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Ausgabe:

1913 Nr. 25

Spalte:

785-787

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goeters, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Vorbereitung des Pietismus in der reformierten Kirche der Niederlande bis zur labadistischen Krisis 1670 1913

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 25.

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Moment darüber Auskunft zu geben im Stande bin, einiges einfchlägige
Material in den Magdeburgifchen Centurien (II, 58,325s.; 74, 14 ss.; III,
69,43SS.), bei Chemnitz (Examen concilii Tridentini, Genevae 1641 p.
524 ss.: Historia purgatorii), bei Gerhard (Loci theol. ed. Cotta III, p.
22oss. im locus III, 1,30; XI, p. 355SS. im locus XXIII, 11,227; Con-
fessio catholica, Francof. & Lipsiae 1679, p. 203 im üb. I, 2, 13). Dagegen
haben nach den Darlegungen des Verf. der Reformierte Cafaubonus,
die Katholiken Crifpus, Petavius, Huetius, die Antitrinitarier Zwicker,
Sandius, Clericus mehr oder minder ftarke Einflüffe des hellenifchen
Heidentums auf das Chriftentum, insbefondere des I'Iatonismus auf die
patriftifche Theologie, allerdings unter dem forldauernden Widerfpruch
zahlreicher anderer Theologen, uachzuweifeu gefucht. Von einfchneiden-
der Bedeutung war dann das einftmals fehr berühmte (1700 zuerft er-
fchienene) Buch des 1685 wegen Arminianismus abgefetzten reformierten
Predigers Souverain: Le Platonisme devoile. Die durch diefes Werk
entfeffelte Debatte verfolgt der Verf. durch das iS. Jahrhundert hindurch,
indem er befonders Mosheims Verdienfte um die Frage hervorhebt und
zeigt, wie diefem zahlreiche andere Gelehrte teils gefolgt, teils entgegengetreten
find. Ein letzter Abfchnitt führt herab bis auf Harnack, P. Wendland
und R. Seeberg, deffen Auffaffung fich der Verf. mit feinem eigneu
Urteil wefentüch anfchließt,

neuen Quellen fehr viel Neues und Wertvolles geboten.
So wird Labadies Frömmigkeit in feiner Montaubaner
Periode gut analyfiert (S. 145 ff) und dabei einerfeits das
ftarke Fortwirken katholifcher Gedanken, andrerfeits die
Bildung befonderer Erbauungsverfammlungen feftgeftellt.
Diefer Zug zum Konventikei ift fo von Anfang an für
ihn charakteriftifch, läßt ihm den Unterfchied zwifchen
presbyterianifcher und kongregationaliftifcher Kirchenver-
faffung bedeutungslos erfcheinen und ihn in Genf fich
von der Volkskirche entfernen. Vorbild wird natürlich
das Urchriftentum, und von da aus (Rom. 9—11!), nicht
lediglich von den meffianifchen Erwartungen der Juden
her, fcheint mir auch das ,Urteil der Liebe und Gerechtigkeit
über den gegenwärtigen Zuftand der Juden' begriffen
werden zu müffen. Sehr intereffant find die in Middelburg
geäußerten pädagogifchen Gedanken Labadies, die
G. mit /echt eingehend entwickelt, da fie (S. 171), von
Der" Verf. legtTs. 6) Gewicht darauf, die Gefchichte I K-'^h? und Heppe unbenutzt, Speners pia desideria fo
der einfchläo-io-en Leiftungen nach ,einer ftreng wiffen- gutJvie. v/ u- *.ranckes1 defimtio studii theologici und idea

Studiosi theologiae als Vorbild dienten und — gut reformiert
— eine Erneuerung der Kirche durch den Paftorat
erftrebten. Labadies Verhalten treibt dann immer deutlicher
dem pietiftifchen Konventikei zu, und die von G.
forgfam herausgearbeiteten Stufen zu diefem Ziele zeigen
nahezu völlige Übereinftimmung mit den Anfängen des
Pietismus; z.B. die Bibelverfammlungen S. 177fr, mit befonderer
Berückfichtigung der Studenten, doch vermag
ich hier ,katholifch mönchifche Elemente' nicht als mit-
fpielend zu erkennen; daß die Studenten Labadies,Mönche'
genannt werden, beweift nichts, die Grundlage des ganzen
Tun und Treibens ift biblifch. Eingehend entwickelte den
Streitfall Labadies mit der wallonifchen Synode und kommt,
von Ritfehl ftark abweichend, zu dem Urteil, daß an L.'s
bona fides nicht zu zweifeln fei, doch kann man angefichts
der Textvergleichung S. 190/ Labadie von Tüftelei nicht

fchaftlichen, hiftorifchen Methode' behandelt zu wiffen
Deshalb aber hätte er den von ihm immer wieder gebrauchten
Ausdruck ,Hellenifierungsbegriff zur Bezeichnung
des Gegenftands feiner Unterfuchungen überhaupt
vermeiden follen. Denn was er tatfächlich dargeftellt hat,
ift gar nicht die gefchichtliche Entwicklung eines Begriffs
, d. h. einer vorherrfchend mit logifchen oder theore-
tifchen oder theologifchen Mitteln in konftruktiver Abficht
ausgeprägten Vorftellung, fondern die Gefchichte
eines Zweiges der ideengefchichtlichen Forfchung, alfo
beftimmter hiftorifcher Auffaffungen oder immerhin auch
Hypothefen über die Abhängigkeit des Chriftentums und
feiner kirchlichen Theologie fei es insbefondere vom Pla-
tonismus, fei es vom Hellenismus in einem weitern Umfang.
Dadurch aber, daß das Obj'ekt der vorliegenden Unterfuchungen
zu einem ,Begriff zugefpitzt erfcheint, werden

diefe einem logifchen Rahmen eingefügt, in dem das dar-1 freifprechen, und hart an die Grenze der Unwahrhaftig.

