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Ausgabe:

1913 Nr. 25

Spalte:

788-789

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rehmke, Johannes

Titel/Untertitel:

Grundriß der Geschichte der Philosophie. 2. Aufl 1913

Rezensent:

Goedeckemeyer, Albert

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787 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 25. 788

Niederlanden vor dem Hochkommen des Labadismus, fpe-
ziell das Aufkommen einer religiös-kirchlichen Reformrichtigen
Schätzung und Würdigung des Emile ficherlich
zu gute kommen wird. Auch das ift gut, daß in der

beftrebung im Calvinismus. G. weift darauf hin, daß es j Behandlung der Erziehungsprinzipien die in den fpäteren
rechtlich eine reformierte Gefamtkirche in den Nieder- ! Teilen vorwaltenden pofitiven Tendenzen neben den anlanden
bis zur franzöfifchen Revolution überhaupt nicht
gegeben hat. Die ftaatliche Aufficht erftreckte fich namentlich
auf die Univerfitäten, umgekehrt waren die Kandidatenprüfungen
rein kirchliche Angelegenheit. Die kirchliche
Reformpartei dominiert in Seeland (Teellinck), dann in
Friesland und Utrecht (Voetius). Eine Übertragung
englifch-puritanifcher Ideen nach den Niederlanden lehnt
G. ab, er möchte vielmehr von zwei verwandten, aber im
Urfprunge unabhängigen Bewegungen fprechen, die fich
dann freilich gefördert haben. Das wird fich nicht fo genau
ausmachen laffen, mir fcheint, gerade nach den von G.
gebrachten Nachrichten, der englifche Einfluß ftärker zu
fein, als er annimmt. Für das Verftändnis der labadi-
ftifchen Bewegung ift der ftarke independentiftifche Ein

fänglich fouveränen und darum oft übertriebenen negativen
Maßregelngehörigbetontwerden. Es ift in der Tat fo, daß im
Fortgang der Erziehung die pofitiven, auf Stärkung der
Natur und Bekämpfung der Unnatur gerichteten Tendenzen
neben dem negativen Imperativ des Gehenlaffens immer
wichtiger werden, und daß das Rouffeaufche Erziehungswerk
ohne jene pofitive Arbeit geradezu undenkbar ift.

Wichtig erfcheint mir endlich die Bemerkung, daß
die Natur, von deren urfprünglicher Reinheit und Güte
Rouffeau fo leidenfchaftlich erfüllt ift, nicht auf die
menfchliche Natur zu befchränken, fondern auf das Weltganze
auszudehnen ift, fo daß die Vortrefflichkeit der
menfchlichen Natur nur ein, allerdings fehr wichtiger
Ausfchnitt aus der allgemeinen Vortrefflichkeit der un-

fchlag in Middelburg bedeutfam. Ob aber G. nicht den i berührten Natur überhaupt ift. Der Rouffeaufche Glaube

Einfluß der inländifchen außerkirchlichen Bewegungen
(Mennoniten, Kollegianten, Remonftranten) unterfchätzt
hat? Daß die Reformpartei fie ablehnte, beweift doch
gar nichts (gegen S. 53), die beftändige Befchäftigung der
Synoden mit den Mennoniten läßt eher Konkurrenzneid
vermuten (vgl. Knipfcheer in den Doopsgez. Bijdragen
50 und 51). Katholizismus lehnt G. mit Recht ab gegen
Ritfehl, nur dürfte der Gedanke des Amesius (S. 74), daß
die Bibel der Form nach innerhalb der Kirche entftanden
und jünger als die Kirche fei, katholifcher Frageftellung

an das Gute im Menfchen wäre dann nicht fo fehr das
Ergebnis empirifch-anthropologifcher Beobachtungen, und
überhaupt nicht eigentlich Ergebnis, fondern Vorausfetzung
aller Rouffeaufchen Analyfen, und zwar eine Vorausfetzung,
deren religiöfe Grundierung nicht zweifelhaft fein kann.
Die Welt und der Menfch find urfprünglich gut und
müffen es fein, weil fie Gottes find. Diefe Deutung fcheint
mir in der Tat der intuitiven Denkart Rouffeaus gemäß;
und er hätte alsdann in dem Rechtfertigungsfeheiben an
den Erzbifchof von Paris über den Optimismus des Emile

entfprungen fein, denn mit diefem Gedanken hat die katho- j mit der Betonung des religiöfen Motivs eine der ftärkften
lifche Kirche die Tradition verteidigt. Gerade in diefe j Triebfedern feines Denkens aufgedeckt,
von G. fo detaillierten Einleitungkapitel hätte ein wenig Da der Emile zugleich ein Bekenntnisbuch ift, fo geGroßzügigkeit
hineingehört; das Problem: Vernunft und hört, wie der Verfaffer mit Recht empfunden hat, die
Offenbarung oder die beftändige Durchkreuzung der pie- ! menfchlich-fchriftftellerifche Entwicklung Rouffeaus bis
tiftifchen Momente durch kirchliche (vorab den Gedanken i zum Emile zur Vorgefchichte des Buches. Sakmann hat
der Herrfchaft der Sünde in den Wiedergebornen), die J diefe Vorgefchichte mit befonderer Umficht und Gefchick-
Einfchränkung der Sozialwirkfamkeit auf die .Gottfeligen' lichkeit gezeichnet und liefert hier auf knappftem Raum
u. ä. hatte fcharf herausgearbeitet werden follen. Man J eine fchätzbare Einführung in Rouffeaus Schaffen überverliert
jetzt über den Einzelheiten zu leicht den Gefamt- j haupt. Ich hebe aus diefer Vorgefchichte nur die eine
überblick. wichtige Hinweifung auf den dritten Brief an Malesherbes

