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Ausgabe:

1913 Nr. 25

Spalte:

779-781

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mesnage, J.

Titel/Untertitel:

L‘Afrique chrétienne 1913

Rezensent:

Soden, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 25.

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dort handelt es fich um eine reine Privatfache ohne jegliche Kontrolle,
hier aber um die von der Kirche nach ftrengen Regeln geübte Kanoni-
fation. So widmet der Verfaffer den survivances paiennes dans le culte
des saints einen befonderen Abfchnitt. Er muß ja fo mancherlei auf Grund
alter unwiderleglicher Zeugniffe zugeftehen. Er tröffet fich mit den Worten
des Hieronymus (von denen er andererfeits wieder zugibt, daß fie die
Verlegenheit ihm abgepreßt habe): Jllud fiebat idolis, et idcirco dete-
standum est; hoc fit martyribus, et idcirco recipiendum est'. ,La est la
vraie justification de certaines pratiques du culte chretien' (p. I$2). ,Un
ex voto est un Symbole sans caractere religieux determine. Pourquoi
vouloir qu'il soit plutöt paien que chretien?' (154) Mißbräuche hat die
Kirche nie gebilligt und geduldet: aliud est quod docemus, aliud est quod
sustinemus, aliud quod praecipere jubemus, aliud quod emendare praeci-
pimus, et donec emendemus, tolerare compellimur (Auguftin
vgl. p. 158). Und er fchließt diefe Ausfuhrungen mit dem Ausruf: eternelles
surprises de la faiblesse humaine! Wie mag man die Kirche dafür verantwortlich
machen ?!

In dem langen und wiederum lehrreichen Auffatz über
die immaculata conceptio, befchäftigt V. fich u. a. fehr
ausführlich mit der Bekämpfung diefes Dogmas von Seiten
des heiligen Bernhard. Seine Gründe waren zwar bei
Licht befehen alle nicht ftichhaltig, nur einen wahren Gegengrund
hatte er: Rom hatte noch nicht gefpro chen.
Nun aber hat Rom gefprochen. Kein Zweifel, daß, wenn
fie das erlebt hätten, Bernhard, Bonaventura und Thomas,
fie alle ihre Meinung würden aufgegeben haben, auraient
celebre d'une commune voix le glorieux privilege de la
Mere de Dieu (310). Das alles kommt fo treuherzig naiv
und felbftverftändlich heraus, daß man dem Verfaffer
diefer ,kritifchen und religionshiftorifchen' Studien gar
nicht einmal böfe fein kann. Man freut fich zum Schluß
fogar, daß aus diefem Milieu heraus in dem letzten Auffatz
über den Ritualmord der Juden (wie kommt diefe
Abhandlung eigentlich hierher?) mit jenem weitverbreiteten
und eingewurzelten Vorurteil mutig und ehrlich aufgeräumt
wird. (Vielleicht darf ich hier anmerken, daß die
ältefte Befchuldigung des Ritualmordes gegen die Juden
fchon aus dem helleniftifchen Zeitalter ftammt: Suidas s. v.
Damokritos [unbekannter alexandrinifcher Schriftfteller]
C. Müller Fragm. Graec. Hist. IV 377. Josephus c. Apio-
nem II 8.)

Göttingen. Bouffet.

MesnageJ., des Peres Blancs: L'Afrique chretienne. Eveches
& ruines antiques d'apres les manuscrits de Mgr. Tou-
lotte et les decouvertes archeologiques les plus recentes.
(XII, 593 S. m. 6 Karten.) gr. 8°. Paris, E. Leroux 1913.

fr. 15.-

Mesnages Publikation gehört zu denjenigen wiffen-
fchaftlichen Arbeiten, für die der Autor feinen Lohn aus-
fchließlich in dem unmeßbaren Nutzen fehen muß, den j
fie unzähligen anderen bringen. Mit entfagungsvoller
Kleinarbeit, wie fie nur .hilfswiffenfchaftliche Begeifterung'
leiften kann, hat M. die Topographie des altchriftlichen
Afrika zufammengeftellt. Die Papiere des 1907 verftor-
benen Mgr. Toulotte, des Herausgebers einer in 4 Bänd- I
chen erfchienenen Geographie de lAfrique chretienne, die j
M. zur Verwertung übergeben wurden, haben ihn dazu
angeregt, aber das Werk ift ganz feine eigene Leiftung,
nur die Toulottefchen Kollationen patriftifcher und kanoni- j
ftifcher Handfchriften für die Schreibung der Ortsnamen
find übernommen. Die Orte, an denen das Chriftentum |
literarifch, epigraphifch oder durch künftlerifche Monumente
irgend welcher Art bezeugt ift, find fo gruppiert, daß die |
drei franzöfifchen Hauptländer drei Hauptteile bilden: j
Tunis mit Tripolis, Algerien, Marokko; in Algerien find
wiederum die drei Departements der franzöfifchen Verwaltung
gefchieden: Constantine, Alger, Oran. Innerhalb
diefer fünf geographifchen Teile erfcheinen die Orte nach
der alphabetifchen Folge ihrer modernen Namen, denen
nach Möglichkeit die antike Bezeichnung beigefügt ift.
Die noch nicht identifizierten Namen, die aus dem Altertum
überliefert find, werden in alphabetifcher Ordnung
jeder Gruppe angefchloffen. Ein alphabetifches General-

