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Ausgabe:

1913 Nr. 25

Spalte:

796-797

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Mart.

Titel/Untertitel:

Der moderne Individualismus und die kirchliche Praxis 1913

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 25.

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Die Edinburger Welt-MilTions-Konferenz. Bilder u. Berichte v. Vertretern
deutfcher Miffionsgefellfchaften, gefammelt v. Miff.-Dir.
A.W.Schreiber. (180 S. m. 4Taf.) 8". Bafel, Basler Miffions-
buchh. 1910. M. 2 —; geb. M. 2.80

Gairdner, W. H. T.: ,Edinburgh 1910.' An account and inter-

hat nur die Hoffnung, daß neue Entdeckungen in den Manu-1) Die Gefchichte des Bauernmädchens Clara Moes im Luxem-
fkripten aus den Hypothefen herausführen. Im letzten Kapitel I burgifchen, die von frühefter Jugend an die Zeichen fchwerfter
werden die Ausgaben der Quodlibeta kritifch beleuchtet. Er ! hyfterifcher Entartung zeigte: Krämpfe, ekftatifche Zuftände,
kommt zu dem Ergebnis, daß weder die alten Drucke noch die j Vifionen, hyfterifche Stigmata und Charakterdegeneration. Es
jüngeren Ausgaben auch nur annähernd den berechtigten An- I gelang ihr mit Hülfe des Dominikanerordens ein Klofter zu
forderungen genügen. ,Man kann fleh der Einficht nicht ver- ! gründen. Teils durch aktive Intriguen, teils als Werkzeug in der
fchließen, daß der Zuftand, den die Ausgaben der Quodlibeta Hand herrfchfüchtiger Dominikaner brachte fie es zuwege, daß
aufweifen, nahezu an Verwahrlosung grenzt.' der Bifchof Adames von Luxemburg, der dem ganzen Treiben

Tübingen. Scheel. fkeptifch gegenüberftand, abging und einem Nachfolger Platz

..... _ .. .. . .„ .. ._. machte, der auf ihrer Seite ftand. Die einzelnen pathologifchen

Luther, Marttnus: Von der Freiheit eines Chriftenmenrchen. (Die Zü im Leben und Charakter diefer ftigmatifierten Nonne find
Hrsg. beforgte Thdr. Lockemann.) (45 S.) gr. 8". Leipzig, eingehend und zwar nach einem 671 Seiten umfaffenden Buche
E. Rowohlt (1912). Geb. M. 3.50 gefchildert, das von den Dominikanern ,nach authentifchen

Es ift fehr dankenswert, daß die Drugulin-Drucke nun auch j QuelIen' zum Zweck der Verteidigung der ganzen Affäre und
eine Schrift Luthers in ihrer ursprünglichen Geftalt weitern Kreifen | a,s Grundlage für eine fpatere Heiligfprechung herausgegeben war.
zugänglich machen. Dazu durfte (ich außer dem großen Kate- j Chemnitz. Weber,
chismus kaum eine andre fo fehr eignen, als die vorliegende,

die ohne polemifche Seitenblicke in fall zeitlofer Form die tiefen Jofefovici, Dr. phil. U.: Die prychifche Vererbung. (Sammlung
Grundgedanken der Reformation ausfpricht. Um das Erfaffen v. Abhandlgn. z. pfycholog. Pädagogik aus dem ,Archiv f. die

des originalen Lautftandes und des Sinnes zu erleichtern, hat gefamte Psychologie'. III. Bd. 2. Heft.) (VII u. S. 127—281.)
Th. Lockemann, der darüber auf einem eingelegten Blatt genaue j gr. 8». Leipzig, W. Engelmann 1912. M. 2.80

