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Ausgabe:

1913 Nr. 24

Spalte:

762

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geyer, Christian

Titel/Untertitel:

Warum bleiben wir in der Kirche? Eine Aussprache über Kirche, Bekenntnis, Liturgie 1913

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 24.

762

mehr wie fad durchweg in Bd. I .Zukunft', fondern wie fie ftets geheißen Geyer, Hauptpred., U. Pfr. lic. Rittelmeyer, Drs.: Warum

hat .Ewigkeit1. vmw«., bleiben wir in der Kirche? Eine Ausfprache über Kirche,

Wie wird (ich denn nun der neue Mythos des Naheren , . -r "r>

gestalten? Obwohl er noch nicht in feiner plaftifchen Bekenntnis, Liturgie. (46 S.) gr. 8°. Ulm, H. Kerler
Schönheit erftanden ift, fondern fich erft der Ahnung j 1913. M. — 80

ankündigt, weiß B. das ziemlich genau. Auf zweierlei ' Die Kirchej fo unvollkommen fie ift. hat doch großen
kommt es ihm hauptfächhch an. Im neuen Mythos wird { Wert. fie gjbt mehr Freiheit als die Sekten, fie ift die
das Schuldgefühl durch Kraft- und Lebensgeiuhl, lowie tüchtig pflegeftätte der Religion, fie hat praktifch und
die Transzendenz durch die Immanenz der Gottheit yer- : fozial vid geIeiftel.( fie bietet dne religiöfe Gemeinfchaft
drangt fein. Verdrängt? Doch wohl nicht ganz. Es muhten und ift unfere feelifche Heimat; darum brauchen wir lie,
fich fonft in Zukunft die Menfchen ftets geradeaus und 1 aber fie braucht auch ung. denn wir können in ihr
unaufhaltfam höher entwickeln und niemals mehr irren, den viden hdfen| die weniger Kopffragen als Lebensfallen
, ftilleftehn, brauchten fich nicht mehr — was doch ! fragen haben; nur muß fie mehr eine Gefinnungsgemeinfchaft
auch B. fordert — felbft zu überwinden, und es muhte alg dne Lehrgemeinfchaft werden. So Geyer, Rittel-
fonft die Gottheit verlieren, was ihr B. am weniglten er erganzt diefe Gedanken durch theologifche Gründe:

nehmen will, die weltüberragende, überwältigende Große,
und die Menfchen müßten eine der fchönften rehgiöfen
Perlen wegwerfen, die B. freilich gering achtet, die Demut.
Aber wie verhält fich der neue Mythos zur Teleologie?
Um diefe Zentralfrage der Religion kümmert fich B.
feltfamerweife fall: gar nicht. Von einem Vatergott, dem
,mythifchen' Ausdruck des Glaubens der Chriften an einen
heilio-en Sinn in Welt und Leben, foll, wie es fcheint,
nicht mehr die Rede fein. Doch wohl nur, weil B. nun

einmal _ in diefem Falle überempfindlich — einen äfthe-

tifchen Widerwillen hat gegen abgegriffene Worte. Ich
meine wenn der neue Mythos an der Teleologie fefthält
— und das ift fraglos B.s Anficht, IV, 119 —, dann ift
es kein Abgrund, was ihn von dem alten trennt, dann
wird es fich nur um eine Weiterbildung der Religion
handeln. Sollten dann nicht am Ende gar die heutigen
freien Theologen auf ihre Weife Vertreter des neuen
Mythos fein? Nein, wird B. entgegnen, fie leiften nur
Gedankenarbeit, die vielleicht ganz nützlich fein mag.
Einen neuen Mythos fchaffen fie nicht. Aber können
nicht wenigftens einige von ihnen ihre freien Gedanken
auch zu frommem Ausdruck bringen? Mag fein, wird B.
nun ungeduldig ausrufen, aber ein neuer Mythos, eine
plaftifche, bildhafte Ausgeftaltung der religiöfen Stimmungen
und Kräfte der Gegenwart, die den modernen
Menfchen crermanifchen Typs mit feiner tiefen Sehnfucht,
mit feinem ftarken Herrfchaftsanfpruch zwingend, befreiend
fortreißt, ift das nicht. Sie muß noch kommen.

Wird diefer neue Mythos kommen? Er wird nicht
kommen. Warum macht B., der doch eine Prophetenader
befitzt, nicht wenigftens einen Verfuch, den neuen
Mythos zu geftalten? Warum muß er notgedrungen
.dialektifch' reden, warum bewegt er fich bei feiner Schilderung
- des neuen Mythos in abftrakten Formulierungen

wir dürfen in ihr bleiben, weil wir die Wahrheit der
Kirche jenfeits von Orthodoxie und Bibel in ihrer Tiefe er-
faffen, denn die fo viel umftrittenen Vorftellungen find
uns nur Zeichen für Grundgefühle der Seele, wie auch an
manchenPunkten fchon die Gegner anfangen zuvergeiftigen.
Was R. ausführt, könnte man Ausdruckstheologie
nennen: das erfte und tieffte ift der religiöfe Eindruck,
zu dem dann der Ausdruck gemäß den Mitteln einer Zeit
gefucht worden war. So wird uns das .Bekenntnis' erträglich
und wertvoll; denn fo groß auch die Gefahr der
Umdeutung und Selbftaufgebung ift, fo ift doch die Ver-
fenkung in vergangene Frömmigkeitsausdrücke eine Bereicherung
; und die Gemeinfchaft kann nicht für jeden
eine befondere Formel machen.

