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Ausgabe:

1913 Nr. 21

Spalte:

662-663

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch des Vereins für die Evangelische Kirchengeschichte Westfalens. XI. - XIII. Jahrg 1913

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 21.

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Froböß. Dir. d.Ober-Kirchen-Koll. Georg: Drei Lutheraner
an der Univeriität Breslau. Die Profefforen Scheibel,
Steffens, Hufchke in ihrer religiöfen Entwickig. bis zu
ihrem Eintritt in die Kämpfe der luther. Kirche im Jahre
1830. (83 S.) gr.8°. Breslau, Ev.Buchh. 1911. M. 1—

Kirchenrat Froböß, der Direktor des Oberkirchenkollegiums
in Breslau und gründlichfter Kenner der Ge-
fchichte der Altlutheraner, hat der Univerfität Breslau zu
ihrem Jubiläum diefe Schrift gewidmet. Pflegen doch die
jungen Theologen diefer Freikirche einen Teil ihrer Studien
an diefer Hochfchule zu betreiben, und waren doch, als
die lutherifche Separation begann, unter ihren Führern
drei Profefforen derfelben: Der Theologe Scheibel, der
Natuforfcher Steffens und der Jurift Hufchke. Die vorliegende
Schrift fchildert nicht die Tätigkeit der drei
Männer innerhalb des Altluthertums, wohl aber ihre
religiöfe Entwicklung bis zu ihrem Eintritt in die Separation.
Dadurch ift fle ein wertvoller Beitrag zur Gefchichte des
religiöfen Lebens nach den Freiheitskriegen, ein lehrreiches
Beifpiel dafür, auf was für verfchiedenen Wegen der neu-
entftehende Konfeffionalismus fleh gebildethat. Scheibel,
deffen Vater einft den Wolfenbüttler Fragmentiften bekämpft
hatte, wächft mitten in den Tagen des Rationalismus
in ungebrochener Bibelgläubigkeit auf. Als er in
Halle ftudiert, wirkt die unter den Kommilitonen verbreitete
Liederlichkeit abflößend auf ihn, aber ebenfo
fordert die Behandlung der heiligen Schrift durch feine
Lehrer, befonders die Anwendung der Akkommodations-
theorie auf Jefus und die Umdeutung der biblifchen Begriffe
in folche der Aufklärungstheologie, feinen Wider-
fpruch heraus. Zugleich entwickelt fleh bei ihm die hernach
wie eine fixe Idee ihn beherrfchende Vorftellung, daß
der verborgene Quell für jede von der feinigen abweichende
Stellung zu der Schrift in fittlichen Defekten zu fuchen
fei, bei Theologen meift in Stolz und mangelndem Sünden-
bewußtfein. Danach bemißt er auch die beginnende
literarifche Kritik an der Bibel. Das gibt feiner Stellung
die eigentümliche Schärfe. Unter der Gefahr, viel ungerechte
Urteile zu fällen, fpinnt er fich mit aller Einfeitig-
keit befonders in die Paulinifche Gedankenwelt ein. Darin
liegt aber zugleich feine Kraft als Prediger und der Erfolg
feiner Wirkung auf andere. Viel komplizierter ift der
Weg, den der Norweger Steffens geht. Eine fromme
Mutter, eine lebhafte Phantafie, auf die das Geheimnisvolle
feinen Reiz ausübt, gefühlvolle Verfenkung in die
Natur, Goethes Fauft, Spinoza, Sendling, Schleiermacher,
die Ideen der Revolutionszeit, dann Einwirkungen der
Romantik, eine wunderbare Hilfe in Stunden höchfter
Not, die ihn zum Glauben feiner Kindheit zurückruft, endlich
der Einfluß Scheibeis auf ihn, dem er den Konfirmandenunterricht
feiner Tochter überträgt und deffen
Predigten ihn packen, — unter folchen mannigfaltigen
Einflüffen durch Pantheismus, vorübergehend auch durch
die Neigung zu einem idealifierten Katholizismus hindurch,
entwickelt er fich zu einem antirationaliftifchen bibelgläubigen
Lutheraner. Wieder anders der Weg, auf dem
der Jurift Hufchke zum Vorkämpfer des Altluthertums
geworden ift. Aus dem rationaliftifchen Elternhaus bringt
er eine ernfte fittliche Gefinnung mit auf die Univerfität
und in die Roftocker Profeffur. Hier kommt er in freund-
fchaftliche Beziehungen zu dem fpäteren mecklenburgifchen
Staatsminifter Jafper von Oertzen. Diefer gehörte dem
Kreife junger Edelleute an, die bald nach den Freiheitskriegen
jene Erweckung zu lebendigem Glauben erlebt
hatten, die für die weitere Entwicklung der kirchlichen
Verhältniffe fo bedeutfam wurde. Bei diefem war es
neben der heiligen Schrift befonders Matthias Claudius
gewefen, durch den er zur Glaubensgewißheit gekommen
war. Durch ihn kommt Hufchke in die Erbauungsftunden
der aus Erweckten vornehmer und geringer Kreife fich
rekrutierenden Konventikel hinein, macht mit dem Freunde
gemeinfam eine Chriftentumsreife nach Holland und England
, wobei fie, was ja charakteriftifch war für die Anfänge
jener Erweckungszeit, Verkehr mit Erweckten aus allen
Konfeffionen pflegen. Als er dann 1827 nach Breslau
verfetzt wird, ift es auch bei ihm der Verkehr mit
Scheibel, der entfeheidenden Einfluß ausübt. Er wird
Mitglied des Miffionsvereins, er lieft mit Begierde die
Evangelifche Kirchenzeitung und fchreibt felbft für diefe
(über die Erbfünde). Die Erkenntnis, daß über der
Subjektivität des Einzelnen die objektive Macht eines
Ganzen, auf religiöfem Gebiet die Macht der Kirche,
flehe, führt ihn mehr und mehr zur Betonung des Dogmas
von der Kirche, deren Bekenntnis den einzelnen Chriften
trage. So wird er zum Kirchenmann, für den dann die
Bekenntnisfchriften die den Einzelnen bindende Norm
für fein religiöfes Leben werden.

