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Ausgabe:

1913 Nr. 19

Spalte:

589-590

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blume, Clemens (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Analecta hymnica medii aevi. Vol. 53 1913

Rezensent:

Rendtorff, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 19.

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Analecta hymnica medii aevi. Herausgegeben von Clemens
Blume, S. J. LIII. Thesauri hymnologici pro-
sarium. Die Sequenzen des Thesaurus Hymnologicus
H. A. Daniels und anderer Sequenzenausgaben. I. Teil.
Liturgifche Profen erfter Epoche aus den Sequenzen-
fchulen des Abendlandes insbesondere die dem Not-
kerus Balbulus zugefchriebenen, nebft Skizze über den
Urfprung der Sequenz. Auf Grund der Melodien aus den
Quellen des 10.—16. Jahrhunderts neu herausgegeben
von Clemens Blume, S. J., und Henry Bannifter, M.
A. Oxon. Leipzig, O. R. Reisland 1911. (XXX, 414 S.)
gr. 8°. M. 13.50

Seit W. Baumkers Quellenwerk ,Das katholifche deut-
fche Kirchenlied in feinen Singweifen' abgefchloffen vorliegt
(1911), befitzt die katholifche Kirche eine Gefchichtedes
in ihren Kreifen gepflegten gottesdienftlichen Volksgefanges,
die ebenbürtig neben dem proteftantifchen Wackernagel
Steht und die auch auf proteftantifcher Seite als eine Zierde
der kirchenmufikalifchen Literatur Deutschlands gewürdigt
wird. Dagegen fehlt bisher eine zureichende Gefchichte
der liturgifchen Gefänge der Meffe und des Offiziums.
Denn das Gebäude der ,Hymnodie', das Kehrein auf
Grund der Sammlungen befonders von Daniel (thesaurus
hymnologicus 1S41 ff), Neale (Sequentiae ex missalibus
collectae 1852) und Mone (Lat. Hymnen des M. A. 1853 ff.)
errichtet hat (Kathol. Kirchenlieder 1853 ff Lat. Sequenzen
des M. A. 1873), ift, wie das bei dem damaligen
Stand der Quellenforschung nicht anders fein konnte, vorzeitig
errichtet und Steht auf Schwankendem Grunde.
Seit mehr als 20 Jahren find nun die Herausgeber der
Analecta hymnica medii aevi, an ihrer Spitze der Münchener
Jefuit Clemens Blume, in raftlofer Arbeit bemüht,
diese Lücke auszufüllen. Ihr Abfehen ift von vornherein
auf eine umfaffende Gefchichte der Hymnodie gerichtet.
Vgl. das Programm der Analecta im Literar. Hand weifer
Münfter 1897, 417 ff. Was für eine Riefenarbeit aber zu
leiften war, ehe mit der Darstellung diefer Gefchichte
begonnen werden konnte, beweist die Tatfache, daß die
Auffindung und Bearbeitung der Einzelftoffe bisher 53
Starke Bände der Analecta hervorgerufen hat. Und noch
ift das Ende der vorbereitenden Arbeit nicht abzufehen.

Auch der vorliegende Sequenzenband der Analecta
ift nur eine Vorarbeit, die freilich infofern einen vorläufigen
Abfchluß bedeutet, als ihr in den Jahren 1890 bis
1904 in 9 Bänden eine Sammlung Sequentiae ineditae
(Liturgifche Profen des Mittelalters aus Handfchriften
und Wiegendrucken) voraufgegangen ift, deren Erträge,
Soweit es Sich um Sequenzen erfter Epoche handelt, im
vorliegenden Bande mit den von älteren Sammlern bereits
herausgegebenen Texten vereinigt find. Die Herausgeber,
die feit anderthalb Jahrzehnten die Gradualien und Troparien
aller Länder des Okzidents und alle in Betracht
kommenden Bibliotheken in ganz Europa wiederholt
durchforfcht haben, dürfen in der Tat in Anfpruch nehmen
, auf umfaffendfter Handfchriftengrundlage gearbeitet
und nunmehr die Grundlage für eine endgültige Sequenzenausgabe
,zu einer fo alles umfaffenden gestaltet zu
haben, daß eine wefentliche Erweiterung kaum möglich fein
dürfte'. Aber eben doch nur die Grundlage, wie die
Herausgeber erlebtem (P. v. Winterfeld) und zu erwartendem
Mißverständnis gegenüber nachdrücklich betonen.
Was Sie bieten, find nur Baufteine für einen künftigen
Bau, und zwar .fordert und numeriert, mehr oder minder
fauber hergerichtet und zurechtgehauen, verfehen Soviel
möglich mit der Marke, weffen Alters und Landes fie
find, wo ungefähr fie in den Späteren Bau Sich einzufügen
haben'. Völlige Sicherheit wird nur in der Ausmerzung
zahllofer Irrungen erreicht, denen Daniel u. A., aber auch
die Herausgeber felbft in Band VII der Analecta, hinsichtlich
der Textgeftalt, des Alters und der Heimat der

