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Ausgabe:

1913 Nr. 24

Spalte:

751-753

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Alphons Victor

Titel/Untertitel:

Luthers theologische Quellen. Seine Verteidigung gegen Denifle und Grisar 1913

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 24.

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befchließt Murner feine bisherige fchriftftellerifche Tätigkeit
, um in kurzer Zeit als ganz veränderter Charakter
aufzutreten. Noch glüht in ihm, dem gereiften Manne,
die alte Kampfluft wie in den Jugendtagen; allein er ift
nicht mehr der Spötter über kirchliche Zuftände. Zwar
geht er in vielfachen Beziehungen noch mit den Reformatoren
einig; aber er will wirkliche Reformation, nicht
Revolution. Der Mönch wacht in Murner auf. Er wird
ein mutiger Verteidiger der alten katholifchen Lehre
gegenüber den Neuerern'. Es wäre fchwer — L. macht
aber auch gar keinen Verfuch dazu — nachzuweifen,
wiefo denn Murner einen ganz anderen Charakter bekommen
haben foll, als er anfing, gegen die Reformation
zu kämpfen. Es mag fein, daß feit dem Kampf gegen
Luther feine Narrenfpäße nicht mehr fo oft durch die
Kleinlichkeit des Streitobjektes anftoßen, aber den Eindruck
bekommt man doch ftets, daß Murner kaum eine
Ahnung davon hat, um was es Luther eigentlich zu tun
war. Und wenn fo oft von L. darauf hingewiefen wird, das
Luther an Grobheit und Derbheit des Ausdrucks Murner
gleichkam oder ihn übertraf, fo vermiffe ich ganz bei
L. einen Hinweis darauf, was doch jedem auch nur oberflächlichen
Kenner in die Augen fpringt, daß bei Luther
immer das Herz fpricht, daß es ihm überall um die Religion
, um das heiligfte, das innerfte Verhältnis zu Gott
geht, bei Murner fpürt man von Religion nahezu gar
nichts, ihm ifts höchftenfalls um die äußere Kirche oder
um das Volk, meiftens aber um feinen eigenen Ruhm und
feine Ehre zu tun.

Stuttgart. Lempp.

Müller, Alph. Vict.: Luthers theologifche Quellen. Seine
Verteidigg. gegen Denifle u. Grifar. (XVI, 244 S.) gr.8°.
Gießen, A. Töpelmann 1912. M. 5 —

Die vorliegende Unterfuchung ift das Ergebnis einer
langjährigen Befchäftigung mit Denifles Arbeiten über
Luther. Sie war fchon abgefchloffen, als Grifars Luther-
pfychologie erfchien. In einigen, verhältnismäßig wenigen
Ergänzungen und Nachträgen läßt fich Müller auf Sätze
Grifars ein. Eine ausführliche Berückfichtigung hat er
für unnötig gehalten. Denn ,die Angriffe des Jefuiten
Grifar haben weit weniger Bedeutung als diejenigen
Denifles .... Wegen der Abhängigkeit Grifars von
Denifle konnte feine Widerlegung meift in Anmerkungen
verwiefen werden' (S. XI). Eingehender befaßt er fich
nur mit Grifars Charakteriftik der ,Religion des unfreien
Willens' bei Luther und mit feiner Erörterung des Themas:
Luther und die Lüge.

Daß Müller fich die Mühe erfpart hat, fein Manufkript
anläßlich des wiffenfchaftlich dürftigen und von Denifle
abhängigen Grifar'fchen Luther umzuarbeiten, möchte ich
ihm nicht verübeln. Da er zudem fich die Aufgabe gefleht
hatte, Luthers ,Theologifche' Quellen feftzuflehen,
fo genügte die Befchränkung auf Denifles Darbietungen.
Deren kritifche Unterfuchung führte zu der überrafchenden
Erkenntnis, daß alle von Denifle als fpezififch lutherifch
beanftandeten Sätze gar keine geiftige Erfindung des
Reformators feien, fondern längft vor ihm bekannt waren
und zu feinen Lebzeiten, fei es in feinem Orden, fei es
außerhalb desfelben, katholifche Verteidiger fanden.
Denifles Verfuch, die grundlegenden Sätze der Dogmatik
Luthers als ein Produkt der perfönlichen unfittlichen Erfahrung
des Reformators hinzuftellen, finde in Luthers
Schriften nicht den allergeringften Stützpunkt. Die ,volle
Lächerlichkeit diefes Unterfangens' werde aber am bellen
dadurch illuftriert, daß die grundlegenden Sätze des
Reformators über die Identifizierung von concupiscentia
und Erbfünde, iustitia perfecta und Vollkommenheitsideal,
die nur beginnende Rechtfertigung, die Anrechnung der
Gerechtigkeit Chrifti u. dgl. m. von Luther der mittelalterlichen
Auguftinusfchule entnommen feien und von
den Auguftinern auch nach Luthers Bruch mit Rom verfochten
feien. Luthers Lehren waren nicht feine eigene
Erfindung, fondern vor und nach ihm unabhängig von
ihm vorhanden und vertreten.

