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Ausgabe:

1913

Spalte:

689-690

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Levy, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Grundlagen des ökonomischen Liberalismus in der Geschichte der evangelischen Volkswirtschaft 1913

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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68g

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 22.

690

hat aber Nikolaus Müller das Diplom aufgefunden,
das 1511 bei den Promotionen von Johann de Mechlinia
und Johann Hergott Anwendung fand. Diefes zeigt faft
wörtliche Übereinftimmung mit dem Formular von 1508.
Da nicht wahrfcheinlich ift, daß zwifchen 1511 und 12 Abänderungen
vorgenommen fein follten, find wir fomit in
der Lage, auch Luthers Doktordiplom nach dem Formular
von 1511 zu rekonftruieren. Zu einer anderen Bemerkung
veranlaßt mich S. 33 f., wo Steinlein aus Luthers Briefen
Unterfchriften mit Hinzufügung eines D. oder Dr. oder D.
theol. zufammenftellt. Ich möchte daran erinnern, daß
für eine Statiftik diefer Art nur folche Briefe zu verwerten
find, von denen wir einen ganz genauen Abdruck des
Originals befitzen. Die Abfchreiber und die älteren
Herausgeber verfahren in diefer Beziehung ganz willkürlich.
Ein Dr. von Luthers Hand ift mir ganz unwahrfcheinlich.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals diefe Schreibweife
bei ihm gefunden zu haben. Außerdem fei daran erinnert
, daß ein dem Namen vorangeftelltes D., von andern
als dem Träger des Namens felbft gefchrieben, ebenfo
gut Dominus, wie Doktor bedeuten kann. Auf S. 21 ver-
beffere man den Namen ,Kuis' in ,Kius'.

Berlin. G. Kawerau.

Levy, Prof. Dr. Herrn.: Die Grundlagen des ökonomilchen
Liberalismus in der Gefchichte der englifchen Volkswirt-
Ichart. (IX, i28S.)gr. 8°. Jena, G.Fifcher 1912. M. 3.50

Das Buch von Levy verlangt hier eine Befprechung,
weil es einen wichtigen modernen Beitrag zu unferer Einficht
in die Entwickelung des individualiftifch-liberalen kapita-
liftifchen Wirtfchaftsprinzips der englifchen Mittelklaffen
aus dem Diffent oder Puritanismus bringt. Levy verfolgt
dabei nicht weiter die Herkunft vom Calvinismus und den
Sekten, fondern nimmt deren beftimmenden Einfluß auf
den Diffent mit Recht ohne weiteres an. Auch geht er
nicht außer-englifchen analogen Entwickelungen aus den
gleichen religiöfen Vorausfetzungen nach. Vielmehr fucht
er diefe englifche (und amerikanische) Ideenwelt und Praxis
aus der Gefamtlage der Zeit der großen Revolution ver-
ftändlich zu machen und ihren wesentlich beftimmenden
Einfluß bis heute zu zeigen. Zu diefem Zweck fchildert
er zunächft die vorausgehende Theorie und Praxis der
Stuartfchen Ära. Hier herrfchte der Geift einer ftarken
wirtfchaftlichen Bevormundung durch die Krone, deren
kirchlich geftützter Abfolutismus auch in einem merkan-
tiliftifchen Wirtfchaftsideal zum Ausdruck kam. Ökono-
mifche Verforgung und Entwickelung der Bevölkerung,
einträ<riiche Monopole, Gründungen und Spekulationen
neben^den alten feften Zunftgliederungen und ftark eingreifende
ftaatliche Regelungen bilden den Charakter
diefer Periode. Diefe Wirtfchaftspolitik hatte zugleich
Zuftimmung und Hilfe der hohen kirchlichen Würdenträger
und der kirchlichen Gerichte. Daher wandte fich der Gegendruck
der Nonkonformiften wie gegen den anglikanifchen
Glaubenszwang und den Abfolutismus fo auch gegen
deffen ganze Wirtfchaftspolitik und Ethik. Mit den Grundlätzen
der perfönlichen Freiheit, der Parlamentsrechte, der
Glaubensfreiheit verband fich auch der der wirtfchaftlichen
Freiheit und der diefem Zweck dienenden freien
Affoziation. In diefe Freiheit aber ergoß fich dann die
ganze Arbeits- und Gefchäftsgefinnung der Puritaner,
die in der gefchäftlichen Leiftung die ethifche Bewährung
und in dem gefchäftlichen Erfolg den Segen Gottes fieht,
die an eine Weltordnung der Arbeit und des befriedigenden
Erfolges unter Vorausfetzung des ernften Arbeitswillens
glaubt, die in der Nüchternheit und Strenge der
Lebensführung den Mammonismus vermeidet und das
Kapital fteigert. Insbefondere intereffant ift die unter
dielen Umftänden erfolgende Veränderung der elifabetha-
nifchen Armengefetzgebung. Hatte diefe eine Fürforge
des Staates, der Kirche und der Gefellfchaft für den
Einzelnen gefordert und verwirklicht, fo wird jetzt die

