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Ausgabe:

1913 Nr. 24

Spalte:

742-743

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grapow, Hermann

Titel/Untertitel:

Das 17. Kapitel des ägyptischen Totenbuches und seine religionsgeschichtliche Bedeutung 1913

Rezensent:

Wiedemann, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 24.

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Werke genannt, die mit Äfthetik gar nichts zu tun haben.
Merkwürdig ift ferner, daß auch hier der ,Pfychologismus'
feinen Fußtritt erhält. Auf diefem Gebiet hat ja die intro-
fpektive, die genetifche und biologifche, fowie die experimentelle
Pfychologie fo einwandfreie und fo reiche Erfolge
zu verzeichnen, daß man es fich doch zweimal
überlegen follte, diefen fruchtbaren Boden zu verlaffen
und einer fpekulativen und normativen Methode das Wort
zu reden. Indeffen der Verfaffer bringt vieles und fo
wird er gewiß manchem etwas bringen.

So findet man die Kontrverfe über .Einfühlung' gut dargeftellt.
erfahrt von den Verfuchen einer .antipfychologifchen Aefthetik' und findet
überhaupt viele brauchbare Hinweife auf weniger bekannte Arbeiten.
Vermißt habe ich den Namen Hugo Spitzers. Sein Buch über Hettners
hunftphilofophifche Anfänge und feine tief eindringenden Befprechungen
in der Zeitfchrift f. Aefthetik und in der Deutfchen Literaturzeitung gehören
zu dem Bedeuteudften, was über aefthctifche Fragen gcfchrieben
wurde. Konrad Langes Theorie der bewußten Selbft-Illufion lehnt der
Verf. ab (S. 361). Trotzdem aber hätte er auf den überaus reichen Inhalt
und auf die große Fülle feiner Beobachtungen hiuweifen muffen, die
Langes Buch über das Wefen der Kunft (2. Aufl. 1907) enthält. Meine
Auffaffung des aefthetifchen Genießens als .Funktionsluft, die durch Betrachtung
hervorgerufen wird' (vgl. meine Einl. i. d. Philos. 4. Aufl. 182,5
und 6. Aufl. S. 231), meine Lehre von der Kunft als Liebeswerbung und
meine Theorie des Typifchen hat der Verf. nicht erwähnt. Daß er fie
kennt, geht unzweideutig aus feinem Buche ,die Funktionsfrcuden im aefthe-
tifchen Verhalten flOIl} hervor.

In der Bibliographie, bei der ja Genauigkeit die
Hauptfache ift, find mir folgende Verfehen aufgefallen.

Bei der Nennung von William James .Pragmatism' mußte meine
Cberfetzung (Leipzig 1908) angeführt werden, weil diefe Denkrichtung
erft dadurch in Deutfchland bekannt wurde. Bergfon .Zeit und Freiheit'
Jena 1911 ift zu wenig. Der Titel des Originals lautet: ,Essai sur les
donnees imm£diates de la conscience' und das Vorwort der erften
immer wieder unverändert abgedruckten Ausgabe ift von Februar 1888
datiert. Simmeis Soziologie ift nicht 1903 fondern _ 1908 erfchienen.

Zufammenfaffend muß ich fagen, daß die Jahrbücher'
in dem vorliegenden erften Band ihrem Zweck noch
lange nicht ganz entfprechen. Manche Berichte find viel
zu einfeitig und viel zu wenig objektiv. Andere wieder
zu unvollftändig und geradezu lückenhaft. Nicht feiten
benützen die Berichterftatter die Gelegenheit, durch die
befondere Anpreifung von Namen und Werken perfön-
liche Liebenswürdigkeiten auszuteilen, die den Eindruck
kleiner Gefchenke machen, dazu beftimmt, die Freund-
fchaft zu erhalten. Im Gegenfatz dazu werden wieder
unliebfame Namen — wie es leider den Eindruck macht,
mit Abficht — verfchwiegen. Noch einmal fei jedoch
darauf hingewiefen, daß fich in dem Bande ein Beitrag
findet, der allen Anforderungen entfpricht. Julius Schultz
hat bewiefen, daß man feine eigene Überzeugung kraftvoll
vertreten und dabei doch gegen Andersdenkende gerecht
fein kann. Es wäre dringend zu wünfehen, daß die Mitarbeiter
an den folgenden Bänden fich diefen Bericht
über die Philofophie des Organifchen zum Mufter nehmen.
Dann, aber auch nur dann werden die Jahrbücher' das
leiften, was fie verfprechen.
Wien. Jerufalem.

Stübe, Dr. R.: Confucius. I.—5. Tauf. (Religionsgefchicht
liehe Volksbücher. III. Reihe, 15. Heft.) (40 S.) 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1913. M. — 50; geb. M. — 80
Das Recht, in den Religionsgefchichtlichen Volksbüchern
eineDarftellung des Confucius, wie vorher fchon des
Lao-tfe, zu geben, liegt dem Verf. darin, daß Kung, ob-
fchon ganz und gar kein eigentlich religio fer Denker,
doch als dauernd lebende Macht einer in China herrfchen-
den Religion fich erwiefen habe. Die Schilderung feines
Lebens und Wirkens (S. 6—24) weift für ein Volksbuch
etwas reichlich viel chinefifche Namen auf, die am Ende,
neben anderen wenio- wichtigen Details, ohne Schaden
auch hätten wegbleiben können. Die im zweiten Kapitel
(S. 24—35) erörterte Lehre des Confucius wird, foweit
fie ethifcher Natur ift, nach vier Hauptpunkten geordnet:
L die allgemeine Tugendlehre, 2. die Lehre von der
Menfchlichkeit, 3. die Lehre vom Idealmenfchen, 4. die