Diefe Thefe Müllers hat großen Eindruck gemacht.
Beß meinte fogar in der Zeitfchrift für Kirchengefchichte,
es werde wieder einmal deutlich, wie ungenügend das
Mittelalter von den proteftantifchen Dogmenhiftorikern
gekannt fei und wie viele Lücken noch auszufüllen feien.
Müllers Unterfuchungen gelten ihm darum als eine fehr
wertvolle Bereicherung unferes Wiffens und als ein fehr
dankenswerter Beitrag zur Klärung unferes Urteils über
die gefchichtliche Stellung Luthers. Ähnliche Urteile
hörte man auch von anderen.

Ich habe, wie Müller weiß, von vornherein feine
Hauptthefe für unbewiefen erachtet. Weder war mir die
Existenz der fog. Auguftinusfchule glaubhaft gemacht,
noch konnte ich mich davon überzeugen, daß Luthers
Theologie in allen ihren Hauptfätzen lediglich mittelalterliches
Gedankengut vortrage. Mir find auch durch
die lebhafte Anerkennung, die Müller auf proteftantifcher
Seite gefunden hat, die Zweifel keineswegs gemindert
worden. Um ihnen neben den zahlreichen Anerkennungen
Ausdruck zu geben, habe ich in der Zeitfchrift für wiffen-
fchaftliche Theologie kurz das Wort genommen. In-
zwifchen hat auf katholifcher Seite Grabmann in einem
im ,Katholik' (1913, Heft 3, S. 157—164) erfchienenen Auf-
fatz: Kannte Luther die Frühfcholaftik? Müllers Thefe
kritifch beleuchtet, nachdem fchon Grifar in den Nachträgen
des dritten Bandes einige Einwendungen gemacht
hatte. Grifar warf hier die Frage auf: ,Hat A. V. Müller
bewiefen, daß Luthers Theologie mit diefen Quellen in
hiftorifchem Zufammenhang fleht, daß er vom Lombarden
j abgefehen ihre Bücher benutzt, ihre Ideen reproduziert
I hat?' Die Frage wird verneint. ,Merkwürdigerweife hat
| Müller hierzu nicht einmal einen Anlauf gemacht.' Grab-
I mann zeigt nun, warum der Beweis nicht erbracht ift.
I ,Der Grund ift ein ganz einfacher. Müller hat dies nicht
bewiefen, weil er es nicht beweifen konnte. Müller führt
theologifche Quellen an, die Luther nicht benützt hat,
einfach aus dem Grunde, weil er fie nicht kannte und

auch nicht kennen konnte..... Die von Müller ins

Feld geführten theologifchen Quellen Luthers, die früh-
fcholaftifchen Theologen Roland Bandinelli (Alexander III),
Robert Pulleyn, Herväus von Bourg-Dieu und Petrus
von Poitiers find Autoren, die zur Zeit Luthers aus dem
Gefichtskreis der Theologen gefchwunden und deren
Werke dazumalen noch nicht gedruckt und auch hand-
fchriftlich in deutfchen Landen nicht gut zugänglich
waren' (S. 158). Wäre hier der Raum nicht fehr be-
fchränkt, würde ich gern nachweifen, daß weder die
,Auguftiner' vor Luther noch nach ihm zu der Theologie
fich bekannten, der wir bei Luther begegnen. Müller
hat feine Quellen z. T. recht unvollftändig gelefen, und
fein dogmengefchichtliches Urteil läßt an Schärfe und
Solidität recht zu wünfchen übrig. So werden, um nur
eins zu nennen, S. 173—183 gut katholifche Sätze über
fides, gratia und iustificatio für lutherifch ausgegeben.
Davon kann keine Rede fein, daß Luthers Sünden- und
Rechtfertigungslehre die Lehre der ,Auguftinusfchule'
wiedergebe, felbft wenn es, was nicht der Fall ift, eine
Auguftinusfchule im Sinne Müllers gegeben hätte. Müllers
Hauptthefe ift hiftorifch verfehlt. Und wenn, wie in Ausficht
geftellt ift, die Zeitfchrift für Kirchengefchichte eine
ausführliche Besprechung des Müller'fchen Buches bringen
wird, fo wird vermutlich von der urfprünglichen Zu-
ftimmung wenig übrig bleiben.

Manches wohl. Denn die erften 9 Abfchnitte des
Buches enthalten recht oft eine gute Charakteriftik der
Methode Denifles und brauchbare, dankenswerte kritifche
Reduktionen feiner Ergebniffe. Ich möchte nicht, daß
meine Ablehnung der Hauptthefe den Verfaffer ganz um
den Dank für feine Arbeit brächte. Vielen wird wohl —
wie auch mir — die Form feiner Polemik unangemeffen