Heidelberg. F. Niebergall.

Referate.

Wilson, J. M., D. D.: The Origin and Aim of the Acts of the Apoft-
les. Being six Sermons preached in Worcester Cathedral
in Lent 1912, with an Appendix on Codex Bezae, and a Sermon
on Chriltian Unity. (VIII, 141 S.) 8". London, Macmillan
and Co. 1912. s. 2.6

Der Hauptteil des Buches wird von fechs Predigten gebildet,
die Falten 1912 in der Worcefter Kathedrale vor einer gebildeten
Zuhörerfchaft gehalten wurden. Es ift felbltverftändlich, daß bei
einer folchen Gelegenheit keine neuen Ergebnifle vorgetragen
werden können, aber was der Verf. über den Zweck und die Anlage
und weiter über die Hauptereigniffe aus der Erzählung der
Apg. vorbringt, ift fehr verftändig und ruhig gefügt, und
führt, wenn es auch fehr vorfichtig und konfervativ ift, die Hörer-
fchaft in Arbeit und Fragen neuerer Bibelwiffenfchaft ein. Sogar
textkritifche Fragen, bei der Apg. befonders brennend, hält W.
nicht aus der Predigt fern: im Texte des Apofteldekretes lieht

— ....& ----------, _ er die weltliche Form als urfprünglich an, auch gibt er in einem

Es hat einen guten Grund. Ein neuer Mythos entlteht j Anhange dem Laienlefer eine Vorltellung von der Eigenart des
nur in naiven Zeiten, in denen man Traum und Wirk- , weftlichen Textes, den er, Blaß folgend, als eine der urfprüng-
lichkeit, Bild und Sache noch nicht auseinanderhält, in J liehen Formen des Buches anfleht. In einem zweiten Anhange
denen man einen Mythos nicht als Mythos erkennt. Ob | lieht eine vor der Univerfität Cambridge gehaltene Predigt, die
die Gegenwart genügend Geftaltungskraft befitzt, einen J mit dem übrigen Buche nichts zu tun hat: fle handelt von der Notneuen
relio-iöfen Mythos zu produzieren, darüber braucht wendigkeit der kirchlichen Union innerhalb des Angelfachfentums.
man fich den Kopf nicht zu zerbrechen, jedenfalls aber Wien. Rudolf Knopf.

YVeyh, Gymn.-Lehr. Dr. Wilhelm: Die Tyrifche Barbara-Legende

Mit e. Anh.: Die fyrifche Kosmas- u. Damian-Legende in deut.
Ueberfetzg. (Programm.) (52 S.) 8". Schweinfurt (1912). Leipzig
, G. Fock. M. 1.50
Verfaffer des vorliegenden Programms hat fich bereits
durch eine methodifch vortreffliche Studie über die fyrifche Kosmas
- und Damianlegende (vgl. Th.L.Z. 1910,747) um die Hagio-
logie verdient gemacht. Er vervollftändigt diefelbe jetzt nachträglich
durch Mitteilung einer vollftändigen deutfehen Ueber-
fetzung des fyrifchen Textes (S. 45—52). Diefelben trefflichen
Eigenfchaften weifen feine Studien über die Barbaralegende auf.
Griechifche Texte der Legende find, von der Metaphraltifchen
Vita abgefehn, bisher von Wirth (Danae in chriftlichen Legenden,
1892, 103-111) und von Viteau (Passion des saints Fwaterine etc.,
1897, 87—105) herausgegeben worden, beidemale in ungenügender
Weife. Verf. bietet zunächft eine deutfehe Ueberfetzung
des in Bedjan's Acta martyrum III, 345—355 herausgegebenen
fyrifchen Textes, unterfucht hierauf auf Grund der von Wirth

befitzt fie zu viel Reflexion. Wagt B. vielleicht zu hoffen,
daß die Zukunft weniger reflektieren wird? Ein neuer
Mythos müßte ein totgeborenes Kind fein. Das Zeitalter
der Volkslieder und der Mythenbildung ift vorbei. Aber
die Religion lebt. Freilich ihre Sturm- und Drangperiode
ift verftrichen. Die religiöfe Krifis der Gegenwart Hellt
fich dem ruhi°- prüfenden Auge nicht dar wie ein kochendes
Metallgemifch& aus dem eine ftrahlende Glockenform,
wie ein Chaos,'aus welchem eine Neufchöpfung hervorgehen
könnte. Reli'o-iöfe Sturm- und Drangperioden in diefem
Sinne find nur möglich, folange die religiöfen Symbole
noch nicht durchfehaut werden. Aber, wenn auch immer
ftiller und innerlicher, die Religion lebt fort. Denn fie
lebt nicht von Symbolen und Mythen, fondern von der
Wahrheit.

Iburg. w- Thimme.