Froböß hat durch die Darlegung diefer Entwicklungs-
gefchichten den Dank aller fich erworben, die fich mit

j der Übergangszeit aus dem Rationalismus in die Neuzeit

i befchäftigen.

Berlin. G. Kawerau.

Jahrbuch des Vereins für die evangelifche Kirchengefchichte
Weftfalens. 11. u. 12. Jahrg. 1909 u. 1910. (III, 348 S.)
8°. Gütersloh, C. Bertelsmann (1909). M. 6—

— Dasfelbe. 13.Jahrg. 1911. (V,272S.) 8°. Ebd. M. 3—

Zwei wertvolle urkundliche Publikationen bringen die
beiden bzw. drei letzten Jahrgänge des Jahrbuchs des
i Vereins für die Evangelifche Kirchengefchichte Weftfalens':
I die auf Befehl des großen Kurfürften in den Jahren 1664 bis
' 67 angeflehten Erkundigungen nach dem Konfeffionsftand
j der märkifchen Gemeinden, die für die konfeffionelle Re-
1 gelung nach den Beftimmungen des Weftfälifchen Friedens
1 die Grundlage gebildet haben (XI/XII S. 183—303; XIII
! S. 225—236), und die Akten der vom 8.—14. Juli 1790 abge-
: haltenen 55. Generalfynode der Prediger und Älteften aus
| Cleve, Mark und Berg (XI/XII S. 124—143). Zu beiden
hätte man wenigftens noch einige informierende Zugaben
j gewünfeht; da die ,amtlichen Erkundigungen' noch nicht
abgefchloffen find, fo bietet der Schluß Gelegenheit, noch
eine Überficht über das in Frage flehende Gebiet und
die behandelten Ortfchaften zu geben. Im XIII. Jahrgang
(S. 1—224) beginnt der Herausgeber des Jahrbuchs'
eine Kirchengefchichte der Graffchaft Mark; er behandelt
zunächft das Mittelalter, gibt eine Überficht über das
Gebiet und feine Verhältniffe und führt dann in die Chri-
ftianifierung und Organifierung der mittelalterlichen Kirche
der Mark ein; am ausführlichften behandelt er die Kirch-
fpiele, indem er das urkundliche Material, nach den einzelnen
Parochien geordnet, zufammenftellt. Zwei Abhandlungen
haben ihren Anlaß in dem Gedächtnis der 3CX)jähri-
gen Zugehörigkeit Weftfalens zum preußifchen Staate
(1609): Rothert gibt deffen zur Erinnerung einen Überblick
über die bisherigen Gebiete der Mark (XI/XII S. 73 bis
113), Sander über die Gefchichte der Burg Ravensberg
(S. 175—182). Stengers kurzer Überblick über die Be-
fitzungen des Domflifts zu Goslar in Weftfalen und Rheinland
(S. 144—147) ift ein für andere ähnliche Fälle nachahmenswerter
Auszug aus dem von Bode herausgegebenen
Urkundenbuch Goslars. Die evangelifche Gemeinde Königs-
fleele behandelt Grevel (S. 148—174), weil fie als ehemaliger
Beftandteil des Stifts Effen eine ganz befonders
wechfelvolle Gefchichte hat; ihr Name drückt aus, daß
fie ihre Entftehung als lutherifche Gemeinde den Hohen-
zollern verdankt, zugleich, daß ihre Begründung uno-efähr
mit der Erhebung des brandenburgifchen Kurhaufes zur
Königswürde zufammenfällt. Zur Niedens umfangreicherer
Artikel (S. 1—72) zeigt das Eindringen des Pietismus, des
Herrnhutertums und der Aufklärung in die Mark und die
Einwirkungen — namentlich der pietiftifchen Strömungen
— auf Gottesdienft und Predigt, auf die ethifchen
Anfchauungen, auf die Kirchenzucht und die kirchliche
Ordnung. Auch Stengers Überblick über Schulmänner