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Ausgabe:

1913 Nr. 23

Spalte:

731-732

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Thomas von Aquin. Eine Einführg. in seine Persönlichkeit u. Gedankenwelt 1913

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 23.

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die Themata der einzelnen Teile an. Der erfte referiert über die
wichtigften Verfuche, den ,hiftorifchen Jefus' zu befchreiben, feit
D. Fr. Strauß. Das Refultat ift: jeder Forfcher gibt fein Ideal
des Menfchen für den Jefus der Gefchichte aus. So kommt es
zu einem Streit der Meinungen, aus dem nur das eine mit Sicherheit
hervorgeht, daß der ,hiftorifche Jefus' eine unfaßbare Größe
ift. — Der zweite Abfchnitt berichtet über die mit Br. Bauer anhebenden
Verfuche, die Exiftenz Jefu zu leugnen und die Ent-
ftehung feines Bildes mit Hilfe der vergleichenden Religions-
wiffenfchaft zu erklären. Verf. zeigt eine umfallende Kenntnis
der einfchlägigen Literatur. Vielleicht wäre es beffer gewefen, ftatt
jeder der in Frage kommenden Erfcheinungen ein paar Worte zu
widmen, eine befchränkte Auswahl eingehender zu behandeln.
So laßen feine flüchtigen kritifchen Bemerkungen leicht den Eindruck
zurück, als wüßte er der hier geleifteten Arbeit doch
nicht ganz gerecht zu werden. Dabei weiß er fleh jenen Männern
verpflichtet für den unumftößlichen Nachweis, daß die von den
,Hiftorikern' verfuchte Trennung des Jefus und Chriftus reine
Willkür ift. — Im dritten Abfchnitt ftellt Verf. dem Jefus der
hiftorifchen Kritik und dem der Mythologen den Chriftus des
N. T.s gegenüber, der jüdifchen und heidnifchen Chriftus-
auffaffung die chriftliche. Der Chriftus der Evangelien und der
Briefe — eine einheitliche Größe — ift, wie er der Chriftus der
Kirche ift, fo auch der wahre Jefus der Gefchichte.

Breslau. Walter Bauer.

Bacher, Rabbinerfch.-Prof. Dr. Wilh.: Die Agada der babylonilchen
Amoräer. Ein Beitrag zur Gefchichte der Agada u. zur Ein-
leitg. in den babylon. Talmud. 2., durch Ergänzgn. u. Berich-
tiggn. verm. Aufl. (XVI, 151 u. 14 S.) gr. 8". Frankfurt a. M.,
J. Kauffmann 1913. M. 6 —

Die erfte Auflage diefes fehr dankenswerten und für das
Studium der Haggada in Babylonien durch nichts anderes erfetzten
Werkes habe ich in Nr. 3 des Jahrganges 1879 der Th.
Ltz. mit gebührender Anerkennung befprochen. Seit langen
Jahren im Buchhandel vergriffen, wurde diefe erfte der Bacher'
fchen Schriften über die Haggada antiquarifch mit dem Doppelten
des Ladenpreifes bezahlt. Meinen dringenden Wunfeh,
der unermüdlich fleißige und auf diefem Gebiet längft erfte
Autorität gewordene Verfafler möge die ,Agada der babylon.
Amor.' fo erweitern, daß fie den Werken über die Tannaiten und
die paläftinifchen Amoräer in der Darftellungsweife ähnlich werde,
hat Prof. Bacher, durch andres in Anfpruch genommen, nicht erfüllen
können; auch ift die Zahl der derartige Bücher Kaufenden bedauerlich
klein: fo hat er einen anaftatifchen Neudruck veran-
ftalten laffen und diefem 14 Seiten mit,Ergänzungen und Berichtigungen
' beigegeben. Gern hätten wir die Ergänzungen namentlich
nach der bibliographifchen Seite hin reichlicher gefehen. Aber
der Verfafler hat fleh abfichtlich auf das Notwendigfte berchränkt,
und wir find dankbar, daß das nützliche Buch für jüngere Lernende
wieder erreichbar ift. Wie emfig Direktor Bacher arbeitet,
ift z. B. daraus erfichtlich, daß für eine Reihe von Stellen fchon
meine Lichtdruckausgabe des Münchener Talmudcodex (Leiden
1912, A. W. Sijthoff) verglichen worden ift.
Berlin-Lichterfelde W. Herrn. L. Strack.

