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1913 Nr. 18

Spalte:

553-557

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jacquier, La Résurrection de Jésus-Christ. - Les Miracles évangéliques 1913

Rezensent:

Meyer, Arnold

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 18.

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Thorburn, Thomas James, D.D., LL. D.: The Resurrec-
tion Narratives and modern Criticism. A critique main-
ly of Profeffor Schmiedels article ,Resurrection Narratives
' in the Encyclopaedia Biblica. London, K. Paul,
Trench, Trübner & C0.1910. (XX, 217 S.) gr. 8°. s. 6 —
Simpson, Chapl. W. J. Sparrow, D.D.: The Resurrection
and modern Thought. (IX, 464 S.) gr. 8U. London, Long-
mans, Green & Co. 1911. s- *5'—

Mufer, Pfr. D. Jos.: Die Auferftehung Jeru und ihre neuesten
Kritiker. Eine apologet. Studie. (IV, 86 S.) gr. 8°.
Kempten, J. Köfel (1911). M. 1.50

Jacquier et Bourchany, Proff.: La Resurrection de Jesus-
Christ. — Les Miracles evangeliques. Conferences apolo-
getiques donnees aux facultes catholiques de Lyon.
Paris, V. Lecoffre 1911. (XXI, 312 S.) 8°. fr. 3.50

I. Thorburn ift durch Schmiedels Artikel .Resurrection
' in den Encyclopaedia Biblica fo ftark irritiert, daß
er feine Verteidigung der leiblichen Auferftehung nur
gegen ihn richtet; neuere deutfche Arbeiten erwähnt
er überhaupt nicht, englifche nur in ziemlich willkürlicher
Auswahl.

Schon in der Einleitung wird der Lefer mit den Hauptfehlern
deutfcher Kritik. bekannt gemacht; zuerft mit
ihrer Scheu vor dem .Ubernatürlichen'. Aber .wenn's
kein Übernatürliches gibt, fragt Th., wozu diskutieren wir
denn überhaupt?' (XI). Trotz der Mangelhaftigkeit menfch-
licher Kenntnis über das Univerfum kann der Verf. die
Exiftenz einer höheren Leiblichkeit als ganz verftändlich
und möglich begreifen; es handelt fich um die Erhöhung
der menfchlichen Natur, auf die die göttliche nunmehr im
gewiffen Sinne mehr einwirkt (47), was um fo leichter zu
verftehen ift, da es fich um ein göttliches Wefen handelt
(49), namentlich feit man das Radium entdeckt hat (251
48!) und überhaupt die Zerfetzung des Stoffs bekannt
geworden ift (49); doch bot fchon die Verwandlung von j
Eis in Waffer und Dampf weitreichende Analogie (49). j
Ein andrer Hauptfehler der Kritik ift ihre beftändige Annahme
: Wenn ältere Zeugen eine Erfcheinung oder eine
Einzelheit nicht erwähnen, fo haben fie fie überhaupt nicht
gekannt. Th. kann aber überall den Grund ihres Schweigens
verftändlich machen; Differenzen zwifchen den Evangelien
gibt es wohl, aber fie find nicht gewaltig, wie
Schmiedel meint 11 f.

Die Frauen erzählten und Matthäus fchrieb in einiger Verwirrung
(S. 57); die Lifte des Paulus, die Erfcheinungen vor Petrus und Jakobus
und die Grabeswache waren alles nur .Privatangelegenheiten' (35. 90—92.
94. 2). Beller als Joh. 21. kommt das Hebr. Ev. weg; der dort erwähnte
Knecht war wohl Malchus — aber das Leinentuch Chrifti will ihm nicht
einmal Th. gläubig abnehmen. (32. 35f). Da alle Evangeliften unabhängig
von einander fchrieben, fo ift ihre Übereinftimmung um fo erfreulicher
(Ii). Lebhafte Legendenbildung kommt in den reinen Anfangs-
ftadien einer Religion nicht vor. (96) Um ein rechtes Verftändnis der
Vifionshypothefe braucht fich Th. alfo kaum zu bemühen.

Der Autor hofft wohl felbft nicht Schmiedel auf diefe
Weife zu bekehren; er will wohl nur unficher gewordenen
Lefern der EB. wieder zurecht helfen. Als eine Förderung
der wiffenfchaftlichen Debatte können wir feine
Leistung kaum begrüßen.

