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Ausgabe:

1913

Spalte:

49-50

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friesen, P. M.

Titel/Untertitel:

Die altevangelische mennonitische Brüderschaft in Rußland (1789 - 1910) im Rahmen der mennonitischen Gesamtgeschichte 1913

Rezensent:

Grass, Karl Konrad

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49

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 2.

wird die Vorrede zu den Vifitationsartikeln nicht in zu
fcharfen Gegenfatz zur kurfürftlichen Inftruktion gefetzt
werden dürfen; fie gab nicht Luthers Ideal, fondern
fanktionierte ein Kompromiß, aus der Praxis geboren, und
die kurfürftliche Inftruktion führte ergänzend die Not der
Praxis noch etwas weiter. Mir fcheint K. Müller den
Gedankengängen Luthers hier gerechter zu werden, beide
Verfügungen haben trotz der ja auch von Müller nicht
geleugneten Verfchiedenheit eine höhere Einheit in der
Praxis des Konpromiffes.

Zürich. Walther Köhler.

Friefen, P. M.: Die altevangelifche mennonitifche Brüderichaft
in Rußland (1789—1910) im Rahmen der mennonitifchen
Gefamtgefchichte. (XX, 776 u. 154 S. m. 50 Bildertaf.)
gr. 8°. Halbftadt, Verlagsgefellfchaft ,Raduga' 1911.

Geb. M. 12.75

Durch die Militärpflicht aus Preußen verdrängte
Mennoniten fanden 1789 und im erften Jahrzehnt des

iajahrh. in der Zahl von c. 6000 Seelen ein Afyl in Ruß- aus die Wage ihre gewaltige kulturelle Arbeitsleiftung,

und fie bei der Regierung denunzierten. Vor der Anwendung
ihres Rechts auf Ausfchluß der Widerfpenftigen
aus ihren Gemeinden und fjberweifung an die Regierung
zur Verfchickung nach Sibirien find fie doch zurück-
gefchreckt. Vielmehr vermochten diefe in Petersburg ihre
offizielle Anerkennung durchzufetzen. Überhaupt beweifen
die Mennoniten ihre große Loyalität leider auch dadurch,
daß fie ihre internen Streitigkeiten vor die ruffifche Obrigkeit
bringen, fodaß in Petersburg .fpezielle riefige Schränke
voll mennonitifcher Zankakten' vorhanden find (S. 494
Anm.). Von diefem deutfchen Erbfehler der Streitfucht
vermögen fich die Deutfchen Rußlands trotz ihrer exponierten
Lage überhaupt nicht freizuhalten, auch die in
politifcher und nationaler Hinficht einfichtsvollften unter
ihnen, die baltifchen Deutfchen nicht (übrigens paffiert
dem Autor der Lapfus, die baltifchen Adligen für Söhne
der alten Livonifchen Kreuz- und Schwertritter zu erklären
[a. a. O.], die doch Mönche waren, welcher Lapfus freilich
feiner Zeit auch Pobedpnoszew paffiert ift). Bei den
Mennoniten hält diefem Übel, das vom Verfaffer mit verblüffender
Offenheit ans Licht gezogen wird, aber durch-

land im' Chortitzer Gebiet' im Gouvernement Jekaterino- 1 die das Buch ebenfalls in authentifchen Daten vors Auge
fläw' und in der Molötfchna in Taurien (I S. 73t). Die j führt. Auf allem, was fie angreifen, ruht ein merkwürdiger
Maffe der heute c. 80 bis icoooo rußländifchen Mennoniten
fitzt auch gegenwärtig in den genannten beiden Gouvernements
, fie haben aber auch Kolonien in den Gouvernements
Charkow, Woronefh, Saratow, Samara, Ufa,
Orenburg, im Gebiet der donifchen Kofaken und des
Kaukafus, in Sibirien gegründet (S. 676—681, 687—689).

Segen, fo auch auf ihrer Heidenmiffion. Die ,Kirchlichen
nehmen hervorragenden Anteil an der allgemein mennonitifchen
Miffion auf Java (S. 547—559), die .Brüdergemeinde'
hat in felbftändiger Arbeit, wenn auch im Anfchluß an
die American Baptist Missionary Union feit 1888 im Gebiet
von Haiderabad in Indien 3000 Heiden getauft (S.
Machen fie ein Viertel°der in "der Welt vorhandenen i 560—569), wo fie doch nur Erwachfene taufen. — Beiläufig
fei noch bemerkt, daß das bei den rußländifchen
Mennoniten gebräuchliche Wort .Morgall' für .Mädchen'
wohl kaum vom populären Altenglifchen ,my Gell' herkommt
(S. 146, Anm. 2), fondern von .Marjell', das in
den Oftfeeprovinzen und im Often von Deutfchland noch
heute im Gebrauch ift.

Dorpat. K. Graß.