1 keit für L. kommt auch G. s Urteil fehheßheh heran (S. 199).
Stärker hätte G. betonen follen, daß L. das Ideal der Ur-
gemeinde nur approximativ in Middelburg verwirklicht
fand; die Unvollkommenheit betont er doch fehr deutlich
vgl. S. 203, und ich vermiffe den Beweis, daß er ,die effektive
Heiligkeit der Gemeindeglieder gefordert' hat (gegen
S. 2041); dazu war er doch noch zu kirchlich. Sehr intereffant
find die Ausführungen über das Schriftprinzip im
Streite mit Wolzogen, wenn ich mir auch G.'s Meinung

gebotene Bild nur befremdend wirken kann. Und damit
hängt es auch wohl zufammen, daß der Verf. das jedesmal
leitende Intereffe, in dem die von ihm behandelten
Forfcher und Denker die Frage nach der Hellenifierung
des Chriftentums geftellt und bearbeitet haben, gar nicht
deutlich zu beftimmen fich bemüht hat. Denn wenn auch
in den früheren Jahrhunderten bei der Behandlung diefes
feiner Art nach durchaus hiftorifchen Themas dogmatifche
Intereffen mehr oder weniger mitgefprochen haben, fo

find jedenfalls in den letzten Jahrzehnten die meiden For- von der Notwendigkeit einer theologia regenitorum (S. 222 f.)

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fcher ganz wefentlich vielmehr durch ein objektives In
tereffe an der Ermittlung des gefchichtlichen Sachverhalts

nicht anzueignen vermag; die interpretatio scripturae id
zunächd einmal Angelegenheit des Intellektes. Die fcharfe

felbd bedimmt worden Zufpitzung des apoftolifchen Ideals führt bei L. fchließlich

zur Sekte: ,da wir nun keineswegs haben nachgeben wollen,

Bonn. O. Ritfeh].

Goeters, Priv.-Doz. Wilhelm: Die Vorbereitung des Pietismus
in der reformierten Kirche der Niederlande bis zur

labadidifchen Krifis 1670. (VIII, 300 S.) gr. 8°. Leipzig,

J. C. Hinrichs 1911. M. 7—; geb. M. 8 —

Über den niederländifchen Pietismus unterrichteten
bisher die Arbeiten von Goebel, Heppe und Ritfehl, aber
wer fie kennt, wird ihre Ergänzungsbedürftigkeit nicht
bedreiten. Hier liegt das innere Recht des vorliegenden

Buches. Der Vf., inzwifchen zum Extraordinarius in Bonn j derne Zudände erinnert, wenn Lodendein d"er Hoffnunp-

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find wir geworden wie Separierte' (S. 238), die auch ihre
eigene Reich-Gottes-Erwartung befitzen. Sehr richtig betont
G.: .Labadie hat fich felbd außerhalb der Kirche geftellt
' (S. 250). Bei der weiteren Ausbildung des labadidifchen
Gemeindetypus fällt Yvon die entfeheidende Bedeutung
zu, doch möchte ich auch hier nicht von ,faft
katholifchem Gepräge' (S. 263) fprechen; es ift Urchriftentum
bis herab zum Kommunismus und zur patriarchalifchen
Familienorganifation. Die Rückwirkungen diefer Bewegung
auf die Landeskirche zeigt ein gut orientierender Schluß-
abfehnitt, und man wird mutatis mutandis ganz an mo-

aufgerückt und von der Univerfität Utrecht mit dem Dok- j Ausdruck gab, Labadie werde, .nachdem er mit den
torhute gefchmückt, hat fich Goebels Werk zum Vorbild | Seinigen ausgefchloffen fei, nur noch mehr wie vorher un-
genommen; das macht fich vorteilhaft geltend in einerl der Kirche dienen, wenn er hier und dort in unferm Lande
außerordentlich reichen Quellenbenutzung; Flugfchriften, J umherginge und die Wohlgefinnten zur Reformation und
Protokolle u. dergl. find in ftärkftem Maße herangezogen, | Heiligkeit des Lebens anregte'. Eine große Erweckunms-
für mein Gefühl ift hier in Details fogar des Guten etwas bewegung fetzte ein.

zu viel gefchehen, und eine ftarke Dofis Ritfchlfchen fyfte- Der erfte Teil des Buches fchildert den Boden in den
matifchen Salzes hätte die Speife fchmackhafter gemacht,---

die großen Gefichtspunkte treten nicht fcharf genug her- t) DicÄußerung s.240: )Wir wolleQ nurHeili und wahrhaf(e ChrifW

aus. Das Ganze gipfelt in Labadie, und der zweite, inm fl]jt zeitlich fpäter, als Labadie fchon deutlich zur Separation tendierte,
gewidmete Teil des Buches ift der befte. Hier Wird nach ift auch dem Engländer gegenüber nicht ganz von Tendenz frei.