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Ausgabe:

1913 Nr. 17

Spalte:

540

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Henrici, Emil

Titel/Untertitel:

Sprachmischung in älterer Dichtung Deutschlands 1913

Rezensent:

Titius, Arthur

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539

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 17.

540

Hanfens Darfteilung greifen, die doch z. B. erheblich Wichtigeres
über den antiken Hexenglauben zu fagen weiß. Der Herausgeber
— wohl von Haus aus ein Helfe, da bei dem neu mitgeteilten
Stoffe deutlich Helfen überwiegt — hat fich mit großem
Fleiße um Vermehrung des Materials, Regiftrierung neuerer
Literatur, Ausmerzung von gänzlich Veraltetem bemüht; ganz
auf wiffenfchaftliche Höhe konnte er das Buch nicht bringen, er
hätte es in diefem Falle neu fchreiben müffen. Überrafcht hat
mich das ftarke Fortleben des Hexenglaubens in der Gegenwart
bez. im 19. Jh. (vgl. cp. 27.) Neben Vilmar, der ,des Teufels
Zähnefletfchen aus der Tiefe gefehen, mit leiblichen Augen ge-
fehen, ich meine das ganz unfigürlich' (!!) begegnet A. Freybe,
der pommerfche Pfarrer Ernft Mühe u. a. Der Verlag hat das
Werk gut ausgeftattet und mit einfch lägigen Bildern (darunter
auch die Porträts der hauptfächlichftenBekämpfer des Hexenwahns)
verfehen.

Wefentlich tiefer als Soldan-Heppe fteht das in der Scherl-
fchen Sammlung erfchienene Buch von Dumcke. Die Abfchnitte
über das Zauber- und Hexenwefen im Altertum können in keiner
Weife genügen, und im Übrigen befchränkt fich der Verf. darauf,
eine oberflächliche Belehrung zu geben über den Hexenhammer,
von dem ein Auszug geboten wird, die Folter, den Verlauf eines
Hexenprozelfes, den Glauben an Werwolf u. dgl. Auch hier
findet fich ein Abfchnitt: Rückftände des Dämonenglaubens in
der Gegenwart. Einem größeren Publikum, für das es ja auch berechnet
ift, mag das Buch einen Begriff vom Hexenwefen geben,
die wiffenfchaftliche Forfchung wird anderweitig Belehrung fuchen.
Zürich. W. Köhler.

Bruns, P. Raimundi, Ord. Praed.: Annales Conventus Halberstadi-
ensis. Eine Chronik der Militärfeelforge u. Miffionstätigkeit
der deutfchen Dominikaner in Brandenburg-Preußen im
18. Jahrh. Zum 1. Male hrsg. durch P. Maternus Heinrichs,
O. P. (Quellen u. Forfchungen zur Gefchichte des Dominikanerordens
in Deutfchland. 8. Heft.) (VIII, 151 S.) gr. 8°.
Leipzig, O. Harraffowitz 1913. M. 6 —

Die hier nach der vor kurzem in der Magdeburger Stadtbibliothek
wiederaufgefundenen Handfchrift veröffentlichten An-
nalen des Halberftädter Dominikanerklofters von dem Dominikanerpater
Raimundus Bruns — feine Aufzeichnungen gehen bis
c. 1780, es folgen noch Nachträge bis 1810 — enthalten zunächft
Material zur Gefchichte, befonders auch Kunftgefchichte des
Halberftädter Klofters hauptfächlich während des 17. und 18. Jahrhunderts
, ferner eine genaue Statiftik und Schilderung der,Miffionstätigkeit
' und Militärfeelforge der Dominikaner in Berlin, Potsdam,
Spandau, Magdeburg, Stettin und c. 70 Stationen, fowie auf den
Schlachtfeldern in den drei fchlefifchen Kriegen, endlich Nachrichten
über die Gefchichte der katholifchen Gemeinden in Berlin
und Potsdam, evangelifchen Pfarrzwang und deffen Aufhebung,
Elementarunterricht der Kinder, Anftellung und Gehalt der Patres
ufw. Als Anhang I bringt der Herausgeber aus dem Archiv der
Propaganda zu Rom einen Originalbericht des P. Bruns über feine
Gefangenfchaft in Spandau und Potsdam (4. Okt. 1742 — 27. Aug.
1743) und das plötzliche Ende feiner feelforgerifchen Tätigkeit