Karität nur auf die Arbeitsunfähigen befchränkt, während
die Arbeitsfähigen mit allen Mitteln zur Arbeit gezwungen
werden. Auch niedrige Löhne fcheinen diefem Arbeitskultus
als ein ethifch wertvolles Mittel zur Beförderung
der Arbeitfamkeit. Zu diefem letzteren Thema fei auf
die weiteren Ausführungen bei v. Koftanecki, Arbeit und
Armut' 1912 hingewiefen. Daß mit diefem ganzen Gedankenkreis
fich eine wefentlich utilitarifch-realiftifche Auffaffung
des profanen Lebens verbindet und die Bildungs- und Erziehungsprogramme
neben der ftreng gläubigen eine rea-
liftifch-empirifche Erziehung fordern, ift bekannt, aber von
Levy mit Recht neu hervorgehoben. Nur der Abfchnitt
über die Philofophie erweckt fchwere Bedenken. Bei Locke
ift der Zufammenhang mit diefer puritanifchen Welt allerdings
unverkennbar und entfcheidend. Eine eingehende
Unterfuchung diefes Zufammenhanges wäre ein fehr fchönes
und lohnendes Thema. Aber die .English Utilitarians'
überhaupt davon herzuleiten, Bentham und Mill in diefen
Zufammenhang zu bringen, fcheint mir fehr bedenklich.
Der Optimismus, der immanente Pfychologismus, der rein
weltliche Horizont weift auf ganz andere Ideenmächte
hin, insbefondere auf franzöfifche Einflüffe. Hier hat Held,
Zwei Bücher zur fozialen Gefchichte Englands, 1877, die
freilich einfeitig mit der Ideologie des fozialen Lebens fich
befchäftigen und die realen Grundlagen wenig beachten,
doch fehr fein und richtig den gleichmacherifchen Rationalismus
und die puritanifche Demokratie unterfchieden.

Höchft intereffant ift dann aber bei Levy die Schilderung
der Abkehr des modernften England von diefen
Traditionen, der Umkehr zum Staatsfozialismus und zur
Gefamtfürforge des Ganzen für den Einzelnen. Namentlich
in den Kreifen des heutigen Diffent felbft, mit denen
Lloyd George eng zufammenhängt, hat fich diefer Um-
fchwung vollzogen, und feine Begründung ift neben der
rationell-utilitarifchen, politifchen und fozialpolitifchen auch
eine chriftlich-foziale, wie wir einen gleichen Umfchwung
auch in dem Puritanismus Amerikas erleben. Ich bin
dem Buche Levys teils für Beftätigungen teils für Berichtigungen
und Erweiterungen meiner Darftellung in den
,Soziallehren' zu großem Danke verbunden.

Ich darf vielleicht diefe Gelegenheit benutzen, eine Äußerung Wes-
leys mitzuteilen nach Southey, Life of Wesley Cap. XXIX, die ein
weiteres Licht auf den hier auch von Levy vorausgefetzten Zufammenhang
von Puritanismus und Pietismus mit kapitaliftifchem Arbeits- und
Gewinngeift wirft. Die Stelle ift Max Weber und mir durch den bekannten
englifchen Wirtfchaftskritiker Ashley mitgeteilt zu freier Verwendung
, mir aber hier nicht zugänglich: ,1 fear, whenever riches have
increased, the essence of religion has decreased in the same proportion.
Therefore I do not see how it is possible, in the nature of things, for
any revival to continue long. For religion must necessarily produce
industry and frugality and these cannot but produce riches. But as riches
increase, so will pride, anger and love of the world in all its bran-
ches. How than it is possible that Methodism, that is a religion of
the heart, though it flourishes now as a green bay-tree, should continue
in this State ? For the methodists in every place grew diligent and frugal,
consequently they increase in goods. Hence they proportionately increase
in pride, in anger, in the desire of the flesh, the desire of the eyes,
and the pride of life. So, althongh the form of religion remains, the
spirit is swiftly vanishing away. Is there no way to prevent this, this
continual decay of pure religion? We ought not to prevent people from
being diligent and frugal, we must exhort all Christians to gain all they
can, and to save all they can; that is in effect to grow rieh. What way,
then, can we take, that our money may not sink us to the nethermost
hell? There is one way, and there is no other under heaven. If those
who gain all they can and save all they can, will likewise give all they
can, then the more they gain the more they will grow in grace, and the
more treasure they will lay up in heaven'. Die Unterftreichungen Hammen
von Wesley selbst. Das ift genau bis auf die Worte das, was Weber
zum Ausgangspunkt zweier Beobachtungen gemacht hat.

Heidelberg. Troeltfch.

Kreipe, Dr. Chriftian Edzard: Die Abhängigkeitsbeziehungen
zwilchen den beiden philolophilchen Vermächtnislchriften des
Freiherrn G. W. von Leibniz. (Abhandlungen zur Philofophie
u. ihrer Gefchichte. 21, Heft.) (71 S.) 8°. Leipzig
, Quelle & Meyer 1911. M. 2.25