Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1913 Nr. 22

Spalte:

675-676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kugler, Franz Xaver

Titel/Untertitel:

Sternkunde und Sterndienst in Babel. Assyriolog., astronom. u. astralmytholog. Untersuchungen. I. u. II. Buch, 1. u. 2. Teil, 1. Heft 1913

Rezensent:

Meissner, Bruno

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

675

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 22.

676

die Argumente, auf Grund deren es gewonnen ift. Der
Autor fetzt nämlich mit der Thefe ein, ,daß der Materialismus
unhaltbar ift und es alfb „unkörperliche" Gegen-
ftände gibt, wird heute in der Wiffenfchaft allgemein
anerkannt', um weiterhin auseinanderzufetzen, daß, was unkörperlich
ift, darum freilich noch nicht fpezififch pfy-
chifch zu fein brauche; vielmehr beweife gerade das Bei-
fpiel des Urteils, daß von dem bloß pfychifchen Vorgang
des Urteilens, der als folcher ftets individuell geartet und
zeitlich begrenzt ift, noch der nichtpfychifche und nichtkörperliche
überindividuelle und ewige ,Urteilsgehalt' und,
gleichfam zwifchen beiden liegend, der ,Sinn des Urteils'
unterfchieden werden müffe.

Von den übrigen Artikeln feien wenigftens genannt:
,Die Wahrheit und das Individuum. Aus einem Goethebuch
' von Simmel; ,Das Wefen der Intuition und ihre
Rolle in der Philofophie' von Graf Keyferling; .Autorität
und Autonomie in der Ehe' von Marianne Weber; ,Die
Tragödie des myftifchen Bewußtfeins' von Friedrich Step-
puhn; .Salomon Maimons theoretifche Philofophie und ihr
Ort in einem Syftem des Kritizismus' von Friedrich Kuntze
(Berlin).

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Kugler, Franz Xaver, S.J.: Sternkunde u. Sterndienlt in Babel.

Affyriologifche, aftronom. u. aftralmytholog. Unter-
fuchgn. I. Buch u. II. Buch, 1. Tl. u. 2. Tl., 1. Heft.
Lex.- 8°. Münfter, Afchendorff. M. 56 —

I. Entwicklung der babylon. Planetenkuude von ihren Anfängen
bis auf Chriftus. (XV, 292 S.) 1907. M. 32—. — II. Natur, Mythus
u. Gefchichte als Grundlagen babylon. Zeitordnung, nebft eingehenden
Unterfuchungen der älteren Sternkunde u. Meteorologie. 1. Tl. (XV,
199 S. m. 3 Taf.) 1909. M. 16 —. — Dasfelbe. 2. Tl., 1. Heft.
(120 S.) 1912. M. 8 —

Das auf vier Bände berechnete Buch enthält in den
bis jetzt erfchienenen Teilen nicht eine fyftematifche Darfteilung
der aftronomifchen Kenntniffe der Babylonier,
fondern eine Reihe von Auffätzen, die manchmal nur lofe
mit einander zufammenhängen. Über den größten Teil
derfelben fteht nur dem Aftronomen ein Urteil zu, ich
muß mich daher darauf befchränken, kurz darüber zu
referieren.

Nach der Darlegung der fpätbabylonifchen Namen
der Planeten, der Tierkreisbilder und der Normalfterne
führt uns der Verfaffer verfchiedene Beobachtungstafeln
von der Zeit des Kambyfes bis ins erfte vorchriftliche
Jahrhundert in Umfchrift und Überfetzung vor. Der dritte
Teil befchäftigt fich mit den fyftematifchen Vorausberechnungen
der planetarifchen Haupterfcheinungen. In
den fehr ausführlichen Nachträgen fpricht der Verfaffer
über die Schaltregel in der Seleukidenära, über die vermeintliche
Vertaufchung der babylonifchen Planetennamen,
über die Monatsfixfterne der Babylonier, befonders auch
über den vielumftrittenen Kak-si-di-Stern.

In philologifcher Beziehung find einige Aufftellungen Kuglers
zweifellos richtig, wie z. B. die auch von Zimmern ausgefprochene Ableitung
von kitu = Ende (S. 278) von der Wurzel katü, bei anderen aber
wird man ein Fragezeichen doch nicht unterdrücken können. Sumer.
alim = ftark (S. 33) zu hebr. ins; zu Mellen, iM doch etwas kühn, eben-
fo wie die Ableitung von sunt, äar = 3600 (S. 52) von der femitifchen
Wurzel saru = laufen. Ein Wort masaru = Rad gibt es zudem nicht,
da dafür vielmehr magarru zu lefen iM. — Auch die Lefung und Erklärung
u-sar-ka (S. 36) halte ich für ganz unficher. — AN-BIL (S. 268) iM gewiß
nach SAI. 372 kararü zu lefen, wozu wieder Weidner Babyl. VI,
65fr. zu vergleichen iM. — H AB- D A (S. 271) iM = karü, kurrü = kurz
fein. — Für KAS-BU (S. 272) iM jetzt die Lefung beru ficher bezeugt. —
M. W. iM nur UR, nicht LIK (S. 273) als Ausfprache für kalbu gefichert.
— Für iB - K AD (S. 277) hat Ungnad die Ausfprache rth tu nachgewiefen.

Im zweiten Bande, von dem bisher zwei Hefte er-
fchienen find, werden mehrere Auffätze über die aftronomifchen
Kenntniffe der Affyrer zur Sargonszeit und über
die bybylonifche Chronologie gefammelt. Die Frage, ob
die Affyrer die Präzeffion gekannt haben, entfcheidet er
m. E. mit Recht negativ.

