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Ausgabe:

1913 Nr. 21

Spalte:

657-659

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Lutherstimmung und Kritik; ein Lutherwort als Schulbeispiel 1913

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 21.

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Grifar, Prof. Hartmann, S. J.: Luther. 3 Bde. 3. Bd: Am
Ende der Bahn. — Rückblicke, i.u.2. Aufl. 1.—6.
Tauf. (XVII, 1108 S.) Lex.-8°. Freiburg, Herder 1912.

M. 18.60; geb. M. 2040

— Prinzipienfragen moderner Lutherfortchung. (Stimmen aus
Maria-Laach 1912, 10. Heft). Ebenda.

— Lutherftimmungen der Gegenwart (a. a. O. 1913, 1.—2.
Heft). Ebenda.

— Lutherltimmung und Kritik; ein Lutherwort als Schul-
beifpiel (a. a. O. 1913, 3. Heft). Ebenda.

Allem zuvor möchte ich dem Verfaffer zur Vollendung
feines ,Luther' meine Glückwünfche fagen. Em Werk von
2500 Seiten auszuarbeiten und niederzufchreiben, dazu
gehört, wenn es nicht mit der Schere gemacht ift, foviel
heiße Arbeit, Fleiß und Ausdauer, daß der Anerkennung
die erfte Stelle o-ebührt. Und wenn redliches Bemühen
die Feder geführt hat, die .unveränderlichen Tatfachen'
zu ermitteln, fo folgt der erften Anerkennung die
zweite, wertvollere. Wie weit das Bemühen mit Erfolg
o-ekrönt ift, darüber habe ich mich in meiner Anzeige
des 1. und 2. Bandes ausgefprochen (diefe Zeitung 1911
Nr. 10 und 24). Wie der Verfaffer darauf repliziert hat,
darf ich nicht mit Schweigen übergehen. Ich hatte (Nr. 24)
fkizziert, wie eine den Tatfachen entfprechende römifch-
katholifche Würdigung Luthers geartet fein könne und
müffe, ohne doch der eigenen Kirche etwas zu vergeben,
und bemerkt, daß Grifar von diefem Ideal noch weit entfernt
fei. Grifar rückt nun in diefe Skizze Sätze aus der
erften Anzeige ein, als hätte ich auch diefe dem katho-
lifchen Hiftoriker zugemutet, um dann ironifch zu fchließen:
,Ich wünfche Harnack ein langes Leben, daß er jenem
Katholiken die Hände noch drücken kann'. Ob ich es
noch erleben werde, einem katholifchen Lutherbiographen
zu begegnen, den ich fo warm begrüßen kann wie den
katholifchen Calvinbiographen Kampfchulte, weiß ich
nicht. Das aber weiß ich, daß man über die katholifche
Gefchichtfchreibung, Luther betreffend, bei allem Dank
für geleiftete Einzelheiten fo lange zur Tagesordnung
übergehen wird, bis fie neben der Genialität Luthers auch
feine religiöfe Größe oder beffer fein in der Zuverficht
auf Chriftus wurzelndes Gottvertrauen anerkannt und in
den Mittelpunkt gerückt haben wird. Vermag fie das
nicht zu erkennen, weil hundert andere Züge an Luther
fie blenden und verblenden oder weil fie ihrer eigenen
Kirche nicht zutraut, daß fie auch dem Glaubenshelden
Luther gegenüber noch immer ein höheres und tieferes
Wort zu fagen hat, fo wird diefe Gefchichtfchreibung in
den großen Gang der gefchichtlichen Urteilsbildung niemals
eingreifen.

Diefer dritte Band hält, was die zwei erften verfprochen
haben: er bringt wiederum eine Fülle von Materialien und
Kontroverfen. Häufiger als in den früheren Bänden konnte
Grifar fich hier teils anerkennend, teils zuftimmend zur
religiöfen Tätigkeit Luthers äußern, mag er diefelbe nun
auf das mittelalterliche Erbe zurückführen, mag er fie in
dem religiöfen deutfchen Geift der Gegenwart Luthers
wurzelnd&finden, dem der Reformator gelaufcht hat und
den mit dem Gemüte und der Sprache zu erfaffen ihm
gegeben war. Aber wenn Grifar hier das kirchliche Erbe
fo gern betont, ohne daß es immer möglich ift, die Kanäle
feftzuftellen, durch die es Luther zugeführt worden ift —
muß es manchmal doch fogar nur konftruiert werden! —,
warum foll dann Luther als Theologe fo durchaus original
fein? Die Auseinanderfetzungen mit A. V. Müller
(S. ionff.) gehören nicht zu den beften Partien diefes
Werks, vielmehr unterfcheiden fie fich fehr erheblich von
den forgfältig ausgeführten Abfchnitten. Mit ein paar
Handbewegungen laffen fich die Studien des ehemaligen
Dominikaners nicht abtun, auch wenn fie noch nicht die
Fülle und Reife zeigen, die erft durch eine lange und

