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Ausgabe:

1913 Nr. 24

Spalte:

746-747

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richter, Georg

Titel/Untertitel:

Erläuterungen zu dunkeln Stellen im Buche Hiob 1913

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 24.

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Zitate aus Herder (zu 2, 21. 23; 3, 1—5). Es ift auch keine
Frage, daß gerade nach der literargefchichtlichen Seite
hin diefe Neuauflage einen neuen Fortfehritt bezeichnet
Man vergleiche z. B. die Ausführungen über die innere
Mannigfaltigkeit der Jofephsgefchichte (S. 397), oder über
den Stil der Segengedichte (S. 476f.). In der Betrachtung
der Kunftform der Sagen der Genefis (§ 3 der Einleitung)
findet Gunkel jetzt z. T. gleiche epifche Gefetze der Volksdichtung
wieder, wie fie fchon anderwärts Olrik (in der
Zeitfchrift für deutfehes Altertum LI) entdeckt hat (f. S.
XXXVI A1, XXXVIIA 1, XXXIX A1, XLIA1 f., XLV A 1,
XLVI A 1—3, XLVIII, LIV A 1—3); andererfeits erkennt
er jetzt in ganz kurzen .Notizen', wie fie hin und her in
der Genefis vorkommen, Ortsüberlieferungen, wie man
folche bis auf den heutigen Tag in deutfehen Landen
hören oder in Sagenbüchern lefen könne (S. LVf.). Wenn
er aber unter den unglaubwürdigen Zügen der Sage neuerdings
die Chronologie anführt, die von der Schöpfung bis
zum Auszug Israels aus Ägypten 2666 Jahre rechnet (S. X),
fo fcheint mir hier völlig verfehlt, daß auf Rechnung der
poetifchen Sage gefetzt wird, was eine fehr profaifche
Gelehrfamkeit ausgetüftelt hat.

Stärker verändert ift die .Gefchichte der Uberlieferung
der Sagen der Genefis in mündlicher Tradition' (§ 4 der
Einleitung). Daß diefe Sagen aus verfchiedenen Quellen
geflohen lind, zeigt ihre Buntfeheckigkeit, z. B. die Ver-
fchiedenheit ihres Gottesbegriffes, in deffen Darftellung
Gunkel namentlich Hallers Schrift: Religion, Recht und
Sitte in den Genefisfagen (1905) mitverwertet (überhaupt
ift die Darftellung der .Religion der Genefis' beträchtlich
erweitert, f. S. LXVIIf. LXXIfi). Mit Nachdruck fucht
Gunkel zu beweifen, daß während die Urfage im Wefent-
lichen babylonifch und das Geficht der Jofephfage nach
Ägypten gerichtet fei, die Väterfage von Abraham, Ifaak
und Jakob im Wefentlichen nicht kanaanäifchen Urfprungs
fei, wie noch in der 2. Auflage angenommen war, fondern
althebräifchen mit einigen Einfätzen aus der hiftorifchen
Zeit Israels. Erft das in Kanaan eingewanderte Israel
hätte feine aus der Steppe mitgebrachten Urväter an
einigen aber nicht vielen Stätten des Landes lokalifiert,
woraus dann die Meinung entftanden fei, es müßten Israels
Ahnherren doch fchon vor Mofe und Jofua einmal in
Kanaan gewefen fein (S. LXI). Wie diefe Auffaffung in
Gunkel erft reifte, als der Druck feines Kommentares fchon
weit fortgefchritten war, zeigen noch einige Widerfprüche
zwifchen der Auslegung und der zuletzt gedruckten Einleitung
: fo hätte nach S. 187. 236, 285 Israel die Elgeftalt
erft in Kanaan übernommen, während fie nach S. LX
fchon Gott der Vorfahren Israels war. Am unwahrfchein-
lichften fcheint mir (trotz den Ausführungen auf S. LXXVI)
Gunkels neue Hypothefe Jakob gegenüber, fofern die
Paläftinalifte Thutmes III fchon im 15. Jahrh. j-q-b-'r in
Kanaan kennt. Allerdings bin ich mit Gunkel wieder
darin einig, daß ein .Generalfchlüffel' zu den Geftalten der
Genefis weder in ihrer Auffaffung als Völker noch in ihrer
Deutung als Götter zu finden ift (vgl. S. LXXVIf. 323 h
331 f. 401. 478). Dagegen würde ich, zumal was Abraham
betrifft, die Behauptung, daß die hauptfächlichften Väter
Geftalten der Dichtung feien (S. LXXX), nicht fo be-
ftimmt vorzutragen wagen. Es will mir fcheinen, als über-
fchätze hier Gunkel ganz entfehieden den Ertrag der
Sagenanalyfe, in der er mit Greßmann (vgl. ZatW XXX
S. 9ff.) zufammengeht.