Rechenfchaft gibt, die Schreibweife dem heutigen Gebrauch mög- Ein Verfuch, die Lehre von der Kontinuität des Keimplasmas

hchft angeglichen und die moderne Interpunktion angewendet. , auch auf die Vererbung prychücher Eigenfchaften anzuwenden.
Immerhin zeigt ein Bafeler Nachdruck von Adam Petn, den die j Es wird j daß folche Eigenfchaften Empfindungen, Gefühle,
Gottinger Bibliothek befitzt, manche Formen, die den heutigen Temperamentsanlagen vererbt werden. Dies ift nur möglich

wenn bei der pfychifchen Übertragung von den Eltern auf das
Kind die Kontinuität des pfychifchen Gefchehens ebenfo gewahrt
bleibt, wie im Individualleben, wo es auch im Schlaf, auch in
Dämmerzuftänden nur fcheinbar unterbrochen, in Wirklichkeit
aber erhalten ift. Verftändlich wird die Möglichkeit diefer
pfychifchen Kontinuität bei der Vererbung, wenn man das Prinzip
pretation of the world missionary Conference. des pfychophyfifchen Parallelismus, die Theorie, daß kein

Der Edinburger Weltmiffionskongreß im Jahre 1910 ift von ! pfychifcher Vorgang ohne einen ihm parallel laufenden phyfifchen
feinen Teilnehmern als ein kirchengefchichtliches Ereignis be- exiftiert, zur Erklärung heranzieht.

urteilt worden und die von ihm ausgegangenen Wirkungen haben Chemnitz. Weber,
bewiefen, daß diefe Einfehätzung nicht zu hoch gegriffen war. I , „ . , ..... ... .

Schon der Umftand, daß niemals zuvor eine gleich große Verfamm- , d'Herb.gny, Michel: Vladimir Soloviev. Un Newman russe. (Pub-
lung offizieller Delegierter faft fämtlicher evangelischer Miffions- j rra7°ns,de0 'a B'bIl0Jhe9ue Slave de Bruxelles. Serie A.)
gefelirchaften in aller Welt getagt hat, würde der Konferenz ein (XVIII, 336 S.) kl. 8». Paris, Gabriel Beauchesne et Cie. 1911.
befonderes Intereffe fichern. Aber fie hat es verftanden, fleh Mr fr- 3,50

lange Jahre dadurch ein gewichtiges Anfehen zu verfchaffen, daß ! Solowjew, der Sohn des bekannten Darftellers der ruffifchen
fie ein bis dahin nicht vorhandenes Material über die Theorie Gefchichte, deffen ,gefammelte Werke' in 8 Bänden Petersburg
und Praxis der evangelifchen Miffion der Gegenwart zufammen- 1900-1906 erfchienen find, und der in Rußland als ,Schopfer
gebracht hat. Sie hatte fchon einige Jahre zuvor acht Kommiffi- ! des erften wahrhaft ruffifchen philofophifchen Syftems' prokla-
onen gebildet, die nach forgfältig entworfenem Programm und i miert wird> ift bei uns faft unbekannt geblieben. Nur über feine
in guter Arbeitsteilung das gefamte Miffionswefen aufzuarbeiten
hatten. Die Berichte diefer Kommiffionen füllen acht Oktavbände
(I Carrying the Gospel to all the non-chriftian world, 452 S.; —
II. The Church in the mission field, 380 S. — III. Education in
relation to the christianisation of national life, 471 S. — IV. The
missionary message in relation to non-christian religions, 337 S.;
— V. The training of teachers, 341 S. — VI. The home base of
miffions, 565 S.; — VII. Missions and Governments, 189 S. —
VIII. Co-operation and the promotion of unity, 241 S.) und bilden
mit dem Band (vol. IX, 367 S.), der die Gefchichte der Konferenz
kurz fchildert und die in den Abendverfammlungen gehaltenen
Vorträge zum Abdruck bringt, ein Quellenwerk, das für ein tiefer
gehendes Studium der Miffion großen Wert befitzt und bereits
auf die Miffionsliteratur günftig einzuwirken beginnt. Auch der
praktifche Miffionsbetrieb hat Gewinn von dem Kongreß, da der
von ihm gebildete Arbeitsausfchuß fich darum bemüht, zwifchen
den hunderten von evangelifchen Miffionsgefellfchaften, die koordiniert
nebeneinander flehen, eine Verbindung herzuftellen und
fie zu gemeinfamem Vorgehen anzuregen.

