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Ausgabe:

1913 Nr. 19

Spalte:

583-584

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacquier, E.

Titel/Untertitel:

Le Nouveau Testament dans l‘Église Chrétienne. Tome II. Le Texte du Nouveau Testament 1913

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 19.

584

Anflehten; und dem entfprechend, daß er ausfchließlicher
für Theologen fchreibt, fchaltet er in den Rahmen des
Berichtes über Gautiers Werk eine ausführlichere Orientierung
über den gegenwärtigen Stand der Einzelprobleme
ein. Im allgemeinen wird der vorliegende erfte Teil von
Trabauds Werk franzöfifchen Lefern den gleichen Dienft
leiften wie deutfehen die Einleitung in den Hexateuch von
Holzinger. Beiden gemeinfam ift der große Umfang der
berückfichtigten Literatur (bei Trabaud natürlich auch
der neueften, die Holzinger noch nicht benutzen konnte)
und die große Sorgfalt des Referates. Doch hat jedes
der beiden Werke auch feine eigentümlichen Vorzüge.
Während Holzinger über die Quellenfcheidung im allgemeinen
nur durch Tabellen orientiert, bietet Trabaud
eine eingehendere Darfteilung der Ergebniffe der Quellen-
analyfe; andererfeits gibt er die Charakteriftik der Quellen
und ihrer Schichten, die bei Holzinger gerade die
Hauptfache ift, nur fehr fummarifch. Die Form der Dar-
ftellung verdient befondere Anerkennung. Auf knappem
Raum ift ein außerordentlich reichhaltiges Material verarbeitet
, und doch verfällt der Verfaffer nie in einen De-
pefchenftil, feine Ausführungen laffen fich ftets mit Genuß
lefen; auch die komplizierteften Probleme find in
überfichtlicher und lichtvoller Weife erörtert. Obwohl
das Buch für Theologen gefchrieben ift, dürfte es doch
auch von Laien mit Nutzen gelefen werden. Wir können
nur wünfehen, daß die weiteren Teile bald erfcheinen
und in ihrer Art diefem erften entfprechen.

Halle a. S. C. Steuernagel.

Jacquier, E.: Le Nouveau Testament dans l'Eglise Chretienne.

Tome II. Le Texte du Nouveau Testament. (VI, 535 S.)
kl. 8°. Paris, V. Lecoffre 1913. fr. 3.50

Diefe Einleitung in die Textkritik ift eine fehr fleißige
und in die Probleme diefer Wiffenfchaft gut einführende
Arbeit. Das Schema der äußeren Anlage ift das übliche.
Das Kapitel über griechifche Handfchriften ift verhältnismäßig
kurz gehalten (p. 76—106), doch find ausführliche
Präliminarien voraufgefchickt (vgl. p. 66—75 ein guter
Überblick über die verfchiedenen Syfteme der Hand-
fchriftenbezeichnung: Tifchendorf, Scrivener, Gregory, v.
Soden). Faft ftiefmütterlich find die Minuskeln behandelt
(p. 110—164). Über die intereffanten Minuskelgruppen
1. 118. 209. —; 28. 157. 565; Ferrargruppe, einzelne Minuskeln
wie 33. 700 ufw. könnte man in einem fo umfangreichen
Werk einen umfaffenderen Bericht erwarten. Mit
befonderer Liebe und Sorgfalt handelt J. dagegen von
den Überfetzungen. Ich verweife vor allem auf den Ab-
fchnitt über die lateinifchen Überfetzungen mit den gut
ausgewählten Beifpielen, an denen das Verhältnis der
einzelnen Überfetzungen(refp. Revifionen)desaltlateinifchen
Textes klar gemacht wird. Auch die Kapitel über die
fyrifchen und die ägyptifchen Überfetzungen bieten einen
guten Einblick in den gegenwärtigen Stand der Unter-
fuchungen. Der zweite Teil des Buches ift den Prinzipien
der Textkritik gewidmet. Allgemeine prinzipielle Bemerkungen
über Grundfätze der Textkritik eröffnen diefen
Abfchnitt, in welchem ich befonders das Kapitel über
den .Text des zweiten — dritten Jahrhunderts' (D. vt. lat.
vt. fyr.) hervorhebe. Hier bietet J. fehr lehrreiche Tabellen
über Auslaffungen, größere und kleinere Zufätze etc.
und die Verbreitung derfelben innerhalb diefer höchft
merkwürdigen Textklaffe, außerdem eineZufammenftellung
und Befprechung faft aller einfehlägigen Arbeiten bis zu
den neueften Unterfuchungen von Vogels. Sein eigenes
Urteil ftellt der Verfaffer zurück, doch erfährt die Hypo-
thefe von Blaß eine deutliche Ablehnung. Befchloffen
wird das Werk mit einem Überblick über die Gefchichte
der Textkritik, die fehr ausführlich ift und viel Material
bringt, das fonft nicht fo bequem zu erreichen ift. Auch
hier hält er mit feinem Urteil, das fich im großen und
ganzen auf der Linie von Weftcott-Hort bewegt, ohne doch