In literarkritifcher Hinficht merke ich an: Gunkels
Auseinanderfetzung mit Eerdmans (vgl. S. LXXXI Ai,
XCII Ai, 138. 140. 155L 174- U8. 184- 217. ufw.), mit
Sievers (S. XXVIII A4; 3f. 20. 27. 52. 80. 145 ufw.),
mit Prockfch (S. 178. 234. 241. 250. 335. 433. 442. 467.
488) fowie die veränderte Quellenfcheidung in Kap. 27
(S. 306), 3i,ioff. (S. 342), 31,17-25 (S- 344), 32,23ff-(S. 360),
34,3 (S. 375). 34,29 (S. 378), 36 (S. 3^9). 37, H- «7 (S. 406).

Textkritifch ift neu z. B. die Aufnahme der Konjektur
zu 24,62: nrra ftatt Ki«J fowie der Vorfchlag 49,10 tj»

für Ffbittj zu lefen, was ich übrigens für nicht einleuchtend
halte.

Die Texterklärung ift durch die Berückfichtigung der
feit der zweiten Auflage erfchienenen Literatur mannigfach
gefördert worden. Befonders oft begegnet man einer
Bezugnahme auf Ed. Meyer, die Israeliten und ihre
Nachbarftämme und Stades Biblifche Theologie, aber
auch häufig z. B. auf Heyes, Bibel und Ägypten (S. 169.
172. 185. 412. 416. 434. 438h 459), Rauh, He.bräifches
Familienrecht (S. 13. 210f. 298. 413), A. l'Houet Pfycho-
logie des Bauerntums (S. XXX; XLIII; LXI Vf.; LXXXII.
195. 251. 254. 309. 378) u. a.

Im Einzelnen erwähne ich die teils neuen teils abgeänderten Ausführungen
über Namen und Lage Edens (S. 7. 9 ), über den Namen Evas
(S. 23), über die Sintflut und ihre Chronologie (S. 64. 76f. Höf.), über
den Sabbath (S. 116), über das Verhältnis des babylonifchen Mythus
,Enuma eliä' zur hebräifchen Überlieferung (S. 127), über den Sethiten-
ftammbaum (S. 132), Uber den Grundgedanken der Abrahamerzählungen
(S. 162), über die Auszugsfage (S. I07f), Uber die Siebenzahl (S. 235),
über Gottesnamen (S. 251), über Weltjahr und Weltperioden (S. 266),
über die Zahl 318 (S. 283L), über die Zwölfzahl der Stämme (S. 332),
über die Mahanaimfage (S. 354) und Jakobs Ringkampf (S. 363 fr.), über
die Tamarerzählung (S. 419).