Zu der Ausfprache von AN-TIR-AN-NA (S. 96) iM zu bemerken,
daß das femitifche Äquivalent wirklich ein Femininum war, wie der
kaffitilche Eigenname AN-TIR-AN-NA-ra-bat zeigt. Vielleicht iM das
Ideogramm marratu zu lefen; vgl. BA. VIII, 4,39; 59, 122. — Zu den
geologifchen Beobachtungen (S. 118) iM hinzuzufügen, daß Petroleum auch
als saman iddl (MVAG. 1905, 311) und als naptu = va<p&a (Boilfier
Divin II, 37, 7; VS. VI, 228, 3) vorkommt. — kiru bedeutet in der Sint-
flutMelle nicht ,Außenwand', fondern, wie Zimmern nachgewiefen hat,
,üfen' (TO). Danach könnte man vielleicht unter kupru .ungereinigten'
unter iddü .gereinigten Asphalt' verMeheu. — Ob IM-TIK (S. 126) wirklich
.Tornado' bedeutet, iM mir fraglich, vielleicht kommt man mit kadutu
(Küchler, Med. 102) aus.

Nach einleitenden Bemerkungen über die Stellung der
altbabylonifchen Götter und Könige folgen dann hauptfächlich
Auffätze über die ältefte Chronologie. Befonders
wichtig ift die Abhandlung über die Chronologie der erften
Dynaftie von Babylon. Wenn die aftronomifchen Vor-
ausfetzungen richtig find, würden wir den Anfang der
erften Dynaftie von Babel auf das Jahr — 2225 und den
Anfang der Regierung Hammurabis auf — 2123 anzu-
fetzen haben. Zugleich wäre damit bewiefen, daß die
zweite Dynaftie nicht nur gleichzeitig mit der erften und
dritten regiert, fondern auch eine Zeit lang felbftändig
über Babylonien geboten hätte.

Für ubbütu (S. 259) lies arbütu. — Für mukallimtu (S. 262 f.)
möchte ich jetzt noch auf Klauber, Pol. u. rel. T. XXXI verweifen.
— hibi essu (S. 271) kanu nicht bedeuten .neuerdings zerMrrt', wofür miu-
deMeus esäis flehen müßte. Ich faffe die Redensart auf: (Das Archetypon)
war zerMört; (diefes iM eine) neue (Abfchrift).

Breslau. Bruno Meißner.

Holzhey, Lyz.-Prof. Dr. Karl: Kurzgefaßtes Lehrbuch der
Ipeziellen Einleitung in das Alte Teltament. (Wiffenfchaft -
liche Handbibliothek. I. Reihe. Theol. Lehrbücher.
XXXI.) (IX, 217 S.) gr. 8». Paderborn, F. Schöningh
1912. M. 2.80; geb. M. 4 —

Der Verfaffer, Profeffor am Lyzeum in Freifing, macht
den ,Verfuch einer fpeziellen Einleitung in die kanonifchen
Bücher des Alten Teftamentes vom kritifchen Standpunkt
eines katholifchen Theologen aus'. Der prinzipiellen
Schwierigkeiten, die fich von der Infpirationsfrage aus
erheben, ift er fich wohl bewußt, und er gibt felbft zu,
daß er fie nicht reftlos heben konnte. Er hat daher
manche Sätze hypothetifch formuliert und fich auf die
Hauptprobleme befchränkt, denn ,ein Eingehen in verfchiedene
fekundäre Themata hat noch wenig Wert, fo-
lange über die grundlegenden Hypothefen fo wenig Ein-
verftändnis herrfcht'. Er hofft auf freundliche Aufnahme
feines Verfuches überall dort, ,wo fowohl das Recht des
Glaubens als das Recht der Wiffenfchaft anerkannt und
mit diefer Anerkennung die Überzeugung verbunden wird,
daß einem unverdroffenen Bemühen der Ausgleich zwifchen
beiden Forderungen erreichbar fein muß'.

Der Verfaffer verdient in der Tat in hohem Maße
Anerkennung für feine Arbeit, denn fie beweift auf Schritt
und Tritt, daß er redlich bemüht war, die wiffenfchaftlichen
Gründe zu ihrem Recht kommen zu laffen. In allen
Hauptfragen ftimmt er mit den Ergebniffen proteftantifcher
Arbeit zufammen: für den Pentateuch vertritt er die
neuere Urkundenhypothefe unter nachexilifcher Anfetzung
von P; das von Sam. und Reg. abweichende Gefchichts-
bild der Chr. erklärt er aus der Benutzung der Midrafch-
quellen, über die es heißt: ,was ein Midrafch ift, hat die
Wiffenfchaft der Literaturgefchichte zu eruieren; wie weit
fich ein infpirierter Schriftfteller eines folchen Midrafch
bedienen darf, wird mit mehr Sicherheit den tatsächlich
vorhandenen Beifpielen, als einer a priori konftruierten
Theorie entnommen'; bei den Prophetenfchriften wird z.B.
nicht nur die Abtrennung des Deuterojefaja von Jefaja
und des Deuterofacharja von Sacharja und die nach-
exilifche Anfetzung von Joel, Jona, Daniel etc. anerkannt,
fondern es werden auch Stücke wiejef. 11, ioff. 13, 1—14,
23. 19,178. 21,1 — 10. 24—27. 32—35 und die meiften
meffianifchen Weisfagungen in Jer. als unechte Zutaten