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Ausgabe:

1913 Nr. 26

Spalte:

813-815

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völker, Karl

Titel/Untertitel:

Toleranz u. Intoleranz im Zeitalter der Reformation 1913

Rezensent:

Sell, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 26.

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bühne'; diefe Form war nicht die kurialiftifche, kam vielmehr
der Grundforderung des fächfifchen Kurfürften,
Luther vor ein deutfches Schiedsgericht zu ftellen, entgegen
, der Reformator fpürte hier zuerft ,einen Hauch
des nationalen Lebens'. Miltitz mit feinem Schiedsgerichtsgedanken
macht die Tendenz der fächfifchen Politik fich
ganz zu eigen. Nun tritt die Reichstagsidee in den Ge-
fichtskreis, verknüpft fich zuerft mit dem Schiedsgerichtsgedanken
— Luther foll auf dem Reichstage vor dem
Trierer Erzbifchof erfcheinen — um dann felbftändig zu
werden: das Forum wird immer größer; die Berufung
auf den Reichstag wird zur Berufung vor ihn, dank den
Verhandlungen zwifchen Friedrich dem Weifen und dem
Kaifer in Köln. — Die feine Studie zeigt wieder v. Sch.'s
Gabe, die k.g. Ereigniffe unter große Tendenzen zu
rücken und dadurch verftändlich zu machen. Mitgeteilt
ift ein Schreiben des Rektors von Wittenberg an Herzog
Johann, das aufs Neue beweift, daß die Univerfität Wittenberg
zuerft ein Verhör Luthers auf dem Reichstage in
aller Form forderte. Hübfeh zeigt v. Sch., daß Luther
die Bulle gerade am 10. Dez. verbrannte, weil er fie am
IO. Okt. erhalten hatte und fomit die zum Widerruf gedeihe
Frift gerade am 9. Dez. abgelaufen war.

Zürich. Walther Köhler.

Völker, Lic Dr. Karl: Toleranz u. Intoleranz im Zeitalter
der Reformation. (VIII, 279 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C.
Hinrichs 1912. M. 7.50; geb. M. 8.50

Es war zu erwarten und zu wünfehen, daß nach der
lehr fleißigen und inftruktiven, wenn auch vom ganz ein-
feitigkatholifchem Standpunkt aus entworfenen Darftellung
der proteftantifchen Intoleranz der Reformationszeit durch
Nikolaus Paulus (Proteftantismus und Toleranz im 16. Jahrhundert
. Freiburg i. B. 1911), die gleichen Urkunden
einer weiteren Nachprüfung unterzogen würden. Das ift
gefchehen in dem vorliegenden bereits gleichzeitig mit
Paulus gearbeiteten Werke, das aber überall noch Paulus
berückfichtigen konnte. Sein Hauptverdienft ift der Nachweis
derreligiöfen und ethifchenMotive, aus denen die kirchliche
Intoleranz der Reformatoren flammt, der in befriedigender
Weife gelungen ift. Damit verbindet es den
weiteren wichtigen Nachweis, daß die Wurzeln des Toleranzgedankens
dennoch im Quellgebiet des ,Proteftantismus'
im weiterem Sinne diefes Wortes liegen. Man konnte das
fchon in Gervinus' Einleitung in die Gefchichte des 19.Jahrhunderts
lefen (1853), es ift aber oft wieder vergeffen
worden. Somit ift diefe zweite größere Arbeit des
fleißigen Verfaffers mit Dank willkommen zu heißen.

Es wird auch nach diefer umfichtigen Durchmufterung
der Urkunden anfänglicher (nicht Toleranz, fondern) Freigebung
des Gewiffens und der fpäteren Intoleranz der
Reformatoren auf dem breiten Hintergrund der gefamten
religiöfen Geiftesgefchichte des 16.Jahrhunderts fchließlich
bei dem Satze bleiben, den Paulus am Schluffe feines
Buches dem von heutigen katholifchen Forfchern fonft
gerade nicht mehr als Gewährsmann zugelaffenen Döl-
linger entnimmt (ohne Angabe der Herkunft: er fleht in
,Kirche und Kirchen, Papfttum und Kirchenftaat', dem
erften Buch wodurch Döllinger der Kurie mißfiel S. 68):
.Hiftorifch ift nichts unrichtiger als die Behauptung, die
Reformation fei eine Bewegung für Gewiffensfreiheit ge- I
wefen. Gerade das Gegenteil ift wahr'. Aber Paulus 1
verfchweigt, daß derfelbe Döllinger in feinem fpäteren
Akademievortrag ,über die Gefchichte der religiöfen Frei- I
heiß 1888 auch gezeigt hat, welchen Anteil gerade das
proteftantifche Sektenwefen an der Ausreifung des Gedankens
allgemeiner und wechfelfeitiger Religionsfreiheit I
hat, die laut Syllabus und Encyklika Quanta cura eine
prava, proscripta et damnata opinio ift. Es konnte darum
Wunder nehmen, daß gerade Paulus in feinem Buch als j
Kämpe für die Religionsfreiheit erfcheint. Das unbegreifliche
gefchichtliche Rätfei, woher in aller Welt bei der völligen