Nicht überzeugt hat mich die Deutung von CÄ*fi M91 13,8) auf den
Morgenwind. Auch im Arabifchen ift räh Bezeichnung des Abendwindes.
Die Änderung des überlieferten tl^fll (12,2) empfiehlt fich nicht; denn
es wird durch "3 ^"lEJI V 3 geftützt. 49,12 überfetzt Gunkel: .feine
Augen funkelten von Wein' ftatt ,find trübe von Wein', weil letzteres ,ein
Schönheitsfehler' wäre. Aber auf .Schönheit' kommt an diefer Stelle
gar nichts an, fondern es handelt fich nur um eine möglichft draftifche
Hyperbel zur Bezeichnung des Weinreichtums Judas (fo mit Recht Cor-
nill, zur Einleitung in das A. T., S. 6). Daß Kraft und Schwung eines
Gedichts gegen makkabäifche Abdämmung fprechen foll (S. 2S6), ift eine
rein fubjektive Behauptung, die ich fogar für gänzlich unrichtig halte.—
Zur Trennung von Himmel und Erde (S. 107) vgl. noch den polynefifchen
Mythus (Chantepie de la Saussaye I, S. 44); zur Dispofition der Schö-
pfungsgefchichte (S. 118) Duhm, Kosmologie und Religion, S. 25; zu
Kain als Wüftenfchmied: Zeitfchrift für Ethnologie 1908, S. 252h; zur
Wertfkala in der Aufzählung 12,16: Percy S. P. Handcock, Mefopotamian
Archaeology, London 1912, S. 371; zur Aufteilung von Kap. 15 zwifchen
Jb. und E. (S. 178) Böhl, Kanaanäer und Hebräer, S. 53; zum Motiv
des fich Umfehens (19,26) Wilhelm Hüttemann, Die Inäta-Erzählungen
im 6. Anga des Kanons der Jiniften, Straßburg 1907, S. II.

Unerbittlich ift Gunkel in der Ausmerzung der in den früheren
Auflagen von ihm noch gebrauchten Fremdwörter. Für Interefle fagt er
jetzt Aufmerkfamkeit (S. IX), für Symptom: Kennzeichen (XXXIV), für
Sympathie: Wohlgefallen (LXXXVI), für Akzent: Nachdruck (232), für
Tradition: Überlieferung (279); für kompliziert: verwickelt (LXXXIV),
für charakteriftifch: bezeichnend (XCIII, XCVI) oder eigentümlich (XCV),
für banaufifch: kleinlich (76 für obfolet: ungebräuchlich (241). Authen-
tifch umfehreibt er: ,in voller Zuverläffigkeit' (X) und pietätvoll: ,mit
großer Schonung' (XCII). Bei alle dem fchlüpft aber neckifcher Weife
doch ab und an wieder eines der verpönten Wörter durch, fo z. B. pietätvoll
felber (XCIX)l

An Druckfehlern ift mir aufgefallen S. XXIV, Z. 18 v. o. 19,1 ff.
ftatt 18,1 ff; S. 215 Z. 12 v. o. Jer 42,17h ftatt 49,17!; S. 265 Z. 27 V.
u. Bouffet 578 A I ft. A 2

Mit der Ausarbeitung von 3 Regiftern zum Buch hat
' fich noch Herr cand. theol. P. Schorlemmer Dank verdient
. Das Regifter der erklärten Stellen und das der
erklärten hebräifchen Wörter ift überhaupt neu, das Sach-
regifter wefentlich erweitert.

Tübingen. Alfred Bertholet.

Richter, Pfr. Georg: Erläuterungen zu dunkeln Stellen im
Buche Hiob. (Beiträge zur Wiff. vom Alten Teftament,
Heft 11.) (IV, 82 S.) gr. 8". Leipzig, J. C. Hinrichs 1912.

M. 2.80; geb. M. 3.80
Vf. befpricht über 50 Stellen und fucht fie mit Berückfichtigung
der neueren Vorfchläge felbftändig zu erklären
oder ihren Text zu verbeffern. Man merkt feinen
Auslegungen und Konjekturen an, daß fie nicht rafch
erfonnen, fondern langfam und vielfach durchdacht find.
Er bemüht fich, den gegebenen Text, wenn irgend mög-
j lieh, beizubehalten und ihn durch eine neue Erklärung
zu rechtfertigen. Sieht er fich zu Änderungen veranlaßt,
I fo folgt er einer exakten Methode; er fucht begreiflich
zu machen, wie die Verderbnis entftand, und greift auf
die althebräifche Schreibweife zurück, um die Verderbnis
durch Verwechslung ähnlicher Buchftaben zu erklären.

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