Unter den erflen frifchen Eindrücken der Konferenz find
die Schriften von Schreiber und Gairdner entftanden, die über
ihren äußeren Hergang berichten und den Gang der Verhandlungen
kurz fkizzieren. Die in der Schreiber'fchen Schrift gebotenen
Stimmungsbilder flammen aus der Feder verfchiedener
Kongreßteilnehmer und werden dem Benutzer der Akten eine
willkommene Ergänzung fein, weil fie einen guten Einblick in die
inneren Verhältniffe der bedeutenden Verfammlung vermitteln.
Göttingen. Carl Mirbt.

Montanus, Dr. Leo: Aus dem Tagebuch einer hyfterifchen Nonne

od. Wie das Wundermädchen Klara Moes (1832—1895) Luxemburger
Bifchöfe flürzte u. auf den Thron brachte. Auch e.
Kapitel Kirchengerchichte. (95 S.) 8». Frankfurt a. M., Neuer
Frankfurter Verlag 1912. M. 1.50

,Erkenntnistheorie' und ,Metaphyfik' befitzen wir eine Hallenfer
Differtation von Usnadse (1909). Um fo dankenswerter ift das
vorliegende Werk, das uns von S.s anziehender Perfönlichkeit,
feinem Werden und feinen Überzeugungen ein zwar durch den
korrekt römifchen Standpunkt des Verfs. hie und da gefärbtes, aber
doch im Wefentlichen zutreffendes und von großer Vertiefung
zeugendes Bild entwirft. Dabei tritt das eigentlich Philofophifche
ftark zurück hinter den religiöfen, theologifchen und kirchlichen
Intereffen, die auch bei S. felbft immer mehr in den Vordergrund
getreten find. Von S. Büchners und D. Fr. Strauß' Einflüffen
durch Spinozas Idealismus befreit, hat S. fich früh zum Gottesglauben
und zum Chriftentum feiner Kirche zurückgefunden, mit
diefem den geiftigen und ethifchen Ertrag moderner Bildung verbindend
. Dann hat er, ausgehend von dem ethifchen Ideal einer
die ganze Menfchheit umfaffenden Gemeinfchaft, das er auf die
Kirche bezog, fich zur Anerkennung des Papfttums als der von
Chriftus gewollten Re präfentanz der höchftenEinheit durchgerungen
und hat das Recht diefer Gedanken innerhalb der orthodoxen
Kirchen, (alfo ohne ,Lateiner' zu werden), unter Verwerfung
ihrer cäfaropapiftifchen Verfaffung in fehr wirkungsvoller
Weife verteidigt. Dem Rechte der im Papiltum gipfelnden
Hierarchie fetzte er aber als gleich unveräußerlich die Rechte
des Königtums und der profetifchen Perfönlichkeit (die er im
Urfprung des Proteftantismus wirkfam fand) zur Seite. Wer die
geiftigen Kämpfe im heutigen Rußland zu verliehen fucht,
darf an der von ihm in& Leben gerufenen Bewegung nicht
vorübergehn.

Göttingen. Titius.

Schi an, Prof. D. Dr. Mart.: Der moderne Individualismus und die
kirchliche Praxis. (Vorträge der theologifchen Konferenz zu
Gießen. 31.Folge.)(40 S.) 8«.Gießen,A.Töpelmannl911. M.l —
Daß diefer Vortrag, der auf der theol. Konferenz zu Gießen

1911 weitgehende Zuftimmung fand und eine außerordentlich