Grabmann, Prof. Dr. Martin: Thomas von Aquin. Eine Einführg.

in feine Perfönlichkeit u. Gedankenwelt. (VI, 168 S.) kl. 8U.

Kempten, J. Kofel 1912. Geb. M. 1 —

In einem erften Teil fchildert Grabmann die Perfönlichkeit
des hl. Thomas, indem er zunächft einen kurzen Aufriß feines
Lebensganges gibt, alsdann fein fchriftftellerifches Lebenswerk
vorführt, die wiffenfchaftliche Individualität und Arbeitsweife
charakterifiert und die Quellen der thomiftirchen Lehre aufweift,
hier zum Schluß hervorhebend, daß Thomas an Kenntnis des
kanonifchen Rechts die meiften Dogmatiker feiner Zeit übertraf.
Das Schlußkapitel des erften Teils fchildert das Ringen der tho-
miftifchen Lehre um die Führung in der Scholaftik. Hier hatte
Ehrle fchon gut vorgearbeitet, doch bringt Grabmann Dank feiner
ausgebreiteten Kenntnis der gedruckten und ungedruckten Literatur
jener Tage noch manches hinzu. Der von Ehrle gegebene
Grundriß wird jedoch nicht geändert. Der zweite Teil entwickelt
die Gedankenwelt des Aquinaten: Denken und Sein — Glauben
und Willen; Gottes Dafein und Wefen; Gott und die Welt; die
Natur der menfehlichen Seele; das geiftige Erkennen des
Menfchen, das Syftem der Ethik (Betonung der Willensfreiheit);
Momente der Staats- und Gefellfchaftslehre; Gedanken über
Chriftentum und Kirche. In einem Schlußkapitel werden Winke
und Wege zum wiffenfehaftlichen Verftändnis des Thomas angegeben
. Die Habituslehre wird nur ganz flüchtig im Syftem der
Ethik berührt. Die thomiftifche Büß- und Beichtlehre wird
nicht entwickelt. Auch die im übrigen recht umfaffende Literaturangabe
nimmt auf dies Problem nicht Rückfleht.
Tübingen. Scheel.

RirtitrchjDr. Swetomir: Die indirekten Beweifedes transzendentalen
Idealismus. Ein krit. Beitrag zur Kantforfchg. (Kantstudien.
No. 16.) (VII, 100 S.) gr. 8". Berlin, Reuther u. Reichard 1910.

M. 3.50

Unter einem indirekten Beweis verlieht der Vf. nicht einen
in apagogifcher Form geführten, fondern einen folchen, der feine
Gründe nicht in dem zu Beweifenden fucht, fondern fie anderswoher
', ,durch Zuhülfenahme eines andern Urteils oder Begriffes'
gewinnt — eine nicht ganz leicht abzugrenzende Klaffe von Be-
weifen. Das Novum der Abhandlung bildet der indirekte Beweis
für die Idealität (= Subjektivität) von Raum und Zeit, der aus
der transzendentalen Apperception' geführt werden kann. Er ift
im wefentlichen die Ausführung einer hingeworfenen Äußerung
Kants in der Streitfchrift gegen Eberhard, daß fynthetifche Urteile
nur auf Grund einer dem Begriffe ihres Subjekts untergelegten
Anfchauung möglich feien und daß auf Grund diefer Tatfache
die Idealität von Raum und Zeit fleh beweifen laffe. Diefe
Bemerkung wird vom Vf. in doppelter Weife verftanden. 1. folgt
aus ihr, daß jede Erkenntnis nur in den fubjektiven Formen von
Raum und Zeit gegeben werden kann (Schluß von der Apriori-
tät auf die Idealität); 2. ergibt fleh aus der Eigenart der Verftandes-
erkenntnis fpeziell noch die Subjektivität der Zeit, weil die Zeit
die Form der fubjektiven Schemata des Verftandes (die Beharrlichkeit
etc. cf. Kr. d. r. V.2 183) bildet. Denn alles Erkannte muß
in der fubjektiven Zeitanfchauung gegeben fein, wenn es auf die
Einheit der Kategorien zu beziehen fein foll. Diefen Beweis hält
der Vf. nun nicht für triftig. Freilich gefteht er zu, daß alles
Gegebene notwendig zur Einheit des Bewußtfeins in Beziehung
flehen müffe. Aber diefer Satz fei mehrdeutig und fchließe nicht
ein, daß die Einheit des Bewußtfeins notwendig eine Einheit aprio-
rifcher Erkenntnisformen fei. Der eigene Standpunkt des Vf.
fcheint der eines freilich nicht näher begründeten philofophifchen
Realismus zu fein: wir erkennen unmittelbar die Dinge an fleh
(S. 23 f.).