planmäßige Arbeit gezeitigt werden können. Daß Grifar
diefe Studien fehr in die Quere kommen, ift begreiflich;
aber da er Vollftändigkeit und Unparteilichkeit auf feine
Fahne gefchrieben hat und dazu in den Partien über
Luthers Entwicklung bis zum relativen Abfchluß felbft
das Hauptftück feiner Darftellung erblickt, wird er fich
doch entfchließen müffen, fich ernfthafter mit der Frage
auseinanderzufetzen, welche Theologumena der ,Hyper-
Auguftinismus' — wenn man ihn fo nennen mag — im
Mittelalter hervorgebracht hat, was davon am Anfang des
16. Jahrhunderts noch lebendig war, und ob nicht diefer
Hyper-Auguftinismus unter gewiffen Voraus-
fetzungen auch fpontan immer wieder hervorbrechen
konnte, ja mußte. Für letzteres fcheint mir
der Janfenismus und feine Vorläufer den vollgültigen Beweis
zu bieten. Das theologifche Gewand, in welches Luther
feine Erlebniffe und Gedanken gekleidet hat, ift aus
Nominalismus und Hyper-Auguftinismus gewebt. Es geht
nicht an, ftatt des letzteren einfach Luthers .Originalität'
einzufetzen, die überhaupt nicht ftark ins theologifche
Gebiet hinabreicht. Wer konnte denn am Anfang des
16. Jahrhunderts, nach der unendlichen Arbeit der Scho-
laftik, auf diefem Boden und innerhalb diefer Denkweife
als Theologe noch Originales vorbringen? Alle Originalität
konnte hier nur in Vereinfachung beliehen, folange

I man die Grundzüge der gültigen Unheils- und Heils-
gefchichte und des Heilsfyftems nicht antaftete. Und
diefe Grundzüge hat Luther nicht angetaftet.

In dem Abfchnitte ,auf dem Wege zum dogmenlofen
Chriftentum' (S. 364fr.) hat fich Grifar bei dem Nachweife,
was Luther, trotz Fefthaltens an jenen Grundzügen, von
katholifchen Lehren alles aufgelöft hat, ftark an den 3.
Band meiner Dogmengefchichte angefchloffen. Ich kann
ihm dafür nur dankbar fein; freilich erfährt der Lefer

1 dabei nur fehr unvollkommen, wie ich pofitiv über Luther
denke. Um aber nicht die Meinung aufkommen zu laffen,
als könne man mit mir in unbefangener gefchichtlicher

! Kritik gemeinfame Sache machen, hat es Grifar für nötig
erachtet, feinen Lefern zufammenzuftellen (S. 397), was
für böfe Dinge ich über den Katholizismus behauptet
habe, ferner daß ich eine fchwer beleidigende Sprache
gegen ihn führe und einen beklagenswerten Mangel an
Kenntnis der katholifchen Lehren, Einrichtungen und
Übungen zeige. Was den letzteren Vorwurf betrifft, fo
darf ich aus langer Erfahrung fagen, daß ich über den
Katholizismus beffer unterrichtet bin als viele Katholiken,
die wichtige Lehren und Feftftellungen ihrer eigenen Kirche
einfach nicht kennen und oft fehr erfchreckt find, wenn
man ihnen fagt, daß dies und dies katholifche Lehre fei.
Daß meine Kenntnis der katholifchen Kirche noch Mängel
hat, weiß ich. Aber wenn ich auch fleißiger bei dem Studium
hätte fein follen, fo trägt doch mein Unfleiß hier nicht
allein die Schuld. Das Syftem der complexio oppositorum,
zu welchem diefe Kirche die Religion Jefu Chrifti gemacht
hat, lernt man nicht aus! Hier und dort ift noch eine
verborgene Schlucht, ein heimlicher Pfad, eine diploma-
tifche Erwägung, ein Plus oder ein Minus, das man über-
fehen hat — wer kann das überfchauen? Wer kann behaupten
, er kenne das alles, was nach katholifcher Lehre
direkt oder indirekt im depositum fidei angeblich befchloffen
liegt? Was aber die böfen Dinge betrifft, fo habe ich
nichts zurückzunehmen. Ich fuche gefchichtliche Dinge
lieber zu begreifen als zu kritifieren und auch mir ganz
Fremdes auf einen religiöfen Nerv und ein fittliches Wollen
zurückzuführen. Aber wo mir das nicht mehr gelingt,
muß ich fagen, was ich gefunden habe und fehe, und
werde es auch ferner fo halten. Wird das als .Beleidigung'
empfunden, fo find das .Beleidigungen', wie ich fie mutatis
mutandis auch dem Proteftantismus nicht erfparen kann,
wenn ich ihn auf falfchem Wege wandeln fehe. Wenn
ich z. B. lefen muß, daß benedizierte Kultgegenftände
.gleichfam aus dem Gebiet der Natur in das Reich der

Gnade verfetzt, das fpezielle Eigentum Gottes geworden