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Ausgabe:

1913 Nr. 20

Spalte:

628-629

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Richard M.

Titel/Untertitel:

Nietzsche. Sein Leben und seine Werke 1913

Rezensent:

Strunz, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 20.

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fchaft geftaltet ift, wie fie ihre .Meetings' hält, wie es mit
den Bedingungen etc. der ,Membership' oder discipline
und der dismission fleht, wie der Status der ,Minister'
ift, wie die Councils gebildet werden, welche Befugniffe
fie haben etc. etc., all das wird überfichtlich und inftruk-
tiv vorgeführt. Ich möchte das Buch ein ,Kompendium
des baptiftifchen Kirchenrechts' (fpeziell in Amerika)
nennen.

Die Brofchüre von Mac Arthur ift hingegen nur
ein Hymnus auf das Baptiftentum: in .königlicher Schönheit
' flehe diefe denomination .ftrahlend' da (,ihre Vergangenheit
ift ein Triumph, ihre Gegenwart Kraft, ihre
Zukunft voll von Leuchten'). Von Bekenntniffen, Creeds,
hält der Verfaffer nichts. Man kann auch bei McGlothlin
erfehen, daß fie in den Ländern englifcher Zunge jetzt
mindeftens fehr zurückgetreten find. Das leitende Prinzip
der Baptiften ift nach Mac Arthur nur, aber auch
rundum die Bibel, diefe fo, daß jeder fie nach feinem
individuellen Verftändnis völlig frei handhabt. Nur über
die Taufe befteht unbedingte Einigkeit unter den Baptiften
.

Denn es ift abfolut klar, was die Bibel über fie lehrt. Es ift unmöglich
, zweifelhaft zu fein, daß fie die ,Untertauchung' verlangt, alfo
die bloße Befprengung nicht gelten läßt. Der Verfaffer entwickelt eine
Art von Gelehrfamkeit, um das zu zeigen. Er ift offenbar ein Laie, oder
verfteht wenigftens nicht felbft Griechifch. Die Taufe darf, wenn man
der Bibel folgt, nicht an Kindern vollzogen werden. Die Kindertaufe ift
.abflößender Aberglaube'. Wenn nur getaucht wird, ift alles andere
gleichgültig. Die Taufe .fymbolifiert' das geiftliche Sterben und Auf-
erfteheu. Ob man ,rückwärts' oder ,vorwärts' getaucht wird, ,kniend'
oder .gebückt', darauf kommt's nicht an.

Das zweite Hauptprinzip des Baptismus ift fein Eintreten
für abfolute, bürgerliche und religiöfe ,Freiheit'.
Verf. fpricht nur von den Vereinigten Staaten. Inter-
effant ift feine Statiftik, zumal feine Nachweife über das
Verhältnis zwifchen dem Wachfen der Bevölkerung und
dem des Baptismus. Wahrhaft .wunderbar' ift letzterer
gewachfen. Im Jahre 1794 kam 1 Baptift auf 94 Einwohner
, in nie unterbrochener Zunahme Hellte fich das
Verhältnis 1910 fo, daß 1 Baptift auf 16 kam. Die Ge-
famtziffer, kraft deren die Baptiften in den Vereinigten
Staaten jetzt (nach den Methodiften) die zweite Stelle
einnehmen, war 1910: 5266369. (Scheurlen bietet S. 64
für 1911: 5634565, A. G. Newman in dem 1. Ergänzungsband
der Prot. Realencykl. für 1912: 5707493. Es er-
fcheint jährlich in England ein Baptist Handbook für
alle Gruppen von Baptiften und alle Länder, wo es Baptiften
gibt.)

Zimmer v. Ulbersdorf ift einige Jahre deutfch-
evangelifcher Prediger in Salt Lake City, bzw. im Staate
Utah gewefen und hat das Mormonentum dort, wie zuvor
in Deutfchland, wo es ja ftarke Propaganda übt (wenn
auch unter vielen Verfchleierungen feitens der .Miffionare'),
kennen gelernt. Gegenwärtig ift Bafel der Hauptfitz der
mormonifchen Propaganda in deutfch-redenden Ländern.
Zimmer hat 1908 bereits ein Buch, .Unter den Mormonen
in Utah', herausgegeben. Er ift durch Kalbs Werk,
das einen Brief von ihm an Prof. Wurfter brachte, der
die betörten deutfchen Anhänger der .Heiligen der letzten
Tage' warnen follte, zuerft bekannt geworden. In dem
Schriftchen, das ich oben notiert habe, find fünf kleine
Erzählungen (Berichte) aus dem Leben in Utah zufammen-
geftellt. Die Vielweiberei (.gefetzlich' feit der Aufnahme
von Utah in die Union, 1890, aufgehoben) ift praktifch
in vollem Flor. Nur ein Weib, ,the queen', ift .legitim'
im juriftifchen Sinn, und es muß die andern Weiber dem
Manne bei der Trauung im Mormonentempel .übergeben'.
Die Nebenweiber können jeden Augenblick verftoßen
werden, es fei denn, daß fie im Tempel auch .angefiegelt'
find (.Himmelsehe'); .Fruchtbarkeit' ift die Hauptaufgabe
der Weiber. Innerhalb des Mormonentempels müffen
merkwürdige, im bellen Falle bloß finnlich fchwüle, Zeremonien
vorkommen. Ein junger Oftpreuße erzählt einiges
von den Formen der .Einweihung'. Er habe dabei ,die