Daher wird der Beweis aus der erften mathematifchen Antinomie
verworfen, indem mit Hülfe der Kritik Wundts der indirekte
Beweis Kants für das Vorhandenfein der Antinomie als
j fehlerhaft nachgewiefen wird. Daß aber trotz diefes unzureichen-
| den Beweifes die Antinomie als Grundtatfache unferer Vernunft

beftehen bleibt, daran hat der Vf. nicht gedacht.
I Göttingen. E. Kohlmeyer.

j Heffifche Biographien, in Verbindung mit Karl Effelborn u. Georg
Lehnert hrsg. v. Herman Haupt. Bd. I, Lfg. 1. (128 S.) gr.8».
Darmftadt, Großherzogl. heff. Staatsverlag 1912. M. 3—
Das Werk, das im Auftrage der Hiftorifchen Kommiffion
I für das Großherzogtum Helfen herausgegeben wird und in deffen
J Dienft fleh eine Fülle von ausgezeichneten Mitarbeitern geftellt
I hat, foll Lebensbilder aller derjenigen im 19. Jahrhundert verftor-
benen Perfonen enthalten, die dem Großherzogtum feit feinem
Beftehen (1806) kürzere oder längere Zeit angehört und in Kunft,
Wiffenfchaft, Induftrie, im Staatsdienft, im öffentlichen Leben oder
fonftwie fleh hervorgetan haben. Es bildet in gewiffer Weife eine
Fortfetzung des großen, auch das Kurfürftentum Helfen behandelnden
Werkes von Fr. W. Strieder, Grundlage zu einer Hef-
flfehen Gelehrten- und Schriftfteller-Gefchichte feit der Reformation
bis auf gegenwärtige Zeiten, das 1781—1819 im 18 Bänden
erfchien (1831 ein Band Fortfetzung und Nachträge). Der
Reihenfolge der Artikel ließ fleh, weil es unmöglich war, alle der
Aufnahme würdigen Perfonen fchon von vornherein zu beftimmen,
kein beftimmtes Syftem zu Grunde legen; insbefondre ift von
alphabetifcher Anordnung Abftand genommen. Doch wird jede
Lieferung fo wie jeder abgefchloffene Band von 5 Lieferungen
ein alphabetifches Regifter erhalten. Im vorliegenden Heft, das
47 Biographien enthält, hat u. a. Guftav Krüger den katholifchen
Theologen und Philofophen Leopold Schmid, fowie den bekannten
Bifchof v. Ketteier behandelt, Walther Köhler den prote-
ftantifchen Theologen Heinr. Chr. Mich. Rettig (1799—1836),
Hermann Siebeck Ludwig Büchner, den bekannten Vertreter des
Materialismus, Franz H. Babinger den Talmudiften Derenbourg
} (Dernburg). Von Interefle find auch die Lebensläufe der Theo-
1 logen Bindewald, L. Fr. Clemm, Georg Haupt, des Kriminaliften
Adolf Merkel (der Determinismus mit dem Prinzip der Verant-