7«_:/.i, Waiths K"*hl/»r heraus, aus deffen Bekenntniston hervorgeht, daß der

/-All ICH. VV dl LI j.CI 1 CHIC !• ■ , , • . -»—< * 1 -r—» t-» • y

Aufenthalt in der Ermitage bei rrau von Epinay 1756
die Geburtsftunde des Rouffeaufchen, das ift aber des
modernen pantheiftifchen Naturgefühls gewefen ift. Das
feiige Gefühl des Umwobenfeins von einer erftaunlichen
Unendlichkeit, die Wonne, im All- Einen und Unbegrenzten
zu leben und Eines Wefens mit ihm zu fein, bricht hier
mit einer Rhythmik und Sprachgewalt durch, wie fie in
diefer Lebendigkeit nur vonGoethe erreicht und — übertroffen
worden ift.

Das einzige, was man vermiffen könnte, wäre ein
kurzes abfchließendes Wort über die Wirkungen des Emile
auf Kant und den deutfehen Humanismus. Der Verfaffer
hat fich darauf befchränkt, ein Wort über Rouffeau und
die Gegenwart hinzuzufügen. Vielleicht entfchließt er fich
bei einer zweiten Auflage, die dem Büchlein zu wünfehen
ift, diefe Lücke zu ergänzen.

Sakmann, Prof. Dr. Paul: Jean-Jacques Roulfeau. (Die
großen Erzieher. V. Bd.) (XII, 198 S.) 8°. Berlin,
Reuther & Reichard 1913. M. 3—; geb. M. 3.80

Diefes Rouffeau-Büchlein ift ein glücklicher Wurf
und wird der Sammlung, in der es erfchienen ift, neue
Freunde und Lefer gewinnen. Es gibt eine Einführung
in Rouffeaus Pädagogik, die fich durch Knappheit und
Gründlichkeit der Darfteilung, durchfichtige Gruppierung
des umfangreichen Stoffes, eindrucksvolle Betonung des
Bedeutenden und Wichtigen, kluge immanante Kritik und
eine angenehme Sprache auszeichnet. Die Selbftändigkeit
der erarbeiteten Refultate tritt dabei fo überzeugend hervor
, daß das Büchlein nicht nur als ein wertvolles Kompendium
bekannter Wahrheiten, fondern als eine Vertiefung
der Rouffeau-Forfchung und Rouffeau-Erkenntnis
zu betrachten ift.

Befonders deutlich ift diefer Gehalt in der grund- Rehmke, Prof. Dr. Johannes: Grundriß der Gefchichte der

fätzlichen Auffaffung des Emile. Man tut dem Werk ent- PhNofophie. 2. Aufl. (VII, 289 S.) 8«. Leipzig, Quelle
fchieden unrecht, wenn man es ausfchließlich oder auch „ r ^ M ,

Berlin. Heinrich Scholz.

nur in erfter Linie als Lehrbuch der Pädagogik beurteilt.
Gewiß ift der Emile auch ein Erziehungsbuch. Aber

fchrieben hat — ein Bekenntnis- und Anklagebuch. Ein

& Meyer, 1913. M. 5.20; geb. M. 5.70

Der Grundriß von R. befchränkt fich m. E. mit vollem

er ift daneben vor allem — wie alles was Rouffeau ge- Recht auf diejenigen philofophifchen Syfteme, die eine

innere Beziehung zu unterer heutigen Philofophie befitzen,

Bekenntnis zum Ideal des perfönlichen Menfchen und eine J und fchließt aus diefem Grunde die indifche Philofophie
leidenfehaftliche Anklage gegen die in Formalismus er- aus. Innerhalb des fo beftimmten Zeitraumes unterfcheidet

ftarrte, gegen das allmähliche Werden des Lebens unverantwortlich
fündigende Gefellfchaftskultur des 18. Jahrhunderts
.

Die klare Betonung diefer drei Gefichtspunkte und
ihre Entwicklung im einzelnen ift ein Verdienft, das der

er die beiden Perioden der alten und der neuen Philofophie
und rechnet die mittelalterliche, wie es hinfichtlich
der Patriftik fchon Windelband getan hat, ganz zur alten.
Auch das halte ich für sachlich begründet, glaube in-
deffen, daß es fich nicht empfiehlt, auch noch die Zeit