erften Menfchen gefehen, wie diefe im Paradiefe lebten'
(lEine Frau klagt: ,Ach, wie weit hat man mich dort
drinnen erniedrigt. Man hat mir ja allen Charakter genommen
, und ich bin jetzt fchlechter als die niedrigfte
Berliner Dirne'; Brief an Wurfter). Es ift Zimmer geglückt
, eine Anzahl Deutfcher, die befonders gern nach
Utah gelockt (und dort fchamlos .gefchäftlich' ausgebeutet)
werden, von den Mormonen zurückzugewinnen. Das
Büchlein hat offenbar Quellenwert.

Halle. F. Kattenbufch.

Meyer, Richard M.: Nietzlche. Sein Leben u. feine Werke.
(X, 702 S.) 8°. München, C. H. Beck 1913.

M. 10—; geb. M. 12.50

Diefes aus gründlicher Arbeit hervorgegangene Buch
hat vor allem das eine Ziel: Nietzfche als Mitfchöpfer und
Symbol der Kultur unferer Tage und der Zukunft dar-
zuftellen. Mit Begeifterung kündet der Verf. davon, wie
j Nietzfche die Menfchheit von einem Mittelpunkt aus zu
einem höheren organifchen Kunftwerk durchbilden wollte.
Meyer hat Vorgänger, die bereits mit feinen Händen an
diefem Problem rührten: ganz befonders Karl Joel, Erich
Eckertz und Georg Simmel. Nun ift wieder ein großer
Schritt weiter getan, indem der Verf. Schickfalen nachgeht
, die mit Nietzfche mehr oder weniger zufammenhängen
und feinem Leben die Form geben. Das was um Nietzfche
war und ihn fo feltfam durchwirkte, ift nirgend fo wohl
erwogen und mit literarifcher Vertrautheit gefchildert
worden. Es wird vieles greifbar, was früher Mythos war,
und die Elemente feines Heroismus, feines feltfam ftarken
Willens und der zähen Forderungen und Hoffnungen liegen
faft im hellen Licht. In erfter Linie die intereffante Frage:
wie ift aus dem Philologen der Philofoph geworden? Wir
fehen ftellenweife wie durch gläferne Wände in die Gründe
feiner Meinungen. Gewiß fehlt es nicht an fubjektiven
Deutungen und Vergleichen. Vielleicht find auch die
letzten, feinen Empfindungen, die Grundbeftandteile feiner
religiöfen Beanlagung — und fie war unleugbar da —
nicht immer vom Verf. fo fichtbar gemacht, als es diefe
faft unwägbaren Dinge verlangen. Aber es ift nicht zu
leugnen, daß Meyer diefen Regungen und Untergefühlen
mit Verftändnis nachgegangen ift. Nietzfches Seelenkunde,
die immer nur Lehre vom Willen ift, wird auch zur Deutung
feiner Frömmigkeit angewandt. Wir fehen den
Stammbaum feines inneren Menfchen: fein Gebot unab-
läffigen Strebens, die immer noch höher greifende Überwindung
, feinen .neuen Menfchen', der aber immer noch
Stufe zu Höherem fein will, die heiße nimmermüde Sehn-
fucht nach dem Werke, den anarchiftifchen Kampf gegen
jedes Genügenlaffen an dem, was das Höchfte noch nicht
ift, fein Sorgen- und Seelenelend, den Siegesjubel noch
im Zufammenbruch. Wir fühlen den Enthufiasmus feiner
Forderung, noch mehr Leben zu fein und deffen Sollen
aus ihm felbft zu fchöpfen. Man fieht Nietzfche vor den
Hintergrund feiner Zeit treten. Er fleht in vorzüglicher
Beleuchtung. Sie kommen alle zur Sprache, die Zeitelemente
und Beftandftücke feiner geiftigen Umwelt: die
Aufklärung und Romantik, die Sehnfucht nach einem
Neuen und der Gegenfatz von Individualismus und Kollektivismus
, der Heroenkult und der Anarchismus, die
ethifche und äfthetifche Weltauffaffung, das Ideal der
höchften Stärke und die Entftehung des modernen Menfchen
, die problematifche Natur und die Erwartung des
Wunders, die ewige Enttäufchung und die Panzerung gegen
dieHoffnung, die.Leidenfchaft derpfychologifchenAnalyfe'
und die Erfahrung von der Veränderlichkeit der Gefühle,
der Urfprung der Moral und der Raufch, am .kommenden
i Menfchen' zu arbeiten — es find die Farben und Hellig-
I keitsftufen, die Meyer in fein Nietzfche-Bild bringt. Die
klare Linie feines Lebens hebt fich hell heraus: einfache
Kindheit, allmähliche Löfung vom Elternhaus, heroifche
Jugend, gedankenfchweres Mannesalter. Der Konflikt mit