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Ausgabe:

1913 Nr. 19

Spalte:

587-588

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brooks, E. W. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium. Scriptores syri. Series III. Tomus VII et VIII 1913

Rezensent:

Diettrich, Gustav

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587

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 19.

588

Boeotien und Sizilien, den Hauptftätten des Heroenkults,
gehen diefe ideellen Kultarten in realen Kult über (S. 587).
Rom fehlte die Heldenfage, das Epos; daher auch der
Heroenkult; was die fpäten Hiftoriker darüber bieten,
erweift fich faft alles als griechifches Kunftprodukt. Wenn
zum Schluß noch der Übergang ins Chriftentum aufgefucht
wird, fo ift dies gewiß berechtigt: Pf. ift fich der Schwierigkeiten
voll bewußt und weiß wohl zwifchen Analogie und
Übernahme zu unterfcheiden. Daß auf 20 Seiten dies
Problem nicht erfchöpft werden kann, ift ebenfo klar.
Man kann jetzt H. Delehaye's Origines du culte des
martyrs 1912 daneben halten, wo allerdings die Behauptung
, daß mit dem Reliquienkult etwas Neues im Chriftentum
einfetze, befremdet. Wie fo häufig die Philologen,
die vom Hellenismus zum Chriftentum kommen, überfieht
auch Pf. die Eigenart des Urchriftentums, das Wurzeln
im Judentum, einer durch jahrhundertelange Erziehung
einem ganzen Volk in Fleifch und Blut übergegangenen
monotheiftifch-geiftigen-fittlichen Religion. (So hat die
Himmelfahrtserzählung AG 1 nichts mit der helleniftifchen
Entrückungsidee zu tun, fondern entflammt dem jüdifchen
Bild des auf den Wolken des Himmels herabkommenden
Menfchenfohns.) Was Pf. Chriftentum nennt und als folches
befchreibt, ift die Mifchbildung, die diefes auf helleniftifchem
Boden erfühl-, die wir dogmengefchichtlich Katholizismus
nennen. Wenn Griechentum und Chriftentum als Aktivität
und Paffivität, Bejahung und Verneinung des Willens zum
Leben, Diesfeitsfreude und Jenfeitshoffnung gegenüber-
geftellt werden, fo ift ein wefentlicher Faktor im Chriftentum
überfehen: die dienende Liebe; im Evangelium all-
beherrfchend, ift fie auch im Katholizismus ein wefentlicher
Einfchlag, ohne den deffen gewaltige, diejahrhunderte
erfüllende Kulturleiftung gar nicht zu verftehen ift. Und
von da aus gewinnt auch erft Heiligen- und felbft Reliquienkult
feine eigenartige chriftlicheBeftimmtheit, während
Züge wie die (relative) lokale Ungebundenheit des Heiligen
(S. 511) der neuen chriftlichen Gottesidee entflammen.

Es ift unmöglich, im Rahmen diefer Anzeige auf das
reiche Material einzugehen, das oft in Form alphabetifch
geordneter Liften ericheint: hier fei noch befonders auf
die Topographie der Heroengräber im Anhang und die
3 forgfältigen Indices verwiefen. Als Wunfeh möchten
wir äußern, daß künftig in RGW der Seitenkopf zur
Orientierung des Lefers benutzt wird.

Halle. v. Dobfchütz.

Corpus Scriptorum Chriftianorum Orientalium. Curantibus
J.-B. Chabot, J. Guidi, H. Hyvernat. Scriptores syri.
Series III. Tom. VII et VIII. Eliae Metropolitae Nisi-
beni Opus chronologicum. 2 partes. Edidit et inter-
pretatus est E. W. Brooks. (VII: textus, 232 S. m.
2 Lichtdr.-Taf., versio 115 S.; VIII: textus 162 S., ver-
sio 167 S.) gr. 8°. Paris u. Rom 1910. Leipzig, O. Har-
raffowitz. Text M. 36—; Versio M. 12.80