von ihnen herausgegebenen Sequenzen unterlegen find;
die gründlichen textkritifchen, melodiegefchichtlichen,
liturgifchen und auf die Eigenart der verschiedenen Se-
quenzenfchulen gerichteten Anmerkungen, die jeder der
250 in diefem Bande gefammelten Sequenzen beigegeben
find, leiften nach diefer Richtung in feinfter Präzisionsarbeit
außerordentliches. Für die Entfcheidung darüber,
welche Sequenzen als ,liturgifche Profen erfter Epoche'
anzufehen find, ift durch eine forgfältige Analyfe der
Entwicklungsgeschichte des Alleluia zum Jubilus und zu
den longissimae melodiae ein einfacher und einleuchtender
Grundfatz gefunden: es find die in Strophen und Verfen
unregelmäßig gebauten, von Rhytmus und Metrum noch
nicht durchgängig, vom Reim noch gar nicht beherrfchten,
alfö rein profaifchen Texte. Die beigefügte Skizze über
| den Urfprung der Sequenz aus dem Alleluja gehört zu
j den intereffanteften Partien des Buches und erfcheint geeignet
, mindestens zu einer fchärferen Erfaffung eines der
dunkelften Probleme der Hymnologie anzuregen. Dagegen
verzichten die Herausgeber durchweg darauf, die Ver-
faffer der einzelnen Sequenzen und den Entwicklungsgang,
den die Sequenzendichtung im ganzen genommen hat,
jetzt fchon mit Sicherheit zu bestimmen, halten vielmehr
die erftere, von früheren Herausgebern ziemlich leicht
genommene Aufgabe dauernd für unlösbar, während Sie
die zweite einer abschließenden, das ganze Material über-
fchauenden Unterfuchung, nämlich der von ihnen geplanten
Gefchichte der Hymnodie vorbehalten. Nur fo viel
glauben fie fchon jetzt mit Sicherheit feftftellen zu können,
daß die herkömmliche (vgl. Hauck u. Rietfchel) Anfchau-
ung, die in Notker Balbulus den eigentlichen Vater der
Sequenzendichtung fleht, aufzugeben, vielmehr ihr Alter
erheblich höher hinaufzudatieren und Frankreich als ihr
Mutterboden anzufprechen ift. Notker kommt nur als
ihr erfter und hervorragendster Förderer in Deutfchland
in Betracht; welche Sequenzen ihm zuzufchreiben und
welche überhaupt St. Gallifchen Urfprungs find, läßt fleh
nicht mehr feftftellen. Die Herausgeber Sehen mit diefem
aus umfänglichen literarkritifchen Untersuchungen und
umfaffender Vergleichung der angeblich Notkerifchen
Sequenzen mit den alterten franzöfifchen nach Melodie
und Melodietitel, nach Rhytmus, Schema und Aufbau
gewonnenen Refultat die Frage noch nicht als zu vollem
Abfchluß gebracht an; es wird eine lohnende Aufgabe
der im Rahmen der Monumenta Germaniae geplanten
Sequenzenausgabe fein, sie auf Grund der vorliegenden
Kritik neu zu unterfuchen und wenn möglich, ihrer Lö-
fung entgegenzuführen.

Technifch ift das Buch vorzüglich ausgestattet. Vor
allem ift zu loben, daß die Anordnung des Satzes den
fymmetrifchen Aufbau der einzelnen Sequenzen zu deutlicher
Anfchauung bringt, ohne doch durch fkelettierende
Zerlegung des Textes die Dichtung um ihren unmittelbaren
Eindruck zu bringen. Drei vorzügliche Indices
erleichtern die rafche Überficht über den reichen Inhalt.
Ein für die Zukunft verheißenes Titelregifter aller Sequenzen
wird hoffentlich den Abfchluß eines Werkes
krönen, das als ein Mutter geduldiger Gelehrtenarbeit
auch dann in hohen Ehren Stehen wird, wenn einzelne
feiner Refultate Sich nicht als Stichhaltig erweifen Sollten.
Möge den Herausgebern nach Fertigstellung des Hymnen-
und Sequenzenwerks auch die Vollendung der geplanten
Gefchichte der Hymnodie befchieden fein. Nicht nur die
Fachleute hymnologifcher Forfchung, auch alle die werden
es aufrichtig wünfehen, die von einem zuverläffigen
Einblick in die Gefchichte des liturgifchen Gefanges im
Mittelalter neue Auffchlüffe über die treibenden Kräfte
des religiöfen Lebens innerhalb der katholifchen Kirche
erwarten.

Leipzig. Rendtorff.