namentlich durch den ftarken Eindruck, den auf ihn Jathos Per-
fönlichkeit gemacht hat (S. 82), aus feiner pietiftifchen Gedankenwelt
herausgeworfen und zu Gedanken, übrigens recht verworrenen
und wenig hiftorifch orientierten, gelangt, die in der
Identifizierung Gottes mit der Natur (wenn auch nicht im mo-
niftifchen Sinne) gipfeln (84 ff). Er erfcheint aber als ein ehrlicher
und tatkräftiger Mann und feine Lebenserinnerungen geben ein
überaus anfchauliches und wohl auch im einzelnen vielfach zutreffendes
Bild von dem Milieu der Erweckungskreife im Rheinland
, dem man den Wert eines hiftorifchen Dokuments beimeffen
darf. Kaum glaublich ift allerdings, daß ,freie Evangeliften' eine
Jahreseinnahme von 15 —20000 M, fei es auch nur im Ausnahmefall
, zu erzielen vermögen (64). Auch zur Revifion der Miffions-
arbeit bietet S. beachtenswerte Anregungen. Titius.

Henrici, Emil: Sprachmifchung in älterer Dichtung Deutfchlands.

(120 S.) gr. 8». Berlin, J. Klönne Nachf. 1913. M. 5 —
Auch den Theologen bietet diese lehrreiche Einführung in
die Mifchung verfchiedener Sprachen (namentlich des Lateinifchen
mit dem Deutfchen) Intereffantes. Sind doch die Klöfter (auch
Nonnenklöfter S. 23 ff) bevorzugte Stätten der latein-deutfchen
Dichtung. Auf die gemifcht-fprachigen religiöfen Lieder (34 ff),
wie auf den Dialekt der Dunkelmännerbriefe (29) fällt hier neues
Licht. Grisars Behandlung des ,TurmerIebniffes' Luthers (vgl.
in diefer Zeitung Harnack 1911 Sp. 302 f.) wird felbft durch das
Mönchsgefchwätz über den hl. Bernhard (114 ff) ins Unrecht
geretzt. Titius.

Mitteilungen.

28. Ein neues, höchft intereffantes manichäifches Fragment
bringt F. W. K. Müller zur Veröffentlichung1. Es find zwei
Blätter eines Hymnenbuches, das erfte enthält die Vorrede mit
einem Segensfpruch für den regierenden Herrfcher, fein Haus und
feinen Hofftaat und einen Bericht über die Entftehung des Buches.
Danach ift das Buch im Jahre 761 (762) begonnen (d. h. wahrfchein-
lich in dem Jahre, in welchem der Khan der Uiguren die mani-
chäifche Religion in feinem Reich einzuführen begann). Es ift
dann liegen geblieben und erft unter der Regierung des zu Anfang
des Buches genannten Khans (wahrfcheinlich 825—832) vollendet.
Zum Schluß diefes Blattes wird die Segnung über die Stufenleiter
der manichäifchen Hierarchie (Magifter, Diakon [oder Episkop]
Presbyter, Electus, Auditor) ausgefprochen. Das zweite erhaltene
Blatt enthält einen Teil des Inhaltsverzeichniffes. Nach Stichworten
geordnet lefen wir hier, wie im Regifter etwa unferes
Gefangbuches, die Anfangszeilen der einzelnen Gefänge. Diefe
find in mehrere Bücher eingeteilt: „20 Lieder über das Hin-
fcheiden" (Klagelieder über den Tod, wie es fcheint namentlich
der Führer der Religion; neben Mani wird fein Schüler Mari Zakü
erwähnt). „77 Anrufungslieder", „68 Lobpreifungslieder". Will
man fich ein Bild von den Hymnen machen, die hier angedeutet
find, fo lefe man den Bericht des Fihriften über die 10
Gebote der Auditoren (Flügel, Mani 95f.; vgl. dazu noch den
Anfang eines Hymnus in unferer Handfchr., Z. 266: den Hörern

unter den Soldaten und Bürgern Potsdams. Ebenfo willkommen | :ebn Weifungen!). Als letztes Gebot folgen dort die Anweifungen
ift Anhang II, Wiederabdruck eines 1794 in Köln gedruckt er- 1 uber das viermal (oder gar fiebenmal) am Tage zu wiederholende
fchienenen fehr reichhaltigen Katalogs der deutfchen Dominikaner- ! Gebet- Dies »Gebet« beftand aus 12 Niederwerfungen, 10 Gebeten

und noch einem Gebet (die Schilderung ift nicht ganz klar). Der
Fihrift teilt uns eine Reihe diefer Gebete mit. Es find in der
Tat hymnenartige Anrufungen, ganz in dem Stil gehalten, auf
den die Liederanfänge unferer Handfchr. hindeuten. Die erften
„Niederwerfungen" erfolgen nach dem Fihriften zu Ehren Manis
des Parakleten, des Gefandten des Lichts, der mit: „O du
Leuchtender" angeredet wird. Dem entfprechend finden wir unter
den Liedanfängen charakteriftifche Anrufungen Manis: Z. 233:
Herrfchendes Licht Mari Mani. Z. 259: Dich will ich fegnen,
Yazd Mar Mani. Z. 263: Den Mari Mani will ich loben. Z. 269 : O
Gott unverletzlicher Mari Mani. Z. 375:0 leuchtender Gott
Mari Mani, vielleicht Z. 287: Gefandter der vom Vater (vgl. Z. 307,
379). Das ift zugleich eine religionsgefchichtliche Paralle von
außerordentlichem Intereffe zur Anrufung des xvqioq 'Itjaovg (des
wahrhaftigen Lichts!) im chriftlichen Kult. — Die dritte (auch
die fechfte) Niederwerfung im Bericht des Fihrift gilt dem „großen"
Gott, dem Vater der Lichter. Zahlreiche Hymnen auf den höchften
Gott finden fich natürlich auch in unferm Buch (Z. 351, 366
großer Gott; Z. 312 Amen große Kraft [Fihrift S. 95]; Z. 270

provinz.

Zwickau i. S. O. Clernen.

Deutfche Lutherbriefe. Ausgewählt u. erläutert v. Lic. Dr. Hans
Preuß. (Voigtländers Quellenbücher. Bd. 36.) (88 S.) kl. 8°.
Leipzig, R. Voigtländer (1912). M. — 70

Zu den 91 deutfchen Briefen, die, von Georg Buchwald ausgewählt
und erläutert, 1899 erfchienen (Lutherdenkmal I), und zu
der zweibändigen Ausgabe deutfcher und ins Lutherdeutfeh über-
fetzter lateinifcher Briefe des Reformators, die 1909 Reinhard
Buchwald im Infelverlag hat erfcheinen laden, tritt diefe kleine
Auswahl von 50 deutfchen Briefen. Bei der Auswahl hat fich
Preuß von der Abficht leiten laden, daß Luthers Eigenart möglichft
allfeitig daraus hervorftrahlen follte. Das ift geglückt. Die Erläuterungen
find zweckentfprechend.
Zwickau i. S. O. C lernen.

Schröder, Frdr.: Aus dem Leben eines Abtrünnigen od. vom

Orthodoxismus zum Liberalismus. (102 S. m. 1 Taf. u. 2
Bildniffen.) gr. 8°. Elberfeld, Martini u. Grüttefien 1912.

,, „ „ „ , .„„ . M.'r.2.~''.SJh' ~ ^-5{? ') F. W.K. Müller: Ein Doppelblatt aus einem manichäischen Hymnen-

Der Verfaffer, Stadtmiffionar in Köln, ift durch den Einfluß buch (Abdruck a. d. Abhandl. d. preuß. Äkad. d. Wissensch. 1912). Mit
der von liberaler Seite veranftalteten religiöfen Diskuffionsabende, 1 2 Tafeln. Berlin 1913. 40 S.