blind gegen deffen Schwächen und Einfeitigkeiten zu fein,
j zurück. Zum Schluß erhält das neue Syftem v. Sodens
; eine ausführliche Darftellung (In dem Stammbaum der
Textklaffen von Sodens durfte aber K., der im Verhältnis
minderwertigfte Zeuge von H-K-J. nicht grade auf der
Mittellinie erfcheinen!) Zur Beurteilung v. Sodens gibt J.
i die Bedenken, die gegen ihn von Lake erhoben find (auf
derfelben Linie etwa bewegten fich auch die meinigen in
den Befprechungen in Th. Lit). Von Sodens Tatian-
hypothefe wird mit Recht von J. als nicht genügend bewiefen
vorläufig abgelehnt. Ganz kurz gibt J. p. 528 ein Refume
des bisherigen Standes. An zwei Punkten ift man im
Begriff fich von den Theorien Weftcott-Horts loszulöfen.
Man erkenne weithin, daß der Text von Bit kein neutraler fei,
fondern ebenfalls eine Rezenfion (vielleicht des Hesych)
darfteile, und man rechne mit der Möglichkeit, daß der
fogenannte Luciantext mehr Urfprüngliches erhalten habe,
als jene Textkritiker anzunehmen geneigt waren. Dies
Gefamturteil ift mir erfreulich. Denn genau in diefer
Richtung (Erweis des ägyptifchen Charakters von Bü =
Hefych) bewegten fich meine textkritifchen Studien (1894),
die, foweit ich fehe, in dem Überblick von J. nicht erwähnt
werden. — Bedauerlich ift es, daß das Werk kein Regifter
hat. Hoffentlich kann in einer zweiten Auflage der Mangel
erfetzt werden.

Göttingen. Bouffet.

Benz, Dr. Karl: Die Ethik des Apoltels Paulus. (Biblifche
Studien. 17. Bd., 3. u. 4. Heft.) (XII, 187 S.) gr. 8°.
Freiburg i. B., Herder 1912. M. 5 —

B.'s Buch zerfällt in zwei Hauptabfchnitte, welche die
.prinzipielle Ethik' und die .konkrete Ethik' behandeln.
Der erfte von ihnen befchreibt zunächft ,die ethifchen
Kräfte im Menfchen und ihre anthropologifche Grundlage
', geht dann auf ,die fittliche Erneuerung des Menfchen',
die .Rechtfertigung' ein, fpricht von dem .neuen Leben
und der alten Ordnung', dem ,Gefetz' und fchildert ,die
Entfaltung des neuen Lebens', ,das Ziel des neuen Lebens',
endlich ,die Hinderniffe und Förderungsmittel auf dem
Wege zum Ziele'. Der zweite Abfchnitt ftellt die Pflichtenlehre
des Apoftels dar als .Pflichten gegen Gott', .Pflichten
der Chriften gegen fich', .Pflichten gegen den Neben-
menfehen' und .Pflichten hinfichtlich der Gemeinfchafts-
formen'.

Das vorausgefandte Literaturverzeichnis macht einen
reichhaltigen Eindruck, läßt aber doch wichtige Ver-
j öffentlichungen aus letzter Zeit vermiffen; z.B. Deißmanns
I Paulus und Harnacks jüngfte Äußerungen über den Apo-
! fiel. Immerhin hat fich Verf. mit der proteftantifchen
I Forfchung vertraut gemacht. Und wiederholt erlebt er
die Freude, konftatieren zu können, daß fie den Ergeb-
! niffen der katholifchen Theologie mehr und mehr beizu-
; pflichten geneigt fei. Den Ausdruck des Triumphes dar-
| über, daß evangelifche Gelehrte in den Verhandlungen
| über die paulinifche Ethik immer weiter von dem arti-
! culus stantis et cadentis ecclesiae abrücken, ja ihn einer
vernichtenden Kritik unterzogen haben, hätte er fich aber
lieber verbeißen follen. Er wird uns dadurch die Errungen-
fchaften der Reformation nicht verleiden. Ift uns doch
gerade in der Schule des Paulus ein Verftändnis dafür
aufgegangen, daß religiöfe Erkenntniffe Wahrheit fein und
[ Ewigkeitswert befitzen können, auch wenn der für fie aufgebotene
Schriftbeweis einer wiffenfchaftlich fortge-
J fchrittenen Epoche unhaltbar erfcheint.

Es wäre beffer gewefen, B. hätte von jenen Mitarbeitern
! gelernt, daß man an gefchichtliche Themata heranzugehen
j hat, ohne fich durch fein Bekenntnis die Richtlinien der
Forfchung angeben zu laffen. Er für fein Teil hat den Ka-
I tholiken nicht ausgezogen. Und er wollte das auch offen-
I bar gar nicht. Schreibt er doch zu dem ausgefprochenen
Zweck, den zahlreichen proteftantifchen Behandlungen
' des Gegenftandes eine katholifche zur Seite zu ftellen.