regifter der Ortsnamen, das moderne und antike Namen
vereinigt, aber durch verfchiedene Drucktypen unter-
fcheidet, läßt alles leicht auffinden. Für jeden Ort erhalten
wir die Varianten des antiken Namens, die Märtyrer und
Kleriker, die an ihm nachzuweifen find, weiter Angaben
über Infchriften und Monumente der Architektur und
Kunft fowie hiftorifche und archäologifche Literatur1.
Außer dem fchon erwähnten Ortsregifter ift ein Regifter
aller in Verbindung mit Ortsnamen genannten kirchlichen
Perfonen (ein fehr wertvoller Beitrag zu einer Profopo-
graphie der afrikanifchen Kirche) beigegeben. Zwei Anhänge
bringen kurze Unterfuchungen über die altkirchlichen
Diözefangrenzen und das Alter der Lifte des &q6vos,
'Ategavdgivoc, (darauf einzugehen ift hier nicht Raum; M.
fetzt im Widerfpruch gegen Geizer die Lifte erft in is-
lamitifche Zeit). Alles Genannte aber gewinnt feinen vollen
Wert erft durch die angefügten Karten, für die nicht
leicht ein Wort des Lobes und Dankes zu hoch gegriffen
werden könnte. Auf guten geographifchen Karten, die
in höchft anerkennenswertem Gegenfatz zu den meiften
für gefchichtliche Zwecke publizierten die Bodengeftaltung
trefflich darftellen, find die modernen und antiken Ortsnamen
und die modernen und antiken Verwaltungsgrenzen
eingezeichnet, dazu mit finnreichen rot gedruckten Siglen
die katholifchen und donatiftifchen Episkopate, die Ruinen
kirchlicher Gebäude, die Fundorte chriftlicher Infchriften
und Kunftprodukte angegeben. Im Ortsregifter find zu
jedem identifizierten Titel die Kartenquadrate verzeichnet.
Außer den chriftlichen finden auch die jüdifchen Denkmäler
im Buche Berückfichtigung; aber leider ift für fie
keinerlei Regifter geboten, fodaß fich die einfchlägigen
Notizen der Verwertung entziehen.

Das Urteil über eine folche Publikation hat das im
vom Autor Beabfichtigten erreichte Maß von Vollftändig-
keit und Zuverläffigkeit zum Gegenftand; undankbar und
ungerecht wäre es, dem Verfaffer vorzuwerfen, daß er
nicht auch einige andere mit der von ihm gewählten zu-
fammenhängende Aufgaben in Angriff genommen hat.
Im Gewollten aber muß ein folches nur zum Nachfchlagen
gedachtes und nur für Fachleute im fpeziellften Sinn be-
ftimmtes Werk in Vollftändigkeit und Zuverläffigkeit das
Höchfte erftehen, mag darüber auch Umfang und Preis
gleichfalls höher werden; übrigens ift das Buch relativ
billig. Soweit ich an der Hand feit Jahren gefammelten
Materials nachprüfen konnte, darf ich rühmen, daß in
beiden Richtungen feiten Gutes geleiftet worden ift.

Von modernen Orten mit altchriftlichen Infchriften find nicht
genannt: Ain Tellidjen, Ain Segar, Dalaa, Dar-Ali-el-Hochani, Hr. Altabia,
Hr. el Chima, Hr. Fellous, Hr. Ghellel, Hr. Tamba, Jouarre, Safar, Oum
el Aber, Oum el Bawaghi. Auch in den Angaben archäologifcher Literatur
habe ich nur wenige Lücken finden können. An antiken Namen
vermiffe ich folgende: Alutina, Chullabi (doch f. bei Cillium), Cicabae,
Muguas, Metallum Siguense (vgl. zu dem letztgenannten: Gsell, Bull, de
la Societe archeologique de Soussc 1904).

Nur indenRegifternhätte noch mehr gefchehen können,
um die im Buche aufgefpeicherten Schätze zugänglich zu
machen; freilich muß man ja froh fein, in einem franzöfifchen
Buch überhaupt Regifter zu finden, Monceauxs
Histoire litteraire de lAfrique chretienne und Leclercqs
LAfrique chretienne z. B. haben gar keine. Im Ortsregifter
follten alle Orte durch Zeichen (wie auf den
Karten) kenntlich gemacht fein, an denen fich monumentale
Refte gefunden haben. Im Perfonenregifter wären durch
ähnliche Zeichen die verfchiedenen Kategorien leicht zu
fcheiden gewefen. Schwerer wiegt, daß im Ortsregifter
nicht die ftärker abweichenden Schreibungen derfelben

1) Zum Schaden der Sache ift alle deutfche Literatur ignoriert;
jedermann gefleht den franzöfifchen Publikationen auf diefem Gebiet die
Priorität zu, aber die Beiträge zur Kritik und Synthefe in deutfchen Arbeiten
find nicht geringfügig. Nicht einmal Harnacks Miffionsgefchichte
wird zitiert, gefchweige denn Schwarzes ftoffreiche Unterfuchungen zur
äußeren Entwicklung der afrikanifchen Kirche oder meine Profopographie
der afrikanifchen Kirche zur Zeit Cyprians oder meine Rezenfion der für
die Topographie des altchriftlichen Afrika weitaus wichtigften Urkunde,
der Sententiae LXXXVII episcoporum.