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Ausgabe:

1913 Nr. 20

Spalte:

621-622

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Christiani, Léon

Titel/Untertitel:

Du Lutheranisme au Potestantisme 1913

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 20.

622

Fraktur, die fpäteren Zufätze aus Luthers Lebenszeit in [
Schwabacher Schrift, die Zufätze der erften Buchausgabe I
ohne Klammern, die Zufätze bis 1531 in runden, die von
1535 — 1543 in eckigen Klammern; die fünf Hauptftücke j
druckt er außerdem in dem heute gültigen, von der
Eifenacher Konferenz 1884 feftgeftellten Text, als Paralleltext
neben die alte Faffung. So ift ein fchönes Hülfs-
mittel gefchaffen, in die Gefchichte des katechetifchen
Kleinods einzuführen, zugleich ift die Zahl der Einzelausgaben
des Enchiridions um eine wirklich wertvolle
bereichert. Für den .Unterricht' war bisher die einzige
Einzelausgabe die höchft feitene und wenig bekannte
(auch recht mangelhafte) von Weber (Schlüchtern 1843),
die aber doch auch die lateinifche Faffung, die .Articuli,
de quibus egerunt (per) Vifitatores', mit enthielt, deren
wichtige Abweichungen man hier wenigftens gerne als
Varianten unter dem Text gefehenhätte; dieBraunfchweiger
Kirchenordnung hatte man am billigften für fich bisher
als Anhang der fonft recht unbedeutenden Lebensbe-
fchreibungBugenhagens vonChrift.Bellermann (Berlin 1859)
in hochdeutfcher Übertragung; für die, denen das Nieder-
deutfche Schwierigkeiten macht, möchte diefe Ausgabe als
Hülfsmittel beim Lefen immer noch leichter zu befchaffen
fein, als die von Lietzmann (Heft 88, S. 152) empfohlene
deutfche Überfetzung von 1563.

Ilfeld a, Harz. Ferdinand Cohrs.

Christiani, D. Leon, Dr. es lettres: Du Lutheranisme au
Protestantisme. Evolution de Luther de 1517 ä 1528.
(XXI, 403 S.) 8°. Paris, Bloud et Cie. (1912). fr. 7.50

Die Unterfuchung Chriftianis gehört freilich nicht zu
den mit Freude zu begrüßenden, immerhin aber zu den
erfreulicheren Erfcheinungen der katholifchen Luther-
forfchung. Die Perfönlichkeit Luthers foll offenbar unbefangen
gewürdigt werden. Die Darfteilung ift fließend.
Das Intereffe des Lefers wird nicht durch breite Ab-
fchweifungen und unbeholfene Unterbrechungen der Erzählung
gelähmt, die hiftorifche Entwicklung nicht durch
wortreiches und magiftrales dogmatifches Raifonnement
aufgehalten. Die Gliederung des Stoffs durchbricht nicht
kühn den chronologifchen Rahmen. Das Beftreben, den
Stoff chronologifch und fachlich geordnet aufzuteilen,
verleiht der Darftellung eine Gefchloffenheit, wie wir fie
auf katholifcher Seite zu finden neuerdings nicht gewöhnt
find. Wer von Grifars Lutherpfychologie herkommt, wird
diefe formalen Vorzüge, die im Grunde felbftverftändlich
fein follten, befonders lebhaft empfinden. Er wird auch
die Vorliebe für prägnante Formulierungen und Gruppierungen
fich gefallen laffen.

Allerdings ift fie nicht unbedenklich. Denn fie beengt
den Stoff reichlich ftark. Und foweit fie in der Haupt-
dispofition fich Ausdruck gibt, erweift fie fich als von dog-
matifchen Erwägungen diktiert. Die Dreiteilung: Querelle
theologique (1517—I5I9), Revolution religieuse (1519—
1522) und En marche vers le protestantisme (1522—1528)
kann zunächft Eindruck machen. Aber fie deckt weder
den ganzen Stoff nach wurzelt fie in rein hiftorifchen
Beobachtungen.

So fchildert das erfte Kapitel des erften Hauptteiles das ganze Leben
Luthers von 14S3_1516. Richtiger wäre es natürlich gewefen, dies Kapitel
als Einleitung der querelle theologique voranzufchicken. Durch die
Überfchrift: Etat d'ame de Luther au 31 octobre 1517 ift doch nur eine
recht gezwungene Eingliederung erreicht worden. Auch der Titel des
zweiten Hauptteils deckt den Inhalt nicht ganz. Denn die Wiederaufnahme
und Beendigung des Prozeffes gegen Luther kann doch nur mit
Hilfe einiger Vermittelungen unter den Hauptnenner einer religiöfen Revolution
gebracht werden. Auch handelt es fich in diefer Zeit (1519—22)
keineswegs nur um eine .religiöfe Revolution'. Der dritte Hauptteil behandelt
unter der Überfchrift: En marche vers le protestantisme die Rückkehr
Luthers nach Wittenberg, die Ordnung des Gottesdienftes bis 1525,
die Auseinanderfetzung mit Karlftadt und den .Schwärmern', die Kontro-
verfe mit Erasmus und die Gründung der Landeskirche. Auch angefichts
diefes Stoffs befremdet die Überfchrift. Denn in wiefern die Auseinanderfetzung
mit Erasmus über den freien und unfreien Willen eine Etappe
auf dem Wege zum .Proteftantismus' ift. wird nicht fofort deutlich. In

der Kontroverfe mit Erasmus lind doch keine neuen Gedanken geprägt
worden. Auch wenn man Chriftianis Anfchauung von der Entwicklung
des Luthertums zum Proteftantismus zum Maliftab macht, wird die Einordnung
nicht überzeugender. Denn da Chriftiani im Lutheranisme die
pofition d'esprit, den reinen Subjektivismus und revolutionären religiöfen
Individualismus fich entfalten fieht, deffen Unzulänglichkeit erft durch die
Autorität des evangelifchen Landeskirchentums, d. h. des protestantisme
kümmerlich korrigiert wird, fo fällt die Auseinanderfetzung mit Erasmus
aus dem Thema heraus, unter das Chriftiani die Entwicklung geftellt hat.
Die proteftantifche Frage in der von Chriftiani formulierten Faffung wird
in Luthers Schrift de servo arbitrio nicht berührt.

Die epigrammatifche Einteilung Chriftianis wird erft
dann ganz verftändlich, wenn man bedenkt, daß letztlich
doch dogmatifche Gefichtspunkte Gliederung und Darftellung
bedingen. Die leitenden Gedanken entflammen
dem katholifchen Ketzerfchema und dem Abfolutismus
des katholifchen Kirchengedankens. Sie werden nur in
einen entwicklungsgefchichtlichen Rahmen eingeordnet.
Da nun ganz anders wie bei Denifle und Grifar die zeitliche
Folge berückfichtigt ift, fo hat manches Aufnahme
gefunden, das der Leitidee nicht fich ungezwungen unterordnen
läßt. Aber fie beherrfcht ficher die Darftellung.
Von der Erkenntnis der bleibenden concupiscentia (im
Sinn Denifles) und der nur angerechneten Gerechtigkeit
Chrifti gelangt Luther nach den Tagen von Leipzig
zum reinen Subjektivismus und ethifchen Indifferentismus
fowie zur Verbindung mit der politifchen Revolution, die
feine Schriften planvoll fördern. Opportuniftifche Rück-
fichten auf den konfervativen Kurfürften führen ihn jedoch
zum Bruch mit den Revolutionären. Jetzt foll die Welt
durch das Wort überwunden werden, Aufftände find
fatanifch, und jene Taktik wird eingefchlagen, die zur Errichtung
evangelifcher Landeskirchen führt, die reine
Geiftreligion für bankerott erklärtund die Afterautorität profanen
Kirchentums proklamiert, die praktifch Luther und
feinen Genoffen die Hebel in die Hand gab. On voit
assez la tactique de Luther. L'initiative des reformes doit
venir de ceux qui connaissent l'Evangile, et pratiquement
de lui et de ses amis . . . Voilä pourquoi il gourmande
la timidite d'un courtisan comme Spalatin. Avec le temps,
il prendra de plus en plus le role de conseiller du prince
en matiere de reforme religieuse et de plus en plus il
tendra ä se servir du pouvoir civil pour le triomphe de
ses idees.

Daß diefe Linien nicht neu find, braucht nicht betont
zu werden. Die Schilderung der Entwicklung Luthers
bis 1517 ruht auf der Bafis, die Denifle gefchaffen hat
Grifars Entdeckungen werden nachträglich anerkannt. Und
daneben tritt der noch der Reformationszeit entflammende,
durch päpftliche Kundgebungen ftets wieder in die Erinnerung
gerufene Satz, daß Luther ein religiöfer und
politifcher Revolutionär war. Von wirklicher Gefchichte
und Pfychologie ift hier kaum etwas zu merken. Und
die Schilderung der .Taktik' Luthers läßt fich nicht pe-
dantifch durch die Quellen leiten, fondern folgt den großen
Leitgedanken, die, wie es Grifar neuerdings ausdrückt, der
katholifche Glaube dem Hiftoriker auch in hiftorifchen
Fragen übermittelt und deren Einklang mit der gefchicht-
lichen Wirklichkeit er verbürgt.

Tübingen. Otto Scheel.

Bohatec, Lic. Dr. Jofef: Die cartefianifche Scholaltik in der
Philofophie u. reformierten Dogmatik des 17. Jahrhunderts.

I. Teil: Entftehg., Eigenart, Gefchichte u. philofoph.
Ausprägg. der cartefian. Scholaftik. (IV, 158 S.) 8°.
Leipzig, A. Deichert Nachf. 1912. M. 3.60

Ein namhafter Calvinforfcher, ein ausgezeichneter
Kenner der reformierten Dogmatik befchenkt uns hier
mit einer Schrift, zu deren Abfaffung Gelehrfamkeit,
Scharffinn und Kombinationsgabe in gleichem Maße erforderlich
waren. Es gereicht dem Verfaffer nicht zu
geringem Lob, diefe Bedingungen erfüllt und einen Gegen-
ftand behandelt zu haben, über den die bekannteften