2. Auf einer viel höheren wiffenfchaftlichen Warte
fleht das Buch von Simpson. Hier werden alle Probleme
gründlicher angefaßt und behandelt, Frageftellung
und Beantwortung fallen präzifer aus, vor allem befitzt
und benutzt S. eine umfaffende Literaturkenntnis, die fich
ebenfowohl über die apoftolifchen und Kirchenväter,
wie über die neuere englifche und deutfche Forfchung und
Dogmatik erftreckt. Was bei der ganzen Diskuffion be-
ftändig im Hintergrunde fleht und immer wieder durchklingt
, wird zum Schluffe offen ausgefprochen. Das
Sichere, wodurch alles einzelne beftimmt wird, ift der
einheitliche Glaube an Chrifti Gottheit, der fich genauer
als der Glaube an die .göttliche' Erlöfung durch Christus

beftimmt. Zur Erlöfung gehören aber notwendig Menfch-
werdung, Tod und Auferftehung (457). Dem Apostel Paulus
wurde die Auferftehung ein Beweis für Chrifti Gottheit
(cap. 18), heutzutage ift die Gottheit der fichere Beweis
für die Auferftehung: der geftorbene Gottesfohn muß
naturgemäß auferftehn (292). Darum, fo Ichließt das
Buch, gibt es ohne Glauben an die Auferftehung kein
Christentum; ift auch die Auferftehung nur Vorbedingung
für den Erlöfungsglauben, fo doch eine notwendige Vorbedingung
(gegen Reifchle) (451fr.). Und zwar handelt
es fich um leibliche Auferftehung; denn, wie gegen
Matthew Arnold und Herrmann gezeigt werden foll, genügt
bloß innerliche Neubelebung nicht (447 ff, 313 ff);
dabei wird Fr. Waggett's Holy Eucharift aufgeboten,
die Notwendigkeit geiftleiblicher Erlöfung darzutun (316).
S. unternimmt es auch, kühn zu erweifen, wie eine himm-
lifche Leiblichkeit befchaffen fein muß; irdifcher Organe
bedarf fie nicht mehr, fie dient durchaus den Bedürf-
niffen des Geiftes 415 ff. Dementfprechend werden die
pfychologifchen Deutungen des Bekehrungswunders bei
Paulus von Baur bis Weinel als non-christian interpre-
tations bezeichnet c. 10; es nützt Weinel nichts, daß er
a convinced believer in God ift (181). So genügt auch
für die evangelifchen Erfcheinungen weder die Annahme
fubjektiver noch die objektiver Vifion noch ein .Telegramm
vom Himmel'. Natürlich ift S. durchaus überzeugt, die Ge-
fchichtlichkeit und die Objektivität der im N. T. erzählten
Chriftuserfcheinungen auch wiffenfchaftlich dartun zu können
. Dabei fetzt er im Grunde die gefchichtliche Zuver-
läffigkeit aller 4 Evangelien wie der Acta voraus; überall
aber kann er zeigen, daß die dort gegebene Schilderung
pfychologifch richtig ift; wenn die Berichte alle etwas
Paradoxes an fich tragen, fo trägt ja fchon die Aufgabe,
Himmlifches den Erdenmenfchen fichtbar zu zeigen, etwas
Paradoxes in fich (90). Widersprüche werden in der üblichen
Weife erledigt. Freilich fcheint ein ftarker Wider-
fpruch zu beftehn zwifchen Paulus, der von Fleifch und
Blut beim Auferftandenen nichts wiffen will, und den
Evangeliften, die ihm Fleifch und Bein, Betaftbarkeit und
Effen zufchreiben. Die Löfung ift die, daß die Erfcheinungen
, wie fie die Evangelien fchildern, nur An-
paffung find, durch die fich Jefus zu erkennen gibt (84.
418), was aber nicht .theatrak fein foll (419). So auch das
leere Grab, das bis auf den heutigen Tag pädagogifche
Bedeutung hat (422). Freilich knüpft fich an die evangelifchen
Berichte dann die maffive Auffaffung, wie fie
die römifche Theologie feit Tertullian vertritt, während
die englifche ebenfo wie Paulus und Origenes die rohe
materialiftifche und unphilofophifche Auffaffung der volkstümlichen
Anfchauung bekämpft, die dem Glauben heute
fo hinderlich ift (c. 25—29).

Das letztere ift wohl verdienftlich, aber dem .modernen
Denken' wird doch eine Darftellungsweife immer
fremd bleiben, die ein Stück antiker Weltanfchauung zur
wefentlichen Vorbedingung des Heilsglaubens macht. Die
Entftehung der altchriftlichen Auferftehungsberichte wird
bei einer Porfchung mit folch ficherer Marfchroute und fo
entfchiedenem Willen zur Harmonifierung niemals klar
werden. Die Befchäftigung mit den deutfchen Theologen
wird auch nichts nützen, wenn immer nur einer gegen
den anderen ausgefpielt wird. Von Vifionen weiß S. etwas
mehr als Th., aber in ihre Pfychologie ift er doch
kaum eingedrungen (vergl. z. B. S. 95).

3. Der Katholik Mufer läßt allerdings die ganze Reihe
der Kritiker von Celsus bis zur heutigen Religionsvergleichung
ziemlich ausführlich zu Worte kommen, aber er forgt
beständig dafür, daß der Lefer die Flüchtigkeit, Unklarheit
und Willkür ihrer Arbeitsweife fowie die Lächerlichkeit und
Haltlosigkeit ihrer Gründe nur ja nicht verkenne. Kann
man das noch als bajuyarifche Derbheit betrachten, fo
ift es doch fchon Böswilligkeit, wenn er immer wieder
verfichert, daß alle Texterforfchung der Kritiker nur Schein
ift (82): die nie verlegene Kritik dreht und wendet die

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