Mennoniten aus, fo kommt noch hinzu, daß 40 OOO der
amerikanifchen rußländifche Auswanderer find oder Nachkommen
folcher (über fie II S. 1—108). Jene flohen in
den fiebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor dem
Erfatz der Militärpflicht, den die ruffifche Regierung damals
zu fordern anfing. Die Maffe blieb und einigte fich mit
der Regierung auf Waldanpflanzung in den füdruffifchen
Steppen, welchen Dienft auf Korten der Mennoniten

(*/. Million Rubel jährlich!) ihre c. 1000 Militärpflichtigen | „ .. T . . .. ___ „_____l a„fl /r/rC ...

auVachtForfteien(außerdemineinemPhylloxerakommando) Heffe' J": ,nrPektor 'Tennans. 2., umgearb Aufl. (56S. m.
ausüben (I S. 483-527). — So wird denn der Sekten- Bildniffen.) 8°. Bafel,BaslerMiffionsbuchh. 1912. M.—30
forfcher an diefem Werk eines rußländifchen Mennoniten j Schölly, Traugott: Samuel Hebich, der erfte Sendbote der
von guter Bildung auf Grund aktenmäßigen Materials, das | Basler Miffion in Indien. (IV, 262S.n1. SBildernu. 1 Karte.)
er nicht ungelchickt ausbeutet, nicht vorübergehen dürfen. 1 -a r i -c << **-rr u „ v «. tv/t „

Aber auchTver fich überhaupt nur über die Mennoniten ! Bafe1' Basler Miffionsbuchh. 1912. Kart. M. 2.40

orientieren will, wird gut tun, zu diefem (übrigens auch 1 Jörn, Pred. W., Samuel Hebich, der große Seelengewinner,
in einer mennonitifchen Druckerei gedruckten und in Züge aus feinem Leben und Wirken. (171 S.) 8°.
einem mennoniüfchen Verlage erfchienenen) Buche zu Friedrichshagen b. Berlin, Jugendbund-Buchh. 1910,
greifen. Denn es bietet in Auszügen aus der vorhandenen

Literatur einen ausreichenden Überblick auch über Ge
fchichte und Lage der Mennoniten außerhalb Rußlands,
und über die rußländifchen gibt es kein anderes umfaffen-
des Werk (was über fie früher erfchienen ift, ift auch
fchwer zugänglich). Zu bedauern ift nur, daß der Verfaffer
den weitaus größten Teil feiner Darftellung der
Gefchichte der rußländifchen Mennoniten (I S. 164—483)
einer Denomination widmet, zu der kaum ein Fünftel
von ihnen gehört. Es ift das die .Mennonitifche Brüdergemeinde
', die fich in den fechziger Jahren infolge Einwirkung
des lutherifchen Pfarrers Wüft (aus Württemberg)
losgelöft hat. Sie fordert prononciertere Chriftlichkeit, und
ihr Schibboleth ift die Taufe durch Untertauchen. Der
Verfaffer gehört felbft zu ihr und verfolgt das Intereffe,
diefes Schisma zu rechtfertigen. Dabei wird er entfchieden
zu weitfchweifig. Unintereffant ift freilich auch diefer
Abfchnitt nicht. Die Bildung der Denomination war mit
ekftatifchen Erfcheinungen begleitet, Tanzen und Jauchzen

M. — 80; geb. M. 1.20

Diefe Schriften fchildern den Lebensgang und die
Wirkfamkeit zweier hervorragender Vertreter der Basler
Miffion: des Miffionsinfpektors Jofeph Jofenhans (geb. zu
Stuttgart am 9. Februar 1812, geft. zu Leonberg 25. Dez.
1884, Infpektor der Basler Miffion von 1849—1879), und
des Mitbegründers des Basler Miffionswerkes in Indien
Samuel Hebich (geb. 29. April 1803 zu Nellingen, geft.
21. Mai 1868 in Stuttgart, Miffionar in Indien von
1834—1859). Die Heffefche Schrift über Jofenhans ift
nur ein kurzer, in zweiter Auflage etwas umgearbeiteter,
populärer Abriß, der für jeden, der die Lebensarbeit
diefes bedeutendften dritten Basler Miffionsinfpektors
genauer kennen lernen und würdigen will, das Studium
des von demfelben Verf. früher gefchriebenen größeren
Werkes über Jofenhans (328 S., M. 2 —) nicht überflüffig
macht. Über Hebichs Leben hatte bereits Gundert 1872
ein Büchlein ericheinen laffen, das aber vergriffen ift. An

k™. ^ottesd'enu4 welche die mennonitifche Nüchternheit I feine Stelle tritt nun das wertvolle Buch von Schölly,
bald überwand. Die .kirchlichen' Mennoniten fuchten fie j das außer dem Gundertfchen Buche noch die Basler
mit Gewalt und Drangfalierung zu unterdrücken, indem . Akten über die indifche Miffion 1830—1860, das Buch
fie die den rußländifchen Bauerngemeinden zuftehende j ,Aus Gunderts Briefnachlaß' (Calw u. Stuttgart 1907) und
Gerichtsbarkeit (z. B. auch Inhaftierung) dazu mißbrauchten eine von dem Engländer Thompfon 1906 veröffentlichte