Es ift frifch
und warm gefchrieben, fchön in der Darftellung und reich an
Inhalt, weitherzig und gerecht im Urteil. Es bietet nicht theologifche
Reflexionen oder trockene Darlegungen, fondern gefunde
religiöfe und fittliche Gedanken. Es ift im bellen Sinne eine
chriftliche Pädagogik in nuce, mit vollem Verftändnis für die Art
der Jugend. Die drei Abfchnitte haben die Überfchriften: Wohin?
— Perfönlichkeit — Stark und frei! — Auf S. 64 ift ftatt intimus
zu lefen: nitimur. Mißverftändlich wenigftens ift die Wendung,
der Buddhismus lehre, das Leben ,wegzuwerfen' (S. 16). Das bekannte
Wort Goethes ,Höchftes Glück der Menfchenkinder' etc.
wird, wie fo oft, S. 36 nur halb zitiert, wo doch Goethe gerade
in der anderen Hälfte auf die notwendige Erzänzung der Perfön-
lichkeitskultur hinweift.
Frankfurt a/Main. W. Bornemann.

Mitteilungen.

41. Die,fymbolifchen Fundamentopfer'bei den Aus
grabungen in Gefer. Die Depofita, die man zu Gefer unter
den Ecken der Häufer oder Zimmer, unter Türflügeln und Schwellen
gefunden hat, beliehen in der Regel aus zwei übereinander
geftülpten Schalen, zwifchen die eine Lampe gelegt ift (vgl. Vincent
, Canaan Abb. 143L). Man hat fie bisher zu den Fundamentopfern
in Beziehung gefetzt und als ,fymbolifchen' Erfatz eines
Menfchenopfers gedeutet, obwohl die Lampe und ihre merkwürdige