Von einem englifchen und einem franzöfifchen Gelehrten
wird hier zum erften Male der vollftändige Text
der Chronographie des Elias bar sinaja (vollendet 1019)
im Druck vorgelegt. Brooks hat den erften, Chabot den
zweiten Teil herausgegeben. Ungefähr ein Viertel des
gefamten Textes hatte fchon Baethgen in feinen Fragmenten
arabifcher und fyrifcher Hiftoriker veröffentlicht.
Kleinere und kleinfte Abfchnitte fand man zerftreut bei
Lamy, Abeloos, Land, de Lagarde, Martin u. a. Nun
haben wir endlich den ganzen Text vor uns. Die Vorlage
bildet das bekannte Unicum Brit. Mus. Add. 7197.
Da die linke, arabifche Columne diefes zweifprachigen
Codex eine wörtliche Überfetzung, um nicht zu fagen
Transfkription der rechten, fyrifchen Columne ift, fo haben
die Herausgeber recht daran getan, daß fie nur den originalen
fyrifchen Text veröffentlichten. Es genügte voll-
ftändig, wenn die arabifche Verfion in der Form der

Variante zum fyrifchen Texte herangezogen wurde. Wenn
auch ein großes Stück, namentlich des erften Teiles, fchon
veröffentlicht war und für die fchwierigen Stellen des
ganzen Werkes mit Unterftützung Amedroz' die arabifche
Verfion als Kommentar herangezogen werden konnte, fo
waren doch immer noch Schwierigkeiten genug von den
Herausgebern zu überwinden. Daß fie trotzdem einen
lesbaren Text zuftande gebracht haben, muß dankbar
anerkannt werden.

Das ganze Werk war fchon 1910 einmal vollftändig
überfetzt worden, und zwar von Delaporte ins Franzöfifche.
Da, abgefehen von den oben genannten Herausgebern
der Fragmente, auch Lipsius, Duchesne, Lightfoot, Har-
nack und Nöldeke kleine Beiträge zum Verltändnis des
Textes geliefert hatten, fo waren wertvolle Vorarbeiten
für die vorliegende Überfetzung vorhanden. Außerdem
konnte ihre Richtigkeit auf weite Strecken durch Verrechnung
der im Texte angegebenen Zahlen nachgeprüft
werden. Immerhin bleibt es ein Verdienft der Herausgeber
, wenn ihre Überfetzung, foweit fich aus Stichproben
fchließen läßt, als zuverläffig bezeichnet werden darf.

In dem erften Teile der Chronographie werden neben zahlreichen
griechifchen und arabifchen Autoren auch 22 Syrer zitiert. Von den
letzteren hat Br. nur 8 indentifiziert. Zur Ergänzung darum noch folgendes
: 1) Die hist. eccles. Allähäzekha, die von 907—17 Gr. verwertet
wird, fcheint mir mit dem Gefchichtswerke des Iso zekha, der unter
Isojahb 11(628—43) fchrieb, identifch zu fein. Denn wenn Thomas von
Margä in feiner Mönchsgefchichte Iso zekhä zitiert (cfr. ed. Bedjan, p. I,
cap. 23, pag. 36), fo läßt er ihn mit den Regierungsjahren des Kosru II
(590—628) genau fo verfahren, wie Elias den Alluhäzekbl. 2) Die hist.
eccles. Michaeae, auf die von 906—20 Gr. Bezug genommen wird, ift
n. m. E. ein Werk des Hiftoriographen Mikhä geramqäjä, und zwar höchft
wahrfcheinlich feine 'elthi demautbe. Assem., B. O. III, I, 169E identi.
fiziert diefen zwar mit einem gleichnamigen Zeitgenoffen des Narsai
(V. Jahrh.), der dem Zeugnis des Sim'on von Beth Arsam gemäß Bifchof
von Lasotn war. Aber diefe Identifikation ift nicht zuläffig, weil unfer
Mikhä, als Panegyriker des Sabriso' von Lasom (feit 604 Patriarch),
am Anfang des VII. Jahrhunderts gelebt haben muß. Daß diefer gerade
über die Jahre 595—609 wertvolle Auskunft geben konnte, liegt auf der
Hand. Und daß feine Auskunft fehr gut in der elthä demautbe gefunden
werden kann, leuchtet jedem ein, der da weiß, daß mautbe nicht bloß
die xaQioiMaxa des Pfalters, wie Assem. 1. c. will, fondern auch die
Gründung der neftorian. Schulen bedeutet.

