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Ausgabe:

1913 Nr. 26

Spalte:

807-809

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scher, Addai (Ed.)

Titel/Untertitel:

Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium. Scriptores syri. Series II. Tomus LXVI 1913

Rezensent:

Diettrich, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 26.

808

Gnofis bekämpft wird, die zugunften diefer Annahme j
fprechenden Überlegungen gut vorbringt.

Daß ein Hauptzweck der Ign.-Briefe Bekämpfung
von Gnoftikern ift, ift ebenfalls zugeftanden. Weiter kann
L. auf weitgehende Zuftimmung rechnen, wenn er die
Gegner mit dem jüdifchen Volkstume (doch muß es
nicht Judenchriftentum fein) zufammenbringt, fie eigene
Konventikel bilden, pneumatifches Wefen zeigen läßt.
Ihre Chriftologie beftimmt er als dualiftifch, eine nicht
eben glückliche Bezeichnung, die aber in der Hauptfache
das richtige meint: die Chriftologie ift doketifch,
der Doketismus aber ruht auf dualiftifcher Vorausfetzung.

Unmöglich aber fcheint mir auch hier die Annahme (S. 132 ff.), daß
die Gegner als Vertreter einer dualiftifchen Ethik Libertiniften find. Ich
muß dabei auf die oben angeführte Beobachtung hinweifen. Keine einzige
irgendwie brauchbare Stelle ift in der Ketzerbeftreitung des Ignatius enthalten
, und die Andeutungen'.Eph. 7, 1. 16, 1. Phil. 2, 2. 3, 1. Troll. 6. 7, 2.
II, I find m. E. außerftande, das zu tragen, was L. auf fie baut. Daß
die kirchliche Polemik gewiffe Vorwürfe gegen die Gnoftiker erhebt, ift
felbftverftändlich, aber in Wirklichkeit kann Ignatius an der Haltung der
Gegner keinen Libertinismus feftftellen. Er hätte doch ficher dann ganz
anders dreingefchlagen.

Nun komme ich zu dem übrigbleibenden mittleren
Stücke der Ausführungen, das von I. Clem. und im Anhange
von II. Clem. handelt. L. fieht in den korinthi-
fchen Gegnern ebenfalls gnoftifche Schwarmgeifter, Pneumatiker
, die fich gegen das Amt erheben, Libertiniften,
die das Fleifch und die Frauen emanzipieren wollen,
die Gottesdienftordnung ftören und Gehorfam und Gottesfurcht
verachten. Daß der Streit in Korinth irgendwie
mit der großen Auseinanderfetzung von Amt und Geilt
zufammenhängt, fcheint auch mir ficher zu fein.

Aber nach wie vor (der Erlte Clemensbrief TU NF. V, 1, 163 ff.
vgl. auch Hennecke, Ntl. Apokryphen S. 84t.) ift es mir unmöglich, zur
Erklärung alles deffen, was I Clem. vorbringt, die Übelftände in Korinth
heranzuziehen. Die Polemik L.s gegen Aufftellungen von mir, die durch
das ganze Buch hindurch geht, ift in diefem Abfchnitte befonders eindringlich
, vgl. S. 53 und S. HO. Ich habe leider, fo fehr ich L.'s Bemühen
verliehe, mich nicht davon überzeugen können, daß in I Clem. alle
Ausfuhrungen aus der beftimmten Veranlaffung des Schreibens zu erklären
find. L. meint, es fei unwürdig, ein Gerede ins Blaue hinein als erbaulich
zu bezeichnen. Es kommt aber doch ficher nicht auf das an, was
wir als ,erbaulich' im beftem Sinne anfehen, fondern auf das, was die
alten Gemeinden und ihre Homileten als nötig und als fördernd angefehen
haben. Paulus felber fagt in der Paränefe feiner Briefe vielerlei, was mit
den beftimmten Zuftänden der angeredeten Gemeinden nichts zu tun hat,
er hat beftimmte Lieblingsgegenftände, auf die er immer wieder hinfloßt,
im Kol., den man doch fehr gut hinfichtlich feiner Veranlaffung mit I
Clem. in Parallele Hellen kann, nimmt 3, I ff. gar keine Rückficht auf die
Veranlaffung des Briefes. I Petr. 3, 18 ff. ift ficher vom Verfaffer und
feinen Lefern als erbaulich empfunden worden, und wie fehr Hört es den
Zufammenhang von 3, 17 f. und 4, 1. Drews hat uns eingehend gezeigt, daß
I Clem. in feinen Ausführungen von der römifchen Gemeindeliturgie abhängig
ift. So halte ich es nach wie vor für unmöglich, die Ausführungen
von I Clem. in der Weife zu verwerten, wie L. es unternimmt. Wer das
folgerecht durchführt, der wird aus dem erften umfangreicheren Teile des
Briefes ein fehr abfonderliches Bild der Gegner erhalten. Und glaubt
denn L. wirklich, daß das Bild und das Gegenbild von Kapp. 1—3 auf
Tatfächlichem beruht? — Ich kann mich mit irgendwelcher Beftimmtheit
nicht einmal davon überzeugen, daß die bekämpften Gegner Gnoftiker find.

Der große Fehler L.s ift der, daß er mit einer
ganz beftimmten Anfchauung an die Quellen herantritt
und nun mit Gewalt das in ihnen findet, was er fucht:
die vom Judentum ausgehende libertiniftifche Gnofis.
Die Gnofis, die in den alten Gemeinden auftrat, war aber
in Wirklichkeit keineswegs eine fo einheitliche Größe,
und fehr verfchiedene Abarten von ihr haben fich in
den einzelnen Gemeinden zu den verfchiedenen Zeiten
geltend gemacht. Die Wirklichkeit hatte viel mehr Ge-
ftalten als diefe Theorie zeigt.