Intoleranz der Reformatoren und der von Paulus doch
l ficherlich nicht geleugneten Intoleranz der Päpftlichen,
j die fchließlich fiegreichen religiöfen Gedanken der Ge-
I wiffensfreiheit und der Kultusfreiheit gekommen feien,
! hat — wie in Ergänzung von Paulus' Schrift — Völker
gelöft mit dem nicht neuen aber in angemeffener Voll-,
ftändigkeit geführten Nachweis, daß die Wurzel diefer
Gedanken zwar nicht eigentlich im „reformatorifchen
Chriftentum" liegt, wohl aber in dem Geifte der doch auch
chriftlichen Humaniften, der Täufer, der Individualiften,
Separatiften und ,Diffldenten' der Reformationszeit. In
diefen Anregungen zeigt er auch den Anfang der .internationalen
und interkonfeffionellen Friedens- und Toleranz-
miffion der Wiffenfchaft'. Alfo überall wo das Chriftentum
über die Konfeffionsgeftalt hinausftrebt und auf
Hinderniffe flößt, bringt es den Gedanken der Toleranz
hervor mit Notwendigkeit. So ift doch ,die Reformation'
als Gefamterfcheinung — nur nicht das proteftantifche
Staats- oder Volkschriftentum — ,der Ausgangspunkt
der modernen Toleranz'. Bei diefer Betrachtungsweife
erfcheinen neben dem gefamten proteftantifchen
Diffentertum auch Rationalismus und naturrechtliche Doktrinen
als Ausläufer der ,Reformation'. Nur geht vielleicht die
Behauptung, daß ,das proteftantifche Perfönlichkeitsideal'
die religiöfe Grundlage der modernen Toleranz fei, über das
gefchichtlich Nachweisbare hinaus. Denn Luthers „Freiheit
eines Chriftenmenfchen" proklamiert doch eben nur die
Freiheit des homo christianus, der durch Chriftus mit
Gott in Gemeinfchaft fleht, nicht aber der auf fich felber
als einem partiellen Weltzweck beharrenden .Perfönlich-
keit'. Der homo christianus ift noch durchaus an die in
der Kirche vorhandene Offenbarung gebunden und will
an ihr gemeffen fein. Das Wefen der Toleranz aber be-
fleht darin, daß der Tolerierende fein Urteil über die
religiöfe Qualität des Anderen, über feine Zugehörigkeit
zu Gott fufpendiert.

Völkers Buch erörtert zunächft unter dem Titel ,Vor-
ausfetzungen' die Grundlagen der mittelalterlichen Intoleranz
, die, wie ich mich ausdrücken möchte, gelegen find in
der Einheit von Staat und Kirche, woraus dem ,Staat' die
Pflicht erwächft, die göttliche Wahrheit mit allen Mitteln
aufrecht zu erhalten. Der Humanismus vermag bei allem
feinem Eifer für Gedankenfreiheit das noch nicht zu ändern,
weil er praktifch an die Kirche gebunden ift. Der zweite
Hauptteil zeigt, wie mit Notwendigkeit aus dem Kampf
der Reformation um die alleinige Wahrheit des Evangeliums
ihre konfequente Intoleranz gegen den Katholizismus
entftehen mußte. Denn, wie ich hinzufüge, für die
Reformation kommt der Katholizismus gar nicht mehr
als etwas irgendwie Religiöfes, fondern als eine rein welt-
lich-politifche Verfchwörung gegen die Wahrheit in Betracht
. Das nannte man dann den ,Antichrift'. Dabei
blieben die Reformatoren fämtlich an den Kirchengedanken,
an den Gedanken göttlicher Notwendigkeit zu einer einheitlichen
Kultusfozietät und deren Aufrechterhaltung durch
die Obrigkeit gebunden. So ergab fich mit Notwendigkeit
die politifche Entrechtung des Katholizismus in allen der
Reformation anhängenden Territorien und folgeweife
auch aller die ,evangelifche' Wahrheit leugnenden ,Ketzer'.
Dabei konnte man, wenn man wollte, die nur insgeheim
Widerfprechenden ftillfchweigend dulden, denn die chrift-
liche Obrigkeit braucht nur die öffentliche Leugnung
Gottes zu ftrafen, zur Richterin über Gerinnungen war
fie nicht ausdrücklich beftellt, wie es die mittelalterliche
Theokratie war. Andererfeits Hellte fich die gleiche Intoleranz
wie gegen Katholizismus und Ketzer auch gegen
die andere proteftantifche Konfeffion heraus und damit
auch eine beträchtliche Hemmung aller freien Forfchung;
was man den Reformatoren mit Recht als einen Abfall
von ihrer urfprünglichen Freiheitsforderung für die Wahrheit
vorhalten konnte.

Ein dritter Abfchnitt zeigt den gleichen nur teilweife
gewaltfamen Kampf des Katholizismus wider die neue