politifche Ethik als Theorie der Regierungskunft. Die
Ausführungen über des C. Stellung zur Religion find etwas
kurz geraten. In der Beurteilung feines Einfluffes
auf die Entwicklung der chinefifchen Kultur (Schluß:
S. 35—38) fchließt fich Dr. Stübe dem Sinologen W.Grube
an. Angehängt ift eine gute Literaturüberficht. In diefer
follte jedenfalls E. Fabers grundlegende, von einem Sinologen
(Möllendorn) auch ins Englifche überfetzte Schrift
,Lehrbegriff des Confucius' nicht fehlen. Freilich ift diefer
1872 in Hongkong veröffentlichte erfte Vernich einer
fyftematifchen Darlegung der Lehren Kungs kaum mehr
aufzutreiben. So ift vielleicht manchem gedient, wenn
ich darauf hinweife, daß fo ziemlich der ganze Stoff der-
felben in ein leicht zu befchaffendes Heft der ,Zeitfragen
des chriftlichen Volkslebens' (Bd. XXIX, Heft 8) eingebettet
worden (Konfuzius, der Heilige Chinas in chrift-
licher Beleuchtung. Nach chinefifchen Quellen und Dr.
Faber: ,Der Lehrbegriff des Konfucius'. Von Miffionar
J. Flad. Stuttgart 1904).

S. 29 begegnet einem ,Gott', ,Gottes Wort' in Zitaten, wo im chinefifchen
Text das vom Verf. fonft mit .Himmel' wiedergegebene tien,
bzw. tao, ,Weg' fteht. Das S. 34 angeführte Wort Lun-yü I, 2 ift kein
Ausfpruch des Confucius. Zu korrigieren find ein paar Zitierungen:
S. 13 lefe man Lun-yü XII, II ftatt XV, II; S. 28 lies Lun-yü VII, 20 ftatt
XI, II und fetze letzteres hinter das folgende Zitat; S. 31, Z. 2 muß es
heißen VII, 29; endlich S. 33, Z. 29 lies Lun-yü XVI, 7 ftatt XI, 7. In
der Transfkripiion der chinefifchen Namen fehlt die Einheitlichkeit. Das
find kleine Mängel. Die größeren Vorzüge des dankenswerten Büchleins
wird der Lefer felbft gewahr werden.

Jena. Hans Haas.

Grapow, Herrn.: Das 17. Kapitel des ägyptifchen Totenbuches
und feine religionsgefcbichtliche Bedeutung.
Diff. (IV, 53 S.) Lex.-80. Berlin, Akademifche Buchh.
(1913). M. 2 —

Das 17. Kapitel des Totenbuches ift eines der wich-
tigften diefer Formelfammlung. Seinen Grundftock bilden

j Anfpielungen auf Mythen vom Sonnengotte. Diefe hat
man fpäter in fynkretiftifcher Weife durch Zufätze und
kommentierende Bemerkungen mit den Geftalten des

; Ofiris-Kreifes und ihren Legenden in Verbindung zu
fetzen gefucht. Die Entwirrung des daraus entftandenen
Mythen-Konglomerats ift um fo wefentlicher als in ihm

I Teile der älteften zugänglichen ägyptifchen religiöfen
Überlieferung Verwertung gefunden haben. So gut wie
jeder Ägyptologe ift gelegentlich auf einzelne Sätze des
Kapitels eingegangen, Lepfius hat in feinen Älteften Texten

! begonnen, das Kapitel in kritifcher Weife in feiner hifto-
rifchen Entwicklung zu unterfuchen. Einer Bearbeitung
des gefamten Textes in weiterem Umfange ift Grapow,
welcher fich bereits in einigen in der Zeitfchrift für ägyptische
Sprache erfchienenen Auffätzen mit religionsgeschichtlichen
Fragen befchäftigt hat, näher getreten.
In vorliegender autographierter Arbeit ift ein Teil feiner
Unterfuchung zum Abdrucke gelangt. Derfelbe enthält
eine forgfame Überfetzung des Kapitels und eine Reihe
von Ausführungen über einzelne der in ihm verwerteten
Mythen. Die Gefchichte des Kapitels, der eingehende
Kommentar und ein Verfuch einen korrekten Text herzu-
ftellen, follen an anderer Stelle umgearbeitet veröffentlicht
werden.

Unter den Einzelfagen, auf welche das Kapitel an-
fpielt, ift eine der eigenartigften (Abfchnitt 21 bei Grapow,
Totenbuch Naville Z. 51—4) die Erzählung, daß Ofiris'
in Mendes mit der Seele des Rä zufammentraf, fie umarmte
und daß hierdurch ein Gott entftand. Hiernach
entfprang einer homofexuellen Berührung unter Ausfchluß
eines weiblichen Wefens die neue Gottheit. Die phyfio-
logifche Grundvorftellung ift hier eine ähnliche wie in
einer fehr alten und dauernd im Niltale verbreiteten
Mythe, derzufolge der Sonnengott durch Mafturbation
(nicht, wie man vielfach befchönigend überfetzt, durch
Ausfpeien oder Austräufeln) Schu und Tefnut ent-