Wien. Rudolf Knopf.

Corpus scriptorum christianorum orientalium. Scriptores
syri. Series secunda. Tomus LXVL: Theodorus Bar
Koni, Liber Scholiorum. Textus. pars I. Ed. Addai
Scher. (IV, 366 S.) Lex. 8°. Leipzig, O. Harraffowitz
1912. M. 20.40

Diefer zweite Teil der Scholien des Theodor Bar
Koni (VI/VII Saec.) umfaßt Buch 6—11. (Buch 6: Eine

Art Einleitung ins N.T.; Buch 7—8: Die vier Evangelien
und die Apoftelgefchichte; Buch 9: Die paulin. Briefe;
Buch 10: Sakramente und heil. Handlungen; Buch Ii:
Vor- und nachchriftl. Sekten). Der Text ift drei im
Oriente befindlichen Handfchriften entnommen: Sm =
codex Seertensis membranaceus, Sc = codex Seertensis
chartaceus; D = codex Amidensis (Diarbekir). Sm ift
der Ausgabe zu Grunde gelegt worden. Nur, wo er ver-
ftümmelt oder in Unordnung zu fein fchien, hat der
Herausgeber Sc den Vorzug gegeben. Der abgedruckten
Handfchrift find in den Fußnoten die Varianten "der
andern beiden Handfchriften hinzugefügt. In einem
Appendix (pag. 353ßf) hat J. B. Chabot die Varianten
der im kethabhonä dephartewäthä (Urmia 1898) und bei
Martin Lewin (Berlin 1905) herausgegebenen Fragmente
zufammengeftellt.

Nun liegt zum erften Male ein vollftändiger Text
des Theodor Bar Koni vor. Und daß diefer für mancherlei
wiffenfchaftl. Forfchungen wertvolle Dienfte leiften
kann und darum mit viel Dank gegen den Herausgeber
hingenommen werden muß, liegt auf der Hand. Aber
als kritifche Ausgabe darf diefe Veröffentlichung nicht
angefehen werden. Der Herausgeber hat noch nicht
einmal die gefamte handfchriftl. Überlieferung benutzt.
Wie konnte er z. B. an der auf der Kgl. Bibliothek zu
Berlin befindlichen Handfchr. Or. qu. 1143 ftillfchweigend
vorübergehen! Gewiß ift diefe Handfchr. in den gedruckten
Katalogen nicht mit aufgenommen. Aber da fich nun
einmal unfere Bibliotheken noch nicht zu einer öfteren
Berichterftattung über ihre neuften handfchriftl. Erwerbungen
entfchloffen haben, fo hätte der Herausgeber, oder
einer der in Europa weilenden Mitarbeiter am Corpus scriptorum
chriftianorum orientalium vor Beginn der Drucklegung
des Textes den gefchriebenen Katalog der
Kgl. Bibliothek in Berlin einfehen müffen. — Das dem
Herausgeber bekannte handfchriftl. Material — und hier
liegt ein zweiter Mangel feiner Ausgabe — ift völlig un-
kritifch behandelt worden. Das ift im vorliegenden Falle
befonders bedauerlich. Denn wie not hier das Feuer
der Textkritik tut, zeigen fchon die von Scher pag. 352
zufammengeftellten Emendationen Nöldekes zu der allerdings
außerordentlich korrumpierten Perikope über Homer,
Hefiod und Orpheus. Und welch eine Fülle literar-
kritifcher Aufgaben hier vorliegen, das verraten fchon
die zahlreichen von Scher felbft notierten Textumftellungen
der handfchriftl. Überlieferung (cfr. pag. 153, Fußn. 8,
pag. 154. Fußn. 1, pag. 162, Fußn. 6, pag. 162, Fußn. 7
ufw.). Ein flüchtiger Vergleich des Scher fchen Textes
mit Or. qu. 1143 zeigt außerdem noch fo umfaffende
Textauslaffungen und -Zufätze, daß ich die allergrößten
Bedenken gegen die Authentizität weiter Partien der vorliegenden
Ausgabe der Scholien Theodor Bar Konis habe.
Ich notiere nur Folgendes: Hinter Scher pag. 180, Z. 15
fchiebt Or. qu. 1143 von oia vers. Z. 17 bis yu> vers.
Z. 11 die Beantwortung folgender Fragen ein: ,Was ift
die Urfache, daß der fei. Petrus mit der Belehrung der
Heiden anfing? Weshalb erzählt der fei. Matthäus vom
Verräter Judas, daß er das Silber in den Tempel warf
und hinging und fich erhängte, während Lukas erzählt,
daß er auf fein Angefleht auf die Erde fiel und in der
Mitte auseinander geriffen wurde, und all fein Jnneres
ausgefchüttet wurde? ufw. Hinter Scher pag. 6, Z. 6
fchiebt Or. qu. 1143 von ,2^0 vers. Z. 2 bis vers. Z. 5,
d.h. im I.Buche eine Abhandlung über die Samaritaner
f] -y^rr), Effener Saddukäer O-äxorj), Pharifäer

(L*_-fs), Schriftgelehrten Q^a»), Baptiften (Lamftm-> sie!),
Nafiräer (If-qj) und Herodianer (LWiai) ein. Da das
11. Buch der Scholien trotz feiner Überfchrift: .Kurzgefaßtes
Summarium aller vor- und nachchriftl. Härefien'
de facto nur nachchriftliche Härefien behandelt, fo ift
es möglich, daß der Einfchub von Or. qu. 1143 urfprüng-
lich nicht im erften, fondern im elften Buche ftand. Es