Der zweite Teil der Chronographie hat viel Ähnlichkeit mit der
von Sachau herausgegebenen Chronologie orientalifcher Völker des
Arabers Albiruni (973—1048). Chabot felbft hat im Vorwort zu feinem
Texte (p. 3) aus diefer Ähnlichkeit auf eine Abhängigkeit des Elias von
dem etwa 19 Jahre früher fchreibenden Albiruni gefchloffen, aber nach
näherem Zufehen (vers. p. 164) auf Grund der Verfchiedenartigkeit der
Methoden, Quellen und Ziele beider Schriftfteller feine Vermutung wieder
fallen gelaffen. Auch mir fcheint eine Abhängigkeit des El. von Albiruni
ausgefchloffen. Daß aber der Syrer trotzdem in der Hauptfache
nach arabifchen Vorlagen gearbeitet hat, läßt fich über jeden Zweifel
erheben. Wir wiffen (cfr. Oriens Christ. 1901, p. 336fr.), daß gerade
neftorianifche Schriftfteller wie Qijore (V. Saec. Thomä, Mikhael, Badöqft,
Possi, Isaj und HanaDa von Adiabene (VI. Saec.) fehr viel über chriftliche
Fefte gefchrieben haben. Aber von alledem erwähnt Elias nichts. Er
zitiert überhaupt nur Sim on Barqaja, der unter Kosru II. lebte. Das läßt
fich bei dem plagiatorifchen Charakter der fyrifchen Schriftftellerei des
I I.Jahrhunderts nur fo erklären, daß Elias nicht nach fyrifchen, fondern nach
arabifchen Vorlagen arbeitet. Das im Vergleich zu den einfchlägigen
älteren neftorianifchen Werken auffallend ftarke mathematifche und aftro-
nomifche Intereffe des II. Teiles der Chronographie weift nach derfelben
Richtung.

Die vorliegende Publikation foll nicht bloß einigen wenigen Orien-
taliften, fondern einem weiteren Kreife von Hiftorikern Dienfte leiften.
Um fo bedauerlicher ift es, daß die Literaturnachweife fo dürftig ausgefallen
find. Wie konnte Brooks (vers. p. I) Henaniso von Hira oder
Elias von Anbar ohne Fußnote laffen! Selbft der auf pag. II gegebene
Hinweis auf Assem., B. O. III, I bei Barsahde von Karkä oder Iso' dunah
von Basra ift ungenügend. Auch Chabot hätte bei den Sabue des
neftorianifchen Kirchenjahres (vers. p. 150) oder bei den CommemoratioDen
an den Freitagen der Epiphanienzeit (vers. p. 152) auf Macleans East
Syrian daily Offices verweifen können. — In welchem befouderen Werke
(cfr. Chabot, vers. p. 96, Z. 23 ff.) hat Elias die Unhaltbarkeit der jüdifchen
Feftberechnung nachgewiefeu ? Brooks, vers. p. II, Z. 19 lies A. S. 907
bis 917 für A. S. 901 —17; Chabot, vers. p. 38, Z. 21 lies habeat für
habeant; p. 165, Z. 9 lies 11 für 14. Der alexandrinifche Chronograph
erfcheint bald als Annius (fo der fyrifche Text und Brooks, vers. p. 7),
bald als Anianus (fo Brooks, vers. p. I und Chabot, vers. p. 142). Im
übrigen ift der Druck des Werkes trotz der großen typographifchen
Schwierigkeiten, die in den zahlreichen fyrifchen Tabellen zu überwinden
waren, mufterhaft.

Berlin. Diettrich.