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Ausgabe:

1913 Nr. 20

Spalte:

633-635

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Jesus im Unterricht auf gefühls-psychologischer Grundlage. Nach Ferienkurs-Vorträgen behandelt 1913

Rezensent:

Kabisch, Richard

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 20.

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notwendigkeiten des Vernunftlebens in feiner einheitlichen
Totalität'. Im Ganzen der KantfchenWeltanfchauung
fei Wefen und Erfcheinung wieder inhaltlich beftimmt.
Wie in der Naturforfchung finnlich und mathematifch, bei
Plato finnliche und logifche Welt, fo werde bei Kant
theoretifche und praktifch äfthetifche Weltvorftellungunter-
fchieden. Dann aber fei, nach der Kategorie der Gleichheit
und der Ungleichheit gemeffen, Wefen und Erfcheinung
entweder ungleich, und das führe zum Dualismus, oder
man müffe die Gleichheit hervorheben, dann fei die Erfcheinung
nicht das unvollkommene Abbild der wahren
Welt, des Wefens, wie bei Plato, fondern die Realifierung
der Ideen.

So ift ihm das Refultat, daß der abfolute Phänomenalismus
unhaltbar fei, daß aber auch der Kantfche
Dualismus zwifchen dem theoretifchen und praktifchen
Bewußtfein nicht zu halten fei, fondern entweder auch
unfer praktifches Bewußtfein in den Bedingungen des
menfchlichen Wefens begründet fei, und dann ein voll-
ftändiger Relativismus und Anthropologismus fich ergebe —
was fchon Harms hervorgehoben hat, oder es müffen
auch im theoretifchen Leben Momente anerkannt werden,
die eine über die Bedingungen des menfchlichen Wefens
hinausgehende Wahrheit befitzen. W. entfcheidet fich
mit Recht für das letztere und damit für eine Metaphyfik

wert machen heißt alfo, es dahin führen, daß es an Stelle
der äußeren Gegenftände die inneren Zuftände als beglückend
bewerten lernt und fo Jefu heiligen Geift, ihn
felber, fein Leben und dann Gottes Leben als das errettende
und beglückende erlebt. Die äußeren Gegenftände
aber, in denen fich das Kind vor allem freut,
treten vollendet hervor zu Weihnachten in dem Chrift-
kindchen und feinen Gaben und find der kindlich fühlenden
Chriftenheit gewiffermaßen verkörpert in dem Chrift-
kindchen-Jefus, d. h. in dem Jefus, der mit Engelchören
vom Himmel kommt, in Wundergewalt mit frohem Zauber
alle möglichen Gaben und Freuden bringt, Brot und
Gefundheit, Wein und Leben, und endlich in himmlifcher
Herrlichkeit allem Leid entrückt wieder zum Himmel
fährt. Ihm fteht der Chriftus-Jefus gegenüber, der durch
feine höchfte Wertfehätzung der inneren Zuftände arm
und heimatlos den Himmel in fich trägt, am Kreuz zugrunde
geht und eben damit fieghaft zum Vater eingeht.
Ziel des Unterrichts muß alfo fein, die Kinder von der
Wertfehätzung der äußeren Gegenftände zur Wertfchät-
zung der inneren Zuftände oder vom Chriftkindchen-
Jefus zum Chriftus-Jefus zu führen. Dabei ift der Weg,
das in andern (hier im Chriftus-Jefus) Vorhandene wert-
zufchätzen, der, daß man es vermitteln der Phantafie in gefühlsbetonten
Anfchauungen fieht, phantafiemäßig erlebt,

des Geiftes. Das Verhältnis von Bewußtfein und Sein | und von hier aus durch Klärung zu Begriffen befeftigt, die

müffe in anderen Kategorien gedacht werden als in denen
der Gleichheit und Ungleichheit; es müffe ftattGleichheit
Identität eingefetzt werden. Hiermit nähert fich Windelband
Scheliings Identitätsphilofophie. Ob man nicht
beffer an der Stelle der Identität Einheit von Unterfchieden
fetzen muß, da man aus der Identität weder die qualitativen
noch die quantitativen Differenzen in der Welt begreifen
kann, ift mir fraglich, um fo fraglicher, als W. felbft nach
dem Obigen geneigt fcheint, das Verhältnis des Wefens
und der Erfcheinung unter die Kategorie der Kaufalität,
nicht der Identität zu bringen. Der fpätere Sendling hat
felbft das Abfolute nicht mehr als Identität, fondern als
Einheit unterfchiedener Potenzen aufgefaßt. Doch hierauf
kann ich hier nicht näher eingehen; jedenfalls ift diefe Arbeit
W's. eine höchft erfreuliche Erfcheinung, infofern er an
die nachkantifche idealiftifche Philofophie wieder anknüpft,
um den Kantfchen Dualismus zu vermeiden und dem
Relativismus und Pragmatismus zu entgehen.

Königsberg i/Pr. Dorner.

Nieberg all, Prof. D. Friedrich: Jefus im Unterricht auf

gefühls-pfychologifcher Grundlage. Nach Ferienkurs-
Vorträgen behandelt. (58 S.) gr. 8°. Leipzig, Julius
Klinkhardt 1913. M. 1.20

Niebergalls Kraft, die Dinge eigenartig zu fagen, weil
er fie nicht fagt, ehe er fie durchgefühlt, alfo durchlebt
hat, und ebenfo feine Kraft, eine Menge durchlebter
Anfchauungen auf wenige, fie alle durchleuchtende
Begriffe zu bringen, tritt auch an diefer Schrift hervor.
Die leitenden Begriffe find hier folgende. Das Entscheidende
in der Religion ift überall die Wertfehätzung. So
handelt es fich auch mit Bezug auf Jefus darum, daß die
Kinder ihn wertfehätzen. Diefe Wertfehätzung wird im

aber dann möglichft bald wieder zu verfchwinden und nur
eine dauernde Spur im Gefühlsleben als Stimmung oder Neigung
zurückzulaffen haben. Weil nun die Kindesnatur
am urfprünglichften und reinften zu Weihnachten hervortritt
in der Freude am Chriftkindchen und feiner Welt,
ift es auch das Richtigfte im Unterricht, um zunächft
überhaupt die Aufmerkfamkeit auf Jefus zu lenken und
ihn wert zu machen, daß man ihn als Chriftkindchen-
Jefus alfo in der ganzen fchimmernden Wunderwelt zeigt,
aber fo, daß man dabei von vornherein den Weg zu
dem Chriftus-Jefus, deffen Wertfehätzung doch das eigentliche
Unterrichtsziel fein foll, nicht verbaut, fondern vorbereitet
. Wie dabei Neues und Altes Teftament, Gefangbuch
und Katechismus mit Nutzen zu verwenden find,
wird dann zum Schluß gezeigt, alles mit der klugen,
feinen und praktifchen Art, an der wir Niebergall überall
wieder erkennen. Der Grundgedanke: von der Wert-
Schätzung der äußeren Gegenftände zu den inneren Zuständen
, vom Chriftkindchen-Jefus zum Chriftus-Jefus,
kann nicht tief genug beherzigt werden. Freilich fcheint
mir daraus gegen das Weitere das tiefe Bedenken zu
folgen: wenn die Wertfehätzung der Gegenftände das
Natürliche aberUnchriftliche ift, ift es dann nicht auch Aufgabe
des Unterrichts, den Chriftkindchen-Jefus gerade nicht
zu zeigen, fondern vielmehr zu verhüllen, bis er, wie er
es auch nach N. ift, begriffen und empfunden werden
kann als der phantafievolle Ausdruck der Verehrung,
die der Chriftus-Jefus feinen Gläubigen abgewonnen hat?

Kommt überhaupt in dem Chriftkindchen-Erlebnis zu Weihnachten
die Kindesnatur am reinften uud wahrften hervor, oder ift das nicht vielmehr
eine Cberfteigerung, ein Freudenraufch, der in den inweiidigften
Ecken der Kinderfeele als unhaltbar felbft vom Kinde erlebt wird, und
dem gegenüber die dauernde, immer wiederkehrende Freude — an Gottes
Sonne und der lachenden Welt, an der Liebe und Güte von Vater uud
Mutter — als die echtere Wahrhaftigkeit feiner Lebensfreude auch von
ihm erlebt wird? Und zeigt uns das nicht, wie wir im Religionsunter-

Gefühl erlebt indem Jefus als die höchfte Kraft gefühlt richLanUCh bei JefUS Anknüpfungspunkte haben die ihn lieb und wert
^■v-iuui cncui, liiucui jy'"= . & machen von vornherein in der ganzen Wahrhaftigkeit des Jefus, der noch

wird, mit dem Leben fertig zu werden und in der belbft- 1
Verleugnung Gott als die errettende Macht zu finden.
So wird in Jefus zugleich Gott erlebt. Dies aber ift der

Chriftus-Jefus, den vor allem Paulus und Johannes aus-
gefprochen haben, der in inneren Zuftänden, nicht in
äußeren Gegenftänden das höchfte Gut zu ergreifen lehrt.
Er ift nach der Kindesnatur (wie nach der des natürlichen
Menfchen überhaupt) ganz unkindlich. Das Kind freut
fich vor allem an Gegenftänden und will von Gott oder
dem Chriftkind allenfalls Gegenftände haben. Ihm Jefus

nicht der Chriftus-Jefus ift, aber auch nicht der Chriftkindchen-Jefus,
fondern der gefchichtliche Jefus, wie Kinder ihn fehen können? Von wo
dann die Erhebung zum Chriftus-Jefus uud von da zu der von vornherein
in ihrem verklärenden Schmuck empfundenen Symbolik des Chriftkindchen
-Jefus langfam folgen könnte? Wenn uns die bedürftige Wirklichkeit
hierdurch einen Strich macht, indem aus der Umwelt Spuren
vom Chriftkindchen-Jefus zu den Kindern dringen, gegen die wir wehrlos
find, fo darf uns das doch nicht aufhalten, das uuterrichtliche Ideal
nach feinen eigenen Gefetzen zu zeichneu und vielmehr die Wege zu
fuchen, wie wir den fchädlichen Wirkungen, der falfchen Wertung von
vornherein begegnen. Wie der Bruch vermieden werde, wenn einmal
der Chriftkindchen-Jefus als Mythus erkannt wird, ein Bruch, an dem