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Ausgabe:

1913 Nr. 19

Spalte:

602

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Emlein, R.

Titel/Untertitel:

Religionsunterricht bei Proletarierkindern 1913

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 19.

602

,The whole conception of Pastoral Theology needs
to be lifted up to a higher plane': das ift der Ausgangspunkt
diefes Buchs. Weder the agents in PTh noch its
various departments of work kommen dem Ideal nahe
(17). Erft recht läßt die Wiffenfchaft der PTh zu wünfchen;
ja fie muß für England eigentlich erft noch gefchaffen
werden (47). Ein Seitenblick auf die katholifche (48 fr.)
und die außerenglifche proteftantifche Literatur (51 ff.) zeigt,
daß von da we shall not get much direct help (54). Von
der deutfchen Literatur zitiert R. Achelis' Praktifche Theologie
, Drews' Kirchenkunde und weniges Andere; fchon
diefe Bücher hätten ihn vor fo fehlgreifenden Urteilen
bewahren können wie: the department of Liturgiology
almost disappears: Mission work ... is in danger of being
regarded as mere extension; the main interest centres in
preaching (53). Richtiger mag die Beobachtung fein:
the idea of ministerial priesthood is absent; richtiger ift
leider auch der Satz: the area of Observation is curiously
narrow (52). Dafür ift freilich zu bedenken, daß gerade
die Praktifche Theologie naturgemäß ftark auf die konkreten
Verhältniffe der eigenen Kirche Rückficht nehmen
muß; anderfeits hätte R. auch von unferen Bemühungen
um eine Kirchenkunde des Auslands Notiz nehmen dürfen.
So fcharf er über nichtenglifche Literatur urteilt, fo kon-
ftatiert er doch: We have even more need than the Lu-
therans of a ,reform of Practical Theology' (54). Der
Weg, den er felbft zur Reform führt, foll durchaus wiffen-
fchaftlich fein. Er müht fich daher um eine Definition
der Paft. Th. im Unterfchied von der Theologie überhaupt
: the science of the work of man in helping his
fellow man in his relations to God (36 vgl. 53. 213). Daß
diefe Definition in jedem ihrer Teile, mindeftens aber in
der Beftimmung von Subjekt und Objekt, viel zu weit und
darum unbrauchbar ift, bemerkt er nicht. Intereffant ift
die Herausftellung eines Unterfchiedes zwifchen PTh und
,Praktifcher Th.' (37): PTh entfpreche mehr den Catholic
Christians who have a constant sense of their relation-
ship to one another and to the Orders of their Church;
Prakt. Theol. paffe zu den Kirchen which have little conception
of corporate life or of the need of an organized
ministry. Die nähere Unterfuchung widmet ein Buch dem
agent in PTh: das ift natürlich der clergyman. Sein work
wird in kurzem Überblick befchrieben als das des Minister
of the Sacraments (und zwar 1. Baptism 2. Eucharist),
fowie des Minister of the Word; in diefe Abteilungen wird
unendlich viel eingefchachtelt, was man als innerlich zu
ihnen gehörig nicht wohl anerkennen kann. Recht hübfche
Ausführungen über den clergyman as a Student, über the
Pastoral ideal fchließen fich an. Für deutfche Lefer wertvoll
ift das Kap.: The training of the Student, mit konkreten
Mitteilungen und Urteilen über die Ausbildung des
englifchen Klerikers. Buch 3 beftimmt the scope der PTh,
wobei die Beziehung der Disziplin zur Pfychology, Edu-
cation und Sociology den Hauptftoff geben;' es folgt ein
Buch über die Methode, wobei Observation, criticism, selec-
tion and Classification befprochen werden und the ma-
chinery of PTh den Schluß macht. Um dem Ganzen
gerecht zu werden, müffen wir uns gegenwärtig halten,
daß es nur eine Introduction ins Studium der PTh geben
foll, nicht eine fachliche Behandlung. Diefe Einführung
muß freilich als recht breit erfcheinen; felbft im Verhältnis
zu einer PTh, die faft das ganze Gebiet unferer Prak-
tifchen Theologie umfaßt Die Bemühung um wirklich
wiffenfchaftliche Geftaltung ift fehr anzuerkennen; die Auf-
weifung der Verbindungslinien nach der Pfychologie, Pädagogik
und Soziologie hin wie die Einfchärfung einer
klar beobachtenden kritifch unterfcheidenden, fondernden
und bauenden Methode verdienen Dank.

Doch bleibt hier das Meifte fehr im allgemeinen; vieles könnte
ebenfo in einer Einführung zu irgend einer anderen Wiffenfchaft gefagt
fein. Was der Praktiker braucht, um fich mit klarem Blick zum Meifter
der Situation zu machen, ift oft nicht von dem Verfahren gefondert, das
die Wiffenfchaft in der theoretifchen Behandlung einzufchlagen hat. Vielleicht
das Befte fleht in III, 4: PTh may first be studied historically

(mit näherem Beweis 216ff.); und fie muß ferner be studied experimen-
tally (221 ff). Bei der Hiftorie betont R. wohl: with constant reference
to present needs (223); aber diefe Beziehungen treten tatfächlich fehr
zurück. Bemerkenswert ift der Eiuteilungsverfuch S. 213f.: die Dreiteilung
nach dem Studium of man in relation to God, of God as apprehended
by man, of man in relation to his fellow man under God, die dann reichlich
künftlich durchzuführen verflicht wird. Diefe Einteilung leidet freilich
unter demfelben Fehler wie die oben mitgeteilte Definition: fie wählt
viel zu allgemeine Kategorien. Im Einzelnen deckt viel gefundes Urteil
in dem Buch; daneben allerhand, was uns fonderbar anmutet, z. B. der
gerade für die anglikanifche Kirche merkwürdige Vergleich des parish
priest mit the secretary of a local brauch of a club (72).

Und fo beobachten wir mit hohem Intereffe diefen
Verfuch zu einer Reform der Paftoraltheologie in einem
unferer Praktifchen Theologie nahekommenden Sinn mit
Abzweckung auf die englifche Staatskirche; wir freuen
uns der nachdrücklichen Forderung wiffenfehaftlicher Ausbildung
des Klerikers und wiffenfehaftlichen Studiums der
Disziplin; wir lernen allerhand, was uns für die Kenntnis
englifchen Kirchenwefens wertvoll ift. Aber wir find der
Meinung, daß gerade die Anwendung der von R. prinzipiell
als maßgebend aufgeftellten Grundfätze zu einer
anderen Beftimmung des Wefens der PTh und von daher
auch zu konkreterer Erfaffung ihrer fpeziellen Aufgaben
führen müßte. Doch wäre ich gefpannt darauf, die PTh
felbft kennen zu lernen, die zu diefer Introduction paßt.

Gießen. M. Schi an.

I Emiein, R.: Religionsunterricht bei Proletarierkindern. Gedanken
aus der Praxis — für die Praxis. (Religions-
pädagogifche Bibliothek Nr. 7.) (IV, 139 S.) gr. 8°.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1912. M. 2.80

Diefes Buch geht ganz neue, eigene Wege, die fein
Verfaffer in der Hochfchule eines großftädtifchen und
proletarifchen Schulwefens felber ausprobiert hat Es
trägt in doppelter Hinficht das Gepräge einer im beften
Sinn modernen religionspädagogifchen und auch prak-
tifch-theologifchen Schrift. Einmal nämlich huldigt E.
einem ganz unerbittlichen Wirklichkeitsfinn. Er drängt
rückhaltlos auf eine genaue Kenntnis der Kinder, die
doch auch bei dem Unterricht beteiligt find. Mit Recht
fpottet er aber über ,das Kind' der bisherigen Pädagogik,
an deffen Stelle er das wirkliche Kind, in feinem Fall
alfo das Proletarierkind, zu fetzen fucht. So wird für ihn
der Empirismus zum Spezialismus. Eindrucksvoll für
jeden find ohne Zweifel die Abfchnitte, in denen E. die
Mannheimer Proletarierkinder fchildert Auf Grund von
langjährigen Unterhaltungen, von felbftändigen fchrift-
lichen Fragen und Ausfagen der Kinder, von Befuchen in
den Elternhäufern, entwirft er ein wenig rofiges Bild
ihrer äußern und innern Lage.

Diefes Bild wird aber überftrahlt von dem Licht,
das dem Verfaffer fein Evangeliumsverftändnis gibt. Das
ift ganz und gar durch den Gedanken des Lebens, alfo
praktifch beftimmt. Das ift das zweite Kennzeichen feiner
modernen Art. E. fieht trotz allem auf dem Antlitz
feiner Schüler den Wunfeh nach Leben. Den fucht er
durch Darbietung unferer großen religiöfen Perfönlich-
keiten und durch nichts anderes zu ftillen. Sie kann man
aber nur erzählend darbieten. Für diefe Aufgabe gibt
er viele fehr verftändige Ratfchläge und gute Proben.

Von Dürre und Bilderluxus gleichweit entfernt, kann
E. beneidenswert erzählen. Überall merkt man, wie fein
ganzes Herz feinen Proletarierkindern gehört. Wenn
noch etwas in der Proletarierjugend zu retten ift, fo kann
es nur auf diefem Wege gefchehn.

Heidelberg. F. Niebergall.