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Ausgabe:

1913 Nr. 21

Spalte:

654-655

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Morin, Dom Germain

Titel/Untertitel:

Pro Instantio. Contre l’attribution à Priscillien des opuscules du manuscrit de Würzburg 1913

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 21.

654

5) Tit. 1,11 — 15 2, 3—8 (3. Jahrh.); Gregory: p>7. Das Fragment
ift durch fein hohes Alter befonders wertvoll, Bibelfragmente des dritten
Jahrhunderts find ja bis jetzt fehr feiten. Die feither bloß von den Zeugen
F und G im 9. jahrh. gebotene Lesart 2, 7 ä<f&ovlav empfängt durch
den Papyrus eine bemerkenswerte Unterftützung, ift übrigens durch Sap.
Sal. 7, 13 auch inhaltlich empfohlen.

6) Das nicänifche Glaubensbekenntnis in einer Schrift des 6. Jahrh.,
der ältefte überlieferte Text diefes Symbols. Intereffant durch die Textvarianten
und durch Einleitung und Schluß. In der Einleitung, die allerdings
fehr verftümmelt ift, wird Rom genannt; die Beziehung ift nicht
klar. Der Schluß beginnt: avzij ftov rj itiaxiq fizza zavztji; zrjq ovoß-
[aaia$i . .]. Sollte diefer individuelle Schluß nicht die Vermutung nahelegen
, daß es fich auch hier um die Niederfchrift eines angehenden
Klerikers handelt?

7) Akroftichifcher Hymnus an Chriftus (6. Jahrh.). In Zeile 14
will Hunt des klar überlieferte Mag&av durch Magiav erfetzen; ich glaube
fsvozo/sizr; naga z>jv Mäg&av bezieht ftch auf Luk. 10, 38 und Müg&av
ift zu beladen.

8) .Liturgifches' Fragment (5. Jahrh.) für private Zwecke, nicht Teil
eines Buches: ich möchte auch hier an ein Phylakterion denken, die Auswahl
der Bibelworte aus A. u. N. T. läßt vielleicht vermuten, daß das
Amulett für ein Kind beftimmt war.

9) Liturgifches Fragment des 576. Jahrh. oberer Teil eines Buchblattes
, ungemein vulgär gefchrieben, Aneinanderreihung von Gebetsworten
aus Jeiaia und dem Pfalter.

10) Fragment eines bis jetzt nicht identifizierten Martyriums (6. Jahrh.):
der Heilige ift zum Hungertod verurteilt, hat fchon zwanzig oder mehr
Tage gehungert und getrottet fich der den Frommen verheißenen Güter
nach 1 Kor. 2, 9. Delehaye, dem das Fragment vorlag, rechnet mit der
Möglichkeit, daß es einer frühen Redaktion des Martyriums des Lucian
entflamme.

n) Fragment des 5-/6. Jahrh., nicht identifiziert, vielleicht nicht
literarifch fondern Bruchftück eines Briefes.

12) Libellus einer Ägypterin aus der Decianifcheu Chriftenverfolgung
vom 14. Juni 250. Die Urkunde ift durch mehrere in den anderen bekannten
Exemplaren diefer Gattung nicht vorhandene Eigentümlichkeiten
befonders bemerkenswert. Neuerdings hat übrigens die John Rylands
Library mehrere andere Libelli aus der Decianifchen Verfolgung erworben;
fie find noch nicht publiziert.

Die Zahl der neuen nichtchriftlichen literarifchen Fragmente
und der Fragmente bekannter Autoren ift beträchtlich
; die erfteren find z.T. auch für das N. T. fprachlich
ergiebig, da fie in der Umgangsfprache gefchrieben find.

Berlin-Wilmersdorf. Adolf Deißmann.

Bacon. Prof.Benjamin Wisner, D.D., Litt. D., LL. D.: Jesus
the Son of God or primitive Christology. Three Essays
and a Discussion. (101 S.) gr. 8°. New Häven, Yale
University Press 1911. s. 6 —

Matth. 11,25 ff. Luc. 10, 21 f. redet Jefus nach B. von
fich als dem Gottesfohne nur infofern, als er fich als Führer
und Vorkämpfer derjenigen fühlt, die in ethifchem Sinne
Söhne Gottes find. Sie ,erkennen' den Vater, und der
Vater ,erkennt' fie, d. h. erkennt fie als feine Söhne an,
ein Gedanke, den auch Paulus Gal. 4,9 zum Ausdruck
bringe (cf. S. 28). Nur fofern Jefus fich als ihr Repräfen-
tant fühlte, hätte er es fich gefallen laffen, als Meffias anerkannt
zu werden (S. 30 ff.). Den apokalyptifchen Titel
,Menfchenfohn' habe er jedoch niemals gebraucht, Matth.
8,20 z. B. fei nur die Hilflofigkeit des Menfchen der Natur
gegenüber, im Unterfchiede von der Bedürfnislofigkeit und
Selbftgenugfamkeit der Tiere, zum Ausdruck gebracht
(S. 42).

Die urchriftliche Verehrung Jefu als des Herrn gehe
auf das Pfingfterlebnis zurück. Auf diefem bafiere auch
die urchriftliche Sonntagsfeier, fofern das heben Wochen
nach dem 16. Nifan gefeierte Pfingftfeft damals auf den
erften Wochentag gefallen fei. Weitere Ausführungen des
Verf.s betreffen die Frage nach der Entftehung des Glaubens
an Jefu Präexiftenz. In den Petrusreden der Acta
finde fich von ihm noch nichts. Aber die allgemeine,
frühe Verbreitung der Taufe beweife anderfeits, daß Petrus
fowohl wie Paulus als Bedingung für den Heilsempfang
nicht die Beobachtung des Gefetzes, fondern den Glauben
an Jefus betrachtet haben (vgl. S. 89 ff.).

Eine gedankenreiche, anregende Schrift! Ihr fchwäch-
fter Punkt fcheint mir die — nicht vollftändige — Erörterung
über das Selbftbewußtfein Jefu zu fein. Jefus wird fich

doch wohl nicht nur als primus inter pares, fondern als
den Herrn des Gottesreiches und zukünftigen Weltrichter
gefühlt haben. Hierin lag dann fchon ein wefentlicher
Anknüpfungspunkt für die urchriftliche xvgioq-Verehrung.

Königsberg i. Pr. R. A. Ho ff mann.

Murin, Dom Germain: Pro Instantio. Contre l'attribution
ä Priscillien des opuscules du manuscrit de Würzburg.
(Extrait de la Revue Benedictine, avril 1913, S. 153—172.)

Es fteht nichts feft, auch nicht, daß Priszillian die
Schriften verfaßt hat, von denen es auf dem Titelblatt
des 18. Bandes des Wiener Korpus heißt: Priscilliani
quae supersunt. Es fteht nicht feft, weil diefe Schriften
in der Würzburger Handfchrift ohne Verfaffernamen überliefert
find, und weil zwar Hieronymus (vir. OL 131) von
Priszillian fagt, daß er edidit multa opuscula, de
quibus ad nos aliqua pervenerunt, aber weder er noch
fonft Jemand gerade unfere Schriften ihm zufchreibt.
Alfo kann Morin das Recht des Verfuches, fie für einen
Anderen in Anfpruch zu nehmen, nicht beftritten werden.
Diefer Andere foll Inftantius, der Genoffe Priszillians, fein.
Zwar vermag Morin auch für ihn kein äußeres Zeugnis
beizubringen, denn nicht einmal, daß Inftantius überhaupt
gefchriftftellert habe, meldet uns die Überlieferung.
Seine Beweisgründe find daher durchaus dem Gebiet der
inneren Kritik entnommen. Wir wiffen aus feinen zahlreichen
Arbeiten, mit welchem Gefchick, um nicht zu
fagen, mit welcher Virtuofität er diefe Gründe zu handhaben
verlieht, und es ift ihm in diefem Falle offenbar
um ein Paradebeifpiel für die Tragkraft der inneren Kritik
zu tun.

Den Ausgangspunkt der Unterfuchung und in ge-
wiffem Sinn ihr Rückgrat bildet die Beobachtung, daß
Priszillian die erfte Abhandlung des Korpus, den Liber
apologeticus, nicht verfaßt haben könne. Diefe Apologie
fei nicht, wie zuletzt wieder Babut mit neuer Begründung
(f. dazu diefe Zeitung 35, 1910, Sp. 426) darzulegen fuchte,
fchon 380/81 entftanden, fondernerft384alsRechtfertigungs-
fchrift der Priszillianiften vor den Bifchöfen der Synode
von Bordeaux, was fchon Dierich u. a. annahmen und
jüngft Puech in feinem beachtenswerten Auffatz über Les
origines du priscillianisme (Bulletin d'ancienne litterature
et d'archeologie chretiennes 2, 1912), wenn auch nur unter
Vorbehalt, für das Wahrfcheinliche erklärte. Sei aber die
Apologie der Synode eingereicht worden, dann könne
fie nicht von Priszillian verfaßt fein: denn der habe fich
ja zu Bordeaux von feinen Genoffen getrennt, indem er
an das weltliche Gericht appellierte. Dann könne nur
Inftantius der Verfaffer fein, von dem es bei Sulpicius
ausdrücklich heißt: Inftantius prior iussus causam dicere,
und der mit feinem Rechtfertigungsverfuch vor den
Bifchöfen keine Gnade fand: se parum expurgabat.
Nun ift ein Zweifel daran, daß die elf Traktate des
Würzburger Kodex von einem und demfelben Verfaffer
flammen, unzuläffig. Alfo folgt: Inftantius hat fie alle
gefchrieben. Dem fcheint entgegenzuftehen, daß man
feit Schepß einftimmig bei dem zweiten Traktat, dem
Liber ad Damasum, mit Sicherheit auf Priszillian als
Autor glaubte fchließen zu dürfen. Eben hier aber meint
Morin die Forfchung auf einem Irrweg anzutreffen: nicht
nur feien zwingende Gründe für die Annahme von Priszillians
Autorfchaft nicht vorhanden, richtige Exegefe
einzelner Stellen fpreche fogar gegen ihn und für Inftantius
.

Ift nun dies Ergebnis überzeugend? Ich kann es
nicht finden. Zwar muß ich zugeben, daß das naive
Vertrauen, mit dem wir jetzt die Traktate als Werke
Priszillians zu benutzen pflegen, durch Morins Kritik er-
fchüttert worden ift. Man wird künftig mit dem: Priscilliani
quae supersunt vorfichtiger umzugehen haben.

Aber das pro Instantio ift darum doch nicht rechtskräftig geworden.
Morin fchreibt freilich: nous savons ayec